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Die
Leiden der ewig jungen Mimen |
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Peter Hailer inszeniert im Staatstheater Darmstadt Carlo Goldonis Komödie "Der Impresario von Smyrna" | ||||
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In Goldonis Theaterstück
steht das Theater selbst im Vordergund der Handlung, die Schauspieler
spielen also letztlich sich selbst. Doch geht es im "Impresario"
weniger um liebenswerte Schrullen und groteske Konstellationen, sondern
um die Verletzungen und enttäuschten Hoffnungen der Theaterwelt.
Die Handlung zeichnet sich durch wenige und eher simple Elemente aus,
an Hand derer Goldoni die einzelne Charaktere vorführt. In einem schäbigen
venezianischen Hotel überbrücken mehrere arbeitslose
Schauspieler die Zeit bis zum - sehnsüchtig erwarteten -
nächsten Engagement. Natürlich hat es keiner von ihnen
nötig, sich um irgendeine Rolle aktiv zu bewerben, denn man ist ja
äußerst gefragt, hat keine Geldprobleme und lässt sich
selbst bei den besten Rollen, so sie denn kommen sollten, gerne ein
wenig bitten. Das ist jedenfalls die nach außen gekehrte
Selbstdarstellung, doch beim Hotelwirt lässt man gnadenlos
anschreiben. Da ist der alternde Sänger Carluccio mit
Falsettstimme, der stets im eleganten Abendumhang (darunter nur lange
Unterhosen!) umherläuft, von seinen grandiosen Auftritten spricht
und allen Frauen erfolglos den Hof macht. Und da ist die junge
Sopranisten Lucrezia, die sich als Primadonna darstellt, von "ersten
Rollen" träumt und doch das kleinste Engagement sofort annehmen
würde. In einer anderen Absteige sitzt
die egozentrische Sängerin Tognina, natürlich auch "erste
Sopranistin", die zur Kompensation ihrer permanenten beruflichen
Unterforderung ihren ebenfalls singenden und auf ein Engagement
hoffenden Lebensgefährten Pasqualino mit ihren Launen quält.
Den Reigen der verkannten Künstlerinnen beschließt die junge
Annina, die sich selbst als Nachfolgerin der in ihren Augen bereits
abgesungenen Tognina betrachtet und sich gern den Hof von Pasqualino
machen lässt. In ihrem Gefolge kommt auch der Dichter und
Librettist Maccario, der ebenfalls dringend einen Libretto-Auftrag
benötigt, sich aber gerne als nonkonformistischen Erfolgsmenschen
darstellt. Die Gespräche dieser
traurigen Truppe drehen sich nur um die Spitzen-Engagements, die man
angeblich mal gehabt hat oder die man in Kürze erwartet, ansonsten
vergehen die Tage in quälender finanzieller Knappheit. In diesem
Moment wirkt das Gerücht, ein türkischer Impresario suche in
Venedig die Truppe für eine neue Oper in Smyrna zusammen, geradezu
elektrisierend. Graf Lasca, ein lokaler Kunstmäzen, hat diese vom
Theateragenten Nibio kolportierte Nachricht unter strengster
Vertraulichkeit allen wartenden Sängern weitererzählt und vor
allem den Frauen die selben Spitzenrollen versprochen. Man kann sich
die Ernücherung vorstellen, als sich die einzelnen Konkurrentinnen
voreinander genüsslich mit ihrer neuen Karriere brüsten, um
dann festzustellen, dass alle vom selben fiktiven Engagement sprechen. Die persönliche Vorstellung
der Beteiligten bei dem türkischen Impresario entwickelt sich zu
einem solchen Desaster der Eitelkeiten und gegenseitigen Attacken, dass
der Impresario nach anfänglicher Zustimmung zu einem von Graf
Lasca improvisierten Ensemble über Nacht entnervt Hals über
Kopf abreist und die ganze Truppe am Hafen stehen lässt. Alle
Träume zerplatzen damit wie Seifenblasen.
Peter Haile hat die Handlung
gemäß seinem Regiekonzept modifiziert. Während bei
Goldoni der türkische Impresario jedem geprellten
Ensemble-Mitglied eine stattliche Abfindung auszahlen lässt, von
dem die Truppe gleich ein rauschendes Fest feiert, reduziert Haile
diesen Betrag auf einen nicht genannten aber offensichtlich niedrigen
Rest, der die schäbige Realität
stärker in den Vordergrund rücken lässt. Goldoni
kaschiert die Verhältnisse durch ein versöhnliches Ende,
Haile lässt nur den harten Boden der Tatsachen zurück.
