![]() |
Endzeitliches
zu
Himmelfahrt |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Das 7. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt bringt Werke von Messiaen, Braunfels und Richard Strauss | ||||
|
Doch einige Umstellungen des
Programms zeigten sich als notwendig, erforderten doch die einzelnen
Stücke derart unterschiedliche Orchesterkonfigurationen, dass sich
die ursprüngliche Reihenfolge als ungünstig erwiesen hatte.
Dass die Befürchtung, das Publikum könnte nach einem
überlangen und anstrengenden ersten Teil in der Pause vor dem
unbekannten Stück von Olivier Messiaen
das Weite suchen, eine
wesentliche Rolle gespielt hat, ist eine unbewiesene Unterstellung,
liegt jedoch nicht ganz so fern. Also platzierte man Messiaens
"Et expecto resurrectionem mortuorum (Und ich erwarte die Auferstehung
der Toten)" aus dem Jahre 1963 an
den Beginn des Konzerts. Die
geänderte Reihenfolge führte auch
zu einer nicht nur zeitlichen Symmetrie: fehlen bei
Messiaen die Streicher vollkommen,
so bilden sie bei Strauss' abschließenden "Metamorphosen" alleine
den Klangkörper, und dazwischen ertönt ein fast schon
überdimensioniertes Orchester mit stimmstarkem Chor. Messiaens Auferstehungshymne
galt den Toten zweier Weltkriege und wartet daher mit einer
repräsentativen Feierlichkeit auf. Die Beschränkung auf
Bläser und Schlagzeug führt zu einem zwar strahlenden, aber
auch distanzierten Klang, der durch keine weichen Streicher aufgefangen
wird. Dazu kommt eine weitgehend in Akkordfolgen sich entwickelnde
Musik, denen kein Thema im klassischen Sinn zu entnehmen ist. Diese
Musik atonal zu nennen wäre übertrieben, doch sie drückt
sowohl harmonisch als auch thematisch einerseits den Schrecken des
Krieges, andererseits die Sehnsucht nach Erlösung aus. In
fünf musikalischen "Blöcken" - von Sätzen in
herkömmlichen Sinne sollte man nicht sprechen -
überträgt Messiaen die Not der Toten, ihre Erweckung durch
Jesus Christus und ihre Freude über das wiedergewonnene Leben an
Hand ausgewiesener Bibelstellen - Ps 130,1; Röm 6,9; Joh 5,25;
1Kor 15,43, Hiob 38,7 sowie Offb 19,6 - in eine musikailiche
Darstellung. Eine besondere Rolle spielt dabei das Schlagzeug und
besonders der große Gong, der die anschwellende Stimme des
Erlösers auf geradezu ohrenbetäubende Weise intoniert.
Messiaen macht dabei keine Zugeständnisse an das
Hörvermögen und -verständnis des Publikums und reizt die
akustischen Möglichkeiten nicht nur des Schlagzeugs bis an ihre
Grenzen aus. Nicht wenige Zuhörer hielten sich in bestimmten
Momenten die Ohren zu, was eigentlich nicht im Sinn eines Konzertes
liegen kann. Doch diese Musik verfehlt ihre
auf unbedingte Religiosität setzende Wirkung nicht. Sie führt
in eine Welt ohne schützende Konventionen und Gewissheiten und
setzt dagegen die Wucht des finalen Weltgerichts, das in diesem Fall in
der Auferstehung aller Toten besteht. Da aber das "Jüngste
Gericht" neben der Auferstehung auch das Richten über die
Verlorenen beinhaltet, findet sich dieser strafende und rächende
Aspekt auch in der kompromisslosen Musik wieder. Diese mag nicht
jedermanns Geschmack sein und stellt vor allem für ein
Abonnementspublikum eine Herausforderung dar, vermittelt jedoch auch
völlig neue Eindrücke von der Tiefenwirkung geistlicher
Musik. Das Orchester bewältigte die offensichtlich schwierige
Partitur mit hoher Konzentration und exaktem Spiel, was angesichts der
freien Metrik eine besondere Leistung darstellt. Das Publikum erkannte
diese Leistung auch entsprechend an und verabschiedete die Musiker mit
langem Beifall in die wohlverdiente Pause.
Der zweite Programmpunkt kam
eher als Intermezzo, wenn auch gewaltiges, daher. Walter Braunfels
(1882 - 1954) war einer der musikalischen Fixsterne im Deutschland des
frühen 20. Jahrhunderts. Man sagte ihm eine große Zukunft
voraus, doch die Machtergreifung der Nationasozialisten machte dem
Halbjuden einen Strich durch die Rechnung, und nach langen Jahren der
Untätigkeit fand er in der Nachkriegszeit keinen Anschluss mehr an
das moderne Musikgeschehen. Das im Jahr 1910 in Zürich
uraufgeführte Werk "Die Offenbarung des Johannis" ist eine
Vertonung des Kapitels VI der "Offenbarung" für Tenor,
großes Orchester und Chor, deren Text nur etwa eine Druckseite
umfasst und die sich über etwa eine Viertelstunde erstreckt. Nach
der letzten bekannten Aufführung des Werks im Jahr 1922 verschwand
es für lange Zeit in den Archiven und fand erst jetzt in Darmstadt
wieder seinen Weg auf die Bühne. Aufgrund der beteiligten
Klangkörper entwickelt das Stück eine geradezu
alttestamentarische Wucht. Braunfels hat die Textstelle als Dialog
zwischen dem Tenor und dem Chor arrangiert, wobei der Tenor die
eigentlichen Texte singt und der Chor - sozusagen als Volk - ihm antwortet
oder
sekundiert. Das Orchester verleiht diesem Dialog die entsprechende
Dramatik und klangliche Vielfalt.
Das Staatstheater hatte als
Solisten den Tenor Rudolf Schasching engagiert, der unter anderem
für seine Wagner- oder Strauss-Interpretationen bekannt ist. Er
zeigte gleich in den ersten Takten seine beeindruckende
Stimmfülle, die der endzeitlichen Beschwörung der Apokalypse
die passende Eindringlichkeit verlieh. Geradezu drohend schleuderte
Schasching die Visionen der vier Unheil bringenden Reiter und des
Buches mit sieben Siegeln in das Publikum, und der Chor folgte ihm mit
düsterem Wehklagen. Schaschings Artikulation ermöglichte
weitgehend das direkte Verständnis, doch der im Programmheft
abgedruckte Text half dabei nicht unwesentlich. Das Publikum
würdigte die Leistung des gesamten Ensembles mit langem,
begeistertem Beifall.
Den Schluss des Programm bildete
nach der Pause mit Richard Strauss'
"Metamorphosen" ein reines
Instrumentalwerk, nun aber, wie bereits erwähnt, nur für
Streicher. Strauss hat dieses Stück im Jahr 1944 verfasst, als
Deutschland bereits weitgehend zerstört und ein katastrophales
Ende des Krieges absehbar war. Die über lange Strecken elegisch
und weltabgewandt wirkende Komposition legt ein "memento mori" nahe,
doch bestimmte Zitate und handschriftliche Notizen verweisen eindeutig
auf Beethoven. Da mit diesem stets heroische Assoziationen ("Eroica"!)
verbunden sind, weckte die Rezeption des Stücks zwiespältige
Gefühle, die durch Strauss' fragwürdige Stellung zum Dritten
Reich eher bestätigt denn widerlegt wurden. Diese Vorbehalte haben
sich jedoch 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach und
nach abgeschwächt, so dass man die Musik heute wieder ohne den
politischen Kontext hören und bewerten kann. Sie zeigt die Welt
eines Achtzigjährigen, der zwei schreckliche Weltkriege erlebt hat
und nun aus einer Art innerer Emigration auf das Leben
zurückschaut. Dramatische oder gar martialische Klänge liegen
ihm fern, auch das bei Strauss durchaus gut ausgebildete Ego hat sich
etwas in den Hintergrund zurückgezogen, und üblich bleibt
eine Lebensbilanz der entwerteten großen Gesten. Die Musik
schwebt durch ineinander übergehende Themen, die als solche nur
noch schwer zu erkennen sind. Fast möchte man meinen, Strauss
meidet jedes ausgeprägte Thema, weil jedes musikalische Motiv
sowieso nur eine der durch die jüngere Geschichte endgültig
denunzierten hohen Emotionen ausdrückt. Sein musikalischer Geist
zieht sich zurück in den thematischen Zweifel und die harmonische
Verinnerlichung. Er will niemandem mehr eine Botschaft vermitteln,
sondern drückt durch diese fein ziselierten Klangfiguren eine in
sich zurückgezogene Geisteshaltung aus. Das über eine halbe Stunde
dauernde, einsätzige Stücke wirkt trotz dieser scheinbaren
Monotonie niemals langweilig, sondern bezieht seine Spannung - etwa wie
heute die "minimal music" - aus kleinsten harmonischen und melodischen
Verschiebungen und den wechselnden Klangkombinationen der einzelnen
Streichinstrumente. Das Orchester bewies bei dieser Interpretation ein
besonders hohes Maß von Sensibilität und brachte den
entsagenden Charakter des Stückes überzeugende zum Ausdruck.
Nach den letzten, erst leiser werdenden und schließlich
völlig verstummenden Klängen stand Constantin Trink fast eine
Minute stumm vor dem schweigenden Orchester, und das Publikum verstand
dieses Zeichen richtig und verzichtete währenddessen auf jeden
Beifall. Erst als Trinks den Dirigentenstab langsam aus der Hand legte
und sich etwas straffte, brach der Applaus im großen Haus los.
Dann jedoch zeigte das Publikum, was es von diesem ausgefallenen
Konzertabend hielt und sparte nicht an Länge und Intensität
des Beifalls. Frank Raudszus |
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |