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Der lange Abschied von der Illusion |
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Peter Lund inszeniert in Darmstadt Richard Strauss' "Rosenkavalier" | ||||
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Carine Séchaye (Octavian), Albert
Pesendorfer (Baron Ochs auf Lerchenau
Betrachtet man die einzelnen
Handlungsstränge genauer, sieht man durchweg absteigende Linien
und sehr fragile Zukunftsaussichten. Die Feldmarschallin steht
vermeintlich auf dem Zenith ihres gesellschaftlichen und erotischen
Lebens. Als Frau eines hoch in der kaiserlichen Militär-Monarchie
stehenden Offiziers, der sich lieber der Jagd widmet, kann sie sich
jugendliche Liebhaber leisten. In Octavian glaubt sie die Gegenwarrt
festhalten zu können und vor Alter und Falten geschützt zu
sein. Doch das Auftauchen des dekadenten und offensichtlich verarmenden
wenn nicht bereits verarmten Baron Ochs auf Lerchenau lässt ihr
geradezu schlagartig die Realität vor Augen treten. Ginge die
ungehobelte Direktheit und Arroganz des Ochs (nomen est omen!) noch auf
das Konto "dekadenter Altadel", so erscheinen ihr seine
unverschämten und geradezu demütigenden Avancen
gegenüber dem als Zofe verkleideten Octavian als Menetekel. Obwohl
der Zweck seines Berufes eigentlich darin besteht, um ihre
Unterstützung bei der Suche nach einem "Rosenkavalier" für
seine Brautwerbung zu erbitten, zeigt sich Ochs auf Lerchenau als die
Verkörperung dessen, was die Feldmarschallin an den Männern
so hasst. Das ungenierte Herumscharwenzeln um die vermeintliche Zofe
zeigt ihr plötzlich ungeschminkt, dass sie selbst nicht mehr zu
den erotischen Zielen der Männerwelt gehört, wenn ein
ausgewachsener Mann in ihrer Gegenwart einer Jüngeren den Hof
macht. Plötzlich steht Octavians und ihrer gemeinsamen Liebe
weitere Entwicklung klar vor ihren Augen. Ihre scheinbar die Zeit
anhaltende Liebesbeziehung ist letztlich nur eine Affäre im Leben
des jungen Octavian, über die die mörderische Zeit
hinweggehen wird. Diese Erkenntnis trifft die
Feldmarschallin hart, und sie fühlt sich von einer Minute zur
anderen von einer begehrenswerten in eine alte Frau verwandelt. In
ihrem langen Solo-Auftritt zum Ende des ersten Satzes drückt sie
diese schmerzliche Erkenntnis deutlich aus. Im dritten Satz zieht sie
dann daraus die unvermeidliche Konsequenz der Entsagung, die sie am
Schluss in eine Art inneren Klosters gehen lässt. Der positive
Seite der Figur der Feldmarschallin liegt gerade darin, dass sie das
junge Paar nicht mit Eifersucht und Intrigen zu trennen versucht,
sondern zum Schluss die beiden sogar noch mit sanftem Nachdruck
zusammenbringt. Das ist mehr als nur Resignation, das ist wahrhaft
gestaltende Entsagung, die deshalb jedoch die Tatsache der
individuellen Vergänglichkeit um keinen Deut mindert.
