Reisen Italienische Barockmusik im feinen Kammermusikton

 
Juli 2010




































































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Die Polnische Kammerphilharmonie präsentiert im Rheingau Werke von Corelli, Boccherini, Tartini und Vivaldi


Am 12. August trat die Polnische Kammerphilharmonie beim diesjährigen Rheingau Musik Festival in der Basilika des Klosters Eberbach mit einem rein italienischen Barockprogramm auf. Ursprünglich war die Aufführung im offenen Kreuzgang des Klosters vorgesehen, doch das unsichere Wetter an diesem Tage verhagelte diese Absicht im fast wahrsten Sinne dieses Wortes und erzwang die Verlegung ins Innere des Klosters. Das nahm der Veranstaltung vielleicht ein wenig den Reiz eines sommerlichen Musikvergnügens, wirkte sich jedoch auf die Qualität der Darbietungen in keiner Weise aus.

Generell bestach durch das gesamte Programm die kammermusikalische Spielweise, die auf die weit ausladende Geste verzichtete und sich eher auf die Details der musikalischen Ausarbeitung konzentrierte. Als Solistin für die Solopartien hatte man die Spanierin Leticia Moreno verpflichtet, die in der Pause auch den Preis der Nachwuchskünstler des Rheingau Musik Festivals aus der Hand des Hauptsponsors entgegennahm.

Die Polnische Kammerphilharmonie
Die Polnische Kammerphilharmonie


Zu Beginn stand Archangelo Corellis Concerto grosso D-Dur op. 6,7 auf dem Programm. Das einleitende Vivace beginnt getragen, verhält dann und geht in ein choralartiges Thema über, bei dem die Violinen eingängige Themen über den Celli und Bässen variieren. Das anschließende Adagio verströmt eine festliche Atmosphäre mit einem unverkennbar melancholischen Einschlag. Trotz des schreitenden barocken Stils trägt das Stück keine typischen Züge geistlicher Musik. Überall schimmert die weltliche Lust an der musikalischen Betätigung durch. Das abschließende Vivace kommt dann mit majestätischer Naivität daher und verbreitet Optimismus und Lebensfreude. Wojciech Rajski sorgte am - nicht existenten - Dirigentenpult dafür, dass der Klang des Orchesters stets im privaten, fast familiären Rahmen blieb, halt genau so, wie man sich einen musikalischen Abend an einem Hof im engeren Kreis der Herrscherfamilie vorstellt.

Entgegen der ursprünglichen Planung stand an zweiter Stelle Luigi Boccherinis "La musica notturna delle strada die Madrid", also eine programmatische Wiedergabe des abendlichen musikalischen Treibens auf den Straßen der spanischen Hauptstadt. Das Stück wurde auf der Basis des Streichquartetts C-Dur op.10 speziell für ein Kammerorchester bearbeitet und imitiert in sieben kurzen Sätzen alle die Instrumente, die man abends auf den Straßen einer Großstadt hören konnte. Es beginnt mit den von den Violinen einschließlich Nachklingen täuschend echt nachgeahmten Kirchenglocken, die zum Gebet ("Ave Maria") rufen, dann folgen kurz Orgeltöne aus der Kirche, die Trommeln der Nachtwache und schließlich die verschiedenen Instrumente der Straßenmusiker. Alle diese Klangfarben erzeugen die Streicher der Polnischen Philharmonie mit einer verblüffenden Ähnlichkeit, wobei die Violinen immer wieder in einer Art Solo-Einleitung ein neues Thema oder Instrument ankündigen. Die Metrik entfernt sich vor allem in den langsamen Sätzen von einer klaren Takteinteilung und wirkt dadurch stellenweise fast spätromantisch. Mit der detailfreudigen Herausarbeitung der einzelnen musikalsichen Straßenszenen und vor allem der unterschiedlichen Instrumentengruppen sowie der solistischen Spielfreude gelang es dem Ensemble, ein lebendiges und streckenweise humoristisches musikalisches Bild eines Abends auf den Straßen Madrids zu beschwören.

