![]() |
Revolte aus dem Tiefparterre |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Bei den Barfestspielen des Staatstheaters Darmstadt plaudert Souffleuse Anna aus dem Nähkästchen | ||||
|
In der abgedunkelten Bar der
Kammerspiele legt sich das Gemurmel erst, wenn man vom unteren
Stockwerk eine laute, exaltierte Stimme hört, die rasch näher
kommt. Zwischen den um die Bar gruppierten Gästen stürmt
Sonja Mustoff hinein, laut vor sich hinschimpfend. Sie nimmt an der Bar
Platz, räumt ihre Handtasche unter emotional aufgeladenen
Selbstgesprächen aus und schaut dann verwundert das anwesende
Publikum an, als habe sie nicht mit anderen Barbesuchern gerechnet.
Doch nach kurzem Atemholen sieht sie die Chance, endlich einmal einem
größeren Publikum zu erzählen, was sie bewegt.
In den folgenden sechzig Minuten
schüttet sie ihr Herz über das Schicksal einer Souffleuse,
speziell natürlich ihres, aus. Erst einmal stellt sie klar, dass
"die da oben" auf der Bühne ja eigentlich keine Kunst sondern nur
Künstlichkeit und falsche Emotionen darbieten. Diejenigen, die
tagein, tagaus die Wechselfälle des Lebens auf den Brettern
darstellen, kennen ihrer Meinung nach das Leben überhaupt nicht
sondern haben sich im Biotop des Theaters versteckt. Dagegen hat sie
als Souffleuse das Leben verstanden und steht über den Mimen auf
der Bühne, obwohl sie sich faktisch unter ihnen befindet.
Genüsslich berichtet Anna von der Albtraumsituation der
Schauspieler, dem "Hänger". Und fast übergangslos feixt sie
über die Waffen einer Souffleuse gegen "die da oben", als da sind:
erstens - man lasse den Hänger im Raum stehen und warte mit der
Hilfe so lange wie irgend möglich - und länger. Man kann sich
an der Panik des Darstellers richtig weiden; zweitens - man stoße
mit einer Ansage in eine bewusst von der Regie gesetzte Pause hinein,
um beim Publikum den Eindruck zu erwecken, der Darsteller habe seinen
Text vergessen. Anna lacht schadenfroh, wenn nicht sogar hämisch.
Und gleich nimmt sie die übersensiblen Regisseure aufs Korn, die
doch das Rascheln ihres - Annas - Butterbrotpapiers nicht ertragen
können. Dieses Papier ist jedoch ihre stille Rache an denen, die
"da oben" spielen dürfen. Je mehr Anna ins Schwadronieren
gerät, desto deutlicher kommt zum Ausdruck, dass sie unter der
Rollenverteilung leidet. Eigentlich sollte sie da oben stehen und das
Publikum mit allem ihrem Können und den gespeicherten Texten
begeistern, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und man
erfährt auch, warum Anna überhaupt vom großen Auftritt
träumt. Im Hintergrund sind nämlich alte Bühnenfotos
ausgestellt, die sie mit fast kindlichem Stolz dem Publikum
erklärt: alles Fotos von Annas großen Rollen. Annas Gesicht
verklärt sich, und noch einmal durchlebt sie die großen,
längst vergangenen Momenten einer durchschnittlichen
Provinztheater-Karriere. Das Publikum bekommt auch sein
nostalgisches Fett ab, jedoch nur virtuell in Gestalt des Zahnarztes,
der grundsätzlich "Gretchens" schwängerte. Trocken sagt Anna:
"Niklas ist jetzt auch schon 29." Kurz träumt sie der leider nur
temporären Affäre mit dem Zahnarzt nach, der sie vom
Schicksal einer Souffleuse in eine großbürgerliche Welt mit
Villa und Schwimmbad hätte hinüberretten können, statt
zum nächsten Gretchen zu wechseln.
Annas Erzählung folgt immer
wieder demselben Muster: sie erinnert sich an irgendein Ereignis,
schön oder schaurig, steigert sich langsam in ihre Erinnerungen
hinein und verfällt dann in einen heftigen Wutanfall über die
Vergänglichkeit des Ruhms und das Verwelken aller
Blütenträume. All ihre sarkastischen, ja zynischen
Bemerkungen über das Gefängnis des Theaters, die
Abhängigkeit vom Intendanten, die Despotie der Regisseure und die
selbstmitleidige Nabelschau der Kollegen können nicht ihre Liebe
zum Theater und speziell zum eigenen Auftritt verbergen. Aus der
ehemaligen Liebe der Aktrice ist die Hassliebe der Souffleuse aus der
"Unterschicht" des Theaters geworden. Die Liebe dieses Doppelwortes
gilt weiterhin der Bühne, der Hass dem eigenen Abstieg. Und wenn
Anna die "Bremer Stadtmusikanten" zitiert mit dem Satz "..wir gehen nach Bremen, etwas
besseres als das Theater findest du überall", dann folgt erst ein theatralischer
Seitenhieb auf Bremen und dann das seufzend unausgesprochene
Eingeständnis, dass man eben nichts Besseres als das Theater
findet. Anna wird bis an ihr Lebensende am Theater hängen, und das
macht diese Figur so sympathisch, bei allem abfälligen
Schwadronieren über die Zustände in dieser Institutuion. Am Ende klingelt Annas Handy auf
der Bar, und dem Ruf auf die Bühne zum Soufflieren folgt sie fast
heiter und froh gestimmt. Anna hat jetzt wieder eine Aufgabe, ist
mittendrin im Bühnengeschehen. Sonja Mustoff präsentiert
diesen einstündigen Monolog mit einem bissigen Galgenhumor
und der latenten Boshaftigkeit eines Menschen, dessen Karriere
irgendwann einen Knacks erleidet und der sich in einer subalternen
Position wiederfindet. Sie spielt diese Anna nicht, sie ist sie
tatsächlich, und wenn man neben ihr an der Bar sitzt und ihre
Tiraden über das Leben als Souffleuse und die inkompetenten,
arroganten Kollegen hört, möchte man ihr spontan die Hand auf
den Arm legen und sie zur Mäßigung ermahnen. Wer von
außen in diese Veranstaltung käme und nichts von den
Barfestspielen wüsste, der würde sich wundern, wie eine
solche Nervensäge die ganze Bar beherrschen kann, ohne dass jemand
sie zur Ordnung ruft. Und dass ist wohl das beste Kompliment, das man
einer Schauspielerin machen kann: sie wirkt wie im "echten Leben". Das Publikum zeigte sich von
dieser temperamentvollen Charakterstudie beeindruckt und geizte nicht
mit Beifall. Die
nächsten Aufführungen von "Anna sagt was" finden am 12., 19.
und 30. Mai statt. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |