"Schwanensee reloaded"

Mai 2010















































































































































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Stefan Toss präsentiert mit dem Wiesbadener Ballett seine Version von Tschaikowskys "Schwanensee" in Darmstadt




Nun also "Schwanensee"! Der Name dieses Balletts ist mittlerweile zum Reizwort geworden, da es für viele den Archetypus eines veralteteten, verstaubten und in seiner erstarrten Schönheit geradezu antiaufklärerischen Kunstwerks darstellt. So mancher bemüht hier auch das Totschlagsargument "Kitsch". Dafür gibt es durchaus Gründe, beruht das Original doch auf dem romantischen(!) Märchen von den in Schwäne verwandelten Prinzessinnen, die zwischen Mitternacht und Morgen Menschengestalt annehmen dürfen. Dabei entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen der Schwanenprinzessin Odette und dem Prinzen Siegfried. Doch der Zauberer Rotbart will sein Geschöpf nicht ziehen lassen und führt Siegfried die schöne Odile zu, die ihn erotisch bezaubert und Odette vergessen lässt. Damit zeigt sich letztlich die Unmöglichkeit der Liebe zwichen Wesen verschiedener Lebenskreise.

Ensemblebild aus dem zweiten Akt
Ensemblebild aus dem zweiten Akt

Man kann sich natürlich vorstellen, dass die herkömmlichen Inszenierungen dieser Geschichte in falscher Romantik und Sentimentalität geradezu badeten. Daher auch die weit verbreiteten Vorbehalte gegen dieses Ballett. Stefan Toss hat seine Choreografie deswegen schon im Titel deutlich von diesen konventionellen Ansätzen unterschieden. Er nennt seine Produktion "Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee" und vermeidet damit den Signalcharakter des alleine stehenden Schlüsselwortes. Doch darüber hinaus hat er auch die Handlung deutlich renoviert und entstaubt. Aus den Märchenfiguren macht er heutige Alltagsmenschen: der Zauberer Rotbart ist ein zynischer "Aufreißertyp", der um seine Wirkung auf Frauen durchaus weiß, aber mit ihnen spielt und selbst keine Gefühle investiert oder nicht einmal kennt. Odette ist die junge Frau, die ihm verfällt und ihn wirklich liebt, sich aber von ihm zurückgestoßen sieht. Siegfried ist einfach ein anderer junger Mann, der Odette echte Gefühle entgegenbringt, doch selbst zu schwach ist, um Odiles erotischen Reizen zu widerstehen. Diese wiederum ist eine weitere Gefährtin Rotbarts, die dieser vorgeschickt hat, um die beginnende Beziehung zwischen Siegfried und Odette zu zerstören - ganz wie im Märchen.

Auch bei Stefan Toss ist Liebe am Ende unmöglich, aber nicht aus romantisch-zauberischen Gründen, sondern wegen der handfesten psychologischen und gesellschaftlichen Konstellation. Rotbart und Odile sind die Archetypen einer auf äußere Wirkung bedachten Gesellschaft, die Gefühle als Schwäche betrachtet und sie bei sich selbst im Ansatz erstickt, so sie überhaupt existieren. Sie betrachten jedoch echte Gefühle bei anderen als Gefahr, da sie sie einerseits nicht verstehen, andererseits richtig als persönlichen Machtverlust einschätzen. Eine Odette, die sich von Siegfried geliebt und bei ihm aufgehoben fühlt, lässt sich von Rotbart nicht mehr manipulieren und bringt ihm letztlich nur noch Gleichgültigkeit wenn nicht gar Verachtung entgegen. Das bedeutet jedoch für den Vertreter einer auf Äußerlichkeiten reduzierten Gesellschaft Gesichts- und Identitätsverlust, da die Selbstgenügsamkeit einer Liebesbeziehung andere ausschließt. Rotbart muss diese Liebe zerstören, um einerseits seine Machtposition zu wahren und um andererseits zu beweisen, dass echte Liebe nicht möglich ist.

Zwar gelingt es Rotbart, die Beziehung zwischen Odette und Siegfried zu zerstören, doch er selbst kommt auch nicht von Odette los, da deren unbedingte Liebe ihn verstört und verunsichert hat. Als sie ihn in der letzten Szene nach einem qualvollen inneren Kampf von sich stößt, sieht er sich als Verlierer im doppelten Sinne: er hat seine Macht über sie verloren und kann sich nicht auf die Höhe ihrer Gefühle schwingen. Er bleibt buchstäblich am Boden liegen.

Rotbart und Odette
Rotbart und Odette

Das Schwanensymbol ist bei Toss nach innen gewendet. Odette zieht sich nach der Enttäuschung in sich zurück gleich einem Schwan, der stolz und unnahbar seine Kreise zieht. Die Verletzungen sind unter dem weißen Federkleid nicht mehr sichtbar. Die Leidensgenossen Odettes erscheinen ebenfalls in Schwankostümen - Tutus auf nackten Körpern - und stehen eher symbolisch für alle, die persönliche emotionale Enttäuschungen erlebt haben. In dem Schwanenreigen des zweiten und vierten Aktes lässt Bühnenbildnerin Tina Kitzing überdimensionierte (Schwanen-)Federn ein Dach über der Bühne bilden, dass die verletzten Schwäne auf dem Bühnenboden beschützt. Doch weiter reicht die Assoziation an die Märchenvorlage nicht, um jeden Anflug falscher Sentimentalität zu vermeiden. Vielmehr ist eine gewisse Ironie nicht zu verkennen. Toss kennt natürlich das mit Bedeutung überladene Schwanenmotiv und bricht diese mit den angeschmutzten Tutus - dise Schwäne sind nicht rein(weiß) sondern verletzt und schmutzig - und der fast schon parodierten Armhaltung vor der Brust, die bei ihm statt der künstlerischen Überhöhung der Bedeckung der Brustpartie (bei den Frauen) dient.

Der erste und dritte Akt zeigen dagegen eine präsente menschliche Alltagswelt. Zu Beginn tanzt die gesamte Truppe ausgelassen paarweise oder alleine wie in einer Diskothek. Selbstdarstellung ist bei dieser Art sich zu bewegen ein wesentlicher Antrieb. Diesen repräsentiert Rotbart in besonders auffälliger Weise, wenn er in bewusst aufgesetzter "Coolness" auftritt und die anderen Tänzer förmlich in den Hintergrund drängt. So gewinnt er Odettes Aufmerksamkeit und fängt sie mit einer geradezu strategisch anmutenden Vorgehensweise ein. Die Choreografie zeigt diese zielgerichtete Annäherung und Verführung auf überzeugende Weise. In einer Mischung aus scheinbarem Desinteresse und schleichendem Umkreisen rückt Rotbart der begehrten Odette immer näher, bis sie sich ihm ergibt. In dem Augenblick, in dem sie sich ihm öffnet und an seine Brust sinkt, beginnt er bereits sich zurückzuziehen. Auch dieser Prozess des gnadenlosen Abrückens von der eroberten Frau und deren anfängliches Nichtbegreifen und spätere Zusammenbruch entwickelt sich in den Bewegungen der beiden Protagonisten auf eindrucksvolle und vollständig nachvollziehbare Weise. Am Ende steht eine einsame Odette mit hängenden Armen auf Zehenspitzen auf der Bühne und schaut dem langsam davonschreitenden Rotbart hinterher.

Im dritten Akt erscheint Rotbart mit Odile, die einerseits seine erotische Waffe, andererseits in gewisser Weise Odettes "alter ego" ist. Diesem Vexierspiel aus erotischer Verführungskraft und Ähnlichkeit mit Odette kann Siegfried nicht widerstehen. Auch diese Szene könnte geradezu einer Diskothek entsprungen sein, wenn man die paarweise oder einzeln herumstehenden und -sitzenden Tänzer, ihre kleinen Flirts und Tanzversuche und ihre alles beobachtenden Blicke mit einbezieht. Toss reicht es nicht, nur die Protagonisten im Duett oder Quartett zu zeigen, er sieht sie immer einbezogen in den Kontext ihrer Umwelt, die für Rotbart und Odile als Publikum für die eigene Selbstdarstellung herhalten muss und für Odette Zeuge ihrer Demütigung ist. Im Mittelpunkt dieses von Toss stark gekürzten Aktes steht Odiles Verführungstanz, bei dem sie sich schlangenartig um Siegfried windet und ihm den letzten Rest von Entscheidungsfähigkeit aus den Knochen saugt.

Ensemble
Ensemble

Im vierten Akt hat sich Odette wieder in ihre innere Schwanenwelt zurückgezogen. Doch Rotbart muss sie noch einmal sehen, um seinen Sieg bestätigt zu sehen oder um noch einmal seine erotische Macht über sie auszuüben. So betritt er diese ihm fremde Welt der introvertierten, seelisch verletzte Wesen, nur um von Odette die endgültige Absage zu erhalten. Am Ende haben alle verloren, Odette verschwindet in sich gekrümmt im Bühnenhintergrund, Rotbart bleibt ungläubig liegen.

Stefan Toss hat in dieser Choreografie konsequent seinen Ansatz des "neo-klassischen" Tanzes fortgesetzt. Die Bewegungen seiner Tänzer sind nicht mehr abgehackt oder provokant wie oft im heutigen zeitgenössischen Tanztheater - Forsythe zum Beispiel - sondern fließend und dem normalen menschlichen Bewegungsverhalten abgeschaut. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Figuren deswegen weniger anspruchsvoll sind. Die Choreografie stellt höchste Anforderungen sowohl an die tänzerischen Fähigkeiten als auch an die Kondition der Truppe, denen diese in bewundernswerter Weise gerecht werden. Ob nun im ersten
und dritten Akt, in denen die Tänzer und Tänzerinnen wie von Ecstasy angestachelte Diso-Besucher in einen Dauertanz verfallen müssen, oder im zweiten und vierten, in denen sie sich in den angedeuteten Schwanenkostümen permanent laufend in großen Bögen und Schleifen bewegen müssen: immer herrscht Bewegung in abgezirkelten, exakt geplanten Mustern.

Die Musik von Peter Tschaikowsky kommt nicht aus der elektronischen Konserve sondern aus dem Orchestergraben. Lukas Beikircher dirigiert das Orchester des Staatstheaters Darmstadt, das sich bewusst um einen geschärften Ton bemüht, um auch hier den romantischen Grundtenor zu brechen und die psychologischen Konturen der Handlung herauszuarbeiten. Das geht bisweilen auf Kosten der Eingängigkeit, ist jedoch im Sinne des Konzepts nur konsequent.

Das Wiesbadener Ballett hat mit dieser Produktion die Entwicklung weg vom verstaubten "bürgerlichen" Märchenballett zum modernen Tanztheater unter Stefan Toss noch einmal eindrucksvoll unterstrichen, ohne deshalb in die extreme Nabelschau eines William Forsythe zu verfallen. Schade nur, dass an diesem Premiere-Abend nur so wenig Zuschauer sich im Großen Haus eingefunden hatten. Nach dem Wechsel in der Leitung des Wiesbadener Balletts ist ein deutlicher Bruch im Darmstädter Besucherverhalten zu verzeichnen, was nicht unbedingt für das Darmstädter Tanztheater-Publikum spricht. Man hätte dieser Choreografie wirklich ein volles Haus gewünscht.

Weitere Aufführungen finden am 14., 19. und 24. Mai sowie am 5. und 17. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Martin Kaufhold


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