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Böhmische Weite und orientalische
Märchen |
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Das Orchestre Philharmonique de Monte Carlo
und Gautier Capuçon gastieren beim Rheingau Musik Festival |
Wie als Ergänzung zu dem herrlichen Sommerwetter hatte das Orchester von Monte Carlo unter Yakov Kreizberg für diesen schönen Abend ein stimmungsvolles romantisches Programm zusammengestellt. Am Anfang stand Antonin Dvořáks Cellokonzert in h-Moll, und danach erklang Nikolai Rimski-Korsakows Sinfonische Suite "Scheherazade". Dazu passte natürlich der Friedrich-von-Thiersch-Saal im Wiesbadener Kurhaus als Aufführungsort wie eigens bestellt: auch dieser lebt von der weit ausholenden, ornamentalen Geste, die manchem Zuschauer optisch sogar überladen erscheint. Doch diese Kritik trifft auf die Musik nicht zu, denn bei aller romantischen Attitüde beschränken sich die beiden Werke auf das musikalisch nachvollziehbare Maß an Ausschmückung. Als Solist in Dvořáks Cellokonzert hatte man den Franzosen Gautier Capuçon gewonnen, der schon einige Male beim Rheingau Musik Festival aufgetreten ist, unter anderem auch mit seinem Bruder, dem Geiger René Capuçon. ![]() Der Cello-Solist Gautier Capuçon Die Feststellung, dass Dvořáks Musik generell die etwas melancholische Grundstimmung des böhmischen Volkscharakters widerspiegele, grenzt mittlerweile an einen Allgemeinplatz, und doch ist etwas Wahres daran. Denn selbst die in den USA komponierte 9. Sinfonie trägt diese Züge des in schönen Erinnerungen und Träumen Schwelgenden. Und für das Cellokonzert gilt das Gleiche. Hier kommt noch die besondere Eigenart des Instrumentes mit seinem warmen, satten Klang dazu, der sich so gut für die Intonation einer seelenvollen Wehmut eignet. Im Verbund mit Holzbläsern, die Dvořák hier gezielt verwendet, steigert sich die Wirkung noch, und es entsteht der Eindruck einer großen Sehnsucht, die hier Heimweh heißt. Denn der Komponist schrieb das Cellokonzert in den USA und verließ diese eben aus Heimweh nach Böhmen früher als geplant. Der erste Satz lebt von langgezogenen melodischen Bögen, in denen man förmlich die weiten Mittelgebirgshöhen rings um Böhmen, die heutige Tschechische Republik, spürt und die Moldau in sanften Bögen hindurchfließen sieht. Das Cello setzt erst nach einem längeren Vorspiel von Orchester und Horn mit einem eigenen Thema ein, das es dann auch weiter durchführt. Danach tritt es in einen längeren Dialog mit dem Orchester ein. Der zweite Satz, ein elegisches Adagio, ist von dem Volkslied "Lasst mich allein" abgleitet und steigert diese Wirkung noch. Der Satz wird damit zu einer einzigen sehnsüchtigen Klage nach der Heimat. Aus diesem zweiten Satz geht der dritte fast nahtlos hervor und entwickelt ein tänzerisches Thema, das die Sehnsucht des zweiten Satzes in Wiedersehensfreude umwandelt. Hier kann der Cello-Solist noch einmal seine Virtuosität beweisen, und auch das Orchester schwingt sich noch einmal zu temperamentvollen Passagen empor. Gautier Capuçon entlockte dem Violoncello an diesem Abend besonders weiche und warme Klänge, als reichere die sommerliche Wärme den Klangkörper an. Er traf dabei den wehmütigen Charakter dieses Werkes, ohne deswegen in falsche Sentimentalität zu verfallen. Yakov Kreizberg sekundierte am Dirigentenpult mit einer straffen und exakten Führung des Orchesters und hielt damit die Transparenz der Interpretation aufrecht. Obwohl Dvořáks Musik stets mit einem Bein in einer programmatischen Welt steht, verhinderten Kreizbergs konsequente Stabführung und Gautiers abgeklärtes Spiel ein Abgleiten in die unmittelbare, sentimentale Abbildung vordergründiger Emotionen. ![]() Dirigent Yakov Kreizberg Nikolai Rimski-Korsakows "Scheherazade" kann man mit Fug und Recht als ein Stück Programmmusik betrachten, erzählt sie doch musikalisch die "Geschichten aus 1001 Nacht". Dabei spielt die Violine, hier gespielt vom Ersten Geiger des Orchesters, die Rolle der Scheherazade, die durch ununterbrochenes Erzählen immer neuer Märchen ihr Leben rettet. Die Violine leitet jede der vier Eopisoden mit dem selben Thema ein, einschmeichelnd und geheimnisvoll zugleich, um den mörderischen Sultan bei Laune zu halten. In vier Sätzen erzählt die Musik "Das Meer und Sindbads Schiff", "Die Geschichte vom Prinzen Kalender"; "Der junge Prinz und die junge Prinzessin" sowie abschließend "Fest in Bagdad". Dabei zieht sich ein und dasselbe Thema als "Leitmotiv" durch die gesamte Komposition. Das Orchester interpretierte dieses musikalische Märchen mit der ganzen Klangvielfalt, die diesem Klangkörper zzur Verfügung steht. Aus der Musik heraus entfaltete sich die Pracht der orientalischen Höfe und Gärten sowie die weit schweifende Phantasie ihrer Märchenerzähler. Was Dvořáks Cellokonzert für das böhmische Heimatgefühl ist, das ist diese Musik für die Auffassung des späten 19. Jahrhunderts vom Orient. Da Rimski-Korsakow Russe war und nicht im Orient gelebt hat, musste er sich erst eine Vorstellung von der orientalischen Musik bilden. Ob er damit richtig lag, spielte insofern keine Rolle, als auch die wenigsten seiner Landsleute je dort gewesen waren. Und heute hat diese Musik längst ein Eigengewicht gewonnen und hängt nicht mehr am korrekten Verständnis des Orients und seiner Musik. Das Publikum fasste diese Musik daher auch nicht als den Versuch einer ethnischen Auseinandersetzung auf sondern als einen Teil der romantischen Musik des späten 19. Jahrhunderts, das sich seinen eigenen Reim auf die Welt machte. Der Beifall für die Leistungen des Solisten - bereits zur Pause - und des gesamten Orchesters war daher begeistert und hielt lange an. Gautier Capuçon spielte daher vor der Pause noch ein so fingerbrecherisches wie humoristisches Solostück als Zugabe. Frank Raudszus |
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