![]() |
Ein Amerikaner in Salzburg.... |
|
Das Landestheater Salzburg inzeniert Carlisle
Floyds Bürgerkriegsoper "Die Passion des Jonathan Wade" |
Wer in Salzburg weilt, muss auch die Oper besuchen, zumindest jedoch das Schauspiel. Da es dem Hörensagen nach außer Mozart noch andere Opernkomponisten gibt, kann es auch in Salzburg geschehen, dass keine Oper des großen Sohns der Stadt auf dem Programm steht. Der geneigte Besucher ist jedoch nicht bereit, deshalb gleich auf den Besuch des Opernhauses zu verzichten. Der Titel des gerade gespielten Stückes, "Die Passion des Jonathan Wade", und dessen Verfasser, Carlisle Floyd, waren dem Chronisten durchaus fremd, was angesichts der Fülle der Opernliteratur nicht unbedingt eine Schande sein muss. Dennoch - oder gerade deswegen? - fiel die Entscheidung, den letzten Abend in Salzburg einer amerikanischen Oper zu widmen. Die nach längerem Nachdenken aufkommende Erkenntnis, die Oper "Of Mice and Men" desselben Komponisten bereits vor Jahren in Bregenz gesehen zu haben, trug dazu nicht unwesentlich bei. ![]() Jeniece Golbourne als Nices Bridges Bei unbekannten Opern sollte man die von vielen Theatern angebotene Einführung wahrnehmen. In diesem Fall erzählte Operndirektor Dr. Bern Feuchtner seine persönliche Geschichte, wie er Floyds Oper entdeckte. Bei einem Aufenthalt in Los Angeles sah er "Die Passion des Jonathan Wade" eher zufäüllig, da er die Oper nicht kannte (Trost für den Chronisten!). Sie gefiel ihm auf Anhieb so gut, dass er sich die Aufführungsrechte für Salzburg sicherte. Floyds Oper spielt im amerikanischen Bürgerkrieg. Die Nordstaaten sind nach der siegreichen Beendigung des Krieges ind die schwer geschädigte Stadt Columbia eingerückt und Oberst Jonathan Wade übernimmt das Kommando. Dabei muss er sich mit dem Richter Townsend auseinandersetzen, der zwar schwer unter dem Krieg gelitten hat, jedoch zur Zusammenarbeit bereit ist. Seine Tochter Celia jedoch hasst die Yankees, da ihr Verlobter im Krieg gefallen und ihre Mutter an kriegsbedingten Mangelerscheinungen gestorben ist. Erst Wades Hinweis, dass auch der Norden gelitten habe, lässt Celia zur Besinnung kommen, und die beiden verlieben sich ineinander. ![]() Eric Fenell als Lucas Wardlaw und Hubert Wild als Jonathan Wade Doch das Glück wird getrübt durch feindliche gesinnte Südstaatlern, unter denen der Großgrundbesitzersohn Lucas Wardlaw eine zentrale Rolle spielt. Er kann seinen persönlichen Bedeutungsverlust und die Freilassung der Schwarzen nicht ertragen und schürt den Hass gegen die Yankees, Jonathan Wade und die Beziehung zwischen dem frisch verliebten Paar. Als auch noch der Bürokrat Pratt aus dem fernen Washington nach Columbia kommt und ohne jedes Fingerspitzengefühl Besatzer- und Siegermentalität herauskehrt, wird die Situation für Wade und Celia immer schwierigern. Zielsicher erkennt Pratt den um Ausgleich bemühten Wade als seinen eigentlichen Gegner und dessen Beziehung zu celia als seine Schwachstelle. So lässt er per Befehl von höchster Stelle Richter Townsend systematisch demütigen, wobei die Durchführung der jeweiligen Aktion gegen Townsend Wade zufällt. Als sich die Situation zuspitzt und sich die Südstaatler unter der Leitung von Lucas Wardlaw auf der Straße zusammenrotten, beschließt Wade, den Befehl zu verweigern und mit Ceila nach Brasilien zu fliehen. Doch bevor sie diese Absicht umsetzen können, trifft Wade die tödliche Kugel aus einem unbekannten Gewehr. Südstaatler und Anhänger Pratts beschuldigen sich gegenseitig, doch Celia bezichtigt sie alle zusammen des Mordes. Floyd bringt in seiner Oper, für die er selbst das Libretto schrieb, den Kern den Bürgerkrieg und damit aller Kriege auf den Punkt. Zwar hält er sich eng an die historischen Tatsachen des Bürgerkriegs, doch die Analogien zu aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen liegen auf der Hand. Im Mittelpunkt steht die Unmöglichkeit menschlichen Handelns in einer von Interessen aller Art diktierten Umgebung und unter aufgeheizten Emotionen. Der Gutwillige muss scheitern, da er von allen Seiten Kompromisse einfordert, die einzugehen die aus schlechter Erfahrung und Enttäuschung misstrauischen Parteien nicht bereit sind. In solchen Fällen gerät der Vermittler stets zwischen die Fronten und wird für alle Seiten zum Feindbild. Am Ende könnte jeder ihn umgebracht haben. Die Liebe zu celia ist hier kein Zugeständnis an ein sentimentales Publikum sondern das Symbol einer parteiübergreifenden Beziehung, die zwar faktisch scheitert aber ideell überlebt. ![]() Ensemble mit Julianne Borg als Celia und Marco Stahel als Wades toter Bruder in der letzten Szene Das Libretto beschränkt sich auf das Wesentliche zur Darstellung des Konflikts. Nebenhandlungen und - rollen wie die der schwarzen Hausangestellten Nicey dienen lediglich zur Konkretisierung der Situation und nicht zur emotional-sentimentalen Aufladung. Dadurch gewinnt die Handlung an Dichte und Tempo und bleibt bis zum Schluss von hoher Konsisten und Glaubwürdigkeit. Die Musik unterstreicht diesen Charakter durch eine moderne Tonalität, die jedoch auf jegliche Anleihen an Unterhaltungs- oder Filmmusik verzichtet und durchaus auch tonale Grenzgänge wagt. Die Zuspitzung der Handlung und die konfliktbeladenen Szenen finden in der Musik ihren adäquaten Niederschlag, so dass man von einem homogenen Gebilde aus Musik und Handlung reden kann. Der Lohn ist eine hohe Aufmerksamkeit des Publikums, das dem Geschehen auf der Bühne mit gespannter Konzentration folgt und sich von der Musik in die jeweilige emotionale Situation entführen lässt. Das Bühnenbild von Hans-Dieter Schaal besteht aus raumhohen Bretterverschlägen, die sowohl die Situation von Gefangenen als auch die Provisorik vom Krieg gezeichneter Städte symbolisieren. Diese ünberdimensionierten Lattenzäune werden je nach Szenenanordnung in den Vordergrund, den Hintergrund oder an die Seite gedreht und unterschiedlich angestrahlt, so dass sie mal das Wohnhaus des Richters, mal den Dienstsitz des Oberst und mal die unwirtliche Stadt darstellen. Für eine modernde Oper zeigt die Inszenierung von Arila Siegert ein hohes Maß an unmittelbarer Empathie, ohne deswegen größere Zugeständnisse an vermeintliche Publikumsvorlieben zu machen. Mit dieser Oper reiht sich einerseits der Komponist in die großen Opern des 20. Jahrhunderts ein - als Beispiele seien nur Brechts "Dreigroschenoper" und Zimmermanns "Die Soldaten" genannt - und präsentiert sich andererseits das Landestheater Salzburg mit einer Inszenierung, die sich auf Augenhöhe mit anderen großen Bühnen bewegt. Außerdem hat man den Mut gehabt, die Vorurteile gegenüber amerikanischer Kultur(losigkeit) am praktischen beispiel zu widerlegen, was in den notorisch antiamerikanischen Intellektuellen- und Künstlerkreisen Europas nicht einfach ist. Weitere Informationen findet man unter: http://www.salzburger-landestheater.at/ Frank Raudszus |
|
|