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Duett
um Macht und Märtyrertum |
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Das Staatstheaters Darmstadt inszeniert Gaetano Donizettis Oper "Maria Stuarda" | ||||
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Katrin Gerstenberger (Elisabetta),
Adréana Kraschewski (Maria Stuarda), im Hintergrund Stephanie
Theiß (Elisabeth)
Friedrich Schiller hat dieses
tatsächlich theaterreife "Dokudrama" frei nach eigenen Kriterien
gestaltet. Bei ihm ist Elisabeth die kalte Vertreterin der Macht und
als solche "à priori" verdächtig, während Maria eine
schöne, warmherzige Katholikin ist, die jedoch in weiblichem Stolz
nicht auf ihr angeborenes Recht verzichten will. Das mag vielleicht
auch daran liegen, dass Schiller aus dem katholischen Schwaben kam und
daher bei protestantischen Persönlichkeiten eher zu harten
Charakterisierungen neigte. Donizetti konnte ihm da als Italiener mit
beengender Vatikan-Nähe durchaus folgen. Doch Schiller - und mit
ihm Donizetti - steigert das Drama noch um persönliche Elemente.
Neben den historischen Figuren des Hofpolitikers Cecil und des
Maria-Bewachers Talbot führt er den Graf von Leicester (der am
Schluss "zu Schiff nach England" ist) ein, den beide Frauen lieben, der
aber nur Maria liebt. Hier wird das politische Spektakel zum
"Zickenkrieg um Männer", den die Autoren des 18. und 19.
Jahrhunderts jedoch etwas dezenter als "Desperate Housewives" anlegten.
In Schillers Drama und Donizettis Oper ist Leicesters "Outing" als
Liebhaber von Maria ein wichtiger Sargnagel für diese. Deshalb
spielt Leicester auch eine wesentlich größere Rolle als die
anderen Höflinge. Doch dazu später. Maria als Antipodin der
knallharten und von Eifersucht zerfressenen Elisabeth erscheint dagegen
als authentische, warmherzige und in sich ruhende Person. Zwar hat sie
in ihrem Leben verschiedene Fehler gemacht - der Tod ihres Ehemanns,
die Verschwörung gegen Elisabeth gehen irgendwie auf ihr Konto -,
diese Dinge kommen jedoch bei Maria nicht in ihrer ganzen Tragweite zum
Ausdruck sondern eher wie Jugendsünden, die sie bitter bereut. Der
Zuschauer vergibt ihr quasi bereits in dem Moment, in dem sie diese
Verfehlungen erwähnt, ohne sie im Detail zu kennen. Damit ist
Maria aus der Perspektive des Parketts entsühnt und wird zur
Märtyrerin, während Elisabeth ihrer Eifersucht, ihrem Neid
und den Einflüsterungen des Intriganten Cecil erliegt. Doch auch
Cecil handelt nur im Kontext seiner Zeit. Eine Verschwörung gegen
die Regentin war in dieser Zeit ein schwerwiegendes Verbrechen, und
angesichts des nicht aufgegebenen Thronanspruchs war das Todesurteil
eine zwangsläufige, damals gängige und politisch akzeptierte
Konsequenz. Cecil handelte tatsächlich zum Wohle des englischen
Staates, und man darf annehmen, dass bei einer Machtübernahme
durch Maria die Hinrichtung Elisabeths ihre erste Amtshandlung gewesen
wäre. Doch Donizetti folgt Schiller
und verstärkt ihn gar noch in der Wirkung, wenn er die lyrischen,
ergreifenden Arien der Maria zuordnet und für Elisabeth nur die
Gefühlsregungen Enttäuschung und Hass vorsieht. Damit sind
die Rollen von vornherein verteilt, und ein Zuschauer, der das Libretto
überhaupt nicht kennt, weiß dennoch schon von den ersten
Szenen mit Elisabeth und Cecil, dass Martia Stuart nur eine leidende
Märtyrerin sein kann. Abgesehen von dieser historischen
Vereinfachung bietet die Konstellation natürlich die besten
Voraussetzung für ein großes Musikdrama, in dem die
Emotionen sich langsam steigern, zum Kochen kommen und
schließlich explodieren. Der Höhepunkt des Dramas besteht in
dem von Graf Leicester arrangierten Zusammentreffen der beiden Frauen
am Ende des ersten Aktes. Elisabeth wirft der von Leicester auf Demut
eingestellten Maria in ihrer Eifersucht die schwersten Beleidigungen an
den Kopf, bis diese buchstäblich ausrastet und seinerseits
Elisabeth wegen ihrer "unehelichen" Abstammung von Heinrichs Frau Ann
Boleyn einen Bastard und eine Schande für ganz England nennt.
Dieser Ausbruch von gekränktem Stolz besiegelt Marias Schicksal,
lässt sie aber gleichzeitig erhobenen Hauptes als wandelnder
Vorwurf an Elisabeth aufs Schafott steigen. Donizetti zelebriert denn
auch geradezu die letzten Szenen bis zur Hinrichtung, die
bezeichnenderweise ganz ohne Elisabeth ablaufen. Alleinige Herrscherin
dieser letzten Szenen ist Maria mit all ihrer Entsagung, ihrem
Großmut und ihrem ungebrochenen Stolz. Man fragt sich nur, warum
der Hof von Neapel die Uraufführung dieser Apotheose des
Katholizismus verbot und damit den Grundstein für die
unglückliche Bühnenkarriere der Oper legte. Denn spätere
Aufführungen waren mit der "heißen Nadel" gestrickt, litten
unter indisponierten Sängerinnen und fielen daher dem Vergessen
anheim. Es ist dem Staatstheater Darmstadt zu danken, diese bei der
Uraufführung durchgefallene und später selten gespielte Oper
den Archiven entrissen und hier präsentiert zu haben.
Damit sind wir auch - nach einigen Vorbemerkungen - bei der Darmstädter Inszenierung. Alfonso Romero Mora, der in der letzten Saison den umjubelten Don Carlos inszeniert hat, setzt bei dieser Inszenierung ganz auf das historische Kolorit. Allerdings bricht er dies mit mehreren subtilen ironischen Mitteln. Das Bühnenbild von Dirk Hofacker zeigt einen elisabethanischen Palast aus der Zentralperspektive. In der Mitte, an der Bühnenrückseite, sieht man repäsentative, kostbare Muster, an den beiden Seiten jedoch öffnet sich dieser Palast zu zwei mehrstöckigen Galerien mit Holzbalkonen, wie sie in den Vorhöfen der damaligen Paläste gestanden haben mögen und wie man sie vom "Globe Theatre" kennt. Auf diesen Balkonen oder Rängen sitzt der Chor in Gestalt von Notablen in schwarzen Roben und weißen Rundkragen, die dem Geschehen auf der Bühne folgen. Das Bühenbild ändert sich während der gesamten Aufführung nicht, auch nicht, wenn die Handlung in Fotheringhay spielt. Den jeweiligen Ort der Handlung markiert ein Bediensteter mit einer gravitätisch hereingetragenen Ortstafel. Damit inszeniert Mora eine Art "Theater im Theater", bei der das Volk als Publikum dem Theater um die beiden Frauen folgt. Diese ironische Brechung geht soweit, dass die Abgeordneten auf den Rängen nach besonders dramatischen Szenen britisch unterkühlten Beifall spenden und zum Schluss sogar ihre schwarzen Handschuhe auf die "Bühne" schweben lassen. Das durchgehend unveränderte Bühnenbild vermittelt auch den Eindruck politischer und menschlicher Statik am elisabethischen Hof. Hier bleibt alles beim Alten, nichts verändert sich, und wer sich dagegen auflehnt, riskiert sein Leben. Eine weitere Brechung der
Handlung besteht in der Doppelung von Elisabeth (Stephanie
Theiß). Am Anfang sitzt sie schweigend auf dem Thron und lacht
vor Beginn der Handlung einmal gellend auf. Während der
Aufführung erscheint eben diese Figur in unveränderter
Aufmachung bei jeder Szene im Hintergrund, auf dem oberen Balkon oder
an der Bühnenseite und folgt dem Geschehen wie einer
Theater-Aufführung oder gar wie einer Erinnerung. Vor allem
Szenen, die sie als handelnde Elisabeth nicht erlebt hat - Marias
Solo-Auftritte - verfolgt sie mit besonderem Interesse und schaut dabei
Maria buchstäblich über die Schulter. In einem besonders
ergreifenden Moment streckt sie Maria sogar die Hand hin, doch die
verschiedenen Realitäts- bzw. Fiktionsebenen verhindern die
Versöhnung. Diese sich erinnernde Elisabeth leidet unter dem
Geschehen, das sich in ihrem inneren Theater abspielt, und bricht nach
der Hinrichtung zusammen. Mora rehabilitiert Elisabeth also in gewissem
Sinne, indem er ihr nachträgliche Gewissensbisse wegen des
Todesurteils unterstellt, das allein auf ihren Schultern ruht. Cecil
mag der Einflüsterer gewesen sein, sie aber als Königin hat
die allein gültige Unterschift darunter gesetzt.
