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Daniel Barenboim spielt beim Rheingau Musik
Festival Werke von Frédéric Chopin |
Alle Jahre wieder jähren sich Geburts- oder Todestage großer Komponisten zu einer runden Zahl. In diesem Jahr trifft das neben Gustav Mahler und Robert Schumann auch für Frédéric Chopin zu, der vor 200 Jahren das Licht der Welt erblickte. Ihm hatte die Leitung des Rheingau Musik Festivals einen ganzen Abend gewidmet, und als Interpreten hatte man sich keinen geringeren als Daniel Barenboim ausgesucht. Nun ist Barenboim nicht der typische Konzertpianist, der von einem Konzert zum nächsten reist und seine gesamte Kraft auf das Klavierspielen konzentriert. Jahrelang war er Intendant und künstlerischer Leiter der Staatsoper Unter den Linden, an mehreren weltbekannten Orchestern ist er Ehrendirigent auf Lebenszeit, und darüber hinaus engagiert er sich noch als Kulturpolitiker in sehr konkreten Projekten, so in dem von ihm selbst ins Leben gerufenen israelisch-palästinenschen "West-Eastern Divan Orchestra". An dieser umfassenden Aktivitätsliste kann man die Bedeutung das Konzert am 4. Juli im Kurhaus Wiesbaden ermessen. Wer sich neben diesen vielfältigen (Musik-)Management- und Politikaufgaben noch auf ein technisch wie musikalisch anspruchsvolles Konzertprogramm vorbereitet, zeigt, welcher künstlerischer Klasse er angehört und wie wichtig er diesen Auftritt nimmt. ![]() Daniel Barenboim an seinem Instrument Nun ist Barenboim jedoch nicht der Künstler, der das Bad in der Menge liebt und vom Beifall des Publikums lebt. Wenn er durch die Seitentür auf die Bühne tritt, macht er einen eher bescheidenen Eindruck. Dieses zurückgenommene Auftreten behält er während des gesamten Konzertes bei. Gestische oder mimische Künstlerallüren sind ihm fremd, auch auf die Pose des schwarzen Frackes mit weißer Fliege verzichtet er. Stattdessen erschien er im gedeckten grauen Anzug mit Krawatte. Die Botschaft ist unmissverständlich: er sieht sich als Interpret eines Künstlers und damit in einer Nebenrolle. Sein ganzer Auftritt besagt, dass er der Musik und dem Komponisten dienen und nicht seine Person in den Vordergrund stellen will. Auch den noch so begeisterten Beifall des Publikums nimmt er mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit entgegen, die nichts mit überhöhtem Selbstbewusstsein oder gar Arroganz zu tun haben. Wenn man seine Mimik während des Beifalls beobachtet, verfestigt sich der Eindruck, dass er den Beifall in erster Linie der Musik und dessen Schöpfer zuschreibt und erst in zweiter Linie sich selbst. Das Publikum (Einzelne!) dankte ihm diese Bescheidenheit punktuell mit gellenden Hustern an den leisen Stellen. Chopin galt einem erzbürgerlichen Beethoven- und Mozartpublikum noch bis weit ins 20. Jahrhundertz als zweitklassiger Salonmusiker. Viele reduzierten ihn kurzerhand auf seine "schwungvollen" Walzer und ignorierten oder marginalisierten seine Nocturnes, Polonaisen, Préludes und andere Stücke. Die Klavierkonzerte betrachteten selbst manche seriösen Kritiker als sentimental. Ob solche Vorurteile noch in den Köpfen des heutigen Publikums stecken und, wenn ja, in welchem Umfang, lässt sich schwer beurteilen. Auf jeden Fall kann man das aktive Engagement eines Ausnahmekünstlers wie Daniel Barenboim deutlich als Aufwertung des Komponisten betrachten. Das gilt natürlich nicht nur für die Tatsache, im Rahmen des Festivals aufgetreten zu sein, sondern in gleichem Maße für die Interpretation. Dabei hat Barenboim ein vielfältiges Programm aufgestellt, das alle Facetten dieses genialen Komponisten zeigt. Kernstück seines Vortrags an diesem Abend war die Sonate b-Moll op. 35, die das Ende