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"Schwanensee
reloaded" |
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Stefan Toss präsentiert mit dem Wiesbadener Ballett seine Version von Tschaikowskys "Schwanensee" in Darmstadt | ||||
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Man kann sich natürlich
vorstellen, dass die herkömmlichen Inszenierungen dieser
Geschichte in falscher Romantik und Sentimentalität geradezu
badeten. Daher auch die weit verbreiteten Vorbehalte gegen dieses
Ballett.
Stefan Toss hat seine Choreografie deswegen schon im Titel deutlich von
diesen konventionellen Ansätzen unterschieden. Er nennt seine
Produktion "Zwischen Mitternacht und Morgen: Schwanensee" und vermeidet
damit den Signalcharakter des alleine stehenden Schlüsselwortes.
Doch darüber hinaus hat er auch die Handlung deutlich renoviert
und entstaubt. Aus den Märchenfiguren macht er heutige
Alltagsmenschen: der Zauberer Rotbart ist ein zynischer
"Aufreißertyp", der um seine Wirkung auf Frauen durchaus
weiß, aber
mit ihnen spielt und selbst keine Gefühle investiert oder nicht
einmal kennt. Odette ist die junge Frau, die ihm verfällt und ihn
wirklich liebt, sich aber von ihm zurückgestoßen sieht.
Siegfried ist einfach ein anderer junger Mann, der Odette echte
Gefühle entgegenbringt, doch selbst zu schwach ist, um Odiles
erotischen Reizen zu widerstehen. Diese wiederum ist eine weitere
Gefährtin Rotbarts, die dieser vorgeschickt hat, um die beginnende
Beziehung zwischen Siegfried und Odette zu zerstören - ganz wie im
Märchen. Auch bei Stefan Toss ist Liebe
am Ende unmöglich, aber nicht aus romantisch-zauberischen
Gründen, sondern wegen der handfesten psychologischen und
gesellschaftlichen Konstellation. Rotbart und Odile sind die Archetypen
einer auf äußere Wirkung bedachten Gesellschaft, die
Gefühle als Schwäche betrachtet und sie bei sich selbst im
Ansatz erstickt, so sie überhaupt existieren. Sie betrachten
jedoch echte Gefühle bei anderen als Gefahr, da sie sie einerseits
nicht verstehen, andererseits richtig als persönlichen
Machtverlust einschätzen. Eine Odette, die sich von Siegfried
geliebt und bei ihm aufgehoben fühlt, lässt sich von Rotbart
nicht mehr manipulieren und bringt ihm letztlich nur noch
Gleichgültigkeit wenn nicht gar Verachtung entgegen. Das bedeutet
jedoch für den Vertreter einer auf Äußerlichkeiten
reduzierten Gesellschaft Gesichts- und Identitätsverlust, da die
Selbstgenügsamkeit einer Liebesbeziehung andere ausschließt.
Rotbart muss diese Liebe zerstören, um einerseits seine
Machtposition zu wahren und um andererseits zu beweisen, dass echte
Liebe nicht möglich ist. Zwar gelingt es Rotbart, die
Beziehung zwischen Odette und Siegfried zu zerstören, doch er
selbst kommt auch nicht von Odette los, da deren unbedingte Liebe ihn
verstört und verunsichert hat. Als sie ihn in der letzten Szene
nach einem qualvollen inneren Kampf von sich stößt, sieht er
sich als Verlierer im doppelten Sinne: er hat seine Macht über sie
verloren und kann sich nicht auf die Höhe ihrer Gefühle
schwingen. Er bleibt buchstäblich am Boden liegen.
