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Der
stumme Gesang bewegter Körper |
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Das Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Beethovens Oper "Fidelio" als modernes Ballett | ||||
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Soweit zum Libretto des
"Fidelio". Natürlich bot diese Handlung Beethoven ausreichend
Gelegenheit, die dramatischen Aspekte seiner Musik zur Geltung zu
bringen, und schon aus diesem Grund steht die Oper auch heute noch -
wenn auch seltener - im Repertoire der Opernbühnen. In Darmstadt
hat sich jetzt Jochen Ulrich, ein international bekannter Choreograph,
als Gast mit Beethovens Oper auseinandergesetzt und sie als Tanztheater
unter dem Titel "Ein Engel Leonore" inszeniert. Dieser Titel ist einer
Arie Florestans entnommen, die dieser bei seinem ersten Auftreten im
Kerker in Erinnerung an seine Frau singt. Die Musik stammt nicht, wie
sonst oft üblich, von einer CD: Michael Enders und Bernhard
Kießling spielen vierhändig die Klavierversion der Oper von
Alexander Zemlinsky und sind dabei während der gesamten
Aufführungsdauer auf der Bühne präsent. Auf diese Weise
wird Beethovens Musik auch optisch in den Mittelpunkt des Interesses
gerückt und gewinnt einen höheren Stellenwert, als wenn sie
von einer elektronischen Konserve käme. Das Bühnenbild besteht aus
einer raumhohen, halbkreisförmigen Wand, die sich über die
gesamte Bühne erstreckt. Das grün-graue Muster verbreitet auf
den ersten Blick den Eindruck einer Kerkermauer aus Beton, erinnert
jedoch auch an Birken, die ja bekanntlich in der russischen Taiga,
Standort so manchen Gulags, die Flora prägen. Diese zweite
Interpretation stützt auch der Schnee, der bereits zu Beginn auf
der Bühne liegt und in der Folgezeit vom (Bühnen-)Himmel
fällt. Die Kostüme spiegeln ein abstrahiertes 19. Jahrhundert
ohne genaue Datierung wider und unterstreichen damit den Verzicht auf
eine plakative Aktualisierung. Der Flügel steht auf der
Drehbühne und bewegt sich mit dieser in bestimmten Szenen
über die Bühne, auf diese Weise das "Orchester" in die
Bühnenhandlung integrierend.
Ulrich hat sich über das
Libretto Gedanken gemacht und folgerichtig den Schluss gezogen, dass
die eigentliche Hauptperson der Kerkermeister Rocco ist. Naive
Rezipienten der Oper sehen in dieser "Nebenrolle" gerne einen
gutmütigen Mann, der sich mehr um die Zukunft seiner Tochter als
um den Lauf der Welt schert, dem aber die Gefangenen leid tun. Er hat
halt das Amt des Kerkermeisters und muss daraus das Beste machen.
Über Recht und Unrecht angesichts der leidenden Gefangenen denkt
er nicht nach. Hier bietet sich natürlich der Vergleich mit den
KZ-Wächtern an, die außerhalb ihres fürcherlichen
Berufes herzliche Familienväter und Tierfreunde waren. Doch Ulrich
widersteht der Versuchung, diese Analogie plakativ in den Vordergrund
zu rücken, und überlässt sie der Phantasie und der
Reflexion der Zuschauer. Rocco gerät trotz seines "Arrangements"
mit seiner Tätigkeit in einen schweren inneren Konflikt.
Fällt ihm die zeitweise Freilassung der Gefangenen in den
Gefängnishof - Anlass für Beethovens berühmten
Gefangenenchor - noch leicht, obwohl er auch damit schon Pizarros
Unwillen weckt, so stürzt ihn dessen Befehl, Florestan zu
töten, in schwere innere Konflikte. Zwar weiß er nicht, dass
sein neuer Gehilfe Fidelio dessen Gattin Leonore ist, doch sein
genuines Mitgefühl lässt ihn die Schwere dieser Aufgabe
erkennen und diese verweigern. Schon der Befehl, tief im Kerker ein
Grab - für Florestan - auszuheben, ist ihm zutiefst zuwider. Und in einer
spontanen menschlichen Regung gibt er dem Todgeweihten zu trinken. Ulrich stellt denn auch Rocco
neben Leonore in den Mittelpunkt seiner Inszenierung und lässt
dessen inneren Zwiespalt tänzerisch deutlich werden. Neben ihm
sind noch seine Tochter Marzelline, der Pförtner und Marzellines
Verehrer Jaquino und der Gouverneur Pizarro eindeutig bestimmten Ensemblemitgliedern zugeordnet. Leonore und Florestan jedoch
werden sozusagen multipliziert und in viele Facetten zerlegt, da das
Libretto der Oper selbst außer dem Gefangenenchor keine weiteren
Personen zulässt. Florestans "Doppelgänger" stellen dabei
zugleich die anderen Gefangenen dar, während Leonores
"Wiedergängerinnen" die einzige Aufgabe haben, diese Figur
tänzerisch stärker auszuleuchten.
