Reisen Die Geschichte vom sich selbst schlachtenden Schwein

 
Juni 2010










































































































































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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Bertolt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"


An Bertolt Brecht haben sich mehrere Generationen gerieben, und das wird sich voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht ändern. Die stramm antikommunistischen fünfziger und frühen sechziger Jahre feindeten sein sozialistisches Weltbild an, die Siebziger jubelten gerade diesem zu, die Achtziger fanden ihn dann wieder ein wenig langatmig. In den Neunziger war er nach dem Ende des Sozialismus erst einmal "out", um in den "Nullern", nach dem ersten Börsencrash um die Jahrtausendwende, wieder an Boden zu gewinnen. Nun kommt dem Altkommunisten und Kapitalismuskritiker die internationale Finanz- und Bankenkrise zur Hilfe und lässt ihn in frischem Glanz erstrahlen. In der zu Ende gehenden, dem "Geld und Gold" gewidmeten Saison des Staatstheaters passt "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" buchstäblich wie der finale Nagel zum Sarg, und die buchstäblich vom hohen Podest des großen Geschäfts hinausposaunten Regeln des freien Marktes wirken wie eigens an die Adresse von Leerverkäufern und Subprime-Zockern verfasst. Von daher kann man dem Staatstheater eigentlich nur zu dem Gespür gratulieren, dieses eher selten gespielte Stück auf den Spielplan zu bringen, und das auch noch als abschließenden "Aplomb".

Andreas Manz (Mauler), Anne Hoffmann (Johanna Dark), Maika Troscheit (Martha), Matthias Kleinert (Slift)
Andreas Manz (Mauler), Anne Hoffmann (Johanna Dark), Maika Troscheit (Martha), Matthias Kleinert (Slift)


Stefan Heyne hat ein zweiteiliges Bühnenbild um einen Turm herum gebaut, dessen unteren Teil - wo "die da unten" leben - billige Spinde wie in Werkshallen prägen, während auf der "Entscheiderebene" eine Etage höher auf einem roten Teppich im wahrsten Sinne die Musik spielt. Michael Erhard an der Ziehharmonika und Robert Strobel am Schlagzeug liefern diese Musik buchstäblich mit harten, unerbittlichen Rhythmen, wie es das "Big Business" vorschreibt und wie es auch Brecht wahrscheinlich vorgeschwebt hätte.

Unten sitzen auf den rund um den Turm aufgestellten Stühlen die Arbeiter wie auf der Stellensuche beim Arbeitsamt: mit eingesunkenen Schultern und hängendem Kopf. Oben steuert der große Fleischfabrikant Pierpont Mauler mit Hilfe seines Adlaten Slift sein weit gespanntes Imperium. In einem perfiden Täuschungsmanöver verkauft er seinem Partner Cridle seinen Firmenanteil zu einem festen Preis, angeblich aus Überdruss an der Tiertötung, in Wirklichkeit jedoch aus strategischen Gründen. Nebenbei ruiniert er auf Cridles Drängen auch noch den Konkurrenten Lennox. In einer geradezu halluzinatorischen Tirade preist Mauler ein automatisiertes System, in dem sich die Schweine selbst in die Schlachtmesser stoßen. Ein Beispiel für Brechts drastische Metaphorik, die auch das im Theater stets erwünschte doch seltene erschienene Proletariat - das mit diesem sprachlichen Bild letztlich gemeint ist - verstehen soll.

Schon diese Szene zeigt einen typischen Verfremdungseffekt: Brecht lässt Mauler und Cridle klassisches Theaterdeutsch à la Schiller reden. Angesichts der gestelzten und sogar gereimten Verse drängt sich die Bezeichnung "Hohn der Hochsprache" auf. Brecht benutzt die Sprache seiner großen und vor allem vom Bürgertum geschätzten Vorgänger - auch Goethes Versformen erkennt man wieder - nicht aus Verehrung sondern eindeutig als Karikatur. Damit trifft er vor allem den Idealisten Schiller, der mit seiner Weltsicht aus Brechts Sicht konkrete gesellschaftliche Veränderungen hintertrieb. Gerade die Diskrepanz zwischen dem Gegenstand des Dialogs - knallharte Verhandlungen - und der Sprachebene lässt letztere als durchaus nicht humoristisch gemeinte Parodie erscheinen.