Adréana Kraschewski (Maria
Stuarda), John In Eichen (Giorgio Talbot), Oleksandr Prytolyuk
(Lord Guglielmo Cecil)
Die Hauptlast dieser
Aufführung liegt natürlich auf den Schultern bzw. in den
Kehlen der beiden Frauenrollen. Katrin Gerstenberger ist als Elisabeth die ideale Besetzung. Ihre körperliche
Präsenz, nicht zuletzt bedingt durch ihre Größe,
vermittelt überzeugend die Herrscherin und ihren Machtwillen. Ihre
glasklare, besonders im Dramatischen starke Stimme unterstreicht diese
Wirkung noch. Dieser Elisabeth glaubt man sowohl
Durchsetzungsfähigkeit als auch Gefühlsregungen wie
Eifersucht und Hass. Auch mimisch und gestisch beherrscht sie ihre
Rolle und zeichnet ein differenziertes Bild dieser Königin, die
wegen ihrer fragwüdigen Abstammung mit besonders eiserner Hand
regieren muss und sich dennoch nach Liebe und Zuwendung sehnt. Auch
ihre Zweifel am Todesurteil und ihre innere Zerrissenheit zwischen
Staatsraison und Menschlichkeit - was anderes könnte hinter ihrem
Zögern stecken? - bringt Katrin Gerstenberger überzeugend zum
Ausdruck. Ihr gegenüber steht
Adréana Kraschewski als Maria Stuart. Schon ihre Erscheinung
trägt betont weibliche Züge, die sie von der distanziert
auftretenden Elisabeth unterscheiden, getreu der historischen
Überlieferung. Sie beeindruckt stimmlich sowohl in den
dramatischen als auch in den lyrischen Szenen und konnte mehrere Male -
wie übrigens auch Katrin Gerstenberger - Szenenapplaus
genießen. Auch darstellerisch agiert sie auf Augenhöhe mit
ihrer "Konkurrentin" und lässt damit vor allem die Szene zwischen
den beiden Frauen zu einem echten Höhepunkt werden. Beeindruckend
auch die letzten Szenen vor der Hinrichtung, in der sie den Part der
Todgeweihten mit viel lyrischer Inbrunst und ohne jede überzogene
Sentimentalität spielt und singt. Damit kommen wir zum
problematischen Teil der Inszenierung, der weniger auf die Regie als
auf unglückliche Umstände zurückzuführen ist. Graf
Leicester spielt als Mann zwischen den beiden Frauen eine wesentliche
Rolle. Beide Frauen lieben ihn, und er muss die eine überzeugen,
ihm zuliebe der anderen gegenüber Gnade walten zu lassen. Das
verleiht dieser Rolle sowohl eine starke Wirkung als auch etwas
Schillerndes. Man benötigt dafür also einen Sänger mit
glaubhafter (männlicher) Präsenz und darstellerischen
Fähigkeiten. Da der für diese Rolle vorgesehene Angelo
Scardina kurzfristig ausfiel, sprang der Tenor Erik Felton ein. In der
zweiten Aufführung, über die wir hier berichten,
bewältigte er auch die szenischen Auftritte. Neben der fehlenden
Einbindung in die Proben leidet Felton noch unter einem zweiten Manko:
er ist klein. Dadurch wirken die Szenen zwischen ihm und Elisabeth
(Katrin Gerstenberg) nicht wie die zwischen einem, Mann und einer ihn
unglücklich liebenden Frau sondern wie zwischen Mutter und Sohn.