Die zweite absteigende Linie
repräsentiert Och auf Lerchenau selbst. Er durchläuft zwar
keinen Lernprozess wie die Feldmarschallin, da dies seiner Rolle im
Spiel nicht zukommen würde. Er stellt ja gerade die verkrusteten,
zur Änderung unfähigen Strukturen des etablierten Systems
dar. Der "Altadel" steht hier als Topos für eine abgewirtschaftete
Gesellschaftsschicht, die auf irrationalen Privilegien beharrt und sich
jeglicher sozialer Transparenz verschließt - dabei natürlich
auch an galoppierendem Realitätsverlust leidet. So versucht Ochs
auf Lerchenau, von seinem zukünftigen, "neuadligen" Schwiegervater
sein altes Familienschloss (das er wahrscheinlich im Rahmen eines
Bankrotts verlor) als Gegengabe für sein wertvolles "blaues Blut"
gegen alle gesellschaftlichen Usancen zurückzuerhalten. Ochs von
Lerchenau lebt in einer abgekapselten, längst vergangenen Welt und
wird bis an sein Lebensende dieser Weltsicht treu bleiben. Allerdings
gestehen ihm die Autoren eine gewisse "Noblesse" zu, wenn er am Ende
seine Niederlage mit einer gewissen Haltung aufnimmt, was
natürlich an den Tatsachen und an der Entwicklung des
gesellschaftlichen Umfeld nichts ändert. In diesem Sinne steht
Ochs auf Lerchenau für den geradezu mechanischen Niedergang einer
alten Gesellschaftsordnung, dessen Gründe zu erkennen und zu
beseitigen ihre Mitglieder nicht fähig sind. Auch Ochs auf
Lerchenau erhält die Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Am
Ende des zweiten Satzes, wenn für ihn alle Zeichen auf Sieg stehen
- junge Frau und Lösung aller finanziellen Probleme - lässt
er in einem langen Solo-Auftritt richtiggehend die chauvinistische und
selbstgefällige "Sau raus". Der dritte Handlungsfaden
besteht in der aufkeimenden Liebe zwischen Octavian und Sophie, um die
er als "Rosenkavalier" für Ochs auf Lerchenau werben soll. Die
Ironie des Librettos will es, dass ausgerechnet die junge Zofe, um die
sich der eitle Baron so bemüht hat, als Mann um seine Braut wirbt.
Natürlich hasst die junge Sophe vom ersten Augenblick an ihren
ungehobelten zukünftigen Ehemann und sucht bei Octavian Hilfe, da
sie von ihren renommiersüchtigen Eltern diese nicht erwarten kann.
So betrachtet entwickelt sich hier keine "authentische" Liebe im Sinne
von Romeo und Julia, sondern seitens Sophie ein Fluchtreflex - sie
spricht auch eher von Vertrauen und Hilfe als von erotischer Liebe -
und seitens Octavian ein ambivalentes Gefühl. Von Ochs von
Lerchenau hat er die unterschwellige Unterweisung erhalten, wie man
sich als Mann Frauen gegenüber zu verhalten hat. Gegen diesen
ur-männlichen Impuls kann auch die erotische Erziehung durch die
Ferldmarschallin nicht viel ausrichten, was diese sofort erkannt hat.
Andererseits fühlt er sich dieser noch verpflichtet und - ja -
verbunden. Er ist hin- und hergerissen zwischen den Gefühlen zu
seiner Geliebten und diesem jungen Mädchen und spürt, dass
letztere ihm eher entspricht. Im dritten Akt, wenn Octavian mit der
Hilfe zweier intriganter Bediensteter Ochs auf Lerchenau in die
erotische Falle eines Rendezvous' mit der vermeintlichen Kammerzofe
gelockt und ihn dabei öffentlich bloßgestellt hat, finden
die beiden jungen Leute von selbst nicht zusammen. Sophie muss
erkennen, dass der junge Mann, in den sie sich verliebt hat und der sie
gegen den widerwärtigen Brätigam mit dem Degen verteidigt
hat, mit der Feldmarschallin liiert ist. Ihr Stolz versagt ihr
jegliches Zugehen auf Octavian, und dieser ist unfähig, sich aus
seiner Klemme selber zu befreien. In einem Proteststück würde
er der Feldmarschallin seine Liebe in einer flammende Rede
aufkündigen und mit fliegenden Fahnen zu Sophe überlaufen,
hier jedoch steht er hilflos zwischen den beiden Frauen und weiß
keinen Ausweg. Wenn er Sophie seine Liebe beteuert, würde er dies
am liebsten so leise tun, dass die Feldmarschallin es nicht hört.
