Die Kälte des Testosterons

April 2010




















































































































































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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert in den Kammerspielen Edward Bonds "Männergesellschaft"




Geld- und Machtgier stehen in dieser Theatersaison beim Darmstädter Schauspiel im Vordergrund. Nach Arthur Millers Drama "Alle meine Söhne" um Schuld und Sühne im Waffengeschäft steht in Edward Bonds "Männergesellschaft" ein ähnliches Thema im MIttelpunkt. Nur geht es hier nicht in erster Linie um den fragwürdigen Charakter der Waffenproduktion sondern um den nackten Machtkampf im Geschäftsleben, vor allem dort, wo es sich um große Unternehmen und lukrative Geschäfte dreht. Das zeitgenössische Stück - im Jahr 1995 entstanden - könnte mit nur leichten Änderungen in fast jeder Branche spielen, geht es doch vor allem um die Eiseskälte, mit der bestimmte Marktteilnehmer ihre Interessen verfolgen. Dabei wird auch bald klar, dass es weniger um das Geld als Konsumwert geht sondern einzig und allein um  das Prestige und die Macht. Sibylle Broll-Pape hat dies in ihrer Inszenierung durch
eine geradezu spürbare Kälte plastisch ausgedrückt. Das Einzige, was man in dieser Eiseskälte spürt, ist das Testosteron der Protagonisten, denen es allen nur um den eigenen Vorteil und die Demütigung des Gegners geht. Bei diesem Geschäft gibt es keine Freunde sondern nur temporäre Komplizen, und Todesfälle sind gewollt oder werden als Kollateralschaden billigend in Kauf genommen.

Ulrich Cyran (Oldfield), István Vincze (Leonard Oldfield)
Ulrich Cyran (Oldfield), István Vincze (Leonard Oldfield)

Der alte Oldfield führt eine Waffenfabrik und hat gerade den Versuch einer feindlichen Übernahme durch den Konkurrenten Hammond abgeschmettert. Sein Sohn Leonard möchte unbedingt in den Vorstand der Firma, um sein Ego aufzuwerten, Oldfield lehnt dies jedoch unter verschiedenen Vorwänden ab. Man ahnt, dass er Leonard (noch) nicht reif genug für diesen Posten hält. Da kommt das Angebot von Oldfields engstem Berater Dodds gerade recht, der Leonard vorschlägt, die kurz vor der Pleite stehende Firma des Spielers und Trinkers Willbraham zu kaufen, um sich damit die ersten Sporen im Geschäftsleben zu verdienen. Natürlich darf Leonards Vater davon nichts wissen, da er die Transaktion höchstwahrscheinllich verhindern würde. Da Willbrahams Gläubiger schriftlich auf ihre Forderungen verzichten, scheint der "deal" für Leonard weitgehend risikofrei zu sein, und er leiht sich mit Dodds' Hilfe das Geld für die Übernahme. Im Bewusstsein seiner Macht demütigt er in einem persönlichen Gespräch den Firmeneigner Willbraham, fordert für sich den Direktorenposten und wirft Willbraham anschließend hinaus. Die anderen Manager der Firma werden voraussichtlich dasselbe Schicksal erleiden.

Noch während er sich seines "Coups" erfreut, erklärt ihm der verhasste Hammond, dass er den Gläubigern vor deren Verzicht über neunzig Prozent der Forderungen abgekauft habe und diese sofort einfordern wird, wenn Leonard ihm nicht die Mehrheit der Oldfieldschen Waffenfabrik nach dem Tod des Inhabers verspricht. Leonard sitzt in der Falle und muss erklennen, dass Hammond diese Intrige ausgerechnet mit Dodds ausgeheckt hat, dem Leonard als altem Firmenberater bedingungslos vertraut hat. Bei einem Jagdausflug anlässlich der abgewehrten feindlichen Übernahme erwägt Leonard, seinen eigenen Vater, der ihn eigentlich nur  adoptiert hat, zu erschießen und dies als tragischen Unfall zu tarnen. Danach könnte er sich als Erbe der Waffenfirma mit Hammond auf irgendeine Weise arrangieren. Doch der Hausdiener, ehemaliger Marinesoldat und Alkoholiker, verhindert den Mord im letzten Moment und wird von Oldfield auf der Stelle gefeuert, weil der die Hintergründe seiner Tätlichkeit gegen Leonard nicht versteht.

Leonard sieht jetzt keine Möglichkeit mehr, die Situation zu retten, und flieht zu dem gefeuerten Hausdiener in dessen trostlose Bleibe, während Hammond seinen Komplizen Dodds beschimpft, die Sache nicht professionell eingefädelt zu haben. Denn nur über den Erben Leonard kommt er in den Besitz der Firma. Offenbart der sich nicht seinem Adoptivvater, ist für Hammond und den mitbeteiligten Dodds die Intrige geplatzt. Doch Leonard kann sich seinen Gewissensbissen nicht entziehen und weiß, dass er nicht ewig bei dem immer tiefer sinkenden Hausdiener leben kann. So geht er zu seinem Vater, der sich jedoch mittlerweile enttäuscht von seinem "desertierten" Adoptivsohn abgewandt hat, und beichtet ihm seine desaströsen Geschäfte. In einem emotional hoch aufgeladenen Streit packen beide ihre Vorwürfe, Vorstellungen, Wünsche und Enttäuschungen auf den Tisch, und am Ende scheint sich eine Verständigung anzubahnen, so dass Oldfield das ominöse und von Hammond so dringend benötigte Testament zu Leonards Gunsten zu unterschreiben bereit ist. Allerdings im Einverständnis, Hammond und Dodds einen Strich durch die Rechnung zu machen. Doch als Leonard seinem Vater noch etwas beichtet, endet dies in der Katastrophe.

Simon Köslich (Bartley), Matthias Kleinert (Hammond), István Vincze (Leonard Oldfield)
Matthias Kleinert (Hammond), István Vincze (Leonard Oldfield)

Wir wollen an dieser Stelle nicht die gesamte Handlung offenlegen, denn schließlich hat Bonds Stück etwas von einem Kriminalroman und wartet immer wieder mit überraschenden Momenten auf. Soviel sei nur gesagt, dass nicht alle Beteiligten überleben und dass sich das "Gute" mitnichten durchsetzt.

Bond bürstet in seinem Stück eine Reihe von wohlbekannten englischen Theaterklischees gegen den Strich. So ist der engste Berater des Firmenchefs - in anderen Stücken wahlweise Butler oder Rechtsanwalt - eben nicht bis zum Tod in ewiger Nibelungentreue erstarrt, sondern betrügt seinen eigenen Arbeitgeber nach Strich und Faden. Eigentlich kennt Dodds gar keine Loyalitäten und antwortet auf einen entsprechenden Vorwurf Leonards mit der lakonischen Feststellung, auch er verdiene seinen Teil an der Intrige. Der Hausdiener, üblicherweise eine eher beflissene und "unsichtbare" Figur, ist hier ein notorischer Trinker und Lauscher. Unverschämt horcht er die Gespräche seines Arbeitgebers aus, mischt sich ein, widerspricht und geht allen auf die Nerven. Man wundert sich, dass Oldfield in nicht schon längst gefeuert hat. Dabei spielt er nicht die Rolle des vernünftigen und aufgeklärten Dieners, der die Schwächen seiner Herrschaft denunziert und geschickt ausnützt, wie wir es von Beaumarchais kennen, sondern dieser Hausdiener ist einfach ein gescheitertes Subjekt, das  sich mit seinem Versagen nicht abfinden kann und sich mit Alkohol tröstet. Es gibt bei Bond keine Hoffnungsträger oder Antipoden der Bösewichter. Bei ihm sind alle am Ende, entweder sozial oder moralisch oder beides.

Das Waffengeschäft wird nur einmal thematisiert, wenn Hammond seinem Opfer Leonard in onkelhafter Jovialität erklärt, warum er die Waffenfabrik braucht: er handele mit Lebensmitteln, aber die seien vor allem in Entwicklungsländern eng mit Waffen verbunden. Dort brauche man abwechselnd Waffen und Nahrung, und wer nicht beides aus einer Hand bieten könne, mache letztlich auch nicht das große Geschäft. Doch hier sehen wir Bond nicht unbedingt als großen Moralisten mit dem Zeigefinger sondern eher als kalten Realisten, der den Gang der Welt erkannt hat und den Finger auf die Wunde legt. Hammond wirkt fast freundlich bei seinen Ausführungen, und Matthias Kleinert legt diese Figur bewusst nicht als Knallcharge des Bösen sondern als kühl kalkulierenden Geschäftsmann an, der sich Sentimentalitäten nicht leisten kann.

