Reisen Grieg zwischen Brahms und Tschaikowsky

 
Juni 2010

Das 9. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt verbindet eine Lesung mit Musik von Tschaikowsky


Das neunte Kammerkonzert des Staatstheaters überschritt nach längerer Zeit wieder einmal die Grenzen des Genres, indem es einen literarischen Text mit der entsprechenden Musik verband. Im Mittelpunkt stand der russische Komponist Peter Iljitsch Tschaikowsky. Der Schauspieler Ulrich Noethen las aus Klaus Manns Roman "Symphonie Pathétique" und die Pianistin Hideyo Harada spielte dazu im Wechsel Musik von Tschaikowsky und Grieg.

Peter Iljitsch Tschaikowsky
Peter iljitsch Tschaikowsky im Jahr 1893


Tschaikowsky und Mann litten beide unter einer zu ihrer Zeit gesellschaftlich noch nicht akzeptierten homoerotischen Neigung. Der Komponist musste sie vollständig verdrängen und ging zu diesem Zweck sogar eine - kurze und desaströse - Ehe ein, während der Schriftsteller sich zwar schon früh dazu bekannte und seine Neigung auch lebte, aber dennoch darunter litt. Nicht nur aus diesem Grund konnte er den in seiner Heimat auch musikalisch lange nicht akzeptierten Tschaikowsky verstehen. Wie diesem wurde auch Klaus Mann erst spät - eigentlich erst nach seinem Tod - volle Anerkennung zuteil. Lange litt er unter dem übergroßen Schatten seines Vaters Thomas Mann, der ihm Segen und Fluch zugleich war. Dazu kam die Emigration vor den Nazis, die ihn erst nach Frankreich und dann in die USA führte. Der nicht zuletzt durch den Wechsel des Sprachraums bedingte Bruch seiner literarischen Karriere löste einen weiteren Stein aus dem brüchigen Mosaik seines Lebens. Auch hier fühlte er sich dem russischen Komponisten verwandt. Der im Jahr 1935 entstandene Roman "Symphonie Pathétique" schildert Tschaikowskys zerrissenes Seelenleben, das nicht zuletzt durch seine Stellung zwischen der "ur-russischen" Musikauffassung seiner Zeit und den Einflüssen der westlichen Musik bedingt war. Für seine Landsleute war Tschaikowsky lange Zeit ein Abweichler mit westlich-dekadenten Ansichten, für westliche Musikkritiker dagegen ein musikalischer Leichtfuß, dem es angeblich nur um vordergründige Effekte ging. Der gefürchtete Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick sprach in éiner Kritik sogar von "stinkender" Musik, wobei die mehr oder weniger bekannten homoerotischen Neigungen des Komponisten bei dieser Wortwahl wohl auch eine Rolle gespielt haben dürften.

Klaus Mann im Jahr 1949
Klaus Mann im Jahr 1949

Ulrich Noethen las aus diesem Roman mehrere Episoden über einen Besuch Tschaikowskys in Deutschland, während dessen dieser unter anderem den damals hoch verehrten Johannes Brahms und den jungen Edvard Grieg traf. Während die Beziehung zu dem deutschen "Altmeister" von Anfang an frostig - nicht zuletzt seitens des Deutschen - war, entwickelte sich zwischen dem Russen und dem Norweger sofort eine enge Freundschaft. In sieben Auszügen aus Manns Buch las Noethen über Tschaikowskys Ankunft in Berlin, die erwähnten Kontakte zu Brahms und Grieg in Leipzig, eine Orchesterprobe mit dem Gewandhaus-Orchester sowie ein Frühstück mit Edvard Grieg am selben Ort. Nach der Pause stand ein nostalgisch-peinliches Wiedersehen mit der früheren Verlobten Désirée Artôt auf dem Lesungsprogramm, und den Abschluss bildete Tschaikowskys Tod, den man heute als versteckten Selbstmord interpretiert. Tschaikowsky trank auf eigenen Wunsch und entgegen entsprechender Warnungen  choleraverseuchtes Wasser und starb folgerichtig daran. Offensichtlich suchte er hier eine Art Gottesurteil.

Die Musikststücke zu dieser Lesung stammten weitgehend aus Tschaikowskys Klavierzyklus "Die Jahreszeiten" (op. 37b). Zu Beginn spielte Hideyo Harada jedoch die Meditation op. 72 Nr. 5, ein ausgeprochen introvertiertes Stück, das die Zuhörer auf den Tenor der Lesung und die fragile Psyche des Komponisten einstimmte. Bei diesem Stück fiel vor allem der ununterbrochene, extrem lange Triller der rechten Hand auf, der nicht nur eine technische Herausforderung darstellt sondern dem Stück auch eine besondere Note verleiht. Nacheinander kamen jetzt nach den einzelnen Romankapiteln verschiedene Monate des Jahreszeitenzyklus zu Gehör."Troika(November)" bringt entfernte Assoziationen an verschneite Wälder mit Schlittenfahrten und ihren Glöckchengeklingel mit sich, "Weiße Nächte(Mai)" lässt den Frühling ahnen, in dem aus dem gerade erst aufgetauten Boden mit Macht neues Leben sprießt. Die "Ernte(August)" hingegen strotzt geradezu vor Kraft und trumpft mit einer vollen Scheuern auf, während bei "Weihnachten(Dezember)" das fröhliche Weihnachtsfest im Vordergrund steht. Die Pianistin entlockte jedem dieser kurzen Programmstücke eine eigene, spezifische Charakteristik, wobei jedoch allen eine melancholische, geradezu sehnsüchtige Grundstimmung gemeinsam war. Die Interpretation der Musik ergänzte die Romanauszüge über eine gebrochene Seele auf mehr als nur stimmige Weise. Vielmehr bestätigte sie die Worte des Romans und überhöhte sie auf musikalische Weise.

Vorleser Ulrich Noethen
Vorleser Ulrich Noethen


Passend zur Schilderung des Frühstücks mit Edvard Grieg trug Hiyedo Harada das Klavierstück "An den Frühling" des norwegischen Komponisten vor, dem sie die zartesten Knospen eines neuen Lebens entlockte. Es folgten nach dem nächsten Kapitel Tschaikowskys "Lied der Lerche", das tatsächlich den Gesang des während des Fluges singenden Vogels wiedergibt, sowie die russische Volksweise "Dumka", op.59.

Nach der Pause trug Ulrich Noethen die Geschichte über Tschaikowskys Gönnerin Nadeschda von Meck vor, und Hideyo Harada spielte im Anschluss die burleske Episode "Karneval (Februar)". Es folgte der "Grand Pas de deux" aus dem Ballett "Der Nussknacker", bei dem man förmlich ein Paar elegisch über die Bretter schweben sah. Die Schilderung von Tschaikowskys Tod schließlich begleitete eine Klavierversion des letzten Satzes aus der namensgebenden Sinfonie "Pathétique", die an Endzeitlichkeit und Todessehnsucht kaum noch zu übertreffen ist. Hideyo Harada ließ die sich am Leben reibenden Akkorde schwer im Raum hängen und verlieh ihrer Interpretation die zum Thema passende Tiefe. Zum Abschluss folgte noch die "Barkarole(Juni)" aus den Jahreszeiten, bevor sich das Künstler-Duo dem Beifall des Publikums stellte.

Pianistin Hideyo Harada
Pianistin Hideyo Harada

Ulrich Noethen verstand es, in seiner Lesung
Tschaikowskys zerrissene Seele ohne jegliche falsche Dramatik oder Sentimentalität mit sparsamen und doch überzeugenden Mitteln aus dem Text herauszuarbeiten. Nebenbei gelangen ihm auch gute Charakterisierungen der anderen Personen, sei es der im breiten Bass hinmümmelnde Brahms oder der mit leichtem nordischen Akzent und eher hellen Stimme redende Grieg. Selbst die servile Haltung des Berliner Agenten und das anbiedernde Sächsisch des Leipziger Musikers wirkten nicht aufgesetzt, wenn auch das Sächsisch die üblichen Lacher erntete. Die Hauptperson des Romans sprach Noethen ohne jegliche sprachliche Akzentuierung, ihm sprach er sozusagen aus dem Kopf und dem Herzen.
Hideyo Harada gelang es auf meisterhafte Weise, Tschaikowskys unerfüllten Sehnsüchte und die Tragik seines Lebens in seiner Musik auszudrücken. Tempo und Anschlag ihres Spiels brachten die innere Zerrissenheit und Lebensmüdigkeit des Komponisten auf überzeugende Weise zum Ausdruck.

Die Zuhörer waren von dieser literarisch-musikalischen Inszenierung offensichtoich beeindruckt, verzichteten jedoch angesichts der zum Ende hin zunehmenden Tragik des Geschehens auf jegliche Art von Begeisterung. Der Beifall kam dieses Mal mehr aus den Herzen statt aus den Händen, obwohl auch diese nicht ruhten.

Frank Raudszus

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