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Auf der Suche nach den verlorenen Schätzen |
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Das 1. Sinfoniekonzert des Staatstheaters
Darmstadt holt selten gespielte Werke aus der Versenkung |
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Es gehört auch zu den Aufgaben eines Orchesterleiters, sein Publikum zu bilden. Die Umsetzung dieser Pflicht mag zwar bisweilen den Rahmen des vermeintlich Zumutbaren - aus der Sicht des Publikums - sprengen, doch das mindert nicht die Bedeutung ungewohnter Wege bei der Festlegung des Programms für ein Konzert. Generalmusikdirektor Constantin Trinks hatte sich für das erste Sinfoniekonzert der neuen Saison diese Aufgabe zueigen gemacht und ein ungewöhnliches Programm zusammengestellt, das sich auf keinen "Klassiker" des Konzertbetriebs abstützte. Mit dem Cellokonzert in e-moll, op. 85, von Edward Elgar und der 1. SInfonie in E-Dur von Hans Rott kamen zwei Werke zur Aufführung, die nicht nur von beachtlicher Länge sind sondern auch selten oder so gut wie gar nicht auf den Konzertprogrammen stehen. Für das Cellokonzert hatte man den englischen Cellisten Steven Isserlis verpflichten können. Edward Elgar komponierte sein Cellokonzert im Jahr 1919, also unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Wenn man sich die tiefe politische, gesellschaftliche und moralische Zäsur vor Augen führt, die dieser erste große Krieg nach über vierzig Jahren Frieden in Europa darstellte, wird auch verständlich, dass die sensiblen Künstler auf diese Katastrophe mit ganz spezifischen Werken reagierten. Das waren in der Literatur Autoren wie Erich Maria Remarque, in der Malerei der Expressionismus und in der Musik - mit einiger Verzögerung - Komponisten wie Eisler oder Weill. Edward Elgar, der bei Ausbruch des Krieges bereits weit über fünfzig Jahre alt war, begegnete diesem einschneidenden Erlebnis jedoch auf ganz eigene Art. Da er die friedliche und vermeintlich glückliche Zeit des "Empires" sowie die Epoche der Hochromantik noch selbst erlebt und musikalisch mitgestaltet hatte, bewegten ihn vor allem Verlustgefühle und die Sehnsucht nach dem Verlorenen. Jüngere Künstler widmeten sich eher dem Protest und wendeten sich neuen Gesellschaftsmodellen zu. Elgars Cellokonzert dagegen atmet genau diese Verlorenheit und trauert dem verlorenen Glück nach. Nun war die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sicherlich politisch und gesellschaftlich kein Vorbild für künftige Epochen, doch nachträglich lässt sich das immer wesentlich abgeklärter betrachten. Für die damaligen Zeitgenossen hatte der Krieg jedenfalls alle Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft vernichtet und nährte eher die Angst vor weiteren Katastrophen - zu Recht. Im Cellokonzert setzt das Soloinstrument mit dem ersten Takt ein und präsentiert gleich zu Beginn des "Adagio"-Satzes ein melancholisches Motiv, das sich in eine verlorene Zeit zurückversetzt. Aus diesem Motiv entwickeln sich weitere, die jedoch nur selten zu einem eingängigen Thema finden, sondern stets aus kurzen Melodiebögen bestehen, die immer wieder den Tenor der Verlorenheit und der unerfüllbaren Sehnsucht heraufbeschwören. Das Orchester setzt dazu nur verhaltene Akzente oder liefert einige kurze Zwischenspiele und überlässt ansonsten dem Solisten das Feld. ![]() Cellist Steven Isserlis Der zweite Satz beginnt noch langsamer ("lento") und düsterer. Erst nach einer längeren, fast schwermütigen Phase schwingt sich die Musik auf zu einem Marsch, der an den gerade erst beendeten Krieg erinnern soll. Demgemäß verbreitet dieser Marsch weder Heiterkeit noch Optimismus sondern ruft in seinem verhaltenen Tempo und den dunklen Klangfarben noch einmal den