Anne Hoffmann (Johanna Dark), Andreas Manz (Mauler)
Anne Hoffmann (Johanna Dark), Andreas Manz (Mauler)

Während oben Mauler die Aushebelung der Konkurrenz verhandelt, erscheint unten eine zweite von Brecht geradezu verachtete Institution: die Heilsarmee. Zwei junge Frauen helfen den hungernden Arbeitern mit Suppenspeisung, jedoch mit dem deutlichen Auftrag, sie zum wahren Glauben zu bekehren. Das Diesseits und seine Kalamitäten sind zweitrangig, Erlösung und Glück grüßen vom Jenseits. Ausgiebig lässt Brecht die beiden Frauen ihre Botschaft verbreiten, doch eine von Ihnen, Johanna Dark - Name als Zeigefinger auf das literarische Vorbild! - , glaubt angesichts der Not der Arbeiter schon selbst nicht mehr an die fromme Botschaft. Sie ahnt, dass man die Verhältnisse ändern muss statt sie gläubig zu ignorieren. Denn paradox ist die Situation tatsächlich: wegen der Armut der arbeitslosen Bevölkerung herrscht ein Überangebot von Fleisch am Markt. Das ist natürlich betriebswirtschiftlich unsinnig, da jede Firma die Produktion der Nachfrage anpasst, doch Brecht ging es erstens nicht um ökonomische Korrektheit und zweitens fand er in den temporären Instabilitäten des Chikagoer Fleischmarktes Ende der zwanziger Jahre tatsächlich eine reale Vorlage.

Als Johanna Pierpont Mauler fragt, warum man das überschüssige Fleisch nicht an die Menschen verteilen könne, erhält sie eine Kurzvorlesung über die Mechanismen der Wirtschaft, die eine Verknappung des Angebots
fordern, um die Preise zu stabilisieren (s. o.). Diese in jeder Wirtschaft selbstverständliche Regel wirkt natürlich in der speziellen Konstellation des Brechtschen Stückes pervers-paradox, und Johanna zweifelt zunehmend an dem System. Mauler beweist ihr jedoch, dass die Menschen dank ihrer moralischen Minderwertigkeit selbst schuld sind an ihrer Misere, indem er zwei hungernde Arbeitslose mit Minimalangeboten - Speisung und Kleidung - zur Aufgabe jeglicher moralischer Positionen verleitet. Doch Johanna ahnt, dass nicht mangelnde Moral sondern Hunger der Grund dieser Verzweiflungstaten ist. "Erst kommt das Fressen,...". Zunehmend sieht sie sich auch mit öffentlichen Aufrufen der Kommunisten zum gewaltsamen Aufstand konfrontiert, lehnt jedoch jegliche Gewalt ab, da sie an die friedliche Kooperation aller "Wohlgesinnten" glaubt.

Mauler verspricht derweil den notleidenden Käufern seines Fleischkonzerns den Aufkauf ihres Fleisches, um sie vor dem Ruin zu retten, kauft jedoch hinter ihrem Rücken alles Vieh auf und bietet es ihnen zu überhöhten Preisen an. Als geschickter Kapitalist - wie Brecht ihn sieht - beauftragt er Slift mit den Verhandlungen und übt sich selbst in Zerknirschung über die fürchterlichen Zustände. Den knallhart verhandelnden Slift weist er zwar an, das Vieh zu einem vertretbaren Preis an die Fleischbarone zu verkaufen, kontrolliert jedoch seine Anweisungen nicht, so dass Slift sie alle in den Ruin treiben kann. Mauler wäscht seine Hände in Unschuld, und auch der Zuschauer bleibt im Unklaren, ob er davon nichts gewusst hat oder nichts davon wissen wollte, um eben seine Hände in der berühmten Unschuld waschen zu können. Wie ein kleiner Junge will Mauler den Kuchen gleichzeitig essen und ihn behalten. Und in gewissem Maße gelingt ihm das, weil er später Slift dafür verantwortlich machen wird.

Anne Hoffmann (Johanna Dark), Andreas Manz (Mauler)
Anne Hoffmann (Johanna Dark), Andreas Manz (Mauler)

Mittlerweile hat die Heilsarmee Johanna herausgeworfen, weil sie das von den Fleischbaronen angebotene Geld für die Armen zu deren kurzfristiger Beruhigung ablehnt und die Fleischhändler hinauswirft. Daraufhin übernehmen diese nicht mehr die Miete für die Heilsarmeeräume, und der oberste General dieser Gutmenschen-Armee versteht beim Geld keinen Spaß mehr. Glaube, Liebe, Hoffnung spielen für Heilsarmee-Vorsteher Snyder keine Rolle mehr, wenn die Pfründe zu versiegen drohen. So findet sich Johanna auf der Straße wieder und kampiert in den kalten Nischen zwischen den Obdachlosen. Das Ende ist schnell erzählt: Als Mauler wieder liefert, wird ein Teil der Arbeiter zu niedrigeren Löhnen (sic!) wieder eingestellt, der revolutionäre Aufruf der Kommunisten verhallt ungehört, nicht zuletzt, weil Johanna sich geweigert hatte, die Fahne vor sich her zu tragen, und die von Mauler und Konsorten gesteuerte Öffentlichkeit ruft Johanna schnell zur Heiligen aus, bevor sich ihr Märtyrertum in ein revolutionäres Fanal verwandeln kann. Sie selbst stirbt an der Lungenentzündung, die sie sich auf der Straße eingefangen hat.

