Reisen Pracht und Präzision an Pult und Piano

 
Juli 2010





































































































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Das Sydney Symphonie Orchestra unter Wladimir Ashkenazy und Hélène Grimaud spielen beim Rheingau Musik Festival



Theaterstücke und (klassische) Musik gleichen sich in dem dramaturgischen Ziel, zum Schluss noch einmal richtig aufzutrumpfen, sei es mit einer besonderen Pointe oder einem "Presto-Finale" mit mehreren kräftigen Akkorden. Diese Strategie verfolgten auch die Veranstalter des Rheingau Musik Festivals, indem sie zum Ende der Saison noch einmal besonders publikumswirksame Konzertabende "inszenieren", auf dass die Zuhörer sich möglichst lange daran erinnern.

Das Sydney Symphony Orchestra vor der Oper von Sydney
Das Sydney Symphony Orchestra vor der Oper von Sydney


Zwar bildete das Konzert am 26. August im Kurhaus Wiesbaden nicht den offiziellen Schluss des Festivals, jedoch durchaus hinsichtlich des aktuellen Veranstaltungsortes. Außerdem konnte man es zwei Tage vor Schluss des Festivals als inoffizielles Abschlusskonzert betrachten. Dafür sprachen vor allem die Solisten - Hélène Grimaud am Flügel und Wladimir Ashkenazy am Pult des Sydney Symphony Orchestra - aber auch das Program: unter anderm Beethovens letztes Klavierkonzert, das 5. in Es-Dur. Dieses Konzert erhielt seinen Beinamen "Emperor" entgegen Beethovens Intentionen von deutungsbeflissenen Epigonen, er beschreibt jedoch zutreffend den Gestus dieses Werkes. Es eignet sich damit ideal für ein Abschlusskonzert.

Doch ehe an diesem Abend die ersten Akkorde auf dem Flügel ertönten, führte Wladimir Ashkenazy das Publikum in einer Art "Aufgalopp" durch ein Vorprogramm. Antonin Dvoraks Konzertouvertüre "Karneval" in A-Dur, op. 92, intoniert zwar ein ähnliches dynamisches Muster wie Beethovens Klavierkonzert - schnell, langsam, schnell -, folgt jedoch im Gegensatz zu diesem einem vorgegebenen Programm. Beethoven lehnte als überzeugter Klassiker jegliche außermusikalische Programmatik ab, sieht man einmal von seiner Opernmusik ab, die per se programmatisch ist. Seinen Sinfonien und Sonaten jedoch verweigerte er jegliche deutende Bezeichnungen und konnte sich auch mit den umlaufenden Bezeichnungen wie "Schicksalssinfonie" nicht anfreunden. Zu Dvoraks Zeiten jedoch war die Programmmusik "en vogue". Man komponierte das Fließen der "Moldau" nach oder bildete auf andere Weise Natur und besondere Ereignisse musikalisch ab.

Dirigent Wladimir Ashkenazy
Dirigent Wladimir Ashkenazy

Der "Karneval" beginnt furios, wie es halt typisch ist für die fünfte Jahreszeit, mit vorwärts stürmenden Motiven und unter Beteiligung des gesamten Orchesters. Dvoraks Musik verdeutlicht das weinselige Durcheinander eines Festes, in dem sich das Individuum von den Zwängen der Gesellschaft befreit. Doch im Gegensatz zum Festlichen der Barockmusik, das stets majestästisch schreitend daherkommt, ahnt man hier das Chaos der losgelassenen Individuen. Bald jedoch naht der erste Kater, wenn die Teilnehmer des Karnevals plötzlich das Sinnlose und Rituelle ihres Treibens erkennen. Der Überschwang des bedingungslosen Feierns weicht einer plötzlichen Sehnsucht nach Ruhe, ja fast einer Resignation, und geht in eingängige Liedmotive über. Homophone Strukturen prägen jetzt die Musik, und dramatische Einsätze verleihen der scheinbar lyrischen Grundstimmung etwas düster Drohendes. Dann entledigt sich die Musik wieder der kontemplativen Innenschau und widmet sich noch einmal dem entgrenzten Genuss des Augenblicks. Typische karnevaleske Klänge - Schellengeläut und Hornsignale - mischen sich in die orchestrale Musik und verleihen dieser den akustischen Hintergrund eines großen Jahrmarkts oder - Karnevals!