Allein schon der Größenunterschied um einen Kopf sorgt
für unfreiwillige Komik, und Liebe zu diesem Mann nimmt man der
selbstbewussten Elisabeth einer Katrin Gerstenberger schon gar nicht
ab. Bei Maria alias Adréana Kraschewski wirkt Erik Felton
dagegen wie ein jüngerer Bruder, über den sie schützend
die Hand hält, jedoch nicht wie der Mann, der sie retten
will. Dazu kommt, dass Felton viel zu statisch agiert und in
Szenen, in denen er nicht singt, nur dabeisteht. Außerdem erweist
sich sein mimisches und gestisches Talent als recht überschaubar,
was nur teilweise auf die mangelnde Probenarbeit
zurückzuführen sein dürfte. Bei ihm kann man Emotionen
nie aus der Körpersprache nachvollziehen, sondern nur dem
gesungenen und auf dem Übertitel angezeigten Text entnehmen.
Dagegen überzeugt Oleksandr
Prytolyuk als Cecil, den er nicht nur mit kräftigem Bariton
intoniert sondern auch überzeugend charakterisiert. Er vermeidet
dabei jegliche Überzeichnung zur intriganten Knallcharge und
zeigt, dass diese Figur ernsthafte Staatsinteressen vertritt, die
für die Betroffene allerdings tödliche Auswirkungen haben.
Sein Cecil ist kein fieser Machtmensch sondern ein in seinen eigenen
Zwängen gefangener Politiker. Analogien zur politischen Behandlung
des aktuellen Afghanistan-Konfliktes sind durchaus nicht abwegig.
John in Eichen spielt Talbot,
Graf von Shrewsbury sowie Marias Bewacher und Tröster, eher
verhalten. Diese Rolle bietet jedoch auch nicht viel Potential für
sängerische oder darstellerische Heldenstücke und ist eher im
Hintergrund angesiedelt. Der Chor unter der Leitung von
André Weiß hat in dieser Inszenierung nur wenig
sängerische Einsätze, absolviert diese jedoch mit der
gewohnten Qualität. Ansonsten ist er weitgehend als Publikum auf
die Balkone des Bühnenbildes verbannt. Das Orchester unter der Leitung
von Martin Lukas Meister sitzt bei dieser Inszenierung in einem
angehobenen Orchestergraben, so dass man die Musiker bei ihrer Arbeit
beobachten kann. Diese Anordnung mag ebenfalls zwecks Verstärkung
des Effektes "Theater im Theater" bewusst erfolgt sein, doch das ist
spekulativ. Für das Publikum hat es jedenfalls den erfreulichen
Aspekt, Dirigenten und Musiker einmal unmittelbar bei der Arbeit
beobachten zu können, soweit das Geschehen auf der Bühne das
überhaupt zulässt. Das Orchester präsentierte Donizettis
Musik mit der musikantischen Lust am Spiel, die zu aller italienischer
Musik gehört, und ließ den Sängern stets genug
akustischen Raum, um ihren Part ohne "Kampf" interpretieren zu
können. Das Publikum zeigte sich angetan
und spendete zum Schluss kräftigen und anhaltenden Beifall. Die
Regie erschien zur zweiten Aufführung nicht mehr auf der
Bühne. Weitere
Aufführungen am 8., 21. und 26. Mai sowie am 3., 6., 13. und 26.
Juni. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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