Der stumme Gesang bewegter Körper

April 2010

























































































































































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Das Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Beethovens Oper "Fidelio" als modernes Ballett




Ludwig van Beethoven hat nur eine Oper geschrieben - "Fidelio". Diese Tatsache zeigt, vor allem angesichts einer opernbesessenen Zeit, dass er sich mit diesem Genre schwer tat. So hat auch die Musikkritik im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte viel an dieser Oper auszusetzen gehabt, weniger an der Musik als an der Logik und der Personenbalance. So kann man durchaus bemängeln, dass die Hauptpersonen eindimensionale Charaktere sind: Florestan so gut wie nicht vorhanden, Leonore von Anfang bis Ende die tapfere Heldin und Pizarro der pure Bösewicht. Auch bleibt der Hintergrund der persönlichen Feindschaft zwischen Florestan und Pizarro im Dunkeln und wird einfach als gegeben vorausgesetzt. Typische "Opern-Konflikte" gibt es nicht oder eher in skurriler Ausprägung. Letzten Endes schildert die Oper lediglich, wie eine tapfere Frau ihren Mann aus dem Kerker des Despoten befreit. Dass dabei noch ein "deus ex machina" in Gestalt des herannahenden Ministers
und Freunds Florestans - das berühmte Hornsignal! - helfen muss, bringt das Libretto sogar in die Nähe des Kitsches. Dass sich Leonore als Mann verkleidet, um als Gehilfe des Kerkermeisters in die Nähe ihres Mannes zu kommen, ist verständlich und ein logisches Handlungselement; dass sich jedoch die Tochter des Kerkermeisters in sie ("ihn") verliebt, hat mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun und dient lediglich zu deren Ausschmückung.

Daniel Gillard (Rocco), Andressa Miyazato (Leonore/Fidelio)
Daniel Gillard (Rocco), Andressa Miyazato (Leonore/Fidelio)

Soweit zum Libretto des "Fidelio". Natürlich bot diese Handlung Beethoven ausreichend Gelegenheit, die dramatischen Aspekte seiner Musik zur Geltung zu bringen, und schon aus diesem Grund steht die Oper auch heute noch - wenn auch seltener - im Repertoire der Opernbühnen. In Darmstadt hat sich jetzt Jochen Ulrich, ein international bekannter Choreograph, als Gast mit Beethovens Oper auseinandergesetzt und sie als Tanztheater unter dem Titel "Ein Engel Leonore" inszeniert. Dieser Titel ist einer Arie Florestans entnommen, die dieser bei seinem ersten Auftreten im Kerker in Erinnerung an seine Frau singt. Die Musik stammt nicht, wie sonst oft üblich, von einer CD: Michael Enders und Bernhard Kießling spielen vierhändig die Klavierversion der Oper von Alexander Zemlinsky und sind dabei während der gesamten Aufführungsdauer auf der Bühne präsent. Auf diese Weise wird Beethovens Musik auch optisch in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und gewinnt einen höheren Stellenwert, als wenn sie von einer elektronischen Konserve käme.

Das Bühnenbild besteht aus einer raumhohen, halbkreisförmigen Wand, die sich über die gesamte Bühne erstreckt. Das grün-graue Muster verbreitet auf den ersten Blick den Eindruck einer Kerkermauer aus Beton, erinnert jedoch auch an Birken, die ja bekanntlich in der russischen Taiga, Standort so manchen Gulags, die Flora prägen. Diese zweite Interpretation stützt auch der Schnee, der bereits zu Beginn auf der Bühne liegt und in der Folgezeit vom (Bühnen-)Himmel fällt. Die Kostüme spiegeln ein abstrahiertes 19. Jahrhundert ohne genaue Datierung wider und unterstreichen damit den Verzicht auf eine plakative Aktualisierung. Der Flügel steht auf der Drehbühne und bewegt sich mit dieser in bestimmten Szenen über die Bühne, auf diese Weise das "Orchester" in die Bühnenhandlung integrierend.

