Die falsche Idylle der Gut- und Bösemenschen


März 2010


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Hexenjagd

























































































































































 
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Martin Ratzinger inszeniert in Darmstadt Arthur Millers Nachkriegsdrama "Alle meine Söhne"


Arthur Miller war einer der Intellektuellen, die den jeweiligen US-Regierungen kritisch bis ablehnend gegenüber standen. In der McCarthy-Ära der 50er Jahre musste er deswegen sogar ins Gefängnis, und noch im hohen Alter hat er sich energisch gegen die Innen- und Außenpolitik von George W. Bush gewandt. Als Atheist und langjähriger Kommunist pflegte er in seinen Theaterstücken einen rationalen, fast intellektuellen Stil, der das Argument gegen das bloße Gefühl wendet und letzteres oftmals als fehlgeleitet und illusionär entlarvt. Dadurch erhalten seine Theaterstücke einen kühlen, durchkomponierten Charakter, ohne emotionalen Überschwang und facettenreiche Ausmalung der Figuren. Der moralische Konflikt steht im Vordergrund, und die Handlung dekliniert dessen meist mangelhafte Bewältigung anhand der weitgehend festgefügten Charaktere der beteiligten Personen bis zur finalen Entlarvung oder gar Katastrophe konsequent durch. Millers Stücke kennzeichnet ein klarer, zielgerichteter Aufbau mit einer eindeutigen Aussage und einer dramaturgisch konsistenten Schlussformel. Vergleicht man seine Stücke und die seiner Zeitgenossen mit ihren heutigen Nachfolgern, so fällt auf, dass die damals zwar problematischen aber noch "ganzheitlichen" Charaktere heute weitgehend in ambivalente Konglomerate widersprüchlicher Eigenschaften "dekonstruiert" sind (siehe "Der Gott des Gemetzels"). Ob dies der Epoche, dem Einfluss der Sozialwissenschaften oder einer grundsätzlichen Einsicht in das menschliche Wesen geschuldet ist, sei dahingestellt.

Heinz Kloss (Joe Keller), Tom Wild (Chris Keller)
Heinz Kloss (Joe Keller), Tom Wild (Chris Keller)

Millers Schauspiel "Alle meine Söhne" beginnt mit einer Scheinidylle. Kurz nach dem Krieg lebt Firmeninhaber Joe Keller (Heinz Kloss) mit Frau Kate (Margit Schulte-Tigges) und dem erwachsenen Sohn und Partner Chris (Tom Wild) friedlich in einem Wohlstandsambiente. Joe scherzt mit den Nachbarskindern und gibt sich weltmännisch-jovial. Als Chris ihm mitteilt, dass er Ann Deever eingeladen habe, um sie zu heiraten, zeigt sich der erste Haarriss in der heilen Welt der Familie. Ann war die Verlobte von Joes erstem Sohn Larry, der vor drei Jahren als Flieger im Krieg verschollen ist. Da man ihn nicht offiziell für tot erklärt hat, glaubt seine Mutter felsenfest an seine Wiederkehr und verbietet jedem, seinen Tod auch nur als Möglichkeit zu erwähnen. Daran hat sich natürlich auch Ann selber zu halten, die bisher unverheiratet geblieben ist und damit Kates Sicht zu bestätigen scheint.

Bei dem Gespräch zwischen den beiden Mänenrn über diese heiklen Randbedingungen ergibt sich weiterhin, dass Anns Vater ehemals Joes Geschäftspartner war und wegen bewusster Lieferung schadhafter Flugzeugteile zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Joe selbst konnte damals glaubhaft seine Unwissenheit über die Machenschaften vorbringen und wurde freigesprochen. Er zeigt sich gesprächsweise seinem ehemaligen Partner gegenüber erstaunlich großzügig und plant sogar, ihn nach seiner Freilassung einzustellen. Ann jedoch ist mit ihrem Vater wegen seiner Verantwortungslosigkeit fertig und hat ihn nicht einmal im Gefängnis besucht.

In einer fast nüchternen Szene bittet Chris um Anns Hand und erhält sofort  ihre Zusage. Auch hier zeigt sich Millers Rationalität, indem er die "Liebesszene" nur soweit ausarbeitet, wie es für den Fortgang des Stücks unbedingt notwendig ist. Das einzige Problem besteht jetzt für Chris und Ann nur noch darin, der Mutter bzw. Schwiegermutter diese Entscheidung mitzuteilen, die auch bedeutet, dass beide Larry entgültig für tot halten.

