Nostalgie mit Augenzwinkern

März 2010
































































































Ihre Meinung über E-Mail hier



Das Schauspiel Frankfurt präsentiert eine intelligente Neu-Auflage des "weißen Albums" der Beatles




Wer waren die Beatles? Vierzig Jahre nach der Terennung der vier weltberühmten jungen Musiker aus Liverpool können viele jüngere Leute in Zeiten von Techno, House und Hip-Hop nicht mehr viel mit diesem Namen anfangen. Da schien es angebracht, diese weltberühmte Gruppe wieder einmal in einem anderen Kontext in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Das Schauspiel Frankfurt beauftrage den Dramatiker Roland Schimmelpfennig mit der Übersetzung der Songs aus dem "weißen Album" der Beatles, das im Jahr 1968 nach einer Reise der Gruppe zu den indischen Meditationsstätten entstand und seinen Namen von dem schlichten weißen Umschlag erhielt, in den gleichfarbig nur die Worte "The Beatles" aufgeprägt waren.

Ausschnitte aus der ShowTorben Kessler, Christoph Pütthoff und Marc Oliver

Für Vertreter der Internet-Generation hier noch einmal die Namen der Beatles: George Lennon - Texter und Denker, Paul McCartney - Texter und Sänger, George Harrison - Gitarrist, Ringo Starr - Schlagzeuger. Dass alle neben ihrem Hauptinstrument auch sangen und weitere Instrumente spielten, versteht sich von selbst.

Aus Indien hatten die vier Musiker einen reichen Schatz an Anregungen und Song-Ideen mitgebracht, die sie umgehend in das einzige Doppel-Album ihrer Laufbahn, eben das "weiße", einfließen ließen. Dazu gehören Songs wie "OB-LA-DI, OB-LA-DA", "Helter Skelter", "Back in the U.S.S.R." und "Bungalow Bill", um nur einige zu nennen, mit denen man unvermittelt eine Melodie assoziieren kann. Insgesamt enthielt das Album dreißig Titel. Roland Schimmelpfennig hat sie ins Deutsche übersetzt und zu einer eigenen Choreografie zusammengefügt. Aus "Cry, Baby, cry" wird so recht direkt "Schrei, Baby, schrei", und das berühmte "Back in the U.S.S.R." wird bei Schimmelpfennig durchaus kongenial zu einer Rückschau in die DDR mit dem Refrain "Zurück zum DTSB". Die Western-Parodie "Rocky Raccoon" gestaltet Schimmelpfennig ironisch-dramatisch mit einem inszenierten Doppelmord und anschließend als Engel mit Schusswunden umherstreifenden Opfern.

Generell weisen die deutschen Texte einen doppelbödigen Zeitbezug auf. Vordergründig nehmen sie die Themen der sechziger Jahre, ihre Mentalität, Ängste und Sehnsüchte auf, dahinter lauert jedoch stets ein gewisser Anteil an atuellem Zeitbezug, und wenn nur in einer heutigen Sprachfärbung. Die Choreografie der Aufführung bewältigen drei Sänger - Torben Kessler, Christoph Pütthoff und Marc Oliver Schulze - sowie zwei Sängerinnen - Nadja Petri und Nele Rosetz. Dazu spielt die Band "Piggies" - ganz in der Terminologie des "weißen Albums" -, die neben den klassischen Rock-Instrumenten wie Schlagzeug, Gitarre und Keyboard auch noch Geige, Flöte, Cello und Tuba auf die Bühne bringen. Die fünf Darsteller begnügen sich nicht mit dem Vortrag der deutschen Version der einzelnen Lieder, sondern bauen darum herum eine lose Geschichte auf, die sich immer wieder in Konflikten zwischen den Protagonisten verdichtet und dann in den jeweiligen Songs entlädt. Dabei geht es natürlich viel um Liebe - verschmähte, vergangene, verklärte - aber auch um andere Themen wie Anklagen gegen Spießertum, Verdruckstheit ("Mach Dich locker!") oder gar Ökologie und Naturbewahrung. Die Darsteller sind, darin der Farbe des Albums folgend, ganz in Weiß gekleidet, wobei die Mode besonders der beiden Frauen ebenfalls an die sechziger Jahre erinnert - Röhrenhosen und Kleidchen.

