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Humor ist wenn man trotzdem singt.... |
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Tim Fischer interpretiert beim Rheingau Musik
Festival Lieder von Georg Kreisler |
Als sich die Moderatorin des Veranstalters im Atrium des futuristischen Gebäudes der Wiesbadener Stadtwerke an diesem verregneten Sonntagabend in der Pause bei dem Publikum wegen der Kälte entschuldigte, sprach sie die Hoffnung aus, dass im weiteren Verlauf des Abends zumindest die Lieder von Georg Kreisler für Wärme sorgen würden. Nun, man kann diesen Chansons alle möglichen Eigenschaften zusprechen, jedoch bestimmt nicht den, die menschlichen Herzen zu erwärmen. Das sagt nichts über die Qualität dieser Musik aus sondern soll nur erklären, warum die Zuschauer auch während der zweiten Hälfte dieses Konzerts frieren mussten. Die technische Ursache für die Kälte war in diesem Fall aber nicht dem Festival sondern dem Gastgeber anzulasten. Der Wiener Chansonier und Kabarettist Georg Kreisler ist in diesem Jahr 88 Jahre alt geworden und hat bereits seit einiger Zeit seine aktive Konzertlaufbahn beendet. Seine Chansons leben von dem Kontrast einer eingängigen Musik, oft mit Wiener oder klassischem Einschlag, und dem bitterbösen Inhalt. So manches Lied, man denke nur an "Geh'n wir Tauben vergiften im Park" beginnt wie ein heiteres Unterhaltungsstück, bis plötzlich der satirische bis makabre Text voll durchschlägt. Doch Kreisler macht sich keinen Spaß aus dem Protest gegen die Konvention oder gar die Wohlanständigkeit, und er sucht nicht die unmittelbare Provokation wie etwa die heutigen Rapper, ihm geht es um viel mehr. Er spießt in seinen Liedern die Unzulänglichkeiten und Skandale dieser Welt auf, wobei er nie Gesellschaftskritik in Form aktueller Probleme treibt sondern stets vom Einzelnen auf das Allgemeine abstrahiert. Seine Texte stellen menschliche und gesellschaftliche Schwächen kompromisslos bloß, und der vordergründig freundliche, ja fast humoristische Klang und Ton verschärfen die Wirkung noch. Nach dem Ende von Kreislers Konzerttätigkeit hat Tim Fischer, Jahrgang 1973, das
Staffelholz des kritischen Chansoniers übernommen und
präsentiert jetzt die Lieder von Georg Kreisler mit dessen
Einwilligung und aktiver Unterstützung. Er hält sich dabei so
eng wie möglich an den Vortragsstil des Komponisten
einschließlich des österreichischen Tonfalls und einer
bewussten Neigung zum Sprechgesang. Insofern besteht also doch eine
entfernte Beziehung zum Rap.....Das Programm beim Rheingau Musik Festival trug den Titel "Gnadenlose Abrechnung" und bestand überwiegend aus neueren Liedern, ohne deswegen, wie bereits erwähnt, betont aktuell sein zu wollen. Menschliche Schwächen lassen sich immer wieder finden und auf vielfältige Art karikieren. Am Klavier begleitete Rüdiger Mühleisen den Chansonier, wobei er teilweise in die satirischen Darbietungen mit einbezogen wurde. Das fing gleich beim ersten Auftritt an, als Mühleisen forsch Chopin zu intonieren begann und dreimal von Fischer mit zunehmendem - und natürlich gespieltem - Unwillen aufgefordert werden musste, das freie Klavierspiel zu unterlassen. Die Botschaft dabei lautete: "Wir machen hier nicht Musik zur Unterhaltung, sondern wollen Tacheles reden bzw. singen". Zu Beginn eine Selbstreferenz mit "Geh'n wir Tauben vergiften im Park". Allerdings ließ Tim Fischer davon nur die erste Zeile erklingen, um dann gleich zur modernisierten Form dieses Chansons überzugehen: "Spiel'n wir Unfall im Kernkraftreaktor". Mit der gleichen Entlarvung altbekannter Verdrängungsmechanismen werden hier kleine Kinder vergiftet, und zwar mit Plutonium, wobei die Vorteile dieses Spiels und die Reaktion der Umwelt gleich satirisch mitgeliefert werden. Es folgte der Monolog eines verbohrt-aggressiven Spießers, der alles nur "Von Beruf" gemacht hat, bis hin zur Heirat und Kinderzeugung. Tim Fischer präsentierte diese Figur mit gesenktem Kopf, verkantetem Kinn und seltsam rollendem Braunauer "RRR". In "Ein Haus am grünen Bach" persiflierte Fischer mit pseudo-sensibler Stimme die kitschig-romantische Sucht nach der heimischen