Wladimir Ashkenazy dirigierte das Orchester mit viel gestischem und körperlichem Einsatz und trieb die Musiker damit zu einer hochkonzentrierten und kompakten Spielweise an, die keinen Augenblick an Spannung verlor und bei aller Expressivität dennoch stets präzise blieb. Nach dieser Ouvertüre zeigte sich das Publikum entsprechend "angeheizt" und spendete kräftigen Beifall. Jetzt war auch der letzte Zuhörer im ausverkauften Saal konzentriert und aufnahmebereit für größere musikalische Spannungsbögen.

Hélène Grimaud gilt derzeit als eine der profiliertesten Pianistinnen. Sie gehört nicht mehr zum Nachwuchs (Jahrgang 1969), aber auch noch nicht zu den "Älteren", die bereits an den Konzertabschied denken. Sie steht mitten im Konzertleben und gehört zu den Künstlern, die den Stil einer Epoche prägen. Mit Beethovens 5. Klavierkonzert hat sie sich ein Werk gewählt, das in jeder Hinsicht eine Herausforderung darstellt. Dabei ist die Abnützung, der dieses Stück dank seiner Beliebtheit im Konzertbetrieb unterliegt, noch eine der geringeren Schwierigkeiten. Nahezu jeder Konzertbesucher hat dieses Werk schon des Öfteren "live" gehört und geht mit einer gewissen Erwartungshaltung in ein Konzert. Diese gilt es einerseits zu bestätigen andererseits aber auch in Frage zu stellen und durch neue Akzente zu erweitern. Die wesentliche Hürde in der Interpretation dieses Konzerts besteht jedoch darin, dass Solist, Dirigent und Orchester sich eng miteinander abstimmen müssen, weil das Konzert sinfonische Strukturen aufweist, die Solo-Instrument und Orchester nicht nur gleichrangige Rollen zuweisen sondern sich auch in komplexen Dialogstrukturen niederschlagen. Weder kann die Solistin einfach drauflos spielen noch sich das Orchester auf einfaches "Begleiten" zurückziehen.

Schon der Beginn dieses Konzerts ist ungewöhnlich. Es beginnt mit ein paar kräftigen Orchester-Akkorden, die von scheinbar improvisierten Läufen des Pianisten begleitet werden. Dann schweigt der Pianist, und das Orchester spielt die übliche längere Einleitung, in denen es die Hauptthemen des Kopfsatzes vorstellt. Noch bei Mozart musste das Klavier dieses Vorspiel - meist 32 Takte - abwarten, ehe es einsetzen konnte, bei Beethoven setzt das Piano vor allem in den letzten Klavierkonzerten sofort mit ein. In diesen ersten Takten irritierte der etwas metalllische Klang des Flügels, der dem Auftakt ein eher flaches Profil verlieh, dann jedoch gewann der Flügel mehr und mehr an Fülle, was wohl auch daran liegen mochte, dass man sich als Zuhörer auf den Klang einstellte und ihn später als ausgewogen empfand. Auf jeden Fall zeigte das Instrument vor allem in den unteren Lagen seine gesamte Klangfülle.

Hélène Grimaud beherrschte vom ersten Moment an das Geschehen auf der musikalischen Bühne, ohne deswegen eine unangemessene Dominanz zu zeigen. Ihr Anschlag und ihr präzises Spiel sorgten von Beginn an für Spannung. Kein Ton schlich sich davon, jeden einzelnen meißelte Hélène Grimaud förmlich aus den Tasten, wobei ihr das Kunststück gelang, diesen Meißel zwar bestimmt aber - wo erforderlich - sanft anzusetzen. Die Triller suchten an Gleichförmigkeit und Leichtigkeit ihresgleichen, und in den schnellen Läufen brillierte die Solistin mit einer vollständig gleichberechtigten Ausformung der einzelnen Tönen. Nur wenn es der musikalische Duktus verlangte, schwollen die einzelnen Töne an oder verklangen sachte. Die liedhaften Themen trug sie bewusst abgesetzt vor, ohne deswegen stakkatohaft zu spielen. Die Kadenz im ersten Satz, für die Beethoven eine sparsame Ochesterbegleitung vorgesehen hat, präsentierte sie mit Bedacht und wohldosierter Dynamik. Kleine Verzögerungen, minimale Ritardandi verliehen diesem Solovortrag eine ganz eigene, individuelle Prägung.

Den zweite Satz, ein "Adagio un poco moto", spielte die Solistin mit hoher Intensität, nahm im engen Zusammenspiel mit dem Orchester das Tempo noch zurück und steigerte auch hier mit minimalen Verzögerungen die Spannung. In diesem Satz kam ihre hoch entwickelte "Triller-Kultur" besonders zur Geltung, denn ein etwas zu forsch geformter Triller kann leicht die hohe Verinnerlichung dieses Satzes beeinträchtigen. Wladimir Ashkenazy ließ dazu vor allem die Holzbläser mit ihrem weichen Klang in den Vordergrund treten, und das Zusammenspiel von Piano und Holzbläsern war ein ganz besonderer Genuss an diesem Abend.

