Die Wahrheit über die "schöne Jugend"

April 2010
































































































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Der Juegendclub des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Xavier Durringers "Ganze Tage, ganze Nächte"




Ältere Menschen schwärmen gerne von den schönen Zeiten der "ach so goldenen Jugend" und wünschen sich diese Zeit oftmals zurück. Wer - als Älterer - ehrlich mit sich zu Rate geht, fragt sich oft, ob diese Zeitgenossen an Amnesie leiden, denn die Erinnerungen an die eigene  Jugend sind meist gar nicht so rosig. Eine ungeschönte Rückschau zeigt meist große Unsicherheit, Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren, Frustration über die eigene Bedeutungslosigkeit und über die Abhängigkeit vom Elternhaus sowie die Sehnsucht nach Liebe - durchaus im Sinne von Erotik - und Anerkennung. Die Liebe der eigenen Eltern unterschätzt, ja negiert man, und deren Welt erscheint wie ein unerreichbarer Fluchtpunkt.

Sophia Landzettel, Canzu Yildiz, Eric Westphal, Lukas Terhalle, Diandra Laux, Maryam Koohestanian, hinten: Tjorven Balser
Sophia Landzettel, Canzu Yildiz, Eric Westphal, Lukas Terhalle, Diandra Laux, Maryam Koohestanian, hinten: Tjorven Balser

Der Franzose Xavier Durringer hat sich schwerpunktmäßig mit den Sorgen und Nöten der pubertierenden Jugend zwischen vierzehn und neunzehn beschäftigt und sie in seinen Theaterstücken thematisiert. "Ganze Tage, ganze Nächte" ist eine verbale Collage zu diesem Themenkomplex, die eher von einem gemeinsamen Tenor als von einem stringenten Handlungsfaden zusammengehalten wird.

Vierzehn junge Menschen - zehn Mädchen und vier Jungen - des Theater-Jugendclubs variieren die jugendlichen Nöte szenisch und sprachlich. Zu Beginn erscheint ein schlankes, dunkelhaariges Mädchen in einem Phantasiekostüm und singt ein verträumtes englisches Lied, dann versteckt sie sich hinter einem der auf der Bühne  stehenden Sofas. Nacheinander kommen jetzt die anderen Darsteller einzeln auf die Bühne, zuerst ein schüchterner Verehrer mit zugeknöpftem weißen Hemd, spießigem Pullunder und bravem Haarschnitt, der offensichtlich auf seine Angebetete wartet, dann verschiedene Mädchen mit muffigem, abweisendem, aufsässigem oder gelangweiltem Gesichtsausdruck. Keine(r) will etwas mit dem/der Anderen zu tun haben, jeder hofft jedoch auf das besondere, auf ihn oder sie zielende Ereignis. Alle beklagen jedoch, dass nichts passiert, weil sie nichts zulassen. Annäherungsversuche jeglicher Art oder Kommunikationsangebote werden im besten Falle belächelt oder schroff angekanzelt. Doch stecken dahinter keine Antipathie oder gar Hass auf die Menschheit sondern Unsicherheit und die Angst, in einer wie immer gearteten Beziehung zu den anderen zu verlieren. Da ist die blasierte Arroganz ein sicherer Panzer gegen die Verletzungen und Zumutungen der Umwelt.

^Alexandra Bauer, Canzu Yildiz, Maryam Koohestanian, Diandra Laux
Alexandra Bauer, Canzu Yildiz, Maryam Koohestanian, Diandra Laux

Nacheinander kommen einzelne Protagonisten nach vorne und beichten ihre Sehnsüchte und Ängste dem Publikum als unbeteiligtem Dritten. Andere nehmen später dieselben Texte wieder auf und präsentieren sie zeitversetzt und leicht variiert wie in einer musikalischen Fuge. Wie im "richtigen Leben" gruppieren sich Mädchen und Jungs getrennt, wobei sich die braven, linkischen Mädchen mit Haarschleife und blauem Kleidchen kichernd auf der Couch und mit vorgehaltener Hand zusammenfinden, während die "Punklady" ihre Unsicherheit hinter einem herausforderndem Gesichtsausdruck und deftiger Sprache verbirgt, während andere Mädchen wiederum die abgeklärte Einzelgängerin spielen. Alle hoffen sie auf die glückliche Partnerschaft und haben bisher doch nur Enttäuschungen erlebt, wohl auch, weil ihre Erwartungen zu hoch waren.

