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Die
Kälte des Testosterons |
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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert in den Kammerspielen Edward Bonds "Männergesellschaft" | ||||
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Der alte Oldfield führt
eine Waffenfabrik und hat gerade den Versuch einer feindlichen
Übernahme durch den Konkurrenten Hammond abgeschmettert. Sein Sohn
Leonard möchte unbedingt in den Vorstand der Firma, um sein Ego
aufzuwerten, Oldfield lehnt dies jedoch unter verschiedenen
Vorwänden ab. Man ahnt, dass er Leonard (noch) nicht reif genug
für diesen Posten hält. Da kommt das Angebot von Oldfields
engstem Berater Dodds gerade recht, der Leonard vorschlägt, die
kurz vor der Pleite stehende Firma des Spielers und Trinkers Willbraham
zu kaufen, um sich damit die ersten Sporen im Geschäftsleben zu
verdienen. Natürlich darf Leonards Vater davon nichts wissen, da
er die Transaktion höchstwahrscheinllich verhindern würde. Da
Willbrahams Gläubiger schriftlich auf ihre Forderungen verzichten,
scheint der "deal" für Leonard weitgehend risikofrei zu sein, und
er leiht sich mit Dodds' Hilfe das Geld für die Übernahme. Im
Bewusstsein seiner Macht demütigt er in einem persönlichen
Gespräch den Firmeneigner Willbraham, fordert für sich den
Direktorenposten und wirft Willbraham anschließend hinaus. Die
anderen Manager der Firma werden voraussichtlich dasselbe Schicksal
erleiden. Noch während er sich seines
"Coups" erfreut, erklärt ihm der verhasste Hammond, dass er den
Gläubigern vor deren Verzicht über neunzig Prozent der
Forderungen abgekauft habe und diese sofort einfordern wird, wenn
Leonard ihm nicht die Mehrheit der Oldfieldschen Waffenfabrik nach dem
Tod des Inhabers verspricht. Leonard sitzt in der Falle und muss
erklennen, dass Hammond diese Intrige ausgerechnet mit Dodds ausgeheckt
hat, dem Leonard als altem Firmenberater bedingungslos vertraut hat.
Bei einem Jagdausflug anlässlich der abgewehrten feindlichen
Übernahme erwägt Leonard, seinen eigenen Vater, der
ihn eigentlich nur adoptiert hat, zu erschießen und dies
als
tragischen Unfall zu tarnen. Danach könnte er sich als Erbe der
Waffenfirma mit Hammond auf irgendeine Weise arrangieren. Doch der
Hausdiener, ehemaliger Marinesoldat und Alkoholiker,
verhindert den Mord im letzten Moment und wird von Oldfield auf der
Stelle gefeuert, weil der die Hintergründe seiner Tätlichkeit
gegen Leonard nicht versteht. Leonard sieht jetzt keine
Möglichkeit mehr, die Situation zu retten, und flieht zu dem
gefeuerten Hausdiener in dessen trostlose Bleibe, während Hammond
seinen Komplizen Dodds beschimpft, die Sache nicht professionell
eingefädelt zu haben. Denn nur über den Erben Leonard kommt
er in den Besitz der Firma. Offenbart der sich nicht seinem
Adoptivvater, ist für Hammond und den mitbeteiligten Dodds die
Intrige geplatzt. Doch Leonard kann sich seinen Gewissensbissen nicht
entziehen und weiß, dass er nicht ewig bei dem immer tiefer
sinkenden Hausdiener leben kann. So geht er zu seinem Vater, der sich
jedoch mittlerweile enttäuscht von seinem "desertierten"
Adoptivsohn abgewandt hat, und beichtet ihm seine desaströsen
Geschäfte. In einem emotional hoch aufgeladenen Streit packen
beide ihre Vorwürfe, Vorstellungen, Wünsche und
Enttäuschungen auf den Tisch, und am Ende scheint sich eine
Verständigung anzubahnen, so dass Oldfield das ominöse und
von Hammond so dringend benötigte Testament zu Leonards Gunsten zu
unterschreiben bereit ist. Allerdings im Einverständnis, Hammond
und Dodds einen Strich durch die Rechnung zu machen. Doch als Leonard
seinem Vater noch etwas beichtet, endet dies in der Katastrophe.
Wir wollen an dieser Stelle
nicht die gesamte Handlung offenlegen, denn schließlich hat Bonds
Stück etwas von einem Kriminalroman und wartet immer wieder mit
überraschenden Momenten auf. Soviel sei nur gesagt, dass nicht
alle Beteiligten überleben und dass sich das "Gute" mitnichten
durchsetzt. Bond bürstet in seinem
Stück eine Reihe von wohlbekannten englischen Theaterklischees
gegen den Strich. So ist der engste Berater des Firmenchefs - in
anderen Stücken wahlweise Butler oder Rechtsanwalt - eben nicht
bis zum Tod in ewiger Nibelungentreue erstarrt, sondern
betrügt seinen eigenen Arbeitgeber nach Strich und Faden.
