Der lange Traum vom großen Glück


März 2010

















































































 
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Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" als tragikomische Mini-Revue in den Darmstädter Barfestspielen


Es wäre einal den Versuch wert, diesen Roman
von Irmgard Keun aus dem Jahr 1932 über eine junge Frau, die in Berlin ihr Glück sucht, mit Helene Hegemanns Pendant aus dem Jahr 2009 zu vergleichen. In beiden Fällen geht es um eine fast noch Halbwüchsige, die ihr Referenzsystem verloren hat und - bewusst oder unbewusst - nach einem neuen sucht. Beide Geschichten spielen sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgebungen ab. Doris irrt durch das Berlin der Arbeitslosen und Gescheiterten von 1931, Mifti durch ein überdrehtes Berlin mit deutlichen Dekadenzerscheinungen. Beide scheitern am Ende oder, besser gesagt, ihre existentiell bedrohliche Lage ändert sich nicht.

Diana WolfIn Darmstadt hat Romy Schmidt den Roman aus den Zeiten der Weltwirtschaftskrise (sic!) für die Reihe "Bar-Fastspiele" bühnenreif gestaltet. Sie setzt dabei auf ein Revue-Konzept, das auch den stillen Wünschen der Protagonisten entspricht. Diana Wolf präsentiert die Odyssee der blutjungen Doris durch eine enttäuschende Großstadt in einem einstündigen Monolog, den sie immer wieder mit Schlagern der Epoche würzt. Dazu begleitet sie am Keyboard ein Pianist, der sich mit Frack, zylinderartiger Kopfbedeckung und Hasenschnauze nahezu unkenntlich gemacht hat. Für Doris ist er ihr "Hasi", mit dem zusammen sie Touristen unterhält und bestiehlt.

Doris kommt aus einem verschlafenen Kaff, wo sie bei einem "pickligen" Rechtsanwalt als Sekretärin Probleme mit der Interpunktion hatte. Als dieser sie feuert, kommt sie über ihre Mutter - Garderobenfrau - beim Theater unter und hofft auf eine große Karriere. Ihr Geliebter heißt Hubert und führt sie in die Geheimnisse der Sexualität ein, nur um sie dann wegen einer standesgemäßen Frau sitzen zu lassen. Als Doris zwecks Aufmerksamkeit ein Verhältnis mit dem Theaterdirektor vortäuscht und sich in der Garderobe auch noch einen Pelz "ausleiht", muss sie verschwinden und landet in Berlin. Auch dort zehrt sie lange vom zukünftigen "Glanz", den sie einst verbreiten möchte, und träumt von einer Schauspielkarriere. Die Wirklichkeit besteht jedoch in Arbeits- und Obdachlosigkeit, wechselnden Bekanntschaften und Affären, wobei sie die bescheidenen, aber bodenständigen Angebote ausschlägt, als Mätresse von arrivierten Männern jedoch nur eine Eintagsfliege bleibt. Sie landet schließlich in Prostituiertenkreisen und erlebt den Selbstmord der Professionellen Hulla, die aus Angst vor ihrem aus dem Gefängnis entlassenen Zuhälter aus dem Fenster springt.

Doris hofft stets auf die echte Beziehung mit Glamour-Effekt, sieht aber in ihrer jugendlichen Einfalt nicht, dass diese beiden Forderungen nicht zusammenpassen. Immer hält sie sich an die Falschen oder erkennt den Wert der Richtigen zu spät. Am Ende steht sie hilflos vor dem Trümmerhaufen eines jungen Lebens, hofft aber immer noch auf den nächsten Tag.

Diana WolfDiana Wolf bringt die Ambivalenz dieser Person überzeugend zum Ausdruck. Einerseits zeigt Doris ein hohes Maß an Optimismus und Selbstvertrauen, andererseits stehen ihr einfaches Weltbild und ihre mangelnde Selbsteinschätzung einem gelungenen Lebensentwurf im Wege. Ihre Vorstellungen beruhen alleine auf medial vermittelten Bildern von Filmstars und auf Wunschvorstellungen. In dieser Hinsicht trifft der Roman heute die Situation der Kandidatinnen bei "DSDS" oder "Germany's next Topmodel". Naiver Kinderglaube an die eigenen Fähigkeiten und mangelnder Realitätssinn sind in beiden Fällen identisch. Diana Wolf trifft den Tonfall zwischen trotzigem Aufbegehren und existentieller Angst zielsicher und wechselt in Sekundenbruchteilen den Gesichtsausdruck von einer übersteigerten Euphorie zum entleerten Grauen vor der nackten Realität. Wenn sie die einfachen Schlager der zwanziger Jahre trällert, so soll das tapfer klingen, doch durch den betont stereotypen Vortrag der Lieder lässt Diana Wolf die begrenzte Begabung ihrer Protagonistin durchscheinen. Um hier gleich Missverständnisse zu vermeiden, sei gesagt, dass Diana Wolf sehr gut singen kann, was sie in "Ophelien" auch bewiesen hat. Doch hier spielt sie eine höchstens durchschnittlich begabte Sängerin, die sich dieser Tatsache nicht bewusst ist. Es gilt also, die Flachheit des Gesangs als bewusst gespielte zu erkennen. Diana Wolf gelingt diese Gratwanderung zwischen richtigem und aufgesetztem Singen ausgezeichnet, denn zwischendurch bricht sie geradezu in eine heitere Natürlichkeit aus, die sich immer dann ergibt, wenn sich ihre Protagonistin nicht als zukünftigen Star sieht sondern einfach ihre Gefühle in Gesang umsetzt.

Auch szenisch entlockt Diana Wolf ihrer Rolle neue Aspekte, wenn sie der Doris einen starken Bewegungsdrang zuschreibt, der ihrer Unruhe und Angst entspringt und diese in eine gewisse Hektik der Bewegungen umsetzt. Doris ist stets unterwegs, immer auf dem Sprung, um ja eine plötzlich auftauchende Chance nicht zu verpassen. Doch diese lässt auf sich warten, und wenn sie dann einmal in kleiner Gestalt erscheint, erkennt Doris sie nicht.

Romy Schmidt und Diana Wolf setzen einer ganzen Generation von jungen Frauen aus dieser Epoche ein kleines Denkmal, und der offene Ausgang lässt die Deutung zu, dass zwar viele, aber nicht alle scheitern. Und sie setzen noch einen weiteren Akzent, indem sie die Parallelität zwischen damals und heute zeigen: Wirtschaftskrisen und mediale Allmachtsphantasien.

Weitere Aufführungen finden am 24. März sowie am 8. und 23. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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