Die Jungs dagegen hängen als "Nerds" in schwarzen Klamotten herum - Lederhose, T-Shirt, Ledermantel wie in "Columbine" - und lümmeln sich mit Bierflaschen auf den Couchen herum. Doch auch sie kommen mit ihrer vermeintlichen Macho-Art bei den Mädchen nicht an und leiden darunter. Ihre gegenseitigen Ratschläge kommen aus Klischeevorstelleungen und sind nie wirklich erprobt. Jeder übertrifft den anderen an coolen Sprüchen, doch bei den Mädchen versagt ihre Weisheit. Wenn dann plötzlich ein Dialog zwischen einem Mädchen und einem Jungen entsteht, versiegt er wegen ihrer verschämten Schüchternheit und seiner hinter "Coolness" versteckten Angst vor einem Korb. Der Alkohol spielt dann immer den vermeintlichen Retter, kann man sich doch an einer Flasche gut festhalten und braucht nach drei bis vier Bier sowieso nicht mehr nachzudenken.

Daniel Pabst, Valentin Ehrke, , Lukas Terhalle,  Eric WestphalDaniel Pabst, Valentin Ehrke, , Lukas Terhalle,  Eric Westphal

Das dreht sich eineinhalb Stunden im Kreise, ist jedoch auch so beabsichtigt, denn diese Phase kennt selten eine punktgenaue Zielstrebigkeit oder klare Vorstellungen über die Zukunft. Immer wieder treibt es die jungen Leute zusammen und immer wieder zucken sie vor der Berührung zurück, reagieren aggressiv oder beleidigt, schlagen zu, um einem vermeintlichen Angriff zuvorzukommen. Darunter leiden alle, doch in diesem Alter wissen das die Beteiligten noch nicht sondern halten sich für den einzig Leidenden und die anderen für die "Außenwelt", die weiß, wo es langgeht. Man selbst fühlt sich stets ausgegrenzt oder durch Ausgrenzung bedroht. Das Ergebnis ist ein jahrelang währender Teufelskreis, der sich nur langsam auflöst und den man im fortgesschrittenen Alter leicht vergisst.

Der Theaterpädogoge Martin Meißner hat diese "Collage der Befindlichkeiten" mit den jungen Darstellern zusammen inszeniert und dabei ein beachtliches Niveau erreicht. Die Jugendlichen bringen sich ohne Ausnahme mit viel Engagement ein und verleihen ihren Rollen hohe Glaubwürdigkeit. Wenn auch Unterschiede der schauspielerischen Fähigkeiten nicht zu verkennen sind, ist doch kein einziger Ausfall festzustellen. Einige beeindrucken durch ihre besondere Fähigkeit, aus sich herauszugehen und verschiedene Gemütszustände kompromisslos durchzuspielen, doch keiner spielt die anderen an die Wand oder versucht dies auch nur. Alle Beteiligten zeigen in ihren Interpretationen ein hohes Maß an Empathie für ihre Rollen und die ihrer Mitspieler.

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diese Produktion anzusehen, auch wenn eine Verkürzung auf eine Stunde dem Stück sicherlich gut getan hätte. Das eine oder andere Ensemblemitglied kann man sich später durchaus als professionelle(n) Schauspieler(in) vorstellen. Vielleicht sogar am Staatstheater Darmstadt?

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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