Reisen Musikalisches Bekenntnis am Ort des Glaubens

 
Juni 2010































































Ihre Meinung über E-Mail hier

Im Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals erklingt Gustav Mahlers "Auferstehungssinfonie"


Gustav Mahler spielt in der langfristigen Strategie des Rheingau Musik Festivals offensichtlich eine wichtige Rolle: In den letzten drei Jahren standen jeweils seine Sinfonien auf dem Programm des Eröffnungskonzertes. Die 3. und 5. im Jahr 2007, die 4. und 10. im Jahr darauf und im letzten Jahr schließlich die neunte. Von dieser Tradition mochten die Macher auch in diesem Jahr nicht lassen und präsentierten am Samstag, dem 26. Juni, seine 2. Sinfonie, die sogenannte "Auferstehungssinfonie". Den Beginn hatte man wegen des abendlichen Fußballspiels wohlweislich auf 18.30 vorverlegt, denn man hatte im Voraus ja nicht wissen können, ob nicht vielleicht die deutsche Mannschaft an diesem Abend antreten musste. Dem war zwar nicht so, aber dennoch erwies sich die Vorverlegung als durchweg angenehm. Nicht nur stellte die kühle Basilika an diesem heißen Sommernachmittag einen angenehmen Zufluchtsort dar, sondern es blieb nach dem Konzert auch noch genug Zeit, um den schönen Rheingau bei der Rückfahrt oder in einem Gartenlokal mit Blick auf Rhein und Gau zu genießen.

Doch zurück zur Musik als wichtigstem Anlass dieses Abends: Für dieses umfangreiche Werk hatte man neben dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi noch die Chöre des Bayrischen Rundfunks und des NDR engagiert. Die Solopartien der letzten beiden Sätze sangen die Altistin Camilla Tilling (Schweden) und die Mezzosopranistin Lilli Paasikivi (Finnland). Ob der nordische Einschlag dem Einfluss Paavo Järvis zuzuschreiben ist, bleibt dahingestellt, auf jeden Fall handelt es sich um zwei international anerkannte Künstlerinnen.

Dirigent Paavo Järvi
Dirigent Paavo Järvi


Mahlers 2. Sinfonie entstand zwischen 1888 und 1895 und benötigte damit eine außergewöhnlich lange Zeit. Das ist wohl auch dem ernsten und von religiöser Selbsterforschung geprägten Thema geschuldet: dem Tod. In den Jahren der Entstehung dieser Sinfonie war Mahler mit mehreren Todesfällen im engsten Familien- und Freundeskreis konfrontiert, und diese geballte Erfahrung hat sich deutlich auf seine Musik ausgewirkt. dazu gehören auch die "Kindertotenlieder", die wiederum Einzug in die 2. Sinfonie gefunden haben.

Der erste Satz der Sinfonie ("mit durchaus ernstem und feierlichem Ausdruck") ist der längste und gleichzeitig eine einzige Totenklage. Fanfarenartige Bläsermotive schreien die Verzweiflung heraus, absteigende Orchestermotive fügen dem Aufschrei einen resignativen Tenor hinzu. Deutlich stehen sich die Frieden stiftenden Streicher und die empörten Bläser gegenüber. Die Metrik schreitet langsam voran wie beim Weg der Trauergemeinde zum offenen Grab. Dann wieder bricht sich die Verzweiflung in grellen Aufschwüngen Platz und lässt die Fragen nach dem "warum" im Raume stehen. Choralartige Themen übernehmen langsam die Regie und führen in ruhigere, abgeklärtere Zonen. Lyrische "Himmelsklänge" zaubern die Vorstellung eines friedlichen Jenseits herbei, und schließlich verklingt der Satz nach langen Brüchen, Kämpfen und innerem Aufruhr in wenigen leisen Akkorden. In diesem weit ausholenden und alle Ausdrucksformen in umfassendem Anspruch enthaltenden Satz zeigte das Orchester seine Meisterschaft bei der Ausgestaltung und Differenzierung der einzelnen Stimmen und Stimmungen auf eindrucksvolle Weise.