des ersten Teils und damit den Höhepunkt bildete. Die Hinleitung dazu bestand aus der Fantasie f-Moll op. 49 und dem Nocturne Nr. 8 Des-Dur op. 27 Nr. 2. Die Fantasie besteht aus freien Assoziationen und Improvisationenmit einem Minimum an Strukturmerkmalen. Es beginnt mit einem Trauermarsch, geht dann jedoch über in eine Folge temperamentvoller Passagen unterschiedlicher emotionaler Färbung. Beim Anhören dieser Fantasie kann man sich Chopin förmlich vorstellen, wie er mit geschlossenen Augen frei am Klavier improvisiert, d. h. fantasiert. Das Nocturne dürfte jedem Musikliebhaber bekannt sein, spätestens bei den ersten Takten stellt sich der Wiedererkennungseffekt ein. Barenboim bewies an diesem Stück seine ganze Anschlagskunst, streichelte die Tasten mit den Händen und ließ die gleichmäßigen Figuren der linken Hand als untergründiges und doch exaktes Raunen erscheinen, in das die rechte Hand die zarten Motive förmlich hineintupfte. Die Sonate Nr. 2 stellt eine ganz eigene, fast schon jenseitige Mischung verschiedenster Audrucksformen dar. Der erste Satz erscheint mit seinen beiden markanten Themen noch in gewisser Weise "herkömmlich", das folgende Scherzo zeichnet sich dagegen bereits durch eine wild bewegte, zerrissene Dynamik aus. Hier verlässt Chopin das Feld der Eingängigkeit und des "Wohltönenden" zum ersten Male. Heiter und lebendig, seine ursprüngliche Bedeutung, kommt es auf jeden Fall nicht daher. Der Dritte Satz - Marche funèbre - ist wohl das bekannteste Chopinsche Musikstück und - neben "Pour Èlise" und der "Kleinen Nachtmusik" wohl eines der bekanntesten Musikstücke überhaupt. Das Finale schließlich ist ein einziger, flirrender Schauer von immergleichen Figuren, die sich wie ein akustischer Teppich über den Raum legen. Hier beginnt bereits die Moderne, die später intensiver mit diesen neuen Klangmöglichkeuten experimentiert hat. Daniel Barenboim modellierte jeden einzelnen der vier Sätze als je eigenes Kunstwerk aus dem Notenmaterial und dokumentierte damit die hohe Spannung dieses Werkes, das mehr von seinen Extremen als von den integrierenden Elementen lebt. Man spürte durch seine intensive Deutung dieser Musik den Menschen Chopin und die Zerrissenheit eines genialischen Menschen. Im zweiten Teil standen dann neben der Barcarolle Fis-Dur op. 60 und der Berceuse Des-Dur op. 57 auch drei Walzer auf dem Programm, darunter der berühmte "Minutenwalzer". Es wäre auch fast ein Sakrileg gewesen, hätte Barenboim dieses Zugeständnis ans Publikum nicht gemacht. Wie gesagt, identifizieren viele Musikfreunde Chopin mit seinen Walzern, und dise sind ja auch an musikalischem Einfallsreichtum und Brillanz einzigartig. Das Publikum dankte ihm für diese schwungvolle ud rhythmische Einlage mit spontanem Beifall. Den Schluss bildete die Polonaise Nr. 6 As-Dur mit ihren auftrumpfenden, heroischen Motiven. Nicht umsonst trägt sie den Beinamen "Héroïque". Hier griff Barenboim noch einmal mit Verve in die Tasten und ließ die leise schwebenden Klänge der Nocturnes fast vergessen. Diese Polonaise bietet sich geradezu als "Rausschmeißer" an und erntete denn auch begeisterten Spontanbeifall. Schon nach wenigen Minuten entwickelte sich der Applaus zu "stehenden Ovationen", an dem fast der ganze, ausverkaufte Saal teilnahm. Alle Zuhörer hatten das besondere, Einmalige an diesem Chopinabend erkannt und würdigten es mit nicht enden wollendem Beifall. Ob Barenboim noch Zugaben spielte, ist dem Rezensenten nicht bekannt, da er aus terminlichen Gründen das Haus bereits nach zehn Minuten Applaus verlassen musste. Es ist jedoch anzunehmen und dem Publikum zu wünschen. Frank Raudszus |
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