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Die
Inflation der 30 Silberlinge |
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Die Kammerspiele des Staatstheater Darmstadt zeigen Jaan Tättes "Bungee Jumping oder Die Geschichte vom Goldenen Fisch" | ||||
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Diese Situation nimmt der
estländische Autor Jaan Tätte, der das Thema des Aussteigers
bereits in "Elchtest" behandelt
hat, als Ausgangspunkt für
seine schwarze Komödie; allerdings lässt er die Zuschauer
anfangs über die Vorgeschichte im Unklaren, um die Spannung zu
erhöhen. Bei ihm kämpft sich das junge Paar Roland und Laura
an einem kalten Herbstabend nach einer verunglückten Tramptour zu
einer Geburtstagsfeier und nach einem längeren Fußmarsch
durch die kalte und unwirtliche Gegend bis zu einer Hütte vor, die
Wärme, Nahrung und eine Bettstatt verspricht. Dort sitzt jedoch
der einsame Osvald mit der Angel vor der Hütte und fällt beim
Anblick von Laura fast in Ohnmacht. Für ihn hat das Schicksal
diese Frau herbeigeschafft, und Roland kann da nur stören.
Für den Zuschauer mutet Osvalds Verhalten mehr als merkwürdig
an. Auf die Nachfrage nach einer Herberge für die Nacht - zur
symbolischen Wirkung fehlt nur, dass Laura hochschwanger ist -
lädt Osvald Laura zum Dableiben ein, schickt jedoch Roland hinaus
in die kalte Nacht. Das Unverständnis der beiden über diese
so fragwürdige wie eindeutige Gastfreundschaft und die
inständigen Bitten um Unterkunft für beide bügelt Osvald
brutal ab. Schließlich akzeptiert die völlig durchgefrorene
Laura die Ungleichbehandlung und Roland trollt sich unter die
Bäume. Der misstrauischen Laura
erzählt Osvald von der Illustrierten und seiner festen
Überzeugung, dass sie beide füreinander bestimmt seien und
nun endlich zusammengefunden hätten. Er zeigt dabei alle
Wesensmerkmale eines Neurotikers, der lange Zeit mit dem
Leben über Kreuz lag und nun mit der plötzlichen Wendung zum
vermeintlich großen Glück psychisch nicht fertig wird. Seine
Anträge sind eher ungeschickt denn zudringlich, seine
Berührungsversuche eher kindisch-ängstlich, seine
Äußerungen sprudeln unkontrolliert aus ihm heraus und seine
ungelenke, geradezu hysterische Körpersprache zeugt von
großem inneren Aufruhr. Der Zuschauer fühlt mit Laura, die
mit gerunzelter Stirne und zusammengepressten Knien aufrecht auf der
Bank sitzt und sich sonstwohin wünscht.
Irgendwann kommt auch Roland
wieder aus der Kälte herein und erklärt Osvald im Verein mit
Laura, dass sie sich lieben und dass es ihnen gut gehe und nichts sie
trennen könne. Diese Szene dehnt Tätte bewusst aus, um die -
vermeintliche - Verbundenheit und das gegenseitige Vertrauen der beiden
ineinander zu verdeutlichen. Gemeinsam machen sie dem widerspenstigen
Osvald klar, dass eine Beziehung zu Laura für ihn keine Option ist
und er sich alle Hoffnungen aus dem Kopf schlagen müsse. Als sich
jedoch Laura erschöpft im Nebenraum hinlegt, lässt Osvald im
Zweiergespräch mit Roland die Katze aus dem Sack. Er bietet Roland
Geld für Laura und erhöht den Betrag in schwindelerregender
Eile auf eine Milliarde Dollar. Als Beweis weist er auf zwanzig
Kartons, die angeblich insgesamt vier Milliarden Dollar enthalten. Der
anfangs ungläubige Roland überlegt nur kurz und geht auf das
Geschäft ein. Innerhalb weniger Minuten hat er Laura verraten und
verkauft. Wer nun glaubt, dass es nach
Lauras Erwachen zu einem emotionalen Zerwürfnis kommt, hat sich
geirrt. Als Laura von dem Geschäft erfährt, läuft sie
mit fliegenden Fahnen und einem Dollarglitzern à la Dagobert
Duck in den Augen zu Osvald über. Ja, kurzfristig überholt
sie die beiden noch, indem sie Osvald in einem stillen Moment fragt, ob
denn Roland wirklich eine ganze Milliarde brauche. Sie erweist sich als
noch abgebrühter und geldgieriger als Roland und erklärt
diesem, als er sich entsetzt zeigt über ihren schnellen Wandel,
dass das finanziell eingeschränkte Leben an seiner Seite sie schon
lange genervt habe. Derweil sitzt Osvald dabei und staunt nicht ohne
ein gewisses Amüsement über den schnellen Sinneswandel der
beiden jungen Leute. Er selbst ist in Lauras Augen binnen weniger
Minuten vom neurotischen Spinner zum attraktiven Mann avanciert. Doch
als Roland ihr wegen ihres plötzlichen Wandels Vorwürfe macht
und ihr in einem kurzen Augenblick der Besinnung vorschlägt,
sofort das Geld und Osvald zu vergessen und das Weite zu suchen,
beruhigt sie ihn, es gebe ja Möglichkeiten, sich Osvalds zu
entledigen und irgendwann wieder zusammenzukommen. Laura erweis sich
als derart skrupellose Strategin, dass es selbst dem nur
Gesprächsfetzen aufschnappenden Osvald graut.... Nun könnte ja alles seinen
Gang gehen, entweder nach Osvalds oder Lauras Vorstellungen. Doch
Tätte lässt das Schicksal noch eine Volte drehen, die den
Tanz der drei um die goldenen Kartons schlagartig stoppt. Als der von
Roland bestellte Pizzabote eintrifft, zeigt er sich erst alles andere
als ein dienstbarer Geist und dann als völlig unerwarteter "deus
ex machina". Um potentiellen Zuschauern unter unseren Lesern nicht die
Spannung zu rauben, wollen wir hier nicht mehr verraten, denn
Tätte überrumpelt die Zuschauer bewusst mit dieser neuen
Wendung der Geschichte.