Die Rasterwand als Symbol der Vereinsamung
Die Rasterwand als Symbol der Vereinsamung

Eine große Trennwand im Hintergrund dient als Projektionsfläche für Fotos oder Videos. Schon vor Beginn des Programms läuft hier ein Kaleidoskop aus alten Aufnahmen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre ab, sozusagen als Einstimmung auf die Zeitreise. Später sieht man hier simultane Abbildungen von Aktionen auf und hinter der Bühne, ganz im Sinne von Frank Castorffs Video-Nutzung an der Berliner Volksbühne. Später, wenn das Thema "Einsamkeit" besungen wird, dreht sich die Wand auf die Vorderbühne und auf ihrer Rückseite sieht man die Darsteller vereinzelt in kleinen Zellen wie Hamster im Rad sinnlos vor sich hin agieren. Dann wieder übernehmen nach dem Verschwinden der Musiker die Darsteller die Instrumente und versuchen sich in einem Anfall von verzweifeltem Aktionismus an diesen, bis die eigentlichen Musiker wiederkehren.

So ist ständig Bewegung auf der Bühne, und jeder Song wird als kleines Drama aufgeführt, mal sentimentalälyrisch, mal verzweifelt, mal kämpferisch. Schimmelpfennig hat jedoch darauf verzichtet, seiner Choreografie und den Songs handfeste politische Themen zu unterlegen. Genau so wenig, wie die damaligen Beatles im konkreten Sinn politisch waren, ist es diese Tanz- und Gesangsschau. Und aus dieser Sparsamkeit hinsichtlich einer gesellschaftspolitischen Aussage bezieht die Aufführung auch ihre Leichtigkeit. Man fühlt sich tatsächlich ein wenig in die späten sechziger jahre zurückversetzt, in denen die musikalische Dichte und Vielfalt der beatkles-Songs die Zuhörer über viele Zumutungen des Alltags hinwegtrösteten. Die Beatles wurden immer als emotionale Bereicherung, nie als Kampftruppe oder Provokateure gesehen, ganz im Gegensatz zu den "Rolling Stones". Und mit der Hinwendung zu den indischen Heilslehren und - natürlich - zu den Drogen ("Lucy in the Sky with Diamonds"!) nahm der Realitätsbezuzg weiterhin ab und die Aussage hinter der Musik verschwand ins Nirwana, was sie aber nicht unbedingt schlechter oder gar unerträglich machte.

Das Programmheft zur Schau ist als Faltposter gestaltet und nimmt "eine zu eins" das Layout des Poster auf, das damals dem Album beilag. Darauf sind große und kleine Fotos der Musiker zusammen mit Gruppenfotos, Filmstreifen und Zeichnungen zu einer Collage zusammengestellt, und die Rückseite enthält englsilchen Liedtexte. Das deutsche Pendant hält sich in der Art einer "Hommage" eng an diese Vorgabe, ersetzt jedoch die Originalfotos durch aktuelle der Darsteller und ihrer Umgebung. Leider enthält die Rückseite nicht die deutschen Texte - wahrscheinlich aus Copyright-Gründen - sondern nur verschiedene Kommentare über die einzelnen Originalsongs und ihre Entstehung. Gerne hätte man die eine oder andere deutsche Textzeile mit nach Hause genommen, aber dann wären wahrscheinlilch dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Auch so war dieser Abend ausgesprochen abwechslungsreich und unterhaltsam und versprühte eine durch Aktualität aufgesfrischte Nostalgie. Schaute man sich um, so entdeckte man doch viele "68er" unter den Zuschauern, die in dieser Show auch ihre eigene Jugend nacherleben wollten. Offensichtlich ist das vielen gelungen, denn der Beifall am Schluss war begeistert und holte noch eine Zugabe und dann einen "Rausschmeißer" - "Outthrower", wie einer der Darsteller bemerkte - heraus.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Katrin Ribbe


Als PDF-Datei zum Ausdrucken