![]() |
Die Wahrheit über die "schöne
Jugend" |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Der Juegendclub des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Xavier Durringers "Ganze Tage, ganze Nächte" | ||||
|
Der Franzose Xavier Durringer
hat sich schwerpunktmäßig mit den Sorgen und Nöten der
pubertierenden Jugend zwischen vierzehn und neunzehn beschäftigt
und sie in seinen Theaterstücken thematisiert. "Ganze Tage, ganze
Nächte" ist eine verbale Collage zu diesem Themenkomplex, die eher
von einem gemeinsamen Tenor als von einem stringenten Handlungsfaden
zusammengehalten wird. Vierzehn junge Menschen - zehn
Mädchen und vier Jungen - des Theater-Jugendclubs variieren
die jugendlichen Nöte szenisch und sprachlich. Zu Beginn erscheint
ein schlankes, dunkelhaariges Mädchen in einem
Phantasiekostüm und singt ein verträumtes englisches Lied,
dann versteckt sie sich hinter einem der auf der Bühne
stehenden Sofas. Nacheinander kommen jetzt die anderen Darsteller
einzeln auf die Bühne, zuerst ein schüchterner Verehrer mit
zugeknöpftem weißen Hemd, spießigem Pullunder und
bravem Haarschnitt, der offensichtlich auf seine Angebetete wartet,
dann verschiedene Mädchen mit muffigem, abweisendem,
aufsässigem oder gelangweiltem Gesichtsausdruck. Keine(r) will
etwas mit dem/der Anderen zu tun haben, jeder hofft jedoch auf das
besondere, auf ihn oder sie zielende Ereignis. Alle beklagen jedoch,
dass nichts passiert, weil sie nichts zulassen.
Annäherungsversuche jeglicher Art oder Kommunikationsangebote
werden im besten Falle belächelt oder schroff angekanzelt. Doch
stecken dahinter keine Antipathie oder gar Hass auf die Menschheit
sondern Unsicherheit und die Angst, in einer wie immer gearteten
Beziehung zu den anderen zu verlieren. Da ist die blasierte Arroganz
ein sicherer Panzer gegen die Verletzungen und Zumutungen der Umwelt.
Nacheinander kommen einzelne
Protagonisten nach vorne und beichten ihre Sehnsüchte und
Ängste dem Publikum als unbeteiligtem Dritten. Andere nehmen
später dieselben Texte wieder auf und präsentieren sie
zeitversetzt und leicht variiert wie in einer musikalischen Fuge. Wie
im "richtigen Leben" gruppieren sich Mädchen und Jungs getrennt,
wobei sich die braven, linkischen Mädchen mit Haarschleife und
blauem Kleidchen kichernd auf der Couch und mit vorgehaltener Hand
zusammenfinden, während die "Punklady" ihre Unsicherheit hinter
einem herausforderndem Gesichtsausdruck und deftiger Sprache verbirgt,
während andere Mädchen wiederum die abgeklärte
Einzelgängerin spielen. Alle hoffen sie auf die glückliche
Partnerschaft und haben bisher doch nur Enttäuschungen erlebt,
wohl auch, weil ihre Erwartungen zu hoch waren. Die Jungs dagegen hängen
als "Nerds" in schwarzen Klamotten herum - Lederhose, T-Shirt,
Ledermantel wie in "Columbine" - und lümmeln sich mit Bierflaschen
auf den Couchen herum. Doch auch sie kommen mit ihrer vermeintlichen
Macho-Art bei den Mädchen nicht an und leiden darunter. Ihre
gegenseitigen Ratschläge kommen aus Klischeevorstelleungen und
sind nie wirklich erprobt. Jeder übertrifft den anderen an coolen
Sprüchen, doch bei den Mädchen versagt ihre Weisheit. Wenn
dann plötzlich ein Dialog zwischen einem Mädchen und einem
Jungen entsteht, versiegt er wegen ihrer verschämten
Schüchternheit und seiner hinter "Coolness" versteckten Angst vor
einem Korb. Der Alkohol spielt dann immer den vermeintlichen Retter,
kann man sich doch an einer Flasche gut festhalten und braucht nach
drei bis vier Bier sowieso nicht mehr nachzudenken.
Das dreht sich eineinhalb
Stunden im Kreise, ist jedoch auch so beabsichtigt, denn diese Phase
kennt selten eine punktgenaue Zielstrebigkeit oder klare Vorstellungen
über die Zukunft. Immer wieder treibt es die jungen Leute zusammen
und immer wieder zucken sie vor der Berührung zurück,
reagieren aggressiv oder beleidigt, schlagen zu, um einem
vermeintlichen Angriff zuvorzukommen. Darunter leiden alle, doch in
diesem Alter wissen das die Beteiligten noch nicht sondern halten sich
für den einzig Leidenden und die anderen für die
"Außenwelt", die weiß, wo es langgeht. Man selbst
fühlt sich stets ausgegrenzt oder durch Ausgrenzung bedroht. Das
Ergebnis ist ein jahrelang währender Teufelskreis, der sich nur
langsam auflöst und den man im fortgesschrittenen Alter leicht
vergisst. Der Theaterpädogoge Martin
Meißner hat diese "Collage der Befindlichkeiten" mit den jungen
Darstellern zusammen inszeniert und dabei ein beachtliches Niveau
erreicht. Die Jugendlichen bringen sich ohne Ausnahme mit viel
Engagement ein und verleihen ihren Rollen hohe Glaubwürdigkeit.
Wenn auch Unterschiede der schauspielerischen Fähigkeiten nicht zu
verkennen sind, ist doch kein einziger Ausfall festzustellen. Einige
beeindrucken durch ihre besondere Fähigkeit, aus sich
herauszugehen und verschiedene Gemütszustände kompromisslos
durchzuspielen, doch keiner spielt die anderen an die Wand oder
versucht dies auch nur. Alle Beteiligten zeigen in ihren
Interpretationen ein hohes Maß an Empathie für ihre Rollen
und die ihrer Mitspieler. Es lohnt sich auf jeden Fall,
sich diese Produktion anzusehen, auch wenn eine Verkürzung auf
eine Stunde dem Stück sicherlich gut getan hätte. Das eine
oder andere Ensemblemitglied kann man sich später durchaus als
professionelle(n) Schauspieler(in) vorstellen. Vielleicht sogar am
Staatstheater Darmstadt? Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara Aumüller |
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |