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Raum ist in der kleinsten Hütte nicht... |
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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt
bringen David Spencers Zweipersonen-Stück "Raum (Space)" |
In der Mathematik ergibt die Multiplikation zweier negativer Größen ein positives Ergebnis, im Leben eher selten. Nimmt man jedoch statt der Multiplikation die Addition, dann stimmen Mathe und Mensch doch überein. Im vorliegenden Fall bedeutet dies, dass zwei verlorene, unterprivilegierte Menschen auch zusammen selten ein erfolgreiches Leben führen werden. Das hört sich aus der Sicht des - der objektiven Sicht verpflichteten - Rezensenten vielleicht hochmütig an, spiegelt jedoch lediglich die Aussage von David Spencers Theaterstück und - nebenher - die allgemeine Erfahrung wider. ![]() Diana Wolf (Pam), Stefan Schuster (Dean) Zu Beginn sehen die Zuschauer ein junges Paar auf einem Hügel, der dem Kopf eines Plüschhundes nachgebildet ist. Sie haben gerade ihr erstes intimes Leben hinter sich und beobachten die Sterne. Dean (Stefan Schuster) erklärt Pam (Diana Wolf) einige Sternbilder, und sie tasten sich langsam auch seelisch ab. Dabei ergibt sich, dass Dean von Pams Sohn Kenny weiß, der von ihrem ersten Mann Mike stammt. Dieser ist jedoch wegen einer blutigen Beziehungstat an einer anderen Frau (!) im Gefängnis gelandet und damit aus Pams Leben verschwunden. Die einzige Verbindung besteht in Mikes Mutter, die ihn ebenfalls verurteilt und sich um Pam und Kenny kümmert. In den folgenden Szenen sieht man, wie Dean sich rührend um Kenny (Margit Schulte-Tigges) kümmert und auch ihm den Weltraum, die Schwerkraft und die Sterne erklärt. Schon hier erkennt man die Bedeutung des Begriffs "Raum" für Dean. Er sehnt sich nach Weite, Entgrenzung, Freiheit, und verlagert diese Sehnsucht in den Sternenhimmel oberhalb der engen Erde mit ihren alltäglichen Grenzen. Doch schon diese von innen kommende Sorge um und für Kenny stört Pam, die sowohl Kenny als auch Dean als ihren Besitz betrachtet und unter Verlustängsten leidet, da sie bisher nur Verluste erlitten hat. Als sie von Mike schwanger wurde, haben sich ihre Eltern von ihr losgesagt, dann hat Mike sie erst betrogen und anschließend noch durch sein Verbrechen alleine gelassen. Intuitiv sieht sie in der Zweisamkeit von Dean und Kenny eine Gefahr für ihre eigene Bedeutung. Dean wiederum ahnt, dass Pam mit Mike durchaus nicht "fertig" ist, wie sie immer behauptet, und beobachtet argwöhnisch das Wiederauftauchen des Widersachers nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis. Pams Nähe zu Mikes Mutter verdichtet dabei seine Verdachtsmomente noch, und als Pam eines Tages beschwipst von einer Party kommt, auf der auch Mike kurz erschienen ist, gibt es das erste große Zerwürfnis. Auch Dean leidet unter Verlustängsten. Sein Vater ist schon früh gestorben, hat davor aber seinen Sohn regelmäßig ohne Grund geschlagen, sozusagen prophylaktisch für nicht aufgedeckte Taten. So belauern sich Dean und Pam gegenseitig und wittern förmlich tatsächliche und vermeintliche Unehrlichkeiten und Geheimnisse. Davon haben beide noch einige in ihrem seelischen Keller, und durch Zufall und Unachtsamkeit kommen alle diese ängstlich gehüteten weil unangenehmen Wahrheiten ans Tageslicht, was wieder zu Streit und Missverständnissen führt. Das tägliche Zusammenleben in Pams Wohnung wird immer mehr zum Martyrium für beide, dennoch kommen sie nicht voneinander los. ![]() Stefan Schuster (Dean), Margit Schulte-Tigges (Kenny), Diana Wolf (Pam) Einen Einschnitt bedeutet für beide Pams erneute Schwangerschaft, die diese Dean erst gar nicht zu gestehen wagt. Sie will das Kind abtreiben, um ihren geheimen Wunsch zu verwirklichen, Krankenschwester zu werden. Doch Dean freut sich unbändig, wohl weniger wegen der zukünftigen Vaterschaft als vielmehr wegen der verbindenen Kraft des gemeinsamen Kindes. Er nimmt eine undankbare Arbeit in einer Bäckerei an und schlägt sich dort die Nächte um die Ohren, um "Frau und Kind" versorgen zu können. Von Pam verlangt er, ihre beruflichen Zukunftsträume zu begraben, ihn zu heiraten und sich als Mutter um ihre beiden Kinder zu kümmern. Doch Pam lehnt konsequent seine inständig vorgebrachten Heiratsanträge ab, angeblich wegen der Frische ihrer Beziehung und ihrer schlechten Erfahrungen, tatsächlich wohl eher, weil sie immer noch Mike liebt. Das erkennt man in einer kurzen Szene mit Mikes Mutter, wo sie diese mit beide flehendem Blick fragt, ob sie mit Mike gesprochen habe. Dean ahnt das natürlich, und das Karussell der Missverständnisse und Streits dreht sich von neuem. Das gemeinsame Kind kann den breiter werdenden Riss zwischen den beiden nur kurzfristig kitten, dann demoliert Dean in Verzweiflung und Suff Pams Wohnung, während diese sich kurze Zeit im Krankenhaus befindet, und bedroht sogar noch Mikes Mutter, die nach dem Rechten sehen will. Nach Pams Rückkehr eskaliert die Situation soweit, dass sie sich gegenseitig anschreien - Dean: "Ich schufte doch nur für Euch!"; Pam: "Du siehst nur Dich, ich existiere nicht für Dich!" -, Pam Dean anspuckt und dieser sie schlägt. Am Ende wirft sie ihn aus der Wohnung und Dean sitzt in der letzten Szene allein auf dem Hügel der anfänglichen Liebesszene, von wo er auf sein gescheitertes Leben blickt. Hier könnte jetzt Schluss sein, aber der Autor lässt Pam noch einmal auftreten. Sie sucht Dean auf dem Hügel auf, und im ersten Augenblick sieht es nach einem Versöhnungsversuch aus. Doch dieser Schein trügt. Es scheint Pam mehr daran gelegen zu sein, Dean noch einmal die Endgültigkeit ihrer Entscheidung klarzumachen und ihm ein Eingeständnis der eigenen Schuld abzuringen. Anscheinend kann sie mit ihrer Entscheidung nur leben, wenn der Betroffene - Dean - dafür die Verantwortung übernimmt. Ihr Ton ist am Schluss versöhnlich, doch in der Sache bleibt sie hart. Dean versucht jedoch gar nicht mehr, sie zurückzugewinnen, und gesteht seine Schuld verbal aber ohne innere Überzeugung, eher wie in Trance. Beider Leben ist gescheitert, und die Kraft für eine Zukunft traut man beiden nicht mehr zu. ![]() Diana Wolf (Pam), Stefan Schuster (Dean) Diana Wolf und Stefan Schuster spielen die beiden Protagonisten unter der Regie von Martin Ratzinger mit hohem emotionellem Einsatz und einem untrüglichen Gespür für die jeweilige psychologische Befindlichkeit. Diana Wolf zieht alle Register weiblicher Betroffenheit, Geborgenheitssehnsucht und - ja - auch Launenhaftigkeit. Stefan Schuster, den man lange nicht mehr so gut gesehen hat, agiert nicht nur als junger, sozial abgerutschter Wilder, sondern auch als verbitterter Sohn, verzweifelter Liebhaber und trotzig-optimistischer Vater überzeugend. Die Rolle des kleinen Kenny hat Ratzinger der üblicherweise auf reife Frauen abonnierten Margit Schulte-Tigges übertragen. Ihre zierliche Figur prädestiniert sie für diese Rolle, und sie findet sich so überzeugend in die Seele eines vielleicht Sechsjährigen hinein, dass man bisweilen wirklich meint, einen kleinen Jungen vor sich zu sehen. Daneben spielt sie auch noch die Großmutter - Mikes Mutter - mit herb-gutmütigem Charme. Die Inszenierung hält das hohe Tempo und die außergewöhliche emotionale Dichte über die ganze Dauer von achtzig Minuten. Die dauernden Streitigkeiten zwischen Pam und Dean könnten leicht in die Langeweile des Immergleichen münden, doch die beiden schaffen es immer wieder, der gespannten Paarsitutation neue Aspekte abzugewinnen. Die Pausen dazwischen füllt Ratzinger geschickt mit den Auftritten von Margit Schulte-Tigges als Kenny oder Großmutter oder mit kurzen Momenten der Innigkeit zwischen dem Paar. Mit einer scheinbaren Kleinigkeit bürstet Ratzinger das Stück an einer anderen Stelle gegen den Strich: die Puppe, die als das zweite Baby herhalten muss, ist schwarz, genau so wie der Kinderwagen, in dem es liegt. Sicherlich will Ratzinger damit nicht auf eine etwaigen anderen Vater hinweisen, sondern wohl eher auf die Unerwünschtheit und Ambivalenz dieses "Geschenks" der Natur hinweisen. Denn sowohl für Pam als auch für Dean wird das zweite Kind letztlich zum Stolperstein für ihr zukünftiges Leben. Dieses Kind stellt die eigentliche Tragik des Stücks dar, sieht man es doch jetzt schon das verkorkste Leben seiner Eltern fortsetzen. Es wird ebenfalls ein Außenseiter und Verlierer - eben ein "Schwarzes" - werden. Frank Raudszus |
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