Die beiden Pianisten spielen die
gesamte Klavierversion, die auch den Melodieteil aller Arien
enthält. Wer die Oper kennt, hört lautlos die gesungenen
Texte mit, und die Aufgabe der Tänzer ist es, diesen nicht
gesungenen Texten eine körperliche Entsprechung zu verleihen. Es
geht also weniger darum, die jeweilige seelische Befindlichkeit der
Protagonisten tänzerisch darzustellen, sondern die Arien, Duette,
Terzette und Quartette mit den Körpern zu singen. Das gelingt den
Darstellern auf überzeugende Weise, evozieren sie doch, wie
bereits erwähnt, die entsprechenden Gesangstexte buchstäblich
in den Köpfen der Zuhörer. Und das liegt nicht etwa an den
vom Flügel vorgegebenen Melodien, obwohl die auch ihren Beitrag
leisten, sondern im Wesentlichen durch Körperhaltung und -ausdruck
der Darsteller auf der Bühne. Dabei bedienen sie sich nicht eines
stummen Playbacks, sondern lassen ihre Körper mehr denn ihre Mimik
sprechen. Jochen Ulrich übernimmt die
Personenorientierung der Oper in diesem Fall auch für das
Tanztheater. Während dort oft das Kollektiv über dem Solisten
steht, schälen sich bei dieser programmatischen Choreographie
einzelne Darsteller heraus. Im Mittelpunkt stehen Andressa Miyazato als
"Erste Leonore" und Daniel Gillard als Rocco. Wer Gillard später
bei der Premierenfeier sah, war erstaunt ob der Jugend des Darstellers,
denn auf der Bühne prägen ihn die Bürde seines Amtes,
des schrecklichen Konfliktes und - natürlich auch - ein dichter
grauer Bart. Gillard haucht dieser konfliktbeladenen Figur Leben ein
und drückt ihre Zerrissenheit durch ein expressives
Körperspiel aus. Andressa Miyazato hat hinsichtlich innerer
Konflikte wegen der Eindimensionalität ihrer Rolle (s. oben)
weniger Möglichkeiten der Darstellung, nutzt diese aber
konsequent, so wenn sie in der Kerkerszene Florestan gegenüber
mühsam ihre Identität verbirgt oder wenn sie versucht,
Marzellines stürmischen Liebesbekundungen abzuwehren. Ansonsten
betont sie die stolze, selbstbewusste Haltung dieser durchaus
idealisierten Frauenfigur. Ihr zur Seite stehen die anderen weiblichen
Mitglieder des Tanzemsembles, die dieser Figur auf vielfältige
Weise Leben einhauchen.
Victoria Viles ist eine
temperamentvolle Marzelline, die mit der Begeisterung und Verliebtheit
der Jugend die ganze Welt umarmen möchte und doch am Schluss am
ungeliebten Jaquino hängenbleiben wird. Diesen tanzt Anthony Kirk
mit der gebotenen Dienstboden-Beflissenheit, viel vergeblicher
Liebesmüh (um Marzelline) und einem Schuss Eifersucht. Die ganz
spezifischen Emotionen kommen bei ihm wie bei den anderen Rollen
durchaus realistisch zum Ausdruck. László Kocsis zeigt
als Gouvereur Pizarro das nötige Maß an arroganter
Herrscherattitüde, droht und kommandiert und lässt sich von
den anderen Tänzern wie auf einer Sänfte über die
Bühne tragen. Wenn er erscheint, verbreitet er jedesmal Angst und
Schrecken und wird für die anderen Protagonisten zum Albtraum.
Simone Deriu schließlich ist der "erste Florestan", hat aber
über die Darstellung des Leids und der seligen Erinnerung an seine
Frau - "ein Engel Leonore" - nicht viel Gelegenheit, sich
tänzerisch oder darstellerisch zu betätigen. Was ihm Libretto
und Choreographie ermöglichen, führt er überzeugend aus,
doch über lange Strecken darf er nur entkräftet auf dem Boden
liegen. Erstaunlicherweise wird die
Handlung auch ohne Worte aus den Bewegungen der Tänzer
verständlich. Natürlich spielen dabei auch die Kostüme -
Gouverneursuniform - und die Requisiten - Spaten, Dolch und Pistole -
eine Rolle, doch der eigentliche Handlungsfaden ergibt sich aus der
überzeugenden tänzerisch-darstellerischen Leistung aller
Beteiligten. Eine hohe physische Belastung stellte dieses Mal neben dem
reinen Tanz auch die Musik dar, mussten doch die beiden Musiker nahezu
pausenlos zwei Stunden lang ein ganzes Orchester ersetzen, dessen
Mitglieder sich normalerweise zwischendurch immer entspannen
können, vor allem, wenn sie unsichtbar im Graben sitzen. Dieses
Orchester war jedoch nicht nur permanent gefordert sondern auch stets
sichtbar. Sie meisterten ihren Part ebenso souverän wie die
tanzende Truppe. Das Premierenpublikum war
begeistert und spendete nicht nur kräftigen Beifall, sondern auch
"Bravo"-Rufe für Darsteller und Choreographen. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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