Die Inflation der 30 Silberlinge

Mai 2010








































































































































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Die Kammerspiele des Staatstheater Darmstadt zeigen Jaan Tättes "Bungee Jumping oder Die Geschichte vom Goldenen Fisch"




Man stelle sich vor: ein verhinderter Künstler -  Verkehrsschilder statt großer Gemälde -
verkriecht sich in die baltischen Wälder weitab jeder Zivilisation in eine einsame Hütte, um die Schnödigkeit der Welt zu vergessen, und findet dort wider Erwarten eine unvorstellbare Menge Bargeld vor. Ohne Kenntnis der Herkunft und die Möglichkeit es unbemerkt wegzuschaffen wird er fast verrückt angesichts des theoretisch vorhandenen aber nicht zu konkretisierenden Konsumpotentials. Seine Frustration kompensiert er mit einer billigen Illustrierten und dem Foto einer attraktiven jungen Frau im Badeanzug. Was geschieht, wenn eben diese Frau plötzlich in der Hütte steht?

Matthias Kleinert (Osvald), Anne Hoffmann (Laura)
Matthias Kleinert (Osvald), Anne Hoffmann (Laura)

Diese Situation nimmt der estländische Autor Jaan Tätte, der das Thema des Aussteigers bereits in "Elchtest" behandelt hat, als Ausgangspunkt für seine schwarze Komödie; allerdings lässt er die Zuschauer anfangs über die Vorgeschichte im Unklaren, um die Spannung zu erhöhen. Bei ihm kämpft sich das junge Paar Roland und Laura an einem kalten Herbstabend nach einer verunglückten Tramptour zu einer Geburtstagsfeier und nach einem längeren Fußmarsch durch die kalte und unwirtliche Gegend bis zu einer Hütte vor, die Wärme, Nahrung und eine Bettstatt verspricht. Dort sitzt jedoch der einsame Osvald mit der Angel vor der Hütte und fällt beim Anblick von Laura fast in Ohnmacht. Für ihn hat das Schicksal diese Frau herbeigeschafft, und Roland kann da nur stören. Für den Zuschauer mutet Osvalds Verhalten mehr als merkwürdig an. Auf die Nachfrage nach einer Herberge für die Nacht - zur symbolischen Wirkung fehlt nur, dass Laura hochschwanger ist - lädt Osvald Laura zum Dableiben ein, schickt jedoch Roland hinaus in die kalte Nacht. Das Unverständnis der beiden über diese so fragwürdige wie eindeutige Gastfreundschaft und die inständigen Bitten um Unterkunft für beide bügelt Osvald brutal ab. Schließlich akzeptiert die völlig durchgefrorene Laura die Ungleichbehandlung und Roland trollt sich unter die Bäume.

Der misstrauischen Laura erzählt Osvald von der Illustrierten und seiner festen Überzeugung, dass sie beide füreinander bestimmt seien und nun endlich zusammengefunden hätten. Er zeigt dabei alle Wesensmerkmale eines Neurotikers, der lange Zeit mit dem Leben über Kreuz lag und nun mit der plötzlichen Wendung zum vermeintlich großen Glück psychisch nicht fertig wird. Seine Anträge sind eher ungeschickt denn zudringlich, seine Berührungsversuche eher kindisch-ängstlich, seine Äußerungen sprudeln unkontrolliert aus ihm heraus und seine ungelenke, geradezu hysterische Körpersprache zeugt von großem inneren Aufruhr. Der Zuschauer fühlt mit Laura, die mit gerunzelter Stirne und zusammengepressten Knien aufrecht auf der Bank sitzt und sich sonstwohin wünscht.

