Reisen Der diskrete Charme der Melancholie

 
Juni 2010














































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Im 10. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt präsentiert die Gruppe "Bolero Berlin" südamerikanische Rhythmen


Ein bis zwei Mal in der Saison bricht das Staatstheater Darmstadt den üblichen Kammermusik-Kanon - Streichquartette, Trios und Solo-Instrumentalisten mit sogenannter "E-Musik" - auf und wagt sich in die Nähe der "U-Musik" - was immer man darunter versteht. Mal ist es ein Jazz-Pianist, dann wieder eine Gruppe wie "Bolero Berlin". Letztere kommt, wie es schon der Name sagt, aus der deutschen Hauptstadt und beschäftigt sich vor allem mit lateinamerikanischer Musik oder, um es neudeutsch auszudrücken, mit "Latin Sounds". Vier der sechs Musiker sind gleichzeitig Mitglieder der Berliner Philharmoniker: Martin Stegner (Bratsche), Manfred Preis (sämtliche Klarinetten-Varianten plus Saxophon), der Finne Esko Laine (Kontrabass) und der Pianist Raphael Haeger (im Hauptberuf Schlagzeuger). Dazu kommen noch die beiden "freien" Musiker Helmut Nieberle (Gitarre und Arrangements) und der Argentinier Daniel "Topo" Gioia, der sich als Autodidakt die Kunst der Perkussion angeeignet hat.

"Bolero Berlin" mit (v.l.n.r.) Esko Laine, Manfred Preis, Daniel "Topo" Gioia, Martin Stegner, Raphael Haeger und Helmut Nieberle
"Bolero Berlin" mit (v.l.n.r.) Esko Laine, Manfred Preis, Daniel "Topo" Gioia, Martin Stegner, Raphael Haeger und Helmut Nieberle


In seinen launigen Begrüßungsworten bezeichnete Martin Stegner die beiden Nicht-Philharmoniker mit feinem Understatement als "Profis" und erntete damit die ersten lockernden Lacher. Es ging Stegner offensichtlich vom ersten Augenblick an darum, für seine Musik eben diese gelockerte Atmosphäre zu schaffen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob sich das Publikum auf Beethovens letzte Streichquartette oder auf "Tango Argentino" einstellt, und ein kammermusikalisches Abonnementspublikum muss man wohl auch bei entsprechender Vorankündigung noch einmal explizit präparieren.

Wen die einleitenden Worte noch nicht in die entsprechende Stimmung brachten, den erreichte dann jedoch schnell das erste Stück: der berühmte Evergreen "Bésame Mucho". Ganz langsam, fast verloren beginnt dieses Stück. Bratsche, Kontrabass und Gitarre geben in freier melancholischer Metrik das Thema vor, ehe sich der lateinamerikanische Rhthmus durchsetzt und die Klarinette das Thema übernimmt. Moll ist die herrschende Tonlage, und trotz der versetzten Rhythmen schwebt so etwas wie unerfüllte Sehnsucht durch den Klangraum. Die Instrumente gehen einzeln durch ihre Improvisationszyklen, wobei das Klavier gleich zu Beginn einmal auftrumpfen darf, und die Bratsche antwortet dem Mann an den Tasten.

Weiter geht es mit Astor Piazollas "Libertango", der mit dem, was die Europäer unter Tango verstehen, wenig zu tun hat. Der durchgehende Tango-"Beat" versteckt sich hier in den Begleitfiguren des Klaviers und - sehr zurückhaltend - im Schlagzeug, und die schwermütige Klage der Klarinette bestimmt den Grundtenor dieses Stücks. Man kann sich bei dieser Musik einsame Einwanderer vorstellen, die sich in einem dämmrigen Lokal dem Heimweh nach Europa hingeben.

In diesem Tenor geht es weiter. Jedes Stück weist eine ganz eigene Charakteristik auf, so etwa Astor Piazollas "Fuga y Mysterio", die laut Stegners Ankündigung eigentlich eine "falsche" Fuge ist. Aber sei's drum: an diesem Abend findet nicht die Abschlussprüfung einer Musikakademie statt, und ein Piazolla ist (war) sowieso über musikwissenschaftliche Gesetze erhaben. Der Brasilianer Carlos Jobim, Verfasser des "Girl of Ipanema", ist mit dem feingesponnenen Stück "Luiza" vertreten, das ebenfalls sein Thema fugenartig nacheinander durch die einzelnen Instrumente laufen lässt.

Auch andere "Ohrwürmer" erscheinen hier in neuem Gewand, so etwa das angeblich meistgespielte Stück der latein-amerikanischen Musik, "Tico Tico". Wem der Titel nichts sagt, dem entschlüpft nach den ersten Takten ein "ach so!"; doch selbst dieses abgespielte Stück erhält in dieser Interpretation einen völlig neuen Klang. Auch die nordamerikanische Musik, von den Liebhabern der "Latin"-Musik gerne etwas scheel angesehen, kommt mit "Caravan" und "Continental" zu ihrem Recht und kleidet sich dabei in ein eher introvertiertes südamerikanisches Gewand.

So ging es durch die bekannte und weniger bekannte Literatur der lateinamerikanischen Musik, und Martin Stegner fand zu jedem Stück die rechten weil unterhaltsamen und stets humoristischen Worte. Immer war dabei eine gewisse Selbstironie im Spiel, so wenn er sagte, dass der Arrangeur des wegen seines 7/8-Taktes gefürchteten Ellington-Stücks "Caravan" ihm persönlich eine 4/4-Passage hineingeschrieben habe, damit er es spielen könne. Lacher und Schmunzeln. Zwischendurch gab es auch etwas "Klassisches", wenn man Ravel fälschlicherweise als solchen bezeichnen darf, nämlich dessen "Valse noble et sentimental", der den Saal tatsächlich in eine sentimental-melancholische Stimmung versetzte.

Nach der vorsichtshalber als "vorläufig letztes Stück" angekündigten Schlussnummer musste sich das Publikum an diesem Abend erst einmal aus der melancholischen Stimmung befreien, um herzhaft Beifall spenden zu können. Dieser fiel dann aber derart kräftig und anhaltend aus, dass die Musiker nicht umhin konnten, noch zwei ausgiebige Zugaben zu spielen. Bei der ersten holte Arrangeur und Gitarrist Helmut Nieberle eine winzige Ukulele (oder war's eine "Mini-Girtarre"?) aus einem speziellen Kasten und präsentierte darauf in einem kleinen Solo einen südamerikanischen "Dauerbrenner", den die Gruppe dann übernahm.

Nach einer Woche der Vuvuzelas war dieser Abend nicht nur eine akustische Erholung, sondern er zeigte auch, welch zarte und introvertierte Stimmungen man aus Blasinstrumenten - und nicht nur aus diesen - zaubern kann und was die lateinamerikanische Musik jenseits von gängigen Pop-Titeln eigentlich ausmacht.

Frank Raudszus

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