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Dramatische
Dichte und Musikalische Momente |
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Ludwig
van Beethovens selten gespielte Oper "Fidelio" feiert in Darmstadt eine
erfolgreiche Premiere |
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Eine Hinterlegung der Handlung
mit historischen Personen und Ereignissen würde die Bedeutung der
Oper sicherlich signifikant erhöhen, denn sie wird nicht zu
Unrecht so selten aufgeführt. Jeder Indendant und Opernregisseur
sucht natürlich bei einer Oper nach dem gesellschaftlichen oder
menschlichen Gehalt, nach Konflikten und deren Lösungen. "Fidelio"
bietet in dieser Hinsicht wenig, ist dagegen von einer seltenen
Schlichtheit, voll von Widersprüchen und bedeutungslosen, ja fast
aufgesetzten Nebenhandlungen. Im Grunde gleicht diese "Rettungsoper",
wie der Typus auch genannt wird, eher einem heutigen Thriller, bei dem
die Guten und Bösen von vornherein feststehen und es nur um die
Verhinderung der Katastrophe in letzter Sekunde geht. Schon der Ausgangspunkt ist
unklar: warum sitzt Florestan im Kerker? Was hat er getan? In der Arie
des Gefängnisgouverneurs Don Pizarro spricht bzw. singt dieser
hasserfüllt von Rache, ohne den Hintergrund zu nennen. Um
Eifersucht geht es offensichtlich nicht, höchstwahrscheinlich auch
nicht um Geld (zu trivial für die Zeit), es muss also
"irgendetwas" Politisches sein. Dadurch wird die Rolle des Forestan auf
einen passiven, nur leidenden und hoffenden Niemand reduziert. Eine
psychologische Entwicklung ist dieser Figur nicht gegönnt. Das
Gleiche gilt für Leonore, die sich in männlicher Verkleidung
unter dem Namen Fidelio mit dem festen Vorsatz in dem Kerker einstellen
lässt, ihren Mann zu befreien, nicht davon ablässt und es
schließlich auch im letzten Moment schafft. Sie kennt zwar die
Angst vor dem Scheitern ihrer Pläne und dem Tod ihres Gatten, aber
keine weiteren inneren oder äußeren Konflikte. Die
Verwechslungskomödie um Marzelline und Fidelio alias Leonore ist
zwar recht nett, wirkt aber im Grunde genommen angesichts des Themas
völlig überflüssig. Hier breitet das Libretto sogar eine
gewisse Boulevard-Atmosphäre aus, die nicht zu der tödlichen
Gefahr der Handlung passt. Der Gefangenenchor lässt aufgrund der
herzzerreißenden Klagen vermuten, dass alle diese armen Gestalten
zu Unrecht hier einsitzen. Das kann aber nicht der oberste
Gefängnisaufseher selbst verantworten, sondern dahinter
müssen politische Mächte stehen. Nimmt man das an, dann
entbehrt der rettende Auftritt des Ministers Don Fernando jeglicher
Logik. Plötzlich mutiert die hohe Politik von brutaler Despotie
zur rettenden Macht. Die einzige Person in dieser Oper, die mit inneren
Konflikten kämpfen muss und so etwas we eine Entwicklung
durchläuft, ist der Kerkermeister Rocco, der anfangs seine
Pflichten ordentlich verrichtet, aber doch ein Herz für die
geschunden Gefangenen zeigt. Später weigert er sich gegenüber
Don Pizarro, den widerrechtlich eingekerkerten Florestan
eigenhändig umzubringen, und reicht diesen Befehl mutig an Don
Pizarro zurück. Er wird am Schluss auch gegenüber dem
Minister die Verbrechen des Gouverneurs offenlegen. Dass diese Oper dann nicht - wie
so viele andere - in der Versenkung verschwunden ist, liegt einzig an
Beethovens Musik, die alle oben geschilderten Schwächen nicht nur
aufhebt sondern sogar vergessen lässt. Das beginnt bereits mit den
Ouvertüren. Beethoven hat tatsächlich vier verschiedene
Ouvertüren für diese Oper geschrieben, von denen heute
üblicherweise die letzte der Oper vorangestellt wird, während
die zweite und dritte als sogenannte "Leonoren-Ouvertüren 2 und 3"
vorwiegend als eigenständige Werke in den Konzertprogrammen
auftauchen. Die bekannteste und meistgespielte ist die Nr. 3, da sie
das Geschehen auf dramatischste Weise verdichtet, eine bezwingende
Melodik aufweist und vor außerordentlicher Dynamik geradezu
vibriert. Von dieser Ouvertüre wird noch zu sprechen sein.