Dadurch verschiebt sich der Akzent vom Heiter-Komödiantischen zum
Bittersüßen. Am Ende stehen alle wieder mittel- und
perspektivelos wie am Anfang da und beginnen von neuem. Doch gerade mit
diesem scheinbar nüchternen und geradezu unkomödiantischen
Ausklang rückt er seine Kernaussage in den Mittekpunkt: das
Theater ist keine romantische Institution zur Verwirklichung von
heiteren Lebensträumen, sondern eine von permanenten finanziellen
Engpässen und persönlichen sozialen Problemen
überschattete Einrichtung. Was Gewerkschaften und linke Parteien
bei Anstellungen in Wirtschaft und Behörden seit langem anprangern
und weitgehend auch abgeschafft haben, ist in kulturellen
"Tendenzbetrieben" seit langem Alltag: der Zeitvertrag. Natürlich
heißt er bei Goldoni nicht so, sondern steht dort in seiner
härteren Ausprägung als Saisonengagement im Mittelpunkt.
Dennoch hat sich an der sozialen Situation des "Mimen"
grundsätzlich nichts geändert. Insofern greift Haile mit
diesem Stück ein in jeder Finanzkrise wieder in den Vordergrund
rückendes Problem auf. Auch in der nahen Zukunft ist wieder mit
dramatischen Kürzungen im Kulturbereich zu rechnen. Das
heißt, dass ein Großteil der Verträge - nur wenige
erreichen den "Gnadenstand" der Unkündbarkeit - wieder zur
Disposition steht. Das führt heute zwar nicht mehr
zwangsläufig zum sofortigen sozialen Abstieg mit schäbigen
Unterkünften und hoher Verschuldung, aber aufwändige - und
oft erfolglose - Suche nach neuen Engagements, Umzüge und
zeitweise Arbeitslosigkeit gehören durchaus zum Schauspieler- und
Sänger-Alltag. Diese Tatsache wollte Haile offensichtlich mit der
Inszenierung von Goldonis Stück in das Bewusstsein des Publikums
rücken, und darüber deckt auch die komödiantische Seite
des Stückes nur einen dünnen Mantel.
Harald Schneider (Pasqualino), Karin Klein
(Tognina), Tilman Meyn (Ali)
Natürlich weckt die
prekäre Situation von Schauspielern ohne Engagement sowohl den
Überlebenswillen als auch eher niedere Instinkte gegenüber
den Konkurrent(inn)en um die wenigen Engagements, so es sie denn
überhaupt gibt. Dass hier Frauen besonders konsequent und
zielorientiert (um es einmal sachlich auszudrücken) agieren, ist
eine aus täglicher Lebenserfahrung immer wieder genährte
Klischeevorstellung und deshalb nicht ganz abwegig. Vielleicht ist das
auch evolutionstechnisch bedingt, da die Frauen immer den Nachwuchs
durchbringen mussten. Goldoni setzt diese Erkenntnis in
publikumswirksame Fehden zwischen den drei Sängerinnen - alle drei
natürlich für "erste Rollen" geradezu prädestiniert -
mit allen Beigaben wie übelste Beschimpfungen und sogar
Tätlichkeiten um. Doch dienen diese Szenen nicht nur derber
Heiterkeit und Schenkelklopfen, sondern spiegeln in Wirklichkeit die
Verzweiflung der Protagonisten wider. Wo es ums Überleben geht,
"werden Weiber zu Hyänen" (aus gegebenem Anlass weisen wir auf die
Quelle Friedrich von Schiller hin!FR). Die Männer üben sich
dagegen eher in Larmoyanz, verdrängen Probleme und sonnen sich in
einer Scheinzufriedenheit, die jedoch stets in herber Ernüchterung
endet. Doch trägt auch diese Verdrängung und falsche
Selbsteinschätzung zum Überleben bei, denn die nüchterne
Erkenntnis der Realität würde in vielen Fällen direkt in
die finale Verzweiflung führen. Nun könnte man den
Protagonisten natürlich zurufen, sie sollten sich doch einen
anderen Beruf suchen, kaufmännische Angestellte oder Lehrer etwa.
Doch da setzt der andere Aspekt des Theaters ein: die unbedingte Liebe
zu diesem Beruf. Die echte Opernsängerin ist halt auf Gedeih und
Verderben an diese "Berufung" gekettet und lebt vom Auftritt und dem
Beifall des Publikums. Die Verwandlung in eine andere Person, das
Nachleiden tiefen Schmerzens oder das Nachempfinden hoher Gefühle
sind durch keine andere, finanziell abgesicherte Existenz zu ersetzen.
Für den geborenen Schauspieler ist diese Alternative eben keine.
Auch diesen Aspekt zeigt Goldonis Komödie mit einem Anflug von
bittersüßer Melancholie. Insofern ist Goldonis Komödie
eine Liebeserklärung an das Theater und seine Akteure, auch wenn
die grotesken Aspekte dies bisweilen kaschieren.
Dieses alles steht hinter Peter
Hailes Inszenierung der Goldoni-Komödie, und die Schauspieler
haben durchaus gemerkt, wen sie da auf den berühmten Brettern
darstellen: sich selbst! Haile macht dabei auch Schnitte, die man
diskutieren kann und die laut Gerüchten auch zu heftigen
Diskussionen zwischen ihm und dem Ensemble geführt haben. So
reduziert er die Figur des türkischen Impresarios Ali auf die
Rolle eines knallharten, vom Theater nichts verstehenden und von
Gefühlsausbrüchen nur genervten Geschäftsmannes. Als
Zuschauer hätte man sich hier mehr emotionale Interaktion zwischen
ihm und den Theater-Protagonisten gewünscht, die in einigen kurzen
Szenen auch anklang, wenn Ali eine Sängerin persönlich
sympathisch findet. Doch die Möglichkeit erotischer Verwirrungen
und Verführungen vermeidet Haile offensichtlich bewusst, weil sie
einen falschen Ton in seine Inszenierung bringen könnte: die
Erotik wird's schon richten. Außerdem bietet sich diese Variante
zu offen als Zucker für den Affen Publikum an, als dass man sie
guten Gewissens einsetzen könnte. Für den Darsteller des Ali
(Tilam Meyn) hat das natürlich "minimalistsche" Folgen, aber damit
wird er leben müssen. Womit wir bei den Darstellern
sind. Wie bereits erwähnt, spielen diese in gewisser Weise sich
selbst, und das führt zu einer besonders dichten, wenn auch nicht
unbedingt heiter-komödiantischen Spielweise. Heinz Kloss gibt den
Carluccio als unnachahmlichen, verblichenen Charmeur einer
untergegangenen Epoche. Er könnte mit seinem leicht öligen,
traumtänzerischen Charme glatt dem späten "k.u.k."-Reich
eines Joseph Roth entsprungen sein. Von ähnlichem Kaliber ist
Harald Schneiders Pasqualino, dem unterdrückten
Lebensgefährten der Primadonna Tognina. Mit theatralischer
Verzweiflung versucht er, sich Lebensluft neben ihr zu verschaffen,
scheitert aber immer wieder, nur um danach mit hoffendem Kinderblick
von Neuem zu beginnen. Hans Matthias Fuchs gibt einen
vordergründig forschen und weltmännischen Librettisten
Maccacio, der vor dem potentiellen Impresario dann zum jammernden
Bittsteller zusammenschnurrt. Tom Wild ist ein smarter und latent
skrupelloser Graf Lasca, Hubert Schlemmer ein wendiger und windiger
Theateragent Nibio und Tilman Meyn, wie bereits erwähnt, ein
reduzierter Impresario Ali mit stechendem Blick. Gerd K. Wölfle
hat zu Beginn einen kurzen Auftritt als so bräsiger wie resoluter
Hotelwirt. Bei den Frauen überzeugt
Iris Melamed mit ihrer gebrochenen Darstellung der Sängerin
Lucrezia. Vor allem ihr erster Auftritt im Morgenmantel und der
Depression einer schlecht verbrachten Nacht bringt das ganze Leid
rollenloser Mimen zum Ausdruck, und ihr "Duett" mit dem öligen
Carluccio ist schon ein kleines Kabinettstück. Karin Klein spielt als herrschsüchtige und egozentrische
Tognina ihre gesamte spielerische
Bandbreite aus, verprügelt ihren hilflosen Pasqualino nach
Belieben verbal und ihre Konkurrentin Annina sogar handfest in einem
echten "Weibercatch". Christina Kühnreich hat mit dieser dagegen
eine etwas undankbare Rolle, da Annina aus unerfindlichen Gründen
aus Bratislava stammt und daher mit nervendem slowakischen Akzent
sprechen und kreischen muss. Unter diesem unnötigen Akzent leidet
die restliche Darstellung ein wenig. Ansonsten zeigt aber auch sie in
einigen Szenen ihr schauspielerisches Potential. Das Bühnenbild
transportiert das Geschehen in ein fiktives 20. Jahrhundert irgendwo
zwischen 1910 und 1960 - Tapeten aus den Zwanzigern, Nierentisch und
Tütenlampen aus den Fünzigern - und markiert vor allem die
Ärmlichkeit des Ambientes. Damit konterkariert Bühnenbildner
Martin Fischer den im Theater - und vor allem in der Oper - gerne
geübten Brauch des illusionistischen Bühnenbildes. Das Premierenpublikum spendete
allen Beteiligten kräftigen Beifall - Peter Haile war aus
persönlichen Gründen verhindert - und ließ seinem Unmut
erst bei der Premierenfeier mehr oder minder freien Lauf. Doch wie
gesagt: vielleicht war man mit falscher Erwartungshaltung gekommen. Weitere
Aufführungen
am
13.,
18.
und
22. Mai sowie am 2., 5., 22. und 26.
Juni. Frank
Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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