Simone Deriu (Florestan) und Ensemble
Simone Deriu (Florestan) und Ensemble

Ulrich hat sich über das Libretto Gedanken gemacht und folgerichtig den Schluss gezogen, dass die eigentliche Hauptperson der Kerkermeister Rocco ist. Naive Rezipienten der Oper sehen in dieser "Nebenrolle" gerne einen gutmütigen Mann, der sich mehr um die Zukunft seiner Tochter als um den Lauf der Welt schert, dem aber die Gefangenen leid tun. Er hat halt das Amt des Kerkermeisters und muss daraus das Beste machen. Über Recht und Unrecht angesichts der leidenden Gefangenen denkt er nicht nach. Hier bietet sich natürlich der Vergleich mit den KZ-Wächtern an, die außerhalb ihres fürcherlichen Berufes herzliche Familienväter und Tierfreunde waren. Doch Ulrich widersteht der Versuchung, diese Analogie plakativ in den Vordergrund zu rücken, und überlässt sie der Phantasie und der Reflexion der Zuschauer. Rocco gerät trotz seines "Arrangements" mit seiner Tätigkeit in einen schweren inneren Konflikt. Fällt ihm die zeitweise Freilassung der Gefangenen in den Gefängnishof - Anlass für Beethovens berühmten Gefangenenchor - noch leicht, obwohl er auch damit schon Pizarros Unwillen weckt, so stürzt ihn dessen Befehl, Florestan zu töten, in schwere innere Konflikte. Zwar weiß er nicht, dass sein neuer Gehilfe Fidelio dessen Gattin Leonore ist, doch sein genuines Mitgefühl lässt ihn die Schwere dieser Aufgabe erkennen und diese verweigern. Schon der Befehl, tief im Kerker ein Grab - für Florestan - auszuheben, ist ihm zutiefst zuwider. Und in einer spontanen menschlichen Regung gibt er dem Todgeweihten zu trinken.

Ulrich stellt denn auch Rocco neben Leonore in den Mittelpunkt seiner Inszenierung und lässt dessen inneren Zwiespalt tänzerisch deutlich werden. Neben ihm sind noch seine Tochter Marzelline, der Pförtner und Marzellines Verehrer Jaquino und der Gouverneur Pizarro eindeutig bestimmten Ensemblemitgliedern zugeordnet. Leonore und Florestan jedoch werden sozusagen multipliziert und in viele Facetten zerlegt, da das Libretto der Oper selbst außer dem Gefangenenchor keine weiteren Personen zulässt. Florestans "Doppelgänger" stellen dabei zugleich die anderen Gefangenen dar, während Leonores "Wiedergängerinnen" die einzige Aufgabe haben, diese Figur tänzerisch stärker auszuleuchten.

Victoria Viles (Marzelline), im Hintergrund: Berhard Kießig und Joachim Enders (Pianisten)
Victoria Viles (Marzelline), im Hintergrund: Berhard Kießig und Joachim Enders (Pianisten)

Die beiden Pianisten spielen die gesamte Klavierversion, die auch den Melodieteil aller Arien enthält. Wer die Oper kennt, hört lautlos die gesungenen Texte mit, und die Aufgabe der Tänzer ist es, diesen nicht gesungenen Texten eine körperliche Entsprechung zu verleihen. Es geht also weniger darum, die jeweilige seelische Befindlichkeit der Protagonisten tänzerisch darzustellen, sondern die Arien, Duette, Terzette und Quartette mit den Körpern zu singen. Das gelingt den Darstellern auf überzeugende Weise, evozieren sie doch, wie bereits erwähnt, die entsprechenden Gesangstexte buchstäblich in den Köpfen der Zuhörer. Und das liegt nicht etwa an den vom Flügel vorgegebenen Melodien, obwohl die auch ihren Beitrag leisten, sondern im Wesentlichen durch Körperhaltung und -ausdruck der Darsteller auf der Bühne. Dabei bedienen sie sich nicht eines stummen Playbacks, sondern lassen ihre Körper mehr denn ihre Mimik sprechen.

