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Die falsche Idylle der Gut- und
Bösemenschen |
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Martin
Ratzinger inszeniert in Darmstadt Arthur Millers
Nachkriegsdrama "Alle meine Söhne" |
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Millers Schauspiel "Alle meine
Söhne" beginnt mit einer Scheinidylle. Kurz nach dem Krieg lebt
Firmeninhaber Joe Keller (Heinz Kloss) mit Frau Kate (Margit
Schulte-Tigges) und dem erwachsenen Sohn und Partner Chris (Tom Wild)
friedlich in einem Wohlstandsambiente. Joe scherzt mit den
Nachbarskindern und gibt sich weltmännisch-jovial. Als Chris ihm
mitteilt, dass er Ann Deever eingeladen habe, um sie zu heiraten, zeigt
sich der erste Haarriss in der heilen Welt der Familie. Ann war die
Verlobte von Joes erstem Sohn Larry, der vor drei Jahren als Flieger im
Krieg verschollen ist. Da man ihn nicht offiziell für tot
erklärt hat, glaubt seine Mutter felsenfest an seine Wiederkehr
und verbietet jedem, seinen Tod auch nur als Möglichkeit zu
erwähnen. Daran hat sich natürlich auch Ann selber zu halten,
die bisher unverheiratet geblieben ist und damit Kates Sicht zu
bestätigen scheint. Bei dem Gespräch zwischen
den beiden Mänenrn über diese heiklen Randbedingungen ergibt
sich weiterhin, dass Anns Vater ehemals Joes Geschäftspartner war
und wegen bewusster Lieferung schadhafter Flugzeugteile zu einer
längeren Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Joe selbst konnte
damals glaubhaft seine Unwissenheit über die Machenschaften
vorbringen und wurde freigesprochen. Er zeigt sich gesprächsweise
seinem ehemaligen Partner gegenüber erstaunlich
großzügig und plant sogar, ihn nach seiner Freilassung
einzustellen. Ann jedoch ist mit ihrem Vater wegen seiner
Verantwortungslosigkeit fertig und hat ihn nicht einmal im
Gefängnis besucht. In einer fast nüchternen
Szene bittet Chris um Anns Hand und erhält sofort ihre
Zusage. Auch hier zeigt sich Millers Rationalität, indem er die
"Liebesszene" nur soweit ausarbeitet, wie es für den Fortgang des
Stücks unbedingt notwendig ist. Das einzige Problem besteht jetzt
für Chris und Ann nur noch darin, der Mutter bzw. Schwiegermutter
diese Entscheidung mitzuteilen, die auch bedeutet, dass beide Larry
entgültig für tot halten. Zu diesem Zeitpunkt scheint sich
die Lebenslüge auf Kates irrationale Hoffnung zu beschränken,
doch der Zuschauer ahnt bereits aus den Andeutungen und der Anlage des
Stücks, dass Joe durchaus nicht unschuldig an den Fehllieferungen
ist, der zu 21 Abstürzen von Piloten im Krieg führte. Doch
diese Lüge scheint fest eingemauert in der familiären
Solidarität. Obwohl entsprechende Gerüchte in der
Nachbarschaft reiche Nahrung finden, betrachten sowohl Kate als auch
Chris Joes Freispruch und die Verurteilung seines Partners als
letztinstantliches Urteil, das nichts anderes als die Wahrheit
widerspiegelt.