Das Schwanensymbol ist bei Toss
nach innen gewendet. Odette zieht sich nach der Enttäuschung in
sich zurück gleich einem Schwan, der stolz und unnahbar seine
Kreise zieht. Die Verletzungen sind unter dem weißen Federkleid
nicht mehr sichtbar. Die Leidensgenossen Odettes erscheinen ebenfalls
in Schwankostümen - Tutus auf nackten Körpern - und stehen
eher symbolisch für alle, die persönliche emotionale
Enttäuschungen erlebt haben. In dem Schwanenreigen des zweiten und
vierten Aktes lässt Bühnenbildnerin Tina Kitzing
überdimensionierte (Schwanen-)Federn ein Dach über der
Bühne bilden, dass die verletzten Schwäne auf dem
Bühnenboden beschützt. Doch weiter reicht die Assoziation an
die Märchenvorlage nicht, um jeden Anflug falscher
Sentimentalität zu vermeiden. Vielmehr ist eine gewisse Ironie
nicht zu verkennen. Toss kennt natürlich das mit Bedeutung
überladene Schwanenmotiv und bricht diese mit den angeschmutzten
Tutus - dise Schwäne sind nicht rein(weiß) sondern verletzt
und schmutzig - und der fast schon parodierten Armhaltung vor der
Brust, die bei ihm statt der künstlerischen Überhöhung
der Bedeckung der Brustpartie (bei den Frauen) dient. Der erste und dritte Akt zeigen
dagegen eine präsente menschliche Alltagswelt. Zu Beginn tanzt die
gesamte Truppe ausgelassen paarweise oder alleine wie in einer Diskothek. Selbstdarstellung ist bei dieser Art sich zu
bewegen ein wesentlicher Antrieb. Diesen repräsentiert Rotbart in
besonders auffälliger Weise, wenn er in bewusst aufgesetzter
"Coolness" auftritt und die anderen Tänzer förmlich in den
Hintergrund drängt. So gewinnt er Odettes Aufmerksamkeit und
fängt sie mit einer geradezu strategisch anmutenden Vorgehensweise
ein. Die Choreografie zeigt diese zielgerichtete Annäherung und
Verführung auf überzeugende Weise. In einer Mischung aus
scheinbarem Desinteresse und schleichendem Umkreisen rückt Rotbart
der begehrten Odette immer näher, bis sie sich ihm ergibt. In dem
Augenblick, in dem sie sich ihm öffnet und an seine Brust sinkt,
beginnt er bereits sich zurückzuziehen. Auch dieser Prozess des
gnadenlosen Abrückens von der eroberten Frau und deren
anfängliches Nichtbegreifen und spätere Zusammenbruch
entwickelt sich in den Bewegungen der beiden Protagonisten auf
eindrucksvolle und vollständig nachvollziehbare Weise. Am Ende
steht eine einsame Odette mit hängenden Armen auf Zehenspitzen auf
der Bühne und schaut dem langsam davonschreitenden Rotbart
hinterher. Im dritten Akt erscheint Rotbart
mit Odile, die einerseits seine erotische Waffe, andererseits in
gewisser Weise Odettes "alter ego" ist. Diesem Vexierspiel aus
erotischer Verführungskraft und Ähnlichkeit mit Odette kann
Siegfried nicht widerstehen. Auch diese Szene könnte geradezu
einer Diskothek entsprungen sein, wenn man die paarweise oder einzeln
herumstehenden und -sitzenden Tänzer, ihre kleinen Flirts und
Tanzversuche und ihre alles beobachtenden Blicke mit einbezieht. Toss
reicht es nicht, nur die Protagonisten im Duett oder Quartett zu
zeigen, er sieht sie immer einbezogen in den Kontext ihrer Umwelt, die
für Rotbart und Odile als Publikum für die eigene
Selbstdarstellung herhalten muss und für Odette Zeuge ihrer
Demütigung ist. Im Mittelpunkt dieses von Toss stark
gekürzten Aktes steht Odiles Verführungstanz, bei dem sie
sich schlangenartig um Siegfried windet und ihm den letzten Rest von
Entscheidungsfähigkeit aus den Knochen saugt.
Im vierten Akt hat sich Odette
wieder in ihre innere Schwanenwelt zurückgezogen. Doch Rotbart
muss sie noch einmal sehen, um seinen Sieg bestätigt zu sehen oder
um noch einmal seine erotische Macht über sie auszuüben. So
betritt er diese ihm fremde Welt der introvertierten, seelisch
verletzte Wesen, nur um von Odette die endgültige Absage zu
erhalten. Am Ende haben alle verloren, Odette verschwindet in sich
gekrümmt im Bühnenhintergrund, Rotbart bleibt ungläubig
liegen. Die Musik von Peter Tschaikowsky
kommt nicht aus der elektronischen Konserve sondern aus dem
Orchestergraben. Lukas Beikircher dirigiert das Orchester des
Staatstheaters Darmstadt, das sich bewusst um einen geschärften
Ton bemüht, um auch hier den romantischen Grundtenor zu brechen
und die psychologischen Konturen der Handlung herauszuarbeiten. Das
geht bisweilen auf Kosten der Eingängigkeit, ist jedoch im Sinne
des Konzepts nur konsequent. Das Wiesbadener Ballett hat mit dieser Produktion die Entwicklung weg vom verstaubten "bürgerlichen" Märchenballett zum modernen Tanztheater unter Stefan Toss noch einmal eindrucksvoll unterstrichen, ohne deshalb in die extreme Nabelschau eines William Forsythe zu verfallen. Schade nur, dass an diesem Premiere-Abend nur so wenig Zuschauer sich im Großen Haus eingefunden hatten. Nach dem Wechsel in der Leitung des Wiesbadener Balletts ist ein deutlicher Bruch im Darmstädter Besucherverhalten zu verzeichnen, was nicht unbedingt für das Darmstädter Tanztheater-Publikum spricht. Man hätte dieser Choreografie wirklich ein volles Haus gewünscht. Weitere
Aufführungen finden am 14., 19. und 24. Mai sowie am 5. und 17.
Juni statt. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Martin Kaufhold |
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