Eigentlich kennt Dodds gar keine Loyalitäten und antwortet auf
einen entsprechenden Vorwurf Leonards mit der lakonischen Feststellung,
auch er verdiene seinen Teil an der Intrige. Der Hausdiener,
üblicherweise eine eher beflissene und "unsichtbare" Figur, ist
hier ein notorischer Trinker und Lauscher. Unverschämt horcht er
die Gespräche seines Arbeitgebers aus, mischt sich ein,
widerspricht
und geht allen auf die Nerven. Man wundert sich, dass Oldfield in nicht
schon längst gefeuert hat. Dabei spielt er nicht die Rolle des
vernünftigen und aufgeklärten Dieners, der die Schwächen
seiner Herrschaft denunziert und geschickt ausnützt, wie wir es
von Beaumarchais kennen, sondern dieser Hausdiener ist einfach ein
gescheitertes Subjekt, das sich mit seinem Versagen nicht
abfinden kann und sich mit Alkohol tröstet. Es gibt bei Bond keine
Hoffnungsträger oder Antipoden der Bösewichter. Bei ihm sind
alle am Ende, entweder sozial oder moralisch oder beides. Das Waffengeschäft wird
nur einmal thematisiert, wenn Hammond seinem Opfer Leonard in
onkelhafter
Jovialität erklärt, warum er die Waffenfabrik braucht: er
handele mit Lebensmitteln, aber die seien vor allem in
Entwicklungsländern eng mit Waffen verbunden. Dort brauche man
abwechselnd Waffen und Nahrung, und wer nicht beides aus einer Hand
bieten könne, mache letztlich auch nicht das große
Geschäft. Doch hier sehen wir Bond nicht unbedingt als
großen Moralisten mit dem Zeigefinger sondern eher als kalten
Realisten, der den Gang der Welt erkannt hat und den Finger auf die
Wunde legt. Hammond wirkt fast freundlich bei seinen Ausführungen,
und Matthias Kleinert legt diese Figur bewusst nicht als Knallcharge
des Bösen sondern als kühl kalkulierenden Geschäftsmann
an, der sich Sentimentalitäten nicht leisten kann. Am Schluss zeigt sich, dass
diejenigen, die Gewissensbisse oder Emotionen zeigen, letztlich die
Verlierer sind, weil sie nicht mehr instinktiv kämpfen
können. Sie sterben entweder buchstäblich an gebrochenem
Herzen oder erstarren in innerer Bewegungslosigkeit, die
zwangsläufig in den Tod führt. Nur die Gewissenlosen
überleben, und diese Erkenntnis kommt in Bonds Stück als
Tatsache, nicht als empörter Aufschrei zum Ausdruck. Die
Verhältnisse, sie sind so. Es ist auch kein Zufall, dass es
in diesem Stück keine Frauenrollen gibt. Edward Bond hat sich
absichtlich die übliche Männergesellschaft des
Geschäftslebens als Vorlage genommen. Kalte Machtgier - Geldgier
ist nur ein Symptom dieses Triebs - und Verneinung jeglicher
Loyalität oder gar Solidarität schreibt er - jedenfalls in
diesem Stück - hauptsächlich den Männern zu, deren
Testosteronspiegel sie dazu treibt, alle denkbaren Konkurrenten
auszuschalten. Und dies nicht aus einem zielgerichteten Grund und zu
einem bestimmten Zweck, sondern allein um des Sieges willen. Hammond
will Oldfield ausschalten und dieser Hammond. Punkt! Wenn dabei noch
ein Gewinn abfällt, umso besser.
Man hätte dieses
abendfüllende Stück durchaus auch im Kleinen Haus inszenieren
können. Die Wahl fiel jedoch offensichtlich bewusst auf die Kammerspiele, denn diese schaffen mehr
Nähe und Dichte als das immer ein wenig mit Distanz behaftete
"offizielle" Theater, und außerdem verstärkt das
nüchterne schwarze Interieur
der Kammerspiele die Kälte und Kompromisslosigkeit der
Inszenierung. Es graust einen buchstäblich angesichts der
düsteren Umgebung und der perfiden Intrigen. Die Requisiten sind
auf das Nötigste reduziert - ein paar Sitzmöbel -, und auf
einer mannshohen Videoleinwand sieht man entweder die gleiche Szene,
die sich gerade auf der Bühne abspielt, oder eine
komplementäre, die das jeweilige Geschehen sozusagen aus einer
anderen Perspektive kommentiert. Die Aufnahmen rücken die
Gesichter der Agierenden wie an einem Pranger mitleidlos in den
Vordergrund und stellen den jeweils Gezeigten bloß. In diesem
Kreis der eiskalten Geschäftemacher gibt es nichts Privates,
Intimes, und selbst der Tod wird am Ende zum Videospektakel, das die
anderen mit kühlen Kommentaren begleiten. Die Männergesellschaft der
Darsteller interpretiert Bonds Stück auf konsequente und geradezu
mitleidlose Weise. Ulrich Cyran verleiht dem Patriarch Oldfield eine
verzweifelte Würde, die dieser bis zum Schluss aufrecht erhalten
will, und bringt auch die Zerrissenheit dieser Figur zwischen
Sohnesliebe und Geschäftssinn überzeugend zum Ausdruck.
István Vincze verleiht Oldfields Adoptivsohn Leonard gerade die
richtige Mischung aus jugendlichem Hochmut,
Selbstüberschätzung und Naivität. Andreas Manz markiert
mit dem Spieler und Trinker Willbraham das untere Ende der sozialen
Skala und lässt die Selbstentwürdigung Fleisch und Blut
werden. Matthias Kleinert brilliert mit Minimalismus, indem er gerade
durch den Verzicht auf expressive Mittel die Kälte und
Abgefeimtheit des Strategen Hammond zeigt. Harald Schneider kommt als
Dodds mit einem Pokergesicht daher, das hinter seiner Beflissenheit
Verrat und Geldgier versteckt. Dagegen überzieht Simon
Köslich die exzentrischen Aspekte des Bediensteten Bartley soweit,
dass dieser nahezu surreale Züge annimmt. Stück und Inszenierung fallen sicher nicht unter die Rubrik eines "schönen Theaterabends", doch abschütteln kann man diese zwei Stunden so schnell nicht. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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