Idylle fernab des weltlichen Treibens, während das darauf folgende "Der Tag wird kommen" die ewigen Utopisten durch den Kakao zieht. In "Nur der Euro, der bleibt" lassen Kreisler/Fischer die Welt ringsum zugrunde gehen ("Warschau ist Schutt, die Schweiz ist kaputt") und nur den Götzen Euro in alle Ewigkeit überleben. Der kommissköpfige "Fliegergeneral" verhindert die Ehe zwischen seiner Tochter, der "geliebten Maid", und dem Sänger, und in "Fehlt Dir was?" zeigt Kreisler, dass er auch ernsthafte Liebeslieder komponieren, und Fischer, dass er diese ohne falsche Sentimentalität interpretieren kann. Dagegen kommen in "Morgends Dich, abends Dich,..." die Ausweglosigkeit und das Elend einer abgelebten Ehe ohne Kommunikation auf beinahe makabre Weise zum Ausdruck, und als Steigerung folgte gleich das bittere Chanson "Zu Hause ist der Tod", das die Ruhelosigkeit und die geradezu paranoide Angst, etwas zu versäumen, in den Mittelpunkt stellt. Das Lied "Meine Frau will mich verlassen" erinnert in
seiner aufgeräumten Bösartigkeit an den Förster bei
Wilhelm Busch: "Heißa, ruft Herr Sauerbrot; heißa, meine
Frau ist tot!". Das jiddische Pendant zu dem Lied über die
Reisewut spricht über all die Orte, die den reisenden Juden
freundlich begrüßen; doch der sagt stets "Ich
fühl mich nicht zu Hause", bis er sich schließlich bei
seinen missgünstigen und unfreundlichen Nachbarn im Schtetl
endlich zu Hause fühlt. Das Lied über Europas "Hier ist hier
und dort ist dort" ganz im Stil von Brecht/Weill schloss dann den
ersten Teil des Abends ab.Der zweite Teil begann mit der Aufforderung, die Arbeit zugunsten des "dolce far niente" liegen zu lassen, "wenn das alle täten", dann hätten wir weniger Sorgen und Probleme, weil wir alle nur auf der faulen Haut liegen würden. Den heimlichen Revolutionär, der jedoch seine Meinung nie offen zu äußern wagt, karikierte Fischer in dem Lied "Jeden Abend halt ich Reden" mit verbissener Kämpfermimik, und Fremdenhass wie Denunziantentum kamen in "Die Dame nebenan ist eine Hexe" treffend zum Ausdruck. Als kleine humoristische Einlage konnte man das "Lied über gar nichts" verstehen, das eigentlich gar nicht vorhanden war, und danach folgte ein satirisch-nachdenkliches Gedicht über das Imaginäre. In dem Lied über "Das Dörflein auf Samoa" schlägt Kreisler vor, mit den friedlichen Samoaner die Länder zu tauschen, auf dass wir Autobahnen nach Samoa und dessen Bewohner ihre friedliche Lebensart nach Europa bringen, und Tim Fischer trug dieses hintersinnigen Text mit gespielert Naivität vor. Eine knallhart berechnende Frau kam in "Ich hätt so gerne einen Mann ..... aber reich!" ungeschminkt zu Wort, und dagegen setzte das melancholische Liebeslied "Ich hab Dich zu vergessen vergessen" eher emotionale Akzente. Mit dem "Sinn des Lebens" ging dann das offizielle Programm zu Ende, ohne dass dieses letzte satirische Lied den Lebenssinn - natürlich - enträtselt hätte. Ehe hat es die verzweifelte Suche danach satirisch beleuchtet und kommt am Ende zum Schluss, dass alles "..gequirlter Quark" sei - "also geh'n wir zu Bett!". Das Publikum zeigte sich trotz der Kälte derart aufgeheizt und spendete so vehementen Beifall, dass die beiden Musiker noch drei Zugaben anhängten: "Herberts blaue Augen" berichten von dem kriminellen Herbert, der dank seiner blauen Augen die anderen für seine Untaten büßen lässt, "Prof- Dr. med." nimmt die - vor allem in Österreich - grassierende Titelsucht aufs Korn, und Kreislers Ritter-Oper für einen Künstler schließlich bringt ein schröckliches Melodram in wenigen Minuten und hohem Tempo sowie mit viel Witz auf die Bühne. Tim Fischer fand für jedes Lied den richtigen Tonfall, von heiter-ironisch über parodistisch bis zur messerscharfen Satire. Bewundernswert seine variable, dem Tenor des jeweiligen Chansons angepasste Stimmlage sowie seine Mimik, die treffend die Mentalität des bloßgestellten Zeitgenossen wiedergibt, ohne je in plattes Chargentum zu verfallen. Er schaffte es tatsächlich, die Zuhörer zumindest zeitweise die an diesem Sommerabend unerwartete Kälte vergessen zu lassen. Frank Raudszus |
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