Natürlich darf man Brecht nicht von seiner ökonomischen Weltsicht her beurteilen, und selbstverständlich hat der Dramatiker nicht nur das Recht sondern sogar die Pflicht der Zuspitzung und Vereinfachung. In der aktuellen historischen Situation blüht Brechts Stück sogar geradezu mit Assoziationen an die weltweite Finanzkrise. Man braucht nur in Gedanken Fleischhändler durch Bank(st)er zu ersetzen und - "Bingo"! Dieser Umstand marginalisiert auch seine oftmals brutalen Vereinfachungen wirtschaftlichen Geschehens nach dem Motto "dass nicht sein kann, was nicht sein darf". Es bleibt jedoch die typisch Brechtsche "Verfremdung", die, einmal konstruktiv als Belehrung gemeint, nach Dekaden der Brecht-Rezeption tatsächlich ihrem Namen Ehre macht. Der bewusste Verzicht auf emotionale Identifizierung mit den Protagonisten, ihren Sehnsüchten, Niederlagen und seelischen Verletzungen, hat zwangsläufig eine "Oberflächlichkeit" im eigentlichen Sinne des Wortes zur Folge. Wir sehen die ideologisch-politische Oberfläche des Geschehens, und unabhängig, ob wir Brechts Sicht zustimmen oder nicht, spielen die Protagonisten immer nur die Rolle von Stellvertretern, die den Menschen - fiktiven wie realen (im Publikum) - die Brechtschen Thesen vortragen. Das gilt nicht nur für die"Sympathieträger" - hier Johanna - sondern auch für die Bösewichter. Mauler wirkt nie wie ein niederträchtiger Mensch  - "ich will ein guter Mensch sein und kein Schlächter (schlechter?)", sagt er selbst - und selbst der beinhart verhandelnde Slift entwickelt keine persönliche abstoßenden Charakterzüge. Er macht halt seinen Job. Daran erkennt man natürlich wieder, dass Brecht die Wurzel des Übels - das "System" - treffen will und weniger den einzelnen Menschen. Was vor ihm und nach ihm alle links-revolutionären Ideologen jedoch peinlichst verdrängen, ist die Tatsache, das das "System" letztlich aus Menschen besteht, die dann ja böse und identifizierbar sein müssten. Das würde zwangsläufig zu einer negativen Individualisierung der Welt führen ("Hitler ist an allem Schuld"), die gerade die Linke vermeiden will. Doch das ist ein anderes Thema.

Hermann Schein hat sich in seiner Inszenierung allen Versuchungen einer plakativen Aktualisierung erfolgreich widersetzt. Wie leicht hätte er "die da oben" in einer (Deutschen) Bank ansiedeln können! Er ändert Brechts Vorlage in keiner Weise, belässt alles im Chikago der zwanziger Jahre und bringt das aktuelle Zeitkolorit lediglich durch die Kostüme ins Spiel. Die Männer treten im typschen Dreiteiler des Geschäftsmannes auf - nur ein einzelner Arbeiter trägt die Schiebermütze der Zwanziger - und Johanna sowie ihre Kollegin Martha tragen adrette Kostüme, die jeder Chefsekretärin gut anstehen würden, und dazu Stöckelschuhe. Martha präsentiert ihr Lied über die Heilsarmee und deren Sendung als modernen RAP zu den harten Schlagzeugrhythmen von der Management-Empore, anonsten bleibt das Kolorit der zwanziger Jahre, insofern ein Brecht ein solches überhaupt zu schaffen gewillt war, weitgehend erhalten. Auch hier hätte man durchaus Hartz IV zitieren können. Schein tut es nicht, und für diese Werktreue angesichts der Möglichkeiten muss man ihm dankbar sein.