Schrecken des Krieges in Erinnerung. Zum Ende hin neigt sich auch dieser Satz wieder abwärts zu einem "Poco più lento" und dann zzu einem Adagio, das die Trauer über eine verlorene Vergangenheit und die Sehnsucht nach diesen vermeintlich glücklichen Zeiten heraufbeschwört und verdichtet. Das Cello schwelgt förmlich in der Wehmut der Klänge, doch Steven Isserlis bannte die diesem Konzert natürlich innwohnende Gefahr falscher Sentimentalität und verzichtete auf eine zu sehr auf den emotionalen Effekt setzende Interpretation. Die leisen Töne und deren vollendete Ausgestaltung standen bei ihm im Vordergrund, und die Schwermut der Musik geriet nie zum Selbstzweck, sondern ergab sich geradezu natürlich aus der sensiblen Spielkunst des Solisten. Bei Isserlis scheint die Musik eher über lange Vergangenes und Verlorenes nachzudenken und zu sinnen als nur über den Verlust zu klagen. Am Ende drückt sie sogar wenn auch resignative Akzeptanz der Vergänglichkeit aus. Isserlis forderte sein Publikum permanent zum Mitdenken und zur Nachempfindung der Themen auf und gönnte ihm nicht den wohligen Schauer des bloßen Weltschmerzes. Nach einem langen, mehr als freundlichen Beifall - Begeisterung stellt sich angesichts der Grundstimmung dieses Konzerts nur schwer ein - gab es eine Besonderheit im Darmstädter Konzertbetrieb: Dirigent Constantin trinks kündigte als Zugabe das Rondo in g-moll für Cello und Orchester von Antonin Dvorak an. Dieses Werk sprengte jedoch den Rahmen einer typischen Zugabe und wuchs sich aufgrund seiner Länge und musikalischen Struktur zu einem eigenen Pprogrammpunkt aus. Steven Isserlis konnte in diesem eingängigen Stück noch einmal befreit ohne die Zwänge der Elgarschen Schwermut aufspielen, und auch das Orchester durfte hier beweisen, dass es mehr als nur "Beilagen" zu einem Solovortrag liefern kann. Erst im zweiten Teil wurde dann das Orchester in vollem Umfang gefordert, dauert doch Hans Rotts 1. Sinfonie geschlagene 55 Minuten. Doch mit der Dauer allein war es nicht getan: die musikalischen Anforderungen verlangten in dieser Stunde Dirigent und Orchester alles ab, was ein Ensemble leisten kann. Vorab einige Worte zu Hans Rott. Im Jahr 1858 geboren, erwies er sich schnell als eine musikalische Hochbegabung und studierte bei Bruckner das Orgelspiel. Kurz nachdem er als Zwanzigjähriger(!) bei einem Wettbewerb mit dem ersten Satz seiner 1. Sinfonie unter demütigenden Umständen gescheitert war, erkrankte er und verfiel bald darauf einem Nervenleiden, das ihn in eine Nervenheilanstalt brachte und im Jahr 1884 zu seinem Tod führte. Da war er gerade 26 Jahre alt und hatte außer seiner 1. Sinfonie und einigen Kammermusikwerken nichts hinterlassen. Sein Kommilitone Gustav Mahler hielt später höchste Lobreden auf ihn. Die Tatsache, dass sich in Mahlers sinfonischen Werken deutliche Reminiszenzen an Rotts 1. Sinfonie befinden, irritiert(e) viele Musikexperten ein wenig. Man könnte dies natürlich auch weniger prosaisch als Hinweis darauf deuten, dass Mahler die zu Lebzeiten Rotts nicht aufgeführte Sinfonie ein wenig als "Steinbruch" benutzte. Honi soit qui mal y pense..... ![]() Der Komponist Hans Rott Erst etwa hundert Jahre nach Rotts Tod fand die Uraufführung der Sinfonie statt, und ausgerechnet in den USA statt in Wien! Seitdem ist sie mehrere Male aufgeführt worden und hat weltweit Aufmerksamkeit und hohe Beachtung gefunden. Besonders Mahler-Exegeten und -Liebhaber haben sofort die Querbezüge und die entsprechenden Verweise auf dessen verschiedene Sinfonien entdeckt. Die Sinfonie beginnt mit einem kurzen Trompetensolo und erinnert bereits in diesen Takten an Anton Bruckner. Zu diesen Assoziationen tragen auch die längeren choralartigen Passagen des im "alla breve" stehenden