Anne Hoffmann (Laura), Matthias Kleinert (Osvald)
Anne Hoffmann (Laura), Matthias Kleinert (Osvald)

Irgendwann kommt auch Roland wieder aus der Kälte herein und erklärt Osvald im Verein mit Laura, dass sie sich lieben und dass es ihnen gut gehe und nichts sie trennen könne. Diese Szene dehnt Tätte bewusst aus, um die - vermeintliche - Verbundenheit und das gegenseitige Vertrauen der beiden ineinander zu verdeutlichen. Gemeinsam machen sie dem widerspenstigen Osvald klar, dass eine Beziehung zu Laura für ihn keine Option ist und er sich alle Hoffnungen aus dem Kopf schlagen müsse. Als sich jedoch Laura erschöpft im Nebenraum hinlegt, lässt Osvald im Zweiergespräch mit Roland die Katze aus dem Sack. Er bietet Roland Geld für Laura und erhöht den Betrag in schwindelerregender Eile auf eine Milliarde Dollar. Als Beweis weist er auf zwanzig Kartons, die angeblich insgesamt vier Milliarden Dollar enthalten. Der anfangs ungläubige Roland überlegt nur kurz und geht auf das Geschäft ein. Innerhalb weniger Minuten hat er Laura verraten und verkauft.

Wer nun glaubt, dass es nach Lauras Erwachen zu einem emotionalen Zerwürfnis kommt, hat sich geirrt. Als Laura von dem Geschäft erfährt, läuft sie mit fliegenden Fahnen und einem Dollarglitzern à la Dagobert Duck in den Augen zu Osvald über. Ja, kurzfristig überholt sie die beiden noch, indem sie Osvald in einem stillen Moment fragt, ob denn Roland wirklich eine ganze Milliarde brauche. Sie erweist sich als noch abgebrühter und geldgieriger als Roland und erklärt diesem, als er sich entsetzt zeigt über ihren schnellen Wandel, dass das finanziell eingeschränkte Leben an seiner Seite sie schon lange genervt habe. Derweil sitzt Osvald dabei und staunt nicht ohne ein gewisses Amüsement über den schnellen Sinneswandel der beiden jungen Leute. Er selbst ist in Lauras Augen binnen weniger Minuten vom neurotischen Spinner zum attraktiven Mann avanciert. Doch als Roland ihr wegen ihres plötzlichen Wandels Vorwürfe macht und ihr in einem kurzen Augenblick der Besinnung vorschlägt, sofort das Geld und Osvald zu vergessen und das Weite zu suchen, beruhigt sie ihn, es gebe ja Möglichkeiten, sich Osvalds zu entledigen und irgendwann wieder zusammenzukommen. Laura erweis sich als derart skrupellose Strategin, dass es selbst dem nur Gesprächsfetzen aufschnappenden Osvald graut....

Nun könnte ja alles seinen Gang gehen, entweder nach Osvalds oder Lauras Vorstellungen. Doch Tätte lässt das Schicksal noch eine Volte drehen, die den Tanz der drei um die goldenen Kartons schlagartig stoppt. Als der von Roland bestellte Pizzabote eintrifft, zeigt er sich erst alles andere als ein dienstbarer Geist und dann als völlig unerwarteter "deus ex machina". Um potentiellen Zuschauern unter unseren Lesern nicht die Spannung zu rauben, wollen wir hier nicht mehr verraten, denn Tätte überrumpelt die Zuschauer bewusst mit dieser neuen Wendung der Geschichte.

Matthias Kleinert (Osvald), István Vincze (Roland), Anne Hoffmann (Laura), dahinter Maika Troscheit (Frau)
Matthias Kleinert (Osvald), István Vincze (Roland), Anne Hoffmann (Laura), dahinter Maika Troscheit (Frau)

Tätte geht es bei dieser Parabel nicht um den psychischen Prozess der Korrumpierung oder um den Preis, bei dem die Untreue beginnt. Er setzt den Betrag aus zwei Gründen bewusst so hoch an. Erstens verzichtet er damit um die Erforschung des Punktes, an dem der Mensch schwach wird, und zeigt, dass die Korrumpierbarkeit keine Frage sondern eine Tatsache ist. Der hohe Betrag dient dabei lediglich der Umgehung eines längeren Prozesses. Zweitens arbeitet er mit diesem absurden Betrag das Groteske der Situation heraus und leitet vom Speziellen über zum Allgemeinen: blinde Geldgier und Aufgabe aller persönlichen Beziehungen, die beide selbst groteske Auswüchse des menschlichen Wesens sind. In Zeiten galoppierender weltweiter Finanzkrisen tritt dieser Charakter besonders grell in den Vordergrund, und so kam der Termin der Premiere am Tag der Geldfreigabe für das marode Griechenland goldrichtig. Wer hätte das bei der Festlegung des Termins ahnen können!

Die Darsteller agieren unter der Regie von Romy Schneider in einer abstrahierten Waldlandschaft. Mechthild Seidemann hat mit grünem Filz ein paar Buckel aufgebaut, auf denen Verkehrsschilder wie Bäume aufgepfanzt sind. Solange sie den Zuschauern die Rückseite zuwenden, sehen sie tatsächlich wie schematisierte Nadel- oder Laubbäume aus, erst später zeigen sie ihr wahres Gesicht, das teilweise Assoziationen an das Geschehen auf der Bühne weckt. Ein kleiner roter Fluss zieht sich durch den grünen Filz und ist die Heimat des kleinen Fisches, der Osvald angeblich das Geld gegen seine Freilassung geschenkt hat. Daher auch der Untertitel "Die Geschichte vom Goldenen Fisch". Eine hölzerne Eckbank markiert die Hütte, und zwanzig Faltkartons mit grünen - und leider unechten - Dollarscheinen repräsentieren die vier Milliarden.

Matthias Kleinert sieht man in einer ungewohnten Rolle. Der sonst auf kühle Machtmenschen - siehe "Männergesellschaft" - geradezu abonnierte Schauspieler zeigt als Osvald, dass er auch anders kann. Er wird zum aufgedrehten, chaotischen, hysterischen, aber auch liebeshungrigen und anbiedernden Künstlertyp, der sich in seiner Aufregung wie ein Hund um sich selbst dreht, auf den Boden wirft oder mit plötzlicher Herrscherattitüde auftrumpft. Ein Versager, der endlich einmal über Macht verfügt und diese auch unbedingt für sich nutzen will, dem aber letztlich die wahre Skrupellosigkeit vollkommen abgeht. Da ist die Laura von Anne Hoffmann ein ganz anderes Kaliber. Solange sie nichts Besseres in Aussicht hat, gibt sie sie sich als treue Lebensgefährtin ihres Freundes. Sobald sie jedoch den großen Coup wittert, wirft sie die letzten Hemmungen über Bord. Anne Hoffmann bringt diesen plötzlichen Wandel mit entsprechender Mimik und Stimmlage überzeugend zum Ausdruck, so dass man sich vor ihr fast fürchten muss. Ihr Gesichtsausdruck kann sich in kürzester Zeit vom lieben Augenaufschlag zur eiskalten Miene verwandeln, und ihr gesamter Körper scheint dann förmlich zu gefrieren. István Vinczes befindet sich da als Roland in gewisser Weise im Nachteil, weil er eine eher passive Rolle spielt. Der anfängliche Rauswurf aus der Hütte steht symptomatisch für die ganze Rolle. Erst manipuliert ihn Osvald, dann Laura, und wenn er sich beiden entziehen will, nimmt ihm eine andere Instanz jegliche Entscheidungsfähigkeit aus der Hand. Doch Vinczes macht aus der Rolle des im Grunde genommen kreuzbraven, aber etwas naiven Roland das Beste und verleiht dieser Gestalt glaubhaftes Leben. Bleibt noch MaikaTroscheit, die zum Schluss als Schicksalsperson mit bräsigem Machtbewusstsein auftritt. Sie hat nur einen relativ kurzen Auftritt, absolviert diesen aber durchaus mit überzeugendem Nachdruck.

Das Premierenpublikum zeigte sich amüsiert aber auch betroffen und spendete den Darstellern kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen am 15. und 22. Mai sowie am 2., 20. und 26. Juni.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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