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Nostalgie mit Augenzwinkern |
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Das Schauspiel Frankfurt präsentiert eine intelligente Neu-Auflage des "weißen Albums" der Beatles | ||||
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Für Vertreter der
Internet-Generation hier noch einmal die Namen der Beatles: George
Lennon - Texter und Denker, Paul McCartney - Texter und Sänger,
George Harrison - Gitarrist, Ringo Starr - Schlagzeuger. Dass alle
neben ihrem Hauptinstrument auch sangen und weitere Instrumente
spielten, versteht sich von selbst. Aus Indien hatten die vier
Musiker einen reichen Schatz an Anregungen und Song-Ideen mitgebracht,
die sie umgehend in das einzige Doppel-Album ihrer Laufbahn, eben das
"weiße", einfließen ließen. Dazu gehören Songs
wie "OB-LA-DI, OB-LA-DA", "Helter Skelter", "Back in the U.S.S.R." und
"Bungalow Bill", um nur einige zu nennen, mit denen man unvermittelt
eine Melodie assoziieren kann. Insgesamt enthielt das Album
dreißig Titel. Roland Schimmelpfennig hat sie ins Deutsche
übersetzt und zu einer eigenen Choreografie zusammengefügt.
Aus "Cry, Baby, cry" wird so recht direkt "Schrei, Baby, schrei", und
das berühmte "Back in the U.S.S.R." wird bei Schimmelpfennig
durchaus kongenial zu einer Rückschau in die DDR mit dem Refrain
"Zurück zum DTSB". Die Western-Parodie "Rocky Raccoon" gestaltet
Schimmelpfennig ironisch-dramatisch mit einem inszenierten Doppelmord
und anschließend als Engel mit Schusswunden umherstreifenden
Opfern. Generell weisen die deutschen
Texte einen doppelbödigen Zeitbezug auf. Vordergründig nehmen
sie die Themen der sechziger Jahre, ihre Mentalität, Ängste
und Sehnsüchte auf, dahinter lauert jedoch stets ein gewisser
Anteil an atuellem Zeitbezug, und wenn nur in einer heutigen
Sprachfärbung. Die Choreografie der Aufführung
bewältigen drei Sänger - Torben Kessler, Christoph
Pütthoff und Marc Oliver Schulze - sowie zwei Sängerinnen -
Nadja Petri und Nele Rosetz. Dazu spielt die Band "Piggies" - ganz in
der Terminologie des "weißen Albums" -, die neben den klassischen
Rock-Instrumenten wie Schlagzeug, Gitarre und Keyboard auch noch Geige,
Flöte, Cello und Tuba auf die Bühne bringen. Die fünf
Darsteller begnügen sich nicht mit dem Vortrag der deutschen
Version der einzelnen Lieder, sondern bauen darum herum eine lose
Geschichte auf, die sich immer wieder in Konflikten zwischen den
Protagonisten verdichtet und dann in den jeweiligen Songs entlädt.
Dabei geht es natürlich viel um Liebe - verschmähte,
vergangene, verklärte - aber auch um andere Themen wie Anklagen
gegen Spießertum, Verdruckstheit ("Mach Dich locker!") oder gar
Ökologie und Naturbewahrung. Die Darsteller sind, darin der Farbe
des Albums folgend, ganz in Weiß gekleidet, wobei die Mode
besonders der beiden Frauen ebenfalls an die sechziger Jahre erinnert -
Röhrenhosen und Kleidchen.
Eine große Trennwand im
Hintergrund dient als Projektionsfläche für Fotos oder
Videos. Schon vor Beginn des Programms läuft hier ein Kaleidoskop
aus alten Aufnahmen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre ab,
sozusagen als Einstimmung auf die Zeitreise. Später sieht man hier
simultane Abbildungen von Aktionen auf und hinter der Bühne, ganz
im Sinne von Frank Castorffs Video-Nutzung an der Berliner
Volksbühne. Später, wenn das Thema "Einsamkeit" besungen
wird, dreht sich die Wand auf die Vorderbühne und auf ihrer
Rückseite sieht man die Darsteller vereinzelt in kleinen Zellen
wie Hamster im Rad sinnlos vor sich hin agieren. Dann wieder
übernehmen nach dem Verschwinden der Musiker die Darsteller die
Instrumente und versuchen sich in einem Anfall von verzweifeltem
Aktionismus an diesen, bis die eigentlichen Musiker wiederkehren. So ist ständig Bewegung auf
der Bühne, und jeder Song wird als kleines Drama aufgeführt,
mal sentimentalälyrisch, mal verzweifelt, mal kämpferisch.
Schimmelpfennig hat jedoch darauf verzichtet, seiner Choreografie und
den Songs handfeste politische Themen zu unterlegen. Genau so wenig,
wie die damaligen Beatles im konkreten Sinn politisch waren, ist es
diese Tanz- und Gesangsschau. Und aus dieser Sparsamkeit hinsichtlich
einer gesellschaftspolitischen Aussage bezieht die Aufführung auch
ihre Leichtigkeit. Man fühlt sich tatsächlich ein wenig in
die späten sechziger jahre zurückversetzt, in denen die
musikalische Dichte und Vielfalt der beatkles-Songs die Zuhörer
über viele Zumutungen des Alltags hinwegtrösteten. Die
Beatles wurden immer als emotionale Bereicherung, nie als Kampftruppe
oder Provokateure gesehen, ganz im Gegensatz zu den "Rolling Stones".
Und mit der Hinwendung zu den indischen Heilslehren und -
natürlich - zu den Drogen ("Lucy in the Sky with Diamonds"!) nahm
der Realitätsbezuzg weiterhin ab und die Aussage hinter der Musik
verschwand ins Nirwana, was sie aber nicht unbedingt schlechter oder
gar unerträglich machte. Das Programmheft zur Schau ist
als Faltposter gestaltet und nimmt "eine zu eins" das Layout des Poster
auf, das damals dem Album beilag. Darauf sind große und kleine
Fotos der Musiker zusammen mit Gruppenfotos, Filmstreifen und
Zeichnungen zu einer Collage zusammengestellt, und die Rückseite
enthält englsilchen Liedtexte. Das deutsche Pendant hält sich
in der Art einer "Hommage" eng an diese Vorgabe, ersetzt jedoch die
Originalfotos durch aktuelle der Darsteller und ihrer Umgebung. Leider
enthält die Rückseite nicht die deutschen Texte -
wahrscheinlich aus Copyright-Gründen - sondern nur verschiedene
Kommentare über die einzelnen Originalsongs und ihre Entstehung.
Gerne hätte man die eine oder andere deutsche Textzeile mit nach
Hause genommen, aber dann wären wahrscheinlilch dem Missbrauch
Tür und Tor geöffnet. Auch so war dieser Abend
ausgesprochen abwechslungsreich und unterhaltsam und versprühte
eine durch Aktualität aufgesfrischte Nostalgie. Schaute man sich
um, so entdeckte man doch viele "68er" unter den Zuschauern, die in
dieser Show auch ihre eigene Jugend nacherleben wollten. Offensichtlich
ist das vielen gelungen, denn der Beifall am Schluss war begeistert und
holte noch eine Zugabe und dann einen "Rausschmeißer" -
"Outthrower", wie einer der Darsteller bemerkte - heraus. Frank
Raudszus Alle
Fotos © Katrin Ribbe |
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