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Die Neue Bühne Darmstadt zeigt Michael Frayns Theater-Komödie "Der nackte Wahnsinn" | ||||
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Doch eins nach dem anderen.
Lassen Sie uns kurz durch die Handlung dieser dreiaktigen
Enthüllungsstory gehen. ![]() Axel Raether als Regisseur Lloyd Im ersten Akt sehen wir die
Generalprobe einer Boulevardkomödie in einem Tourneetheater.
Niemand weiß so recht, ob es sich um die Haupt- oder Generalprobe
handelt, nur eines wissen alle: am nächsten Tag ist Premiere. Der
Regisseur Lloyd (Axel Raether) sitzt entnervt im Zuschauersaal
des diesmal mit Frontalbühne ausgestatteten Theaters und
muss miterleben, dass nicht eine Szene sitzt und dass die Darsteller
eins ums andere Mal die Türen verwechseln, den Einsatz verpassen
oder wichtige Requisiten falsch oder gar nicht handhaben. Mit seiner
Hilfe geht die Boulevardkomödie Szene für Szene mehr schlecht
als recht über die (Probe-)Bühne und man kann verstehen, dass
der Regisseur kurz vor dem finalen Herzinfarkt steht. Im Stück
geht es um ein Haus, dessen Besitzer, der Theaterautor Michael
Frayn(!), aus Steuer(flucht)gründen in Spanien weilt und das sich
ein junger Mann (Garry = Marcel Schüler) für ein
Schäferstündchen mit einer Mitarbeiterin des Finanzamts
ausgeguckt hat. Doch die Hausangestellte befindet sich wider Erwarten
noch im Haus und muss mit allen möglichen Ausreden und Lügen
bei Laune gehalten bzw. neutralisiert werden. Dann erscheint
außerdem noch unangekündigt der Steuerflüchtling selbst
samt Frau, und nun folgt das alte Spiel der Boulevardkomödie:
Tür auf, Tür zu; wenn ein Paar gerade verschwunden ist,
erscheint das andere, und umgekehrt. Zu allem Überfluss
dringt noch ein Einbrecher in das vermeintlich leere Haus ein. Leider erfährt der
Zuschauer nie, wie die Boulevardkomödie endet, da die
Haupt-/Generalprobe beim Auftreten des Einbrechers endet und auch die
spätere Aufführung nie weiter kommt. Doch das Chaos der Probe
des ersten Aktes reicht schon, um die Aufmerksamkeit von der Handlung
abzulenken und auf die Darsteller zu lenken. Da ist Frederick (Ralph
Dillmann), der Darsteller des Schriftstellers, nicht der schnellste
Denker, der im denkbar ungeeignetsten Moment mit dem Regisseur eine
Grundsatzdiskussion über die Logik der Handlung führen will;
da ist Dotty, die als Haushälterin fast jede Szene durcheinander
bringt. Dann ist da die eifrige Regie-Assistentin Poppy (Nicole Klein),
die gerne im falschen Moment die falschen Worte sagt, und da ist
schließlich der alte Selsdon (Rainer Poser), der trotz seiner
Alkoholabhängigkeit immer wieder "die letzte Chance" erhält,
schwerhörig ist und daher wenig mitbekommt und vieles
missversteht.
Der Zweck dieses ersten Aktes
besteht hauptsächlich darin, die Darsteller des "Theaters im
Theater" vorzustellen und die Handlung der aufzuführenden
Komödie zu skizzieren, denn diese Kenntnis ist für die
Wirkung der beiden nächsten Akte unerlässlich. Doch die
vielen Aussetzer und Missverständnisse bieten dem Publikum bereits
in diesem ersten Satz ausreichend Anlass zum Lachen oder zumindest
Schmunzeln. Richtig los geht es im zweiten
Akt. Nun sieht man die Kulisse des ersten Aktes mit ihren Türen
und Treppen von der Rückseite, das Publikum befindet sich
sozusagen im "Backstage". Das Stück läuft mittlerweile
irgendwo in der Provinz, hinter der Bühne herrscht jedoch
"Zustand". Dotty hat sich beleidigt eingeschlossen, Selsdon ist
verschwunden und nicht aufzutreiben (man vermutet ihn irgendwo
betrunken), und Garry (Marcel Schüler) ist stinksauer. Die
Vorführung droht zu platzen, da platzt Lloyd, der normalerweise
bei den Aufführungen nicht mehr anwesend ist, in die letzten
Vorbereitungen, weil er sich einmal von einer anderen, ebenso
aufreibenden Inszenierung eine Auszeit nehmen und sich nur als
Zuschauer fühlen will. Er bittet den Techniker Tim (Jens Hommola),
ihm eine Flasche Whiskey und einen Strauß Blumen zu besorgen, den
jedoch Poppy auf keinen Fall sehen darf. Klar, dass Poppy ihn doch
sieht und an sich nimmt und dass Selsdon sehr bald die Whiskeyflasche