Am Schluss zeigt sich, dass diejenigen, die Gewissensbisse oder Emotionen zeigen, letztlich die Verlierer sind, weil sie nicht mehr instinktiv kämpfen können. Sie sterben entweder buchstäblich an gebrochenem Herzen oder erstarren in innerer Bewegungslosigkeit, die zwangsläufig in den Tod führt. Nur die Gewissenlosen überleben, und diese Erkenntnis kommt in Bonds Stück als Tatsache, nicht als empörter Aufschrei zum Ausdruck. Die Verhältnisse, sie sind so.

Es ist auch kein Zufall, dass es in diesem Stück keine Frauenrollen gibt. Edward Bond hat sich absichtlich die übliche Männergesellschaft des Geschäftslebens als Vorlage genommen. Kalte Machtgier - Geldgier ist nur ein Symptom dieses Triebs - und Verneinung jeglicher Loyalität oder gar Solidarität schreibt er - jedenfalls in diesem Stück - hauptsächlich den Männern zu, deren Testosteronspiegel sie dazu treibt, alle denkbaren Konkurrenten auszuschalten. Und dies nicht aus einem zielgerichteten Grund und zu einem bestimmten Zweck, sondern allein um des Sieges willen. Hammond will Oldfield ausschalten und dieser Hammond. Punkt! Wenn dabei noch ein Gewinn abfällt, umso besser.

Matthias Kleinert (Hammond),  Andreas Manz (Wilbraham), Harald Schneider (Dodds)Matthias Kleinert (Hammond),  Andreas Manz (Wilbraham), Harald Schneider (Dodds)

Man hätte dieses abendfüllende Stück durchaus auch im Kleinen Haus inszenieren können. Die Wahl fiel jedoch offensichtlich bewusst auf die Kammerspiele, denn diese schaffen mehr Nähe und Dichte als das immer ein wenig mit Distanz behaftete "offizielle" Theater, und außerdem verstärkt das nüchterne schwarze Interieur der Kammerspiele die Kälte und Kompromisslosigkeit der Inszenierung. Es graust einen buchstäblich angesichts der düsteren Umgebung und der perfiden Intrigen. Die Requisiten sind auf das Nötigste reduziert - ein paar Sitzmöbel -, und auf einer mannshohen Videoleinwand sieht man entweder die gleiche Szene, die sich gerade auf der Bühne abspielt, oder eine komplementäre, die das jeweilige Geschehen sozusagen aus einer anderen Perspektive kommentiert. Die Aufnahmen rücken die Gesichter der Agierenden wie an einem Pranger mitleidlos in den Vordergrund und stellen den jeweils Gezeigten bloß. In diesem Kreis der eiskalten Geschäftemacher gibt es nichts Privates, Intimes, und selbst der Tod wird am Ende zum Videospektakel, das die anderen mit kühlen Kommentaren begleiten.

Die Männergesellschaft der Darsteller interpretiert Bonds Stück auf konsequente und geradezu mitleidlose Weise. Ulrich Cyran verleiht dem Patriarch Oldfield eine verzweifelte Würde, die dieser bis zum Schluss aufrecht erhalten will, und bringt auch die Zerrissenheit dieser Figur zwischen Sohnesliebe und Geschäftssinn überzeugend zum Ausdruck. István Vincze verleiht Oldfields Adoptivsohn Leonard gerade die richtige Mischung aus jugendlichem Hochmut, Selbstüberschätzung und Naivität. Andreas Manz markiert mit dem Spieler und Trinker Willbraham das untere Ende der sozialen Skala und lässt die Selbstentwürdigung Fleisch und Blut werden. Matthias Kleinert brilliert mit Minimalismus, indem er gerade durch den Verzicht auf expressive Mittel die Kälte und Abgefeimtheit des Strategen Hammond zeigt. Harald Schneider kommt als Dodds mit einem Pokergesicht daher, das hinter seiner Beflissenheit Verrat und Geldgier versteckt.  Dagegen überzieht Simon Köslich die exzentrischen Aspekte des Bediensteten Bartley soweit, dass dieser nahezu surreale Züge annimmt.

Stück und Inszenierung fallen sicher nicht unter die Rubrik eines "schönen Theaterabends", doch abschütteln kann man diese zwei Stunden so schnell nicht.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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