Den Schluss des ersten Teils bildete Giuseppe Tartinis berühmte "Teufelstriller"-Sonate, hier in einer speziellen Bearbeitung für Kammerorchester. Den Solopart übernahm die Preisträgerin Leticia Moreno, die anhand dieses Stücks ihre virtuosen und künstlerischen Fähigkeiten zeigen konnte. Nach einem Orchestervorspiel setzt die Violine mit einem eingängigen Thema an, das fast romantische Züge trägt. Hier kam Letitia Morenos voller Ton überzeugend zur Geltung, wobei sie diesen jedoch mit viel Sensibilität unf hoher Ausdrucksvielfalt intonierte. Der zweite Satz beginnt mit einem energischen Auftakt und lebt dann vor allem von den schnellen Läufen, bei dem die Solistin bereits ihre technischen Fähigkeiten bewies. Der Höhepunkt kam dann mit dem dritten Satz, der als gefühlvolles, hoch-romantisches Andante beginnt und dann mit der langen Solokadenz in eine furioses Allegro-Assai übergeht. Hier sind auch die besagten "Teufelstriller" angesiedelt, bei dem die Solistin gleichzeitig auf einer Seite schnelle Läufe und auf einer anderen Triller spielen muss. Letitia Moreno meisterte diese "höllische" Passage souverän und mit viel Temperament, und ihre leidenschaftliche Spielweise ließ die Schwierigkeit der Mehrfachgriffe fast vergessen. Wahrscheinlich können nur Violinspieler die Schwierigkeiten dieses dritten Satzes ermessen, die anderen Musikfreunde konnten sie an diesem Abend nur erahnen, sahen sich jedoch überwältigt von den Kaskaden von Läufen, Trillern und Akkorden, die alle in schneller Folge aus dieser einen Violine strömten.

Zu Recht brach das Publikum nach diesem Stück in begeisterten Beifall aus und spendete der Solistin teilweise "stehende Ovationen".  Bei der Verleihung des bereits erwähnten Preises blieben die Zuschauer diszipliniert sitzen und applaudierten der Preisträgerin und dem Verleiher noch einmal, bevor es in die Pause ging.

Die Geigerin Leticia MorenoDie Geigerin Leticia Moreno

Der zweite Teil des Konzertprogramms bestand auschließlich aus den vier Violinkonzerten Antonio Vivaldis, die man üblicherweise unter dem Überbegriff "Die vier Jahreszeiten" zusammenfasst und meist auch zusammen präsentiert. Dies sind "Der Frühling" in E-Dur, "Der Sommer" in g-Moll, "Der Herbst" in F-Dur und "Der Winter" in f-Moll. Die beiden Übergangsjahreszeiten stehen also in Dur, während die "Hauptjahreszeiten" in Moll gehalten sind. Vivaldi hat in diesen vier, jeweils dreisätzigen Violinkonzerten die charakteristischen Merkmale der jeweiligen Jahreszeit musikalisch umgesetzt. Der "Frühling" enthält Imitationen von Vogelstimmen, Hirtenmotive sowie einfache Volkstänze. Aufbruch und Frische stehen hier im Mittelpunkt, aber in die ersten lauen Frühlingslüfte können auch noch plötzliche kalte Winde einbrechen, die sich in scharfen Streicher-Akkorden niederschlagen. Im "Sommer" überwiegen fast schon monotone Themen, mit denen Vivaldi die lastende Hitze eines Hochsommertages illustriert. Mücken umkreisen den schlafenden Hirten. Mitten in diese brütende Stille nahen erste Anzeichen eines Sommergewitters, das sich dann auch mit Urgewalt Bahn bricht. Der "Herbst" wiederum steht im Zeichen der reichen Ernte, der Tanzveranstaltungen und des Weines. Die zunehmend chaotische Abfolge von Motiven und ihren Variationen zeigt die zunehmende Wirkung des Weins. Parallel dazu wird über entsprechende Motive eine Jagd intoniert, bei der die Meute - das Orchester - das einsame Wild - die Violine - durch Feld und Wald jagt und schließlich erlegt. Im "Winter" schließlich herrschen klirrende Harmonien und ostinate Motive, die die starre Eintönigkeit einer eiskalten, verschneiten und leblosen Winterlandschaft wiedergeben. Dagegen stehen die Darstellung der Gemütlichkeit am warmen heimischen Kamin oder die Freuden der Schlittschuhläufer auf dem Eis. Doch dahinter lauert wieder die Gefahr des brechenden Eises und schließlich eines kalten Wintersturmes, der den Winterzauber hinwegfegt.

Letecia Moreno interpretierte diese musikalische Folge durch das Jahr mit viel Sensibilität für die Nuancen und zeigte ihre technischen und musikalischen Stärken sowohl in den lyrischen als auch in den expressiven Passagen. Wojchiech Rajski sorgte auch hier wieder für den kammermusikalischen Ton, indem er das Orchester an den Solostellen deutlich zurücknahm und auch sonst nie zu dominant werden ließ. Nicht nur die begrenzte Größe des Ensembles sondern auch der bewusst zurückhaltende und fast schon introvertierte Interpretationsstil schufen einen musikalischen Raum, der den einzelnen musikalischen Figuren und ihrer Ausdeutung die Möglichkeit zur Entfaltung gibt. Letztlich lässt sich "die vier Jahreszeiten" auch als Allegorie auf das menschliche Leben mit Geburt, Reifung, Ernte und Erfahrung sowie Vergänglichkeit und Tod auffassen. Mit ihrer kammermusikalischen Interpretation von Vivaldis Werk hat die Polnische Kammerphilharmonie dieser Allegorie Leben eingehaucht.


Frank Raudszus

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