riecht. Bald erfahren wir auch, dass Lloyd sowohl mit Poppy als auch
mit Brooke (Bianca Weidenbusch) ein Verhältnis hat, dass Garry
Dotty liebt und jeden, der sich Dotty auch nur nähert, mit seiner
EIfersucht verfolgt. Da reichen ein paar Missverständnisse -
falsch verstandene Blumengrüße oder ähnliches -, um
Garry mit einem Beil aus der Requisite auf seinen vermeintlichen
Widersacher losgehen zu lassen. Frederick wiederum kann weder Blut
sehen noch denken und bekommt in entsprechenden Momenten immer
Nasenbluten. Noch vor dem eigentlichen Beginn herrscht hinter der
Bühne bereits ein mittleres Chaos, das sich während der
Aufführung stetig steigert. Mitten aus erhitzten
Streitgesprächen oder gar Tätlichkeiten springen die
Darsteller durch eine der Türen auf die Bühne, sprechen ihren
Text und kehren zurück, um die Auseinandersetzung forzusetzen. Da
sich mittlerweile hinter der Bühne die Dinge weiter entwickelt
haben, jagt ein Missverständnis das andere, und die Gemüter
kochen immer höher. Man stellt sich gegenseitig Beine, knotet
Kostüme oder Schuhe zusammen, verschließt Türen, die
laut Handlung offenstehen sollten, und öffnet solche, die
geschlossen sein sollten. Kurz, das eigentliche Drama spielt sich
hinter der Bühne ab, und nur mit Mühe und Glück lassen
sich Mord und Totschlag vermeiden.
Gerne hätte man
natürlich gewusst, ob man angesichts dieses "Backstage"-Chaos'
noch auf der Bühne sinnvoll spielen kann, und Frayn enthält
uns auch diese Erkenntnis nicht vor. Im dritten Akt sehen wir wieder
die Bühne von vorne, wie bei der Probe. Allerdings befinden wir
uns jetzt in der letzten Aufführung der Tournee, und man merkt das
gleich an Dotty, die - mit einem Knieverband - nur mühsam auf die
Bühne humpelt und offensichtlich physisch und psychisch gezeichnet
ist. Was sie in der Probe anfangs mühsam gelernt hat, gerät
ihr jetzt vollständig aus den Fugen, und die berühmten
Sardinenteller - ein "runnig gag" dieses Stücks - stehen immer an
der falschen Stelle oder sind gar nicht vorhanden. Die anderen
Darsteller sind allerdings ebenso von der Rolle, verpassen ihre
Einsätze oder sehen sich unerwartet vor verschlossenen resp.
offenen Türen (je nach Regieangabe genau umgekehrt) und
müssen permanent improvisieren. Diese Improvisationsnot im Verein
mit den blank liegenden Nerven und den aufgestauten Emotionen -
Eifersucht, Missgunst - führt zu geradezu haarsträubenden
Szenen, in denen das gesamte Handlungsgerüst auf den Kopf gestellt
und ad absurdum geführt wird. Irgendwann ist das den Darstellern
buchstäblich egal und sie spielen mit "Hass-Lust" gegeneinander
und übertragen ihre persönlichen Antipathien auf ihr Spiel.
Das Ganze endet in einem grotesken Höhepunkt, wenn erst der
Einbrecher mitten in die versammelte Belegschaft stößt, sich
über das leere Haus mokieren muss und dann plötzlich noch
unerwartete Konkurrenten erhält. Aber mehr wollen wir hier nicht
verraten, um den Spaß und die Spannung nicht (vorweg) zu nehmen. Freunde des sprachlichen und
situationsbezogenen Slapsticks kommen in dieser Inszenierung voll auf
ihre Kosten. Das Ensemble legt vor allem im zweiten und dritten Akt ein
enormes Tempo vor, und man staunt immer wieder, wie sich die (echten)
Darsteller überhaupt noch die aberwitzigen Handlungsabläufe
merken können. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes alles drunter
und drüber, aber dieses Chaos will wohl inszeniert sein, um
Längen und Aussetzer zu vermeiden. Bis zum Schluss hält die
Truppe dieses Tempo und sorgt damit immer wieder für Lacher. Dabei
zeichnen sich alle durch hohes Engagement, Konzentration und - vor
allem! - Beweglichkeit aus, denn manche Szenen erfordern hohe
Körperbeherrschung, so wenn Garry die Treppe hinunterfällt
oder Frederick und Garry sich einen tödlichen Wettlauf mit
geschwungenem Beil liefern. Feinsinnige Charakterdarstellungen
gehören diesmal nicht zu den schauspielerischen Höhepunkte,
sondern Situationskomik pur. Das Publikum im ausverkauften
Saal war begeistert und spendete kräftigen Beifall. Frank Raudszus |
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