Konsequenz ist nicht seine Sache, weil er sie nie gelernt hat, auch und
gerade bei der Feldmarschallin nicht. So muss diese also in einem
letzten Akt der Entsagung die Sache selbst in die Hand nehmen und die
beiden jungen Leute zusammenbringen. Am Schluss steht sie alleine und
einsam auf der Bühne und sinnt der verrinnenden Zeit nach.
Richard Strauss' Musik schafft
für diese Geschichte einen einzigartigen mentalen Raum. Vom ersten
Augenblick an spiegelt die Musik mit ihren fein ziselierten
Klangbildern die emotionale Befindlichkeit der Protagonisten wider.
Dabei gelingt es Strauss, einen langen Spannungsbogen über drei
Sätze aufzubauen, der trotz der Länge von über vier
Stunden (mit Pausen) nicht abbricht. Wenn einmal die Handlung auf der
Bühne etwas stockt und die Gefahr von Längen besteht, gleicht
das die suggestive Macht der Musik wieder aus. Richard Strauss nutzt
einerseits die Klangmöglichkeiten eines Orchesters bis in die
letzten Feinheiten aus, so wenn er die Monologe der Protagonisten mit
langsamen, wie zerbrechendes Glas herabfallenden Akkorden unterlegt.
Andererseits greift er jedoch ungeniert ins 18. Jahrhundert
zürück und lässt Wolfgang Amadeus wiederauferstehen,
entweder in einzelnen melodischen und harmonischen Figuren des
Orchesters oder sogar in einer ganzen Arie eines Sängers, der
diese im Hause des Schwiegervaters vorträgt. Heute erscheinen uns
diese "Stilbrüche" als die wohl auch intendierten ironischen
Brechungen, der Erfolg des "Rosenkavaliers" zu seiner Entstehungszeit
dürfte aber nicht zuletzt auf diese vom Publikum ernst genommenen
Reminiszenzen an die Wiener Klassik beruhen. Denn gerade in der Zeit
der (a)tonalen Umwälzungen müssen diese Rückgriffe wie
eine Rückbesinnung und Orientierung gewirkt haben. Claudia Doderer hat die
Bühne konsequent auf die drei Akte ausgerichtet und dabei bewusst
sprechende Sparsamkeit walten lassen. Im ersten Satz füllt ein
sich nach hinten verjüngender, vierseitiger Konus aus hellem Holz
die Bühne. Er symbolisiert die (noch) heile Welt der Marschallin
mit klaren Konturen und schnörkellosen Ansichten. Im zweiten Akt
wird aus diesem Konus ein "trompe l'oeuil" mit aufgemalter Perspektive.
Der überschaubare Konus mutiert zum großartigen,
weitläufigen Palast, obwohl jeder weiß, dass er das nicht
ist. Damit spiegelt das Bühnenbild die illusionäre Welt der
Wiener Neu- (und Alt-)Adligen wider. Man malt sich seinen Palast auf
weiße Wände und glaubt an ihn wie an ein goldenes Kalb. Im
letzten Satz schließlich wird es düster: im Hintergrund der
Bühne erhebt sich eine graublaue Schablone aus Holz, die man
im ersten Moment als Silhouette einer Großstadt deuten kann, beim
näheren Hinsehen jedoch als Ruinen identifiziert. Die Weltkriege
des letzten Jahrhunderts mit dem krachenden Untergang der alten Ordnung
lassen grüßen. Doch gerade die Ambivalenz dieses
Bühnenbilds und der Verzicht einer plakativen Darstellung des
kommenden Unheils lassen die Wirkung ins Unterbewusstsein des
Zuschauers einsickern.