Jochen Ulrich übernimmt die Personenorientierung der Oper in diesem Fall auch für das Tanztheater. Während dort oft das Kollektiv über dem Solisten steht, schälen sich bei dieser programmatischen Choreographie einzelne Darsteller heraus. Im Mittelpunkt stehen Andressa Miyazato als "Erste Leonore" und Daniel Gillard als Rocco. Wer Gillard später bei der Premierenfeier sah, war erstaunt ob der Jugend des Darstellers, denn auf der Bühne prägen ihn die Bürde seines Amtes, des schrecklichen Konfliktes und - natürlich auch - ein dichter grauer Bart. Gillard haucht dieser konfliktbeladenen Figur Leben ein und drückt ihre Zerrissenheit durch ein expressives Körperspiel aus. Andressa Miyazato hat hinsichtlich innerer Konflikte wegen der Eindimensionalität ihrer Rolle (s. oben) weniger Möglichkeiten der Darstellung, nutzt diese aber konsequent, so wenn sie in der Kerkerszene Florestan gegenüber mühsam ihre Identität verbirgt oder wenn sie versucht, Marzellines stürmischen Liebesbekundungen abzuwehren. Ansonsten betont sie die stolze, selbstbewusste Haltung dieser durchaus idealisierten Frauenfigur. Ihr zur Seite stehen die anderen weiblichen Mitglieder des Tanzemsembles, die dieser Figur auf vielfältige Weise Leben einhauchen.

László Kocsis (Pizarro), Daniel Gillard (Rocco)
László Kocsis (Pizarro), Daniel Gillard (Rocco)

Victoria Viles ist eine temperamentvolle Marzelline, die mit der Begeisterung und Verliebtheit der Jugend die ganze Welt umarmen möchte und doch am Schluss am ungeliebten Jaquino hängenbleiben wird. Diesen tanzt Anthony Kirk mit der gebotenen Dienstboden-Beflissenheit, viel vergeblicher Liebesmüh (um Marzelline) und einem Schuss Eifersucht. Die ganz spezifischen Emotionen kommen bei ihm wie bei den anderen Rollen durchaus realistisch zum Ausdruck. László Kocsis zeigt als Gouvereur Pizarro das nötige Maß an arroganter Herrscherattitüde, droht und kommandiert und lässt sich von den anderen Tänzern wie auf einer Sänfte über die Bühne tragen. Wenn er erscheint, verbreitet er jedesmal Angst und Schrecken und wird für die anderen Protagonisten zum Albtraum. Simone Deriu schließlich ist der "erste Florestan", hat aber über die Darstellung des Leids und der seligen Erinnerung an seine Frau - "ein Engel Leonore" - nicht viel Gelegenheit, sich tänzerisch oder darstellerisch zu betätigen. Was ihm Libretto und Choreographie ermöglichen, führt er überzeugend aus, doch über lange Strecken darf er nur entkräftet auf dem Boden liegen.

Erstaunlicherweise wird die Handlung auch ohne Worte aus den Bewegungen der Tänzer verständlich. Natürlich spielen dabei auch die Kostüme - Gouverneursuniform - und die Requisiten - Spaten, Dolch und Pistole - eine Rolle, doch der eigentliche Handlungsfaden ergibt sich aus der überzeugenden tänzerisch-darstellerischen Leistung aller Beteiligten. Eine hohe physische Belastung stellte dieses Mal neben dem reinen Tanz auch die Musik dar, mussten doch die beiden Musiker nahezu pausenlos zwei Stunden lang ein ganzes Orchester ersetzen, dessen Mitglieder sich normalerweise zwischendurch immer entspannen können, vor allem, wenn sie unsichtbar im Graben sitzen. Dieses Orchester war jedoch nicht nur permanent gefordert sondern auch stets sichtbar. Sie meisterten ihren Part ebenso souverän wie die tanzende Truppe.

Das Premierenpublikum war begeistert und spendete nicht nur kräftigen Beifall, sondern auch "Bravo"-Rufe für Darsteller und Choreographen.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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