ersten Satzes bei. Der zweite Satz - "sehr langsam" - beginnt mit langen, homophonen Melodiebögen der Streicher, die dann nach einiger Zeit die Bläser übernehmen und sie ein einen getragenen Choral umwandeln. Mit zunehmender Dauer dieses Satzes verschärfen sich die Dissonanzen in den Bläsern und partiell auch in den Streichern. Die Sekunden reiben sich aneinander in steter Steigerung, und die Interferenzen der einzelnen Töne lassen einen klagenden, leidenden Klang entstehen. Rott ist in diesem Satz seiner Zeit bereits voraus, die noch den wohlgefälligen Klang vorzog. Der Satz klingt dann in einem endlos lang ausgehaltenen Schlusston langsam und leise aus. Der dritte Satz, ein "Scherzo" erinnert mit seinem Hornsignal zu Beginn wieder an Anton Bruckner. Das Orchester übernimmt das Thema mit einem fast walzerartigen Thema im 3/4-Takt und verbreitet unter kräftiger Mithilfe der Bläser die tänzerische Stimmung eines Volksfestes. Dann tragen die STreicher ein zweites, lyrisches Thema vor, bevor in einer langen Schlusssequenz noch einmal das abgewandelte tänzerische Thema des Beginns aufscheint. Im Gegensatz zu den üblichen Scherzi fällt dieses durch seine ausgesprochene Länge und gebrochene Struktur auf. Dieses Scherzo erinnert in Struktur und Klangfarbe mehr als deutlich an Gustav Mahler. Der letzte Satz beginnt mit einem gezupften Thema in den Bässen, das in dieser Form eine Neuerung darstellt, wie übrigens viele der klanglichen, rhythmischen und harmonischen Elemente dieser Sinfonien für die damalige Zeit eine Neuigkeit - und für manche Zuhörer wohl auch eine Provokation - darstellten. Die Hörner übernehmen mit einem homophonen Thema, das über die Klarinette bis zur Oboe wandert. Schließlich münden diese kammermusikalischen Elemente in einem großen "tutti", aus dem wiederum die Streicher mit einem eingängigen Thema führen, das deutlich an Brahms erinnert. Hier hat sich der junge Rott offensichtlich vom Hauptthema des 4. Satzes von Brahms' 1. Sinfonie inspirieren lassen, und man kann beim Zuhören durchaus über den Begriff des Plagiats philosophieren. Das Orchester des Staatstheaters zeigte sich in dieser Interpretation gleich zu Beginn der Saison in Hochform. Die schwierigen rhythmischen und klanglichen Passagen bewältigten die Musiker mit einer bewundernswerten Souveränität, und wieder einmal verdienten sich die Bläser - hier vor allem die Hörner - Sonderapplaus. Alle Einsätze kamen präzise und die Intonation ließ keine Wünsche offen. Auffallend war auch die hohe klangliche Transparenz, was bei diesem klangreichen und voll instrumentierten Werk nicht selbstverständlich ist. Man konnte den einzelnen Themen in den jeweiligen Instrumentengruppen mit Leichtigkeit folgen, und dabei kamen auch die akustisch schwächeren Instrumente wie die Flöten voll zu ihrem Recht. Trotz ihres reichhaltigen Programms an diesem Abend deckten die Hörner den Rest der Bläser oder gar des Orchesters keineswegs zu sondern fügten sich in das gesamte Klanggefüge ein. Für die Musiker auf der Bühne bedeutete dieses Werk Schwerarbeit an Präsenz und Präzision, und dasselbe gilt in besonderem Maße für den Dirigenten Constantin Trinks, der am Schluss deutliche Zeichen der Erschöpfung im Gesicht trug. Doch auch die Zuhörer waren an diesem Abend gefordert, stellte doch Rotts Sinfonie hohe Anforderungen an die Hörbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit eines jeden Besuchers. Nach den letzten Akkorden des zum Schluss wieder dissonanzreichen Finalsatzes war es dann auch gut, und alle im Haus waren erschöpft. Das hinderte das Publikum jedoch nicht daran, dem gesamten Ensemble mit stürmischem Beifall für diesen gelungenen Abend zu danken. Frank Raudszus |
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