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Es wäre einal den Versuch wert, diesen Roman von Irmgard Keun aus dem Jahr 1932 über eine junge Frau, die in Berlin
ihr Glück sucht, mit Helene Hegemanns Pendant aus dem Jahr 2009 zu
vergleichen. In beiden Fällen geht es um eine fast noch
Halbwüchsige, die ihr Referenzsystem verloren hat und - bewusst
oder unbewusst - nach einem neuen sucht. Beide Geschichten spielen sich
in unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgebungen ab. Doris irrt durch
das Berlin der Arbeitslosen und Gescheiterten von 1931, Mifti durch ein
überdrehtes Berlin mit deutlichen Dekadenzerscheinungen. Beide
scheitern am Ende oder, besser gesagt, ihre existentiell bedrohliche
Lage ändert sich nicht.
In Darmstadt hat Romy Schmidt den Roman aus den Zeiten der
Weltwirtschaftskrise (sic!) für die Reihe "Bar-Fastspiele"
bühnenreif gestaltet. Sie setzt dabei auf ein Revue-Konzept, das
auch den stillen Wünschen der Protagonisten entspricht. Diana Wolf
präsentiert die Odyssee der blutjungen Doris durch eine
enttäuschende Großstadt in einem einstündigen Monolog,
den sie immer wieder mit Schlagern der Epoche würzt. Dazu
begleitet sie am Keyboard ein Pianist, der sich mit Frack,
zylinderartiger Kopfbedeckung und Hasenschnauze nahezu unkenntlich
gemacht hat. Für Doris ist er ihr "Hasi", mit dem zusammen sie
Touristen unterhält und bestiehlt.
Doris kommt aus einem verschlafenen Kaff, wo sie bei einem "pickligen"
Rechtsanwalt als Sekretärin Probleme mit der Interpunktion hatte.
Als dieser sie feuert, kommt sie über ihre Mutter - Garderobenfrau
- beim Theater unter und hofft auf eine große Karriere. Ihr
Geliebter heißt Hubert und führt sie in die Geheimnisse der
Sexualität ein, nur um sie dann wegen einer
standesgemäßen Frau sitzen zu lassen. Als Doris zwecks
Aufmerksamkeit ein Verhältnis mit dem Theaterdirektor
vortäuscht und sich in der Garderobe auch noch einen Pelz
"ausleiht", muss sie verschwinden und landet in Berlin. Auch dort zehrt
sie lange vom zukünftigen "Glanz", den sie einst verbreiten
möchte, und träumt von einer Schauspielkarriere. Die
Wirklichkeit besteht jedoch in Arbeits- und Obdachlosigkeit,
wechselnden Bekanntschaften und Affären, wobei sie die
bescheidenen, aber bodenständigen Angebote ausschlägt, als
Mätresse von arrivierten Männern jedoch nur eine
Eintagsfliege bleibt. Sie landet schließlich in
Prostituiertenkreisen und erlebt den Selbstmord der Professionellen
Hulla, die aus Angst vor ihrem aus dem Gefängnis entlassenen
Zuhälter aus dem Fenster springt.
Doris hofft stets auf die echte
Beziehung mit Glamour-Effekt, sieht aber in ihrer jugendlichen Einfalt
nicht, dass diese beiden Forderungen nicht zusammenpassen. Immer
hält sie sich an die Falschen oder erkennt den Wert der Richtigen
zu spät. Am Ende steht sie hilflos vor dem Trümmerhaufen
eines jungen Lebens, hofft aber immer noch auf den nächsten Tag.
Diana Wolf bringt die Ambivalenz dieser Person
überzeugend zum Ausdruck. Einerseits zeigt Doris ein hohes
Maß an Optimismus und Selbstvertrauen, andererseits stehen ihr
einfaches Weltbild und ihre mangelnde Selbsteinschätzung einem
gelungenen Lebensentwurf im Wege. Ihre Vorstellungen beruhen alleine
auf medial vermittelten Bildern von Filmstars und auf
Wunschvorstellungen. In dieser Hinsicht trifft der Roman heute die
Situation der Kandidatinnen bei "DSDS" oder "Germany's next Topmodel".
Naiver Kinderglaube an die eigenen Fähigkeiten und mangelnder
Realitätssinn sind in beiden Fällen identisch. Diana Wolf
trifft den Tonfall zwischen trotzigem Aufbegehren und existentieller
Angst zielsicher und wechselt in Sekundenbruchteilen den
Gesichtsausdruck von einer übersteigerten Euphorie zum entleerten
Grauen vor der nackten Realität. Wenn sie die einfachen Schlager
der zwanziger Jahre trällert, so soll das tapfer klingen, doch
durch den betont stereotypen Vortrag der Lieder lässt Diana Wolf
die begrenzte Begabung ihrer Protagonistin durchscheinen. Um hier
gleich Missverständnisse zu vermeiden, sei gesagt, dass Diana Wolf
sehr gut singen kann, was sie in "Ophelien"
auch
bewiesen hat. Doch hier spielt sie eine höchstens
durchschnittlich begabte Sängerin, die sich dieser Tatsache nicht
bewusst ist. Es gilt also, die Flachheit des Gesangs als bewusst
gespielte zu erkennen. Diana Wolf gelingt diese Gratwanderung zwischen
richtigem und aufgesetztem Singen ausgezeichnet, denn zwischendurch
bricht sie geradezu in eine heitere Natürlichkeit aus, die sich
immer dann ergibt, wenn sich ihre Protagonistin nicht als
zukünftigen Star sieht sondern einfach ihre Gefühle in Gesang
umsetzt.
Auch szenisch entlockt Diana
Wolf ihrer Rolle neue Aspekte, wenn sie der Doris einen starken
Bewegungsdrang zuschreibt, der ihrer Unruhe und Angst entspringt und
diese in eine gewisse Hektik der Bewegungen umsetzt. Doris ist stets
unterwegs, immer auf dem Sprung, um ja eine plötzlich auftauchende
Chance nicht zu verpassen. Doch diese lässt auf sich warten, und
wenn sie dann einmal in kleiner Gestalt erscheint, erkennt Doris sie
nicht.
Romy Schmidt und Diana Wolf
setzen einer ganzen Generation von jungen Frauen aus dieser Epoche ein
kleines Denkmal, und der offene Ausgang lässt die Deutung zu, dass
zwar viele, aber nicht alle scheitern. Und sie setzen noch einen
weiteren Akzent, indem sie die Parallelität zwischen damals und
heute zeigen: Wirtschaftskrisen und mediale Allmachtsphantasien.
Weitere
Aufführungen
finden am 24. März sowie am 8. und 23. April
statt.
Frank Raudszus
Alle
Fotos © Barbara Aumüller
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