Der Auslöser und Katalysator für den Aufbruch dieses festgefügten Welt- und Familienbildes naht in Gestalt von Anns Bruder George, der von seinem Vater die angeblich Wahrheit erfahren hat, nach der Joe die Verschleierung der Schäden und Auslieferung der Waren auf eigene Verantwortung angeordnet hat. Nun öffnen sich die Risse quer durch die Familien. Ann, die bisher auf Joes und Chris' Seite stand, schwankt. Kate, die sie nach der Ankündigung der Verlobung sowieso als Verräterin sieht, will sie vor die Tür setzen. Chris stellt sich vor Ann und gegen seine Mutter. Diese wiederum umfängt George mit einer gluckenhaften Mütterlichkeit, um jegliche Offenlegung der Lebenslügen zu verhindern, was ihr auch kurzfristig gelingt. Doch die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, weil Chris, der stets an die Unschuld seines Vaters und an eine gerechte Welt geglaubt hat, zu keinem Kompromiss mehr bereit ist. Am Schluss spielt noch ein Brief eine wichtige Rolle, der endlich auch Kates verzweifelt aufrecht erhaltene Hoffnung zunichte und Joe das Ausmaß seiner Schuld klar macht. So gehen denn die Lebenslügen mit großen Schritten ihrem Ende entgegen und entladen sich in einem letzten, logischen Willensakt. Martin Ratzinger hat das
Stück mit einer dem Text entsprechenden Rationalität und
Dichte inszeniert. Das Bühnenbild besteht aus einem etwas
erhöht angebrachten Panoramabild der berühmten
Erosionslandschaft aus Colorado,
in das ganz zu Beginn die schwarze Silhouette eines Kampfflugzeuges
kracht und dort bis zum Schluss wie ein Menetekeln stehen bleibt. Die
Darsteller treten unter diesem "Marlboro Dream" auf bzw. ab, wobei sie
sich jedesmal bücken müssen. Man könnte es fast
symbolisch nennen, wie sich die Protagonisten unter diesem Amerikabild
durchquälen müssen. Die Bühne enthält zu Beginn
außer ein paar Gartenmöbeln nichts, so dass man den
Wohlstand der Familie Keller nicht dem Ambiente sondern nur dem Text
entnehmen kann. Später, wenn es zur Abrechnung im letzten Akt
kommt, sind auch diese Möbel, mit denen man sich so bequem wie mit
den Lügen eingerichtet hatte, verschwunden, und alle Personen sind
auf sich zurückgeworfen. Einsam und in großer Distanz stehen
sie auf der leeren Bühne, und vor allem die letzte Aussprache
zwischen Joe und Kate ist von verzweifeltem Trotz und gebrochenem
Lebenswillen geprägt.
Die Rollen sind durchweg
überzeugend besetzt. Heinz Kloss gibt einen selbstzufriedenen
Firmen- und Familienpatriarchen, der alle Unwetter des Lebens
überstanden hat - wenn auch auf Kosten seines Partners und vor
allem seines eigenen Gewissens. Letzteres versucht er permanent durch
forcierte Jovialität und Weltläufigkeit zu
übertönen, als sei es ein Zeichen von Weltklugheit, sich der
Verantwortung durch List und Tücke zu entziehen. So lange wie
möglich versucht er, die Deutungshoheit über alle Themen in
der Familie zu erhalten, weil nur diese selbst definierte
Führungsposition ihm das Überleben ermöglicht. Jegliche
Zugeständnisse an Frau oder Sohn würden die Selbstachtung
mindern und damit die Scham über die eigenen Verfehlungen
hochkochen lassen. Tom Wild spielt den Sohn Chris
als pragmatischen, stets das Gute im Menschen vermutenden jungen Mann,
der seinen Vater rundherum als Vorbild betrachtet und deshalb an der
plötzlichen Erkenntnis auch zerbricht. Ausgerechnet seine Mutter
Kate ruft ihm die letzte Aufforderung "Lebe!" zu. Tom Wild nimmt der
Rolle bewusst die überzeichneten gutmenschlichen Züge, um sie
realistischer zu gestalten und der Lächerlichkeit zu entziehen.
Damit nimmt er dieser Figur jedoch auch ein wenig die charakterliche
Zuspitzung. Christina Kühnreich spielt eine Ann, die nie wirklich
in der Familie Keller ankommt und von vornherein zwischen den
Stühlen sitzt. Auch sie versucht durch ihre Zustimmung zur Heirat,
Geschehenes ungeschehen zu machen, muss aber erkennen, dass dies nicht
mehr möglich ist. Stefan Schuster schließlich gibt den
George als Empörten, der es jedoch schwer hat, seine Anklage gegen
eine Front von Gutmeinenden durchzuhalten. Wenn Chris nicht den
Staffelstab von ihm übernehmen würde, könnte er seinen
einsamen Feldzug für die Wahrheit nicht durchhalten. Anna-Sophie Blersch hat die Protagonisten mit gekonnten
Frisuren und Kostümen in die Nachkriegszeit versetzt, was der
Inszenierung eine etwas altertümelnde Atmosphäre verleiht. Am
schönsten ist dabei Hans Matthias Fuchs' Haartolle, die schon ein
wenig auf Elvis Presley verweist, von den herrlich grellfarbigen
Anzügen und karierten Hosen ganz zu schweigen. Man hätte
dieses zeitlose Stück jedoch ohne jegliche Wirkungseinbußen auch in
modernen Alltagskostümen spielen können, denn wie die
Ausrüstung unserer Soldaten in Afghanistan zeigt, hat sich das
grundlegende Problem nicht geändert, auch wenn es hier nicht um
fehlerhafte Technik sondern Politik geht. Das Premierenpublikum zeigte
sich beeindruckt von der geschlossenen Ensembleleistung und der hohen
Dichte der Aufführung und spendete kräftigen Beifall. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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