Die Pianistin Hélène Grimaud
Die Pianistin Hélène Grimaud


Den Übergang zum Fimalsatz - "Rondo. Allegro" gestaltete Hélène Grimaud mit besonderem Bedacht. Die letzten Takte des zweiten Satzes und die ersten des dritten verzögerte sie so stark, dass eine ausgeprägte Spannung entstand, die geradezu nach Auflösung schrie. Doch bewegte sie sich dabei diesseits der Grenze zum reinen "Schaulaufen" und opferte nicht die musikalische Logik dem bloßen Effekt. Im dritten Satz zeigte sie dann noch einmal ihre technische Perfektion und ihre Virtuosität in der Behandlung musikalischer Themen. Dieser Satz erfordert noch einmal eine äußerst genaue Abstimmung zwischen Solist und Orchester, denn beide wechseln sich in schneller Folge ab, treten in einen engen Dialog oder überlagern sich. In all diesen Fällen sind der punktgenaue Einsatz und die abgestimmte Präsenz von entscheidender Bedeutung. Einerseits darf das Orchester das Soloinstrument nicht übertönen, andererseits darf sich dieses nicht zum Alleinherrscher aufschwingen. Wladimir Ashkenazy schaffte es, hier eine optimale Balance zu halten und beiden Klangkörpern den entsprechenden Raum zur Entfaltung zu geben.

Nachdem dieser Satz bereits ein oder zwei Mal zu seinem Ende gekommen zu sein schien und sich dann doch wieder zu neuen Höhen emporschwungen hatte, folgte schließlich die wie "angehängt" wirkende Schlussphase mit Klavier und ostinater Pauke und endete schließlich in zwei kräftigen Akkorden des Orchesters. Das Publikum spendete begeisterten Beifall vor allem für die Solistin aber auch für Orchester und Dirigent. Leider konnte auch der kräftige Beifall die Solistin nicht dazu bewegen, noch eine Zugabe zu spielen. Aber vielleicht war das nach dieser beeindruckenden Aufführung die richtige Entscheidung.

Den Abschluss des Programms bildeten Edward Elgars "Enigma-Variationen", die der englische Komponist im Jahr 1899 komponierte. In den vierzehn Variationen über ein anfangs vorgebenes Thema beschreibt er seine besten Freunde, den einen als gemäßigten, eher introvertierten, den anderen als laut lospolternden und dominierenden Charakter. Demgemäß tragen die einzelnen Variationen Tempobezeichnungen von "Adagio" bis "Presto", eine ist sogar im mozartschen Stil gehalten ("Andantino") und galt einer engen Freundin des Komponisten. Die musikalische Abbildung so unterschiedlicher Charaktere ergibt natürlich ein weites Feld für verschiedenste Klang- und Tempokombinationen, und Elgar nutzte diese Möglichkeit nach allen Regeln der Kunst aus. Bisweilen erinnern Passagen an Richard Strauss, und einmal meint man sogar "Till Eulenspiegels" Stimme zu vernehmen. Dann wieder erinnert eine gemäßigte Variation mit ihren langgezogenen Melodiebögen an Gustav Mahler. Grundsätzlich folgt Elgar dem musikalischen Trend seiner Zeit zur freien Metrik, den lediglich die tänzerische Variation im Stil Mozarts durchbricht.

Am Ende dieser Variationskette macht sich Elgar selbst zum Gegenstand der letzten Variation und verdichtet noch einmal alle Ausdrucksformen in einer einzigen, abschließenden Variante, die dann natürlich in einem "Presto" endet. Angeblich hat Elgar in den vierzehn Variationen ein wohl bekanntes Thema versteckt, doch bis heute ist es keinem Musikexperten gelungen, dieses - außerhalb des vorgegebenen Themas liegende - Motiv zu identifizieren. Auch wir schließen uns dieser Kapitulation vor Elgars Rätsel - "Enigma" - an. Vielleicht existiert das Thema gar nicht und Elgar hat das Gerücht nur in die Welt gesetzt, um alle Experten zu motivieren, sich intensiv mit seiner Musik zu beschäftigen.

Das Publikum war auch ohne Lösung des Rätsels begeistert und spendete derart kräftigen Beifall, dass Wladimir Ashkenazy die nach dem Solokonzert ausgefallene Zugabe nachholte und mit dem Orchester noch ein irisches Lied zum besten gab.

Frank Raudszus

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