Die Wahrheit über das Theater

April 2010

































































































































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Die Neue Bühne Darmstadt zeigt Michael Frayns Theater-Komödie "Der nackte Wahnsinn"




Als eifrige Theatergänger mit dem naiven Glauben an das Schöne, Gute, Wahre dachten wir immer, das Theater sei ein Hort der Tugend, der Ernsthaftigkeit und der uneingeschränkten Hingabe an die Kunst. Jetzt hat uns die Neue Bühne Darmstadt mit der Inszenierung von Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" brutal aus diesem schönen Traum gerissen und uns die ungeschminkte Wahrheit über die Abgründe des Mimen- und Musentempels gezeigt. Dabei hat sich Michael Frayn eigentlich keinen Gefallen getan, hat er doch mit dem Boulevard-Autor Philip Brent nicht nur sein "alter ego" als Rolle eingesetzt sondern diesen auch noch des Steuerbetrugs bezichtigt. O tempora, o mores! Wo sind wir gelandet, wenn solche Nestbeschmutzer nicht nur sich selbst in die Nähe von Kriminellen rücken sondern auch noch das Theater als einen Hort der Missgunst, der Eifersucht und der Inkompetenz darstellen! Es zeugt von Großmut und Stolz, dass die Neue Bühne dennoch diese Abrechnung mit ihrem eigenen Metier auf die Bühne bringt und dem Darmstädter Publikum erstmals die ungeschminkte Wahrheit enthüllt.

Doch eins nach dem anderen. Lassen Sie uns kurz durch die Handlung dieser dreiaktigen Enthüllungsstory gehen.

Axel Raether als Regisseur Lloyd
Axel Raether als Regisseur Lloyd

Im ersten Akt sehen wir die Generalprobe einer Boulevardkomödie in einem Tourneetheater. Niemand weiß so recht, ob es sich um die Haupt- oder Generalprobe handelt, nur eines wissen alle: am nächsten Tag ist Premiere. Der Regisseur Lloyd (Axel Raether)  sitzt entnervt im Zuschauersaal des diesmal mit Frontalbühne  ausgestatteten Theaters und muss miterleben, dass nicht eine Szene sitzt und dass die Darsteller eins ums andere Mal die Türen verwechseln, den Einsatz verpassen oder wichtige Requisiten falsch oder gar nicht handhaben. Mit seiner Hilfe geht die Boulevardkomödie Szene für Szene mehr schlecht als recht über die (Probe-)Bühne und man kann verstehen, dass der Regisseur kurz vor dem finalen Herzinfarkt steht. Im Stück geht es um ein Haus, dessen Besitzer, der Theaterautor Michael Frayn(!), aus Steuer(flucht)gründen in Spanien weilt und das sich ein junger Mann (Garry = Marcel Schüler) für ein Schäferstündchen mit einer Mitarbeiterin des Finanzamts ausgeguckt hat. Doch die Hausangestellte befindet sich wider Erwarten noch im Haus und muss mit allen möglichen Ausreden und Lügen bei Laune gehalten bzw. neutralisiert werden. Dann erscheint außerdem noch unangekündigt der Steuerflüchtling selbst samt Frau, und nun folgt das alte Spiel der Boulevardkomödie: Tür auf, Tür zu; wenn ein Paar gerade verschwunden ist, erscheint das andere, und umgekehrt.  Zu allem Überfluss dringt noch ein Einbrecher in das vermeintlich leere Haus ein.

Leider erfährt der Zuschauer nie, wie die Boulevardkomödie endet, da die Haupt-/Generalprobe beim Auftreten des Einbrechers endet und auch die spätere Aufführung nie weiter kommt. Doch das Chaos der Probe des ersten Aktes reicht schon, um die Aufmerksamkeit von der Handlung abzulenken und auf die Darsteller zu lenken. Da ist Frederick (Ralph Dillmann), der Darsteller des Schriftstellers, nicht der schnellste Denker, der im denkbar ungeeignetsten Moment mit dem Regisseur eine Grundsatzdiskussion über die Logik der Handlung führen will; da ist Dotty, die als Haushälterin fast jede Szene durcheinander bringt. Dann ist da die eifrige Regie-Assistentin Poppy (Nicole Klein), die gerne im falschen Moment die falschen Worte sagt, und da ist schließlich der alte Selsdon (Rainer Poser), der trotz seiner Alkoholabhängigkeit immer wieder "die letzte Chance" erhält, schwerhörig ist und daher wenig mitbekommt und vieles missversteht.

Marcel Schüler (Garry) und Bianca Weidenbusch (Brooke)
Marcel Schüler (Garry) und Bianca Weidenbusch (Brooke)

Der Zweck dieses ersten Aktes besteht hauptsächlich darin, die Darsteller des "Theaters im Theater" vorzustellen und die Handlung der aufzuführenden Komödie zu skizzieren, denn diese Kenntnis ist für die Wirkung der beiden nächsten Akte unerlässlich. Doch die vielen Aussetzer und Missverständnisse bieten dem Publikum bereits in diesem ersten Satz ausreichend Anlass zum Lachen oder zumindest Schmunzeln.

Richtig los geht es im zweiten Akt. Nun sieht man die Kulisse des ersten Aktes mit ihren Türen und Treppen von der Rückseite, das Publikum befindet sich sozusagen im "Backstage". Das Stück läuft mittlerweile irgendwo in der Provinz, hinter der Bühne herrscht jedoch "Zustand". Dotty hat sich beleidigt eingeschlossen, Selsdon ist verschwunden und nicht aufzutreiben (man vermutet ihn irgendwo betrunken), und Garry (Marcel Schüler) ist stinksauer. Die Vorführung droht zu platzen, da platzt Lloyd, der normalerweise bei den Aufführungen nicht mehr anwesend ist, in die letzten Vorbereitungen, weil er sich einmal von einer anderen, ebenso aufreibenden Inszenierung eine Auszeit nehmen und sich nur als Zuschauer fühlen will. Er bittet den Techniker Tim (Jens Hommola), ihm eine Flasche Whiskey und einen Strauß Blumen zu besorgen, den jedoch Poppy auf keinen Fall sehen darf. Klar, dass Poppy ihn doch sieht und an sich nimmt und dass Selsdon sehr bald die Whiskeyflasche riecht. Bald erfahren wir auch, dass Lloyd sowohl mit Poppy als auch mit Brooke (Bianca Weidenbusch) ein Verhältnis hat, dass Garry Dotty liebt und jeden, der sich Dotty auch nur nähert, mit seiner EIfersucht verfolgt. Da reichen ein paar Missverständnisse - falsch verstandene Blumengrüße oder ähnliches -, um Garry mit einem Beil aus der Requisite auf seinen vermeintlichen Widersacher losgehen zu lassen. Frederick wiederum kann weder Blut sehen noch denken und bekommt in entsprechenden Momenten immer Nasenbluten. Noch vor dem eigentlichen Beginn herrscht hinter der Bühne bereits ein mittleres Chaos, das sich während der Aufführung stetig steigert. Mitten aus erhitzten Streitgesprächen oder gar Tätlichkeiten springen die Darsteller durch eine der Türen auf die Bühne, sprechen ihren Text und kehren zurück, um die Auseinandersetzung forzusetzen. Da sich mittlerweile hinter der Bühne die Dinge weiter entwickelt haben, jagt ein Missverständnis das andere, und die Gemüter kochen immer höher. Man stellt sich gegenseitig Beine, knotet Kostüme oder Schuhe zusammen, verschließt Türen, die laut Handlung offenstehen sollten, und öffnet solche, die geschlossen sein sollten. Kurz, das eigentliche Drama spielt sich hinter der Bühne ab, und nur mit Mühe und Glück lassen sich Mord und Totschlag vermeiden.

Heike Berg (Dotty) und Rainer Poser (Selsdon)
Heike Berg (Dotty) und Rainer Poser (Selsdon)

Gerne hätte man natürlich gewusst, ob man angesichts dieses "Backstage"-Chaos' noch auf der Bühne sinnvoll spielen kann, und Frayn enthält uns auch diese Erkenntnis nicht vor. Im dritten Akt sehen wir wieder die Bühne von vorne, wie bei der Probe. Allerdings befinden wir uns jetzt in der letzten Aufführung der Tournee, und man merkt das gleich an Dotty, die - mit einem Knieverband - nur mühsam auf die Bühne humpelt und offensichtlich physisch und psychisch gezeichnet ist. Was sie in der Probe anfangs mühsam gelernt hat, gerät ihr jetzt vollständig aus den Fugen, und die berühmten Sardinenteller - ein "runnig gag" dieses Stücks - stehen immer an der falschen Stelle oder sind gar nicht vorhanden. Die anderen Darsteller sind allerdings ebenso von der Rolle, verpassen ihre Einsätze oder sehen sich unerwartet vor verschlossenen resp. offenen Türen (je nach Regieangabe genau umgekehrt) und müssen permanent improvisieren. Diese Improvisationsnot im Verein mit den blank liegenden Nerven und den aufgestauten Emotionen - Eifersucht, Missgunst - führt zu geradezu haarsträubenden Szenen, in denen das gesamte Handlungsgerüst auf den Kopf gestellt und ad absurdum geführt wird. Irgendwann ist das den Darstellern buchstäblich egal und sie spielen mit "Hass-Lust" gegeneinander und übertragen ihre persönlichen Antipathien auf ihr Spiel. Das Ganze endet in einem grotesken Höhepunkt, wenn erst der Einbrecher mitten in die versammelte Belegschaft stößt, sich über das leere Haus mokieren muss und dann plötzlich noch unerwartete Konkurrenten erhält. Aber mehr wollen wir hier nicht verraten, um den Spaß und die Spannung nicht (vorweg) zu nehmen.

Freunde des sprachlichen und situationsbezogenen Slapsticks kommen in dieser Inszenierung voll auf ihre Kosten. Das Ensemble legt vor allem im zweiten und dritten Akt ein enormes Tempo vor, und man staunt immer wieder, wie sich die (echten) Darsteller überhaupt noch die aberwitzigen Handlungsabläufe merken können. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes alles drunter und drüber, aber dieses Chaos will wohl inszeniert sein, um Längen und Aussetzer zu vermeiden. Bis zum Schluss hält die Truppe dieses Tempo und sorgt damit immer wieder für Lacher. Dabei zeichnen sich alle durch hohes Engagement, Konzentration und - vor allem! - Beweglichkeit aus, denn manche Szenen erfordern hohe Körperbeherrschung, so wenn Garry die Treppe hinunterfällt oder Frederick und Garry sich einen tödlichen Wettlauf mit geschwungenem Beil liefern. Feinsinnige Charakterdarstellungen gehören diesmal nicht zu den schauspielerischen Höhepunkte, sondern Situationskomik pur.

Das Publikum im ausverkauften Saal war begeistert und spendete kräftigen Beifall.

Frank Raudszus


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