Zu diesem Zeitpunkt scheint sich die Lebenslüge auf Kates irrationale Hoffnung zu beschränken, doch der Zuschauer ahnt bereits aus den Andeutungen und der Anlage des Stücks, dass Joe durchaus nicht unschuldig an den Fehllieferungen ist, der zu 21 Abstürzen von Piloten im Krieg führte. Doch diese Lüge scheint fest eingemauert in der familiären Solidarität. Obwohl  entsprechende Gerüchte in der Nachbarschaft reiche Nahrung finden, betrachten sowohl Kate als auch Chris Joes Freispruch und die Verurteilung seines Partners als letztinstantliches Urteil, das nichts anderes als die Wahrheit widerspiegelt.

Heinz Kloss (Joe Keller), Margit Schulte-Tigges (Kate Keller)
Heinz Kloss (Joe Keller), Margit Schulte-Tigges (Kate Keller)

Der Auslöser und Katalysator für den Aufbruch dieses festgefügten Welt- und Familienbildes naht in Gestalt von Anns Bruder George, der von seinem Vater die angeblich Wahrheit erfahren hat, nach der Joe die Verschleierung der Schäden und Auslieferung der Waren auf eigene Verantwortung angeordnet hat. Nun öffnen sich die Risse quer durch die Familien. Ann, die bisher auf Joes und Chris' Seite stand, schwankt. Kate, die sie nach der Ankündigung der Verlobung sowieso als Verräterin sieht, will sie vor die Tür setzen. Chris stellt sich vor Ann und gegen seine Mutter. Diese wiederum umfängt George mit einer gluckenhaften Mütterlichkeit, um jegliche Offenlegung der Lebenslügen zu verhindern, was ihr auch kurzfristig gelingt. Doch die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, weil Chris, der stets an die Unschuld seines Vaters und an eine gerechte Welt geglaubt hat, zu keinem Kompromiss mehr bereit ist. Am Schluss spielt noch ein Brief eine wichtige Rolle, der endlich auch Kates verzweifelt aufrecht erhaltene Hoffnung zunichte und Joe das Ausmaß seiner Schuld klar macht. So gehen denn die Lebenslügen mit großen Schritten ihrem Ende entgegen und entladen sich in einem letzten, logischen Willensakt.

Martin Ratzinger hat das Stück mit einer dem Text entsprechenden Rationalität und Dichte inszeniert. Das Bühnenbild besteht aus einem etwas erhöht angebrachten Panoramabild der berühmten Erosionslandschaft aus Colorado, in das ganz zu Beginn die schwarze Silhouette eines Kampfflugzeuges kracht und dort bis zum Schluss wie ein Menetekeln stehen bleibt. Die Darsteller treten unter diesem "Marlboro Dream" auf bzw. ab, wobei sie sich jedesmal bücken müssen. Man könnte es fast symbolisch nennen, wie sich die Protagonisten unter diesem Amerikabild durchquälen müssen. Die Bühne enthält zu Beginn außer ein paar Gartenmöbeln nichts, so dass man den Wohlstand der Familie Keller nicht dem Ambiente sondern nur dem Text entnehmen kann. Später, wenn es zur Abrechnung im letzten Akt kommt, sind auch diese Möbel, mit denen man sich so bequem wie mit den Lügen eingerichtet hatte, verschwunden, und alle Personen sind auf sich zurückgeworfen. Einsam und in großer Distanz stehen sie auf der leeren Bühne, und vor allem die letzte Aussprache zwischen Joe und Kate ist von verzweifeltem Trotz und gebrochenem Lebenswillen geprägt.