Die Kostüme verweisen
dagegen eindeutig und unverfremdet ins 18. Jahrhundert. Die Lakaien
tragen weiße Livreen und Perücken und sind weiß
gepudert, die Protagonisten kommen in Schnallenschuhe mit hohen
Absätzen, Seidenstrümpfen und Gehröcken daher. Octavian
läuft sogar mit umgeschnalltem Degen herum, den er dann ja
auch für das Duell mit Ochs auf Lerchenberg benötigt. Peter
Lund versucht nicht, die Handlung vordergründig in eine andere,
heutige Zeit zu verlegen, sondern belässt sie im Ambiente einer
scheinbar vergangenen Zeit. Dass vieles nicht nur für die
k.u.k.-Monarchie sondern auch auf unsere Zeit zutrifft, versteht sich
von selbst. Doch die Weiterführung der Assoziationen
überlässt Lund den Zuschauern. Da mag der eine den Ochs auf
Lerchenberg zu einem Banker-Schnösel umdeuten, der andere zu einem
Raubtier-Kapitalisten, je nach persönlicher Neigung und Weltschau.
Die Darsteller tragen diese
Inszenierung mit hervorragenden sängerischen und darstellerischen
Leistungen. Die größte Wirkung erreichen dabei der als
einziger in allen drei Akten auftretende Albert Pesendorer als Ochs auf
Lerchenberg sowie Yamina Maamar als Feldmarschallin. Pesendorfers
solider, raumfüllender Bass und seine schon rein körperliche
Präsenz dominieren über lange Strecken das Geschehen, dem er
immer wieder auch groteske Momente abgewinnen kann. Neben ihm agiert
Yamina Maamar auf Augenhöhe, und die Dialoge zwischen diesen
beiden sind immer wieder ein Genuss an Ironie und latenter
Boshaftigkeit, wenn diese beiden so unterschiedlichen Mentalitäten
aufeinandertreffen. Darüber hinaus überzeugt Yamina Maamar
gerade in den lyrischen, entsagungsvollen Momenten, in denen sie der
Inszenierung geradezu tragische Züge verleiht. Aki Hashimoto als
Sophie und Carine Séchaye als Octavian haben es da schwer, sich
gegen die beiden Schwergewichte durchzusetzen, wo sie doch schon als
Rollen auf die Schwachheit und Unsicherheit festgelegt sind. Doch sie
machen beide das Beste aus ihren Rollen und verleihen ihren Figuren
gerade in deren Ambivalenz und Unschärfe etwas schmerzlich
Anrührendes. Beide zeigen sich stimmlich in hervorragender
Verfassung und drücken die fragende Verzweiflung der beiden jungen
Menschen überzeugend aus. Werner Volker Meyer verleiht dem
Emporkömmling Faninal schleimig-neureiche Züge nicht ohne
humoristische Aspekte und kann hier wieder einmal seine starke Stimme
in einer größeren Rolle hören lassen. Lucian Krasznec
trägt als Sänger eine wunderschöne Arie à la
Mozart vor, Jeffrey Treganza und Elisabeth Hornung geben ein
intrigantes Bedienstetenpaar, das sich überall anschleicht und
sich mit einem seltsam fremdländischen Akzent einschleimt. In
weiteren Rollen sind Susanne Serfling (Jungfer Marianne), Markus Durst
(Haushofmeister und Wirt) und John in Eichen (Notar und Kommissar)
sowie eine Reihe weiterer Darsteller zu hören und sehen. Der Chor unter der Leitung von
André Weiss ist in altbekannter Weise für das Volk
zuständig, das in dieser Inszenierung ebenfalls seinen Auftritt
erhält. Lund zeigt in Säufer- und Hurenszenen, dass das
einfache Volk keinen Deut besser ist als die Oberschicht und
unterminiert damit jegliche ideologisierte Darstellung eines von einer
korrupten Oberschicht unterdrückten und im Grunde genommen "guten"
Volkes. Homo homini porcus. Das Publikum zeigte sich nach
der über vierstündigen Aufführung im Rahmen der
physischen Möglichkeiten begeistert und spendete kräftigen
Beifall. Man kann sich jedoch vorstellen, dass dieser bei einigen
Kürzungen von Partitur und Libretto noch stärker ausgefallen
wäre. Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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