Anne Hoffmann (Johanna Dark), István Vincze (Junger Arbeiter)
Anne Hoffmann (Johanna Dark), István Vincze (Junger Arbeiter)

Das Stück gibt auch ohne hektische Aktualisierung genug her. Die Auseinandersetzung mit der Kirche ist heute fast noch aktueller als zur Entstehungszeit, und die Titel der Tagespresse schieben sich fast automatisch in die religions- und kirchenkritischen Passagen des Werkes. Wer denkt nicht an die finanzielle Intransparenz und sporadische Aufdeckung finanzieller Unregelmäßigkeiten in der katholischen Kirche, wenn Heilsarmee-Chef Snyder kaltherzig Johanna hinauswirft. Und wenn Martha in Verkennung der Realität naiv das Hohe Lied des Glaubens und der Heilsarmee singt, wer denkt da nicht an gewisse Vorgänge in manchen katholischen Institutionen. Auch die Tragik kommt bei Brecht nicht zu kurz, denn zum Schluss stirbt Johanna ungewollt als Schuldige. Aus besten Beweggründen hat sie das Almosen der Fleischhändler zurückgewiesen und damit die Arbeiter ums Brot gebracht; als gläubige Pazifistin hat sie den Aufruf zum Aufstand nicht weitergereicht und damit die Zustände perpetuiert. Sie ist doppelt gescheitert: als pragmatisch helfendes Individuum wie als potentielle Anführerin einer die Gesellschaft verändernden Revolution. Das unterscheidet sie von Schillers Johanna, die zum Kampf aufruft und alle mitreißt, zwar an Missgunst und Eitelkeit ihrer Mitmenschen zugrundegeht, aber den ihr von Schiller aufgesetzten Heiligenschein der Idealistin behält. Brecht verdammt seine Protagonistin wegen Naivität und fehlenden revolutionären Bewusstseins in die Hölle der kurzfristigen C-Prominenten.

Die Akteure fügen sich in das weitgehend an Brechts Vorstellungen orientierte Regiekonzept von Hermann Schein ein. Anne Hoffmann liefert als Johanna eine starke Partie und verleiht ihrer Figur trotz der Distanziertheit der Sprache und des Textes immer wieder menschliche Züge. Sie spielt sozusagen "reinen Brecht" als Pflicht und darüber als Kür den Menschen Johanna, ohne deshalb in Romantisierung oder gar Expressionismus zu verfallen. Ihr gelingt das Kunststück, eine überzeugende Brechtfigur und dennoch einen glaubwürdigen Menschen darzustellen. Als ihr Widerpart und auf gleicher Augenhöhe agiert Andreas Manz in der Rolle des Pierport Mauler. Er bringt die Ambivalenz dieses Mannes, der so gerne ein guter Mensch  wäre ("aber die Verhältnisse, die sind nicht so") und doch knallhart seine Widersacher ausbootet, überzeugend zum Ausdruck. An dieser Figur arbeitet Brecht exemplarisch seine Sicht einer Gesellschaft ab, die ihre führenden Mitglieder systematisch korrumpiert. Sie haben eine gesellschaftliche Chance, sie nutzen sie nur nicht. Eben deshalb verzichtet Andreas Manz auch auf jegliche "Kälte des Geschäftsmannes" und betont die um Zuneigung bettelnde Seite von Perpont Mauler, der jedoch bei Entzug dieser Zuneigung sofort in beleidigte Aggression ausbrechen kann.
Matthias Kleinert spielt einen professionellen Geschäftsmann, der stets im Schatten seines Chefs steht und deshalb nach außen doppelt hart und mit unbewegtem Pokergesicht auftritt, Harald Schneider einen eher ängstlichen, seinem Partner und Konkurrenten Mauler nicht gewachsenen Cridle. Tom Wild schlängelt sich zu Anfang als der den großen Lennox beschwörende Fleischhändler Graham fast wie Gustav Gründgens' Mephisto an der Turmkante entlang und tritt ansonsten als empörter Wortführer der über den Tisch gezogenen Fleischhändler auf, und Hubert Schlemmer gibt einen aalglatten Heilsarmee- General Paulus(!) Snyder, dem nichts wichtiger ist als gesicherte Mietzahlungen. Maika Troscheit glänzt als Martha mit ihrem RAP und wirbelt später als Journalistin über die Bühne, während Sonja Mustoff als hungernde Witwe des umgekommenen Arbeiters Luckerniddle die Kostspieligkeit der Moral in der Armut offenlegt. Gerd K. Wölfle und István Vincze tragen die Parolen der Kommunisten per Megafon erfolglos in die Welt.

Das Premierenpublikum "hatte verstanden" und zollte dieser Inszenierung kräftigen Beifall, spendierte den beiden Protagonisten sogar einige "Bravos".

Die nächste
Aufführung findet am 29. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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