Tom Wild (Chris Keller), Heinz Kloss (Joe Keller), Christina Kühnreich (Ann Deever)
Tom Wild (Chris Keller), Heinz Kloss (Joe Keller), Christina Kühnreich (Ann Deever)

Die Rollen sind durchweg überzeugend besetzt. Heinz Kloss gibt einen selbstzufriedenen Firmen- und Familienpatriarchen, der alle Unwetter des Lebens überstanden hat - wenn auch auf Kosten seines Partners und vor allem seines eigenen Gewissens. Letzteres versucht er permanent durch forcierte Jovialität und Weltläufigkeit zu übertönen, als sei es ein Zeichen von Weltklugheit, sich der Verantwortung durch List und Tücke zu entziehen. So lange wie möglich versucht er, die Deutungshoheit über alle Themen in der Familie zu erhalten, weil nur diese selbst definierte Führungsposition ihm das Überleben ermöglicht. Jegliche Zugeständnisse an Frau oder Sohn würden die Selbstachtung mindern und damit die Scham über die eigenen Verfehlungen hochkochen lassen.
Margit Schulte-Tigges hat als Kate Keller die gesamte Familie - vermeintlich - im Griff. Alle stehen unter ihrem Diktat einer heilen Welt, die Larrys Rückkehr täglich erwartet. Jeglicher emotionale Ausbruchsversuch - so Chris' und Anns Heiratspläne - oder Zweifel an der familiären Idylle wird sofort mit einer Einladung zum Essen - wer kennt nicht den einschlägigen Ausspruch "Iss erst einmal etwas!" - oder mit einer alle Worte erstickenden Umarmung beantwortet. Lange hält man ihre Hoffnung auf Larrys Rückkehr für die irrationale Hoffnung einer trauernden Mutter, um erst am Schluss zu merken, welch große Lüge sie damit verdeckt. Margit Schulte-Tigges ist in dieser Rolle in ihrem Element und bildet den Dreh- und Angelpunkt der ganzen Familie, jederzeit sorgsam und angstvoll darauf achtend, dass niemand die ungeschriebenen Regeln der Familie bricht.

Tom Wild spielt den Sohn Chris als pragmatischen, stets das Gute im Menschen vermutenden jungen Mann, der seinen Vater rundherum als Vorbild betrachtet und deshalb an der plötzlichen Erkenntnis auch zerbricht. Ausgerechnet seine Mutter Kate ruft ihm die letzte Aufforderung "Lebe!" zu. Tom Wild nimmt der Rolle bewusst die überzeichneten gutmenschlichen Züge, um sie realistischer zu gestalten und der Lächerlichkeit zu entziehen. Damit nimmt er dieser Figur jedoch auch ein wenig die charakterliche Zuspitzung. Christina Kühnreich spielt eine Ann, die nie wirklich in der Familie Keller ankommt und von vornherein zwischen den Stühlen sitzt. Auch sie versucht durch ihre Zustimmung zur Heirat, Geschehenes ungeschehen zu machen, muss aber erkennen, dass dies nicht mehr möglich ist. Stefan Schuster schließlich gibt den George als Empörten, der es jedoch schwer hat, seine Anklage gegen eine Front von Gutmeinenden durchzuhalten. Wenn Chris nicht den Staffelstab von ihm übernehmen würde, könnte er seinen einsamen Feldzug für die Wahrheit nicht durchhalten.
In Nebenrollen spielen Hans Matthias Fuchs den etwas dumpfbackigen Nachbarn Frank von rechts, der gerne in jeden Fettnapf tritt, und Klaus Ziemann den Arzt und verhinderten Wissenschaftler Jim auf der anderen Seite, während Iris Melamed als Franks Frau und Georges vormailige Freundin und Gabriele Drechsel als zickige Frau des Arztes auftreten. Diese Rollen verleihen dem Stück
über das familäre Ambiente hinaus ein amerikanisches Mittelklasse-Kolorit.

Anna-Sophie Blersch hat die Protagonisten mit gekonnten Frisuren und Kostümen in die Nachkriegszeit versetzt, was der Inszenierung eine etwas altertümelnde Atmosphäre verleiht. Am schönsten ist dabei Hans Matthias Fuchs' Haartolle, die schon ein wenig auf Elvis Presley verweist, von den herrlich grellfarbigen Anzügen und karierten Hosen ganz zu schweigen. Man hätte dieses zeitlose Stück jedoch ohne jegliche Wirkungseinbußen auch in modernen Alltagskostümen spielen können, denn wie die Ausrüstung unserer Soldaten in Afghanistan zeigt, hat sich das grundlegende Problem nicht geändert, auch wenn es hier nicht um fehlerhafte Technik sondern Politik geht.

Das Premierenpublikum zeigte sich beeindruckt von der geschlossenen Ensembleleistung und der hohen Dichte der Aufführung und spendete kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen finden am 26. März sowie am 1., 6., 18. und 25. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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