Die Handlung selbst wird durch
eher kurze Sprechszenen - ohne Rezitativ! - und die obligatorischen
Arien vorgetragen. Dazu kommen Duette, Terzette und vor allem das
Quartett von Rocco, Leonore, Marzelline und Jaquino im ersten Akt, das
man zu Recht als einen musikalischen Höhepunkt der Oper
betrachtet. Regisseur (und Intendant) John Dew verzichtet in Darmstadt angesichts des deutschsprachigen Textes auf eine
Übertitelung, um die Zuschauer nicht vom Bühnengeschehen
abzulenken. Das führt zwar dazu, dass man den Text nicht immer
versteht, doch das ist angesichts der einfachen Handlungsstrukur und
der sich in den Gesangspartien üblicherweise wiederholenden
Satzelemente weniger relevant. Den Gang der Handlung und die
Befindlichkeit der Protagonisten erkennt man mehr als deutlich aus den
Stimmen, der Mimik und den Gesten. Heinz Balthes verzichtet beim
Bühnenbild auf den Glanz der Ausstattungsoper, der diesem Sujet
auch nicht angemessen wäre. Das Haus des Kerkermeisters Rocco
markiert er als Biedermeier-Büro mit drei massiven Schreibtischen,
die er auf der Vorderbühne nebeneinander arrangiert hat. Dadurch
spielt sich das Geschehen anfangs unmittelbar am Orchestergraben (der
"Rampe") ab, was der Oper an dieser Stelle die nötige
Kammerspiel-Atmosphäre verleiht, die ja tatsächlich in den
verspielten Szenen um verschmähte, erhoffte und verschwendete
Liebe vorherrscht. Den Gefangenen-Chor lässt er dann in einem
unterweltlich roten Holzgestell aus dem Boden steigen, ohne dabei das
Leid der Gefangenen - außer den zerlumpten Kleidern -
überdeutlich zu bebildern. Die Musik sagt im Klagechor alles.
Das Kerkerverlies des Florestan
kennzeichnet Balthes auf treffende und betroffen machende Weise durch
eine mehrstöckige Stahltreppe, die vom Bühnenhimmel bis
hinunter auf die abgedunkelte Bühne führt. Schlagartig
verdeutlicht diese Anordnung die Tiefe und hoffnungslose
Abgeschiedenheit der Kerkerzelle, in der Florestan seit Jahren in
Ketten dahinvegetiert. Im deutlichen Kontrast dazu präsentiert
sich die letzte Szene, die mit unübersehbarer Ironie die "heile
Welt" der gerechten Staatsführung mit hoher Freitreppe und hellem
Licht zeigt. Nur im Hintergrund erhebt sich immer noch wie ein
Menetekel die Wand mit den tausend Leitzordnern..... Musikalisch folgt der
musikalische Leiter (und GMD) Constantin Trinks einem Brauch, den einst
Gustav Mahler eingeführt hat. Um den Umbruch zwischen der
Rettungsszene im Kerker und der großen Jubel- und
Abrechnungsfeier zu strecken und die Zeit für den Umbau der
Bühne zu überbrücken, spielt das Orchester an dieser
Stelle die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, wegen ihrer Länge und
sinfonischen Dichte auch die "große" genannt, und führt die
Inszenierung damit zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt. Das
Orchester brilliert in diesem Paradestück mit allen Vorzügen,
die es in reichlichem Maße besitzt: weiche und doch präzise
Blechbläser, virtuose und lyrische Holzbläser, und dazu einen
Streicherkörper, der den harmonischen und dynamischen Untergrund
bietet und in allen Tempolagen eine hohe Gestaltungskraft und
Variabilität zeigt. Diese Interpretation der "großen
Leonoren-Ouvertüre" ist ein musikalischer Genuss erster Güte,
und allein schon dieses Zwischenspiel lohnt den Besuch auch für
opernunwillige Konzertfreunde. Die Darsteller glänzen durch beeindruckende Leistungen, wobei diesmal wegen der Geradlinigkeit der Handlung die darstellerischen Aspekte nicht so stark in den Vordergrund wie etwa beim "Figaro" treten. Dafür sind die Stimmen umso mehr gefragt. In der Titelrolle beweist Katrin Gerstenberger wieder einmal die einzigartige Strahlkraft ihrer Sopranstimme. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit sie sich in den dramatischen Szenen in die höchsten Lagen aufschwingt, wie sie aber auch in tieferen Ebenen, oft die Achillesferse des Soprans, noch artikuliert und höchst präsent singt. Darstellerische passt es auch endlich einmal wieder, da Katrin Gestenberger wegen ihrer Größe auch als junger Fidelio einen glaubwürdigen Eindruck macht und Verständnis für die verliebte Marzelinne weckt. Diese Passgenauigkeit ist in der Oper oftmals nicht gegeben....
Margaret Rose Koenn steht ihr
als zweiter Sopran in nichts nach, wobei ihr Schwerpunkt mehr auf dem
Lyrischen liegt. Ihre Stimme zeichnet sich durch eine ausgesprochene
Wärme und Zartheit aus, sie kann aber auch dem sie nervenden
Jaquino gegenüber etwas energischere Töne anschlagen. Auch
sie singt die hohen Lagen absolut sicher und mit viel liedhafter
Geschmeidigkeit und emotionaler Intensität. Neben diesen beiden
kann sich Thomas Mehnert als Rocco mit seinem raumfüllenden Bass
überzeugend als Kontrast behaupten. Vor allem im berühmten
Quartett übt das Wechselspiel zwischen zwei Sopranen und dem Bass
einen besonderen Reiz aus. Doch auch darstellerisch kann er sich
profilieren, da er der einzige mit einer konfliktbeladenen Rolle
konfrontiert ist und diese Chance mit einem markanten und doch
variablen Spiel nutzt. Bastiaan Everink hat als Don Pizarro einige
markante Auftritte, die zwar alle im selben, engen Kontext von Rache
und Wut verharren, ihm aber dennoch oder gerade deswegen die
Möglichkeit gaben, seine beeindruckende Baritonstimme zu
präsentieren. Sein Stimmvolumen im Verein mit seiner
Körpersprache vermittelt einen überzeugenden Eindruck von der
Grausamkeit