Die Altistin Camilla Tilling
Die Altistin Camilla Tilling

Der zweite Satz ("sehr gemächlich") präsentiert gleich zu Beginn ein geradezu heiteres Thema, das sich in einem ruhigen 3/4-Takt entwickelt. Nach einer Verzögerung am Rande einer Generalpause setzt ein zweites Thema ein, anfangs ebenfalls ruhig, dann sich aufbäumend zu einem Crescendo, das die ganze Lieblichkeit des Beginns hinwegfegt. Dann wiederholt sich das ruhige Thema in den Pizzicati der Violinen, und die Ausdrucksvielfalt nimmt mit der Dauer des Satzes stetig zu. Man spürt förmlich Mahlers Bemühen, seine gesamte geistige und seelische Befindlichkeit mitsamt allen Zweifeln, Ängsten und Sehnsüchten in Musik zu meißeln.

Der 3. Satz ("In ruhiger, fließender Bewegung") beginnt mit einem geradezu aufschreckenden Paukenwirbel, der überleitet zu einem Frage- und Antwortspiel zweier Themen. Die im langsamen 3/4-Takt ineinander verwobenen Themen erschienen an diesem Abend in hoher Transparenz und gingen nie im Orchesterklang unter. Die zweitweise an eine Fuge erinnerende Stimmenvielfalt nahm unter der sorgfältigen und äußerst exakten Stabführung Paavo Järvis zeitweise einen fast jenseitigen Charakter an. Im Verlauf des Satzes ändert sich die Metrik zu einem geradzahligen Maß, bleibt jedoch zurückgenommen und kaum spürbar.

Der vierte Satz beginnt mit dem Einsatz des Alt-Themas "Urlicht" aus "Des Knaben Wunderhorn". Not und Gottergebenheit prägen die wenigen Strophen, die Camilla Tilling ergreifend vortrug. Nach dem Solo-Auftritt folgt eine längere Orchesterverarbeitung des Themas, die sich anfangs zu einem expressiven Crescendo aufschwingt und dann wieder in leise, tröstliche Klänge absinkt. Choralartige Passagen verbreiten eine Stimmung des weihevollen Trostes und einer jenseitigen Ruhe. Dann steigert sich die an Kirchenlieder angelehnte Musik von der Verklärung zur Verherrlichung und endet unter den grellen Fanfaren der Blechbläser in einer Apotheose der Musik.

Die Mezzosopranistin Lilli Paasikivi
Die Mezzosopranistin Lilli Paasikivi


Der fünfte und letzte Satz schließlich ist ganz dem Chor und den Gesangssolisten gewidmet. Leise, wie aus dem Grabe, erhebt der Chor zu Beginn murmelnd seine Stimme(n) mit dem Text "Aufersteh'n, ja aufersteh'n wirst du". Nach einigen Strophen setzen Alt und dann Sopran im Wechsel ein, immer wieder begleitet vom Chor, der die Zeilen "Was entstanden ist, muss vergehen! Was vergangen, auferstehen!" mit geradezu alttestamentarsicher Wucht in den Raum der Basilika hinausdonnert. Zusammen mit den beiden Sängerinnen folgt dann das sieghaft jubelnde "Dir bin ich entrungen! O Tod" Du Allbezwinger! Nun bist du bezwungen!" und zum Schluss die Wiederholung des Anfangs
"Aufersteh'n, ja aufersteh'n wirst du". Camilla Tilling und Lilli Paasikivi zeigten in ihren Soloauftritten sowohl höchste Stimmsicherheit als Präsenz und Klartheit im Ausdruck.

Nach den letzten Klängen von Chor und Orchester verharrte das Publikum fünf bis sechs Sekunden in absoluter Stille, ehe sich die ersten zaghaften Beifallskundgebungen zeigten. Eine solche "schöpferische Pause" findet man selten im Konzertbetrieb, wo sich die "Bravo"-Rufer gerne ein eitles Rennen um den ersten Platz liefern. Hier zeigten durchweg alle Zuhörer "Wirkung"
. Mahlers Musik gibt ein derart authentisches Bild eines um seinen Glauben kämpfenden Menschen wieder, dass simples Klatschen dem Eindruck nicht gerecht geworden wäre. Die Schweigesekunden waren insofern mehr Lohn und Beifall für die Ausführenden als jeder frenetische Applaus hätte sein können. Der setzte nach der Pietätspause dann um so mehr ein, steigerte sich jedoch eher langsam, da sich die Besucher erst von dem gewaltigen Eindruck der Musik befreien mussten. Nur wenige verließen wegen des Abfahrstaus vorzeitig die Basilika; die meisten blieben und spendeten den Musikern langanhaltend den verdienten Applaus.

Frank Raudszus

Übersicht

Gästebuch

Home

Als PDF-Datei zum Ausdrucken