Tätte geht es bei dieser
Parabel nicht um den psychischen Prozess der Korrumpierung oder um den
Preis, bei dem die Untreue beginnt. Er setzt den Betrag aus zwei
Gründen bewusst so hoch an. Erstens verzichtet er damit um die
Erforschung des Punktes, an dem der Mensch schwach wird, und zeigt,
dass die Korrumpierbarkeit keine Frage sondern eine Tatsache ist. Der
hohe Betrag dient dabei lediglich der Umgehung eines längeren
Prozesses. Zweitens arbeitet er mit diesem absurden Betrag das Groteske
der Situation heraus und leitet vom Speziellen über zum
Allgemeinen: blinde Geldgier und Aufgabe aller persönlichen
Beziehungen, die beide selbst groteske Auswüchse des menschlichen
Wesens sind. In Zeiten galoppierender weltweiter Finanzkrisen tritt
dieser Charakter besonders grell in den Vordergrund, und so kam der
Termin der Premiere am Tag der Geldfreigabe für das marode
Griechenland goldrichtig. Wer hätte das bei der Festlegung des
Termins ahnen können! Die Darsteller agieren unter der
Regie von Romy Schneider in einer abstrahierten Waldlandschaft.
Mechthild Seidemann hat mit grünem Filz ein paar Buckel aufgebaut,
auf denen Verkehrsschilder wie Bäume aufgepfanzt sind. Solange sie
den Zuschauern die Rückseite zuwenden, sehen sie tatsächlich
wie schematisierte Nadel- oder Laubbäume aus, erst später
zeigen sie ihr wahres Gesicht, das teilweise Assoziationen an das
Geschehen auf der Bühne weckt. Ein kleiner roter Fluss zieht sich
durch den grünen Filz und ist die Heimat des kleinen Fisches, der
Osvald angeblich das Geld gegen seine Freilassung geschenkt hat. Daher
auch der Untertitel "Die Geschichte vom Goldenen Fisch". Eine
hölzerne Eckbank markiert die Hütte, und zwanzig Faltkartons
mit grünen - und leider unechten - Dollarscheinen
repräsentieren die vier Milliarden. Matthias Kleinert sieht man in
einer ungewohnten Rolle. Der sonst auf kühle Machtmenschen - siehe
"Männergesellschaft" -
geradezu abonnierte Schauspieler zeigt als Osvald, dass er auch anders
kann. Er wird zum aufgedrehten, chaotischen, hysterischen, aber auch
liebeshungrigen und anbiedernden Künstlertyp, der sich in seiner
Aufregung wie ein Hund um sich selbst dreht, auf den Boden wirft oder
mit plötzlicher Herrscherattitüde auftrumpft. Ein Versager,
der endlich einmal über Macht verfügt und diese auch
unbedingt für sich nutzen will, dem aber letztlich die wahre
Skrupellosigkeit vollkommen abgeht. Da ist die Laura von Anne Hoffmann
ein ganz anderes Kaliber. Solange sie nichts Besseres in Aussicht hat,
gibt sie sie sich als treue Lebensgefährtin ihres Freundes. Sobald
sie jedoch den großen Coup wittert, wirft sie die letzten
Hemmungen über Bord. Anne Hoffmann bringt diesen plötzlichen
Wandel mit entsprechender Mimik und Stimmlage überzeugend zum
Ausdruck, so dass man sich vor ihr fast fürchten muss. Ihr
Gesichtsausdruck kann sich in kürzester Zeit vom lieben
Augenaufschlag zur eiskalten Miene verwandeln, und ihr gesamter
Körper scheint dann förmlich zu gefrieren. István
Vinczes befindet sich da als Roland in gewisser Weise im Nachteil, weil
er eine eher passive Rolle spielt. Der anfängliche Rauswurf aus
der Hütte steht symptomatisch für die ganze Rolle. Erst
manipuliert ihn Osvald, dann Laura, und wenn er sich beiden entziehen
will, nimmt ihm eine andere Instanz jegliche
Entscheidungsfähigkeit aus der Hand. Doch Vinczes macht aus der
Rolle des im Grunde genommen kreuzbraven, aber etwas naiven Roland das
Beste und verleiht dieser Gestalt glaubhaftes Leben. Bleibt noch
MaikaTroscheit, die zum Schluss als Schicksalsperson mit bräsigem
Machtbewusstsein auftritt. Sie hat nur einen relativ kurzen Auftritt,
absolviert diesen aber durchaus mit überzeugendem Nachdruck. Das Premierenpublikum zeigte
sich amüsiert aber auch betroffen und spendete den Darstellern
kräftigen Beifall. Weitere
Aufführungen
am
15.
und
22. Mai sowie am 2., 20. und 26.
Juni. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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