Revolte aus dem Tiefparterre

April 2010
































































































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Bei den Barfestspielen des Staatstheaters Darmstadt plaudert Souffleuse Anna aus dem Nähkästchen




Wie soll man es nennen, wenn eine Schauspielerin sich als Souffleuse unter
das Publikum an der Bar mischt und diesen ihr beruflich-persönliches Leid klagt? Wohl eine doppelte Volte der Selbstreferenz. Nicht nur spiegelt in "anna sagt was" die Schauspielerin ihr eigenes Metier und die dazugehörigen Befindlichkeiten, sie verwandelt gleichermaßen das reale, als Kulturkonsumenten auftretende Publikum in zufällige Barbesucher, die den Tiraden einer Redseligen ausgesetzt sind. Dieser Regietrick konterkariert von vornherein eine distanziert-ironische Rezeption, auch wenn der typische Zuschauerreflex eben diese Distanz immer wieder zu restaurieren versucht. Die Melange ergibt dann eine enge Verbindung zwischen Mimen und Zuschauer, der die übliche Trennung der Guckkastenbühne aufhebt.

In der abgedunkelten Bar der Kammerspiele legt sich das Gemurmel erst, wenn man vom unteren Stockwerk eine laute, exaltierte Stimme hört, die rasch näher kommt. Zwischen den um die Bar gruppierten Gästen stürmt Sonja Mustoff hinein, laut vor sich hinschimpfend. Sie nimmt an der Bar Platz, räumt ihre Handtasche unter emotional aufgeladenen Selbstgesprächen aus und schaut dann verwundert das anwesende Publikum an, als habe sie nicht mit anderen Barbesuchern gerechnet. Doch nach kurzem Atemholen sieht sie die Chance, endlich einmal einem größeren Publikum zu erzählen, was sie bewegt.

Sonja Mustoff zeigt als Anna alte Bühnenfotos
Sonja Mustoff zeigt als Anna alte Bühnenfotos

In den folgenden sechzig Minuten schüttet sie ihr Herz über das Schicksal einer Souffleuse, speziell natürlich ihres, aus. Erst einmal stellt sie klar, dass "die da oben" auf der Bühne ja eigentlich keine Kunst sondern nur Künstlichkeit und falsche Emotionen darbieten. Diejenigen, die tagein, tagaus die Wechselfälle des Lebens auf den Brettern darstellen, kennen ihrer Meinung nach das Leben überhaupt nicht sondern haben sich im Biotop des Theaters versteckt. Dagegen hat sie als Souffleuse das Leben verstanden und steht über den Mimen auf der Bühne, obwohl sie sich faktisch unter ihnen befindet. Genüsslich berichtet Anna von der Albtraumsituation der Schauspieler, dem "Hänger". Und fast übergangslos feixt sie über die Waffen einer Souffleuse gegen "die da oben", als da sind: erstens - man lasse den Hänger im Raum stehen und warte mit der Hilfe so lange wie irgend möglich - und länger. Man kann sich an der Panik des Darstellers richtig weiden; zweitens - man stoße mit einer Ansage in eine bewusst von der Regie gesetzte Pause hinein, um beim Publikum den Eindruck zu erwecken, der Darsteller habe seinen Text vergessen. Anna lacht schadenfroh, wenn nicht sogar hämisch. Und gleich nimmt sie die übersensiblen Regisseure aufs Korn, die doch das Rascheln ihres - Annas - Butterbrotpapiers nicht ertragen können. Dieses Papier ist jedoch ihre stille Rache an denen, die "da oben" spielen dürfen.

Je mehr Anna ins Schwadronieren gerät, desto deutlicher kommt zum Ausdruck, dass sie unter der Rollenverteilung leidet. Eigentlich sollte sie da oben stehen und das Publikum mit allem ihrem Können und den gespeicherten Texten begeistern, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und man erfährt auch, warum Anna überhaupt vom großen Auftritt träumt. Im Hintergrund sind nämlich alte Bühnenfotos ausgestellt, die sie mit fast kindlichem Stolz dem Publikum erklärt: alles Fotos von Annas großen Rollen. Annas Gesicht verklärt sich, und noch einmal durchlebt sie die großen, längst vergangenen Momenten einer durchschnittlichen Provinztheater-Karriere.  Das Publikum bekommt auch sein nostalgisches Fett ab, jedoch nur virtuell in Gestalt des Zahnarztes, der grundsätzlich "Gretchens" schwängerte. Trocken sagt Anna: "Niklas ist jetzt auch schon 29." Kurz träumt sie der leider nur temporären Affäre mit dem Zahnarzt nach, der sie vom Schicksal einer Souffleuse in eine großbürgerliche Welt mit Villa und Schwimmbad hätte hinüberretten können, statt zum nächsten Gretchen zu wechseln.

Anna mit dem Inhalt ihres Täschchens
Anna mit dem Inhalt ihres Täschchens

Annas Erzählung folgt immer wieder demselben Muster: sie erinnert sich an irgendein Ereignis, schön oder schaurig, steigert sich langsam in ihre Erinnerungen hinein und verfällt dann in einen heftigen Wutanfall über die Vergänglichkeit des Ruhms und das Verwelken aller Blütenträume. All ihre sarkastischen, ja zynischen Bemerkungen über das Gefängnis des Theaters, die Abhängigkeit vom Intendanten, die Despotie der Regisseure und die selbstmitleidige Nabelschau der Kollegen können nicht ihre Liebe zum Theater und speziell zum eigenen Auftritt verbergen. Aus der ehemaligen Liebe der Aktrice ist die Hassliebe der Souffleuse aus der "Unterschicht" des Theaters geworden. Die Liebe dieses Doppelwortes gilt weiterhin der Bühne, der Hass dem eigenen Abstieg. Und wenn Anna die "Bremer Stadtmusikanten" zitiert mit dem Satz "..wir gehen nach Bremen, etwas besseres als das Theater findest du überall", dann folgt erst ein theatralischer Seitenhieb auf Bremen und dann das seufzend unausgesprochene Eingeständnis, dass man eben nichts Besseres als das Theater findet. Anna wird bis an ihr Lebensende am Theater hängen, und das macht diese Figur so sympathisch, bei allem abfälligen Schwadronieren über die Zustände in dieser Institutuion.

Am Ende klingelt Annas Handy auf der Bar, und dem Ruf auf die Bühne zum Soufflieren folgt sie fast heiter und froh gestimmt. Anna hat jetzt wieder eine Aufgabe, ist mittendrin im Bühnengeschehen.

Sonja Mustoff präsentiert diesen einstündigen Monolog mit einem bissigen Galgenhumor und  der latenten Boshaftigkeit eines Menschen, dessen Karriere irgendwann einen Knacks erleidet und der sich in einer subalternen Position wiederfindet. Sie spielt diese Anna nicht, sie ist sie tatsächlich, und wenn man neben ihr an der Bar sitzt und ihre Tiraden über das Leben als Souffleuse und die inkompetenten, arroganten Kollegen hört, möchte man ihr spontan die Hand auf den Arm legen und sie zur Mäßigung ermahnen. Wer von außen in diese Veranstaltung käme und nichts von den Barfestspielen wüsste, der würde sich wundern, wie eine solche Nervensäge die ganze Bar beherrschen kann, ohne dass jemand sie zur Ordnung ruft. Und dass ist wohl das beste Kompliment, das man einer Schauspielerin machen kann: sie wirkt wie im "echten Leben".

Das Publikum zeigte sich von dieser temperamentvollen Charakterstudie beeindruckt und geizte nicht mit Beifall.

Die nächsten Aufführungen von "Anna sagt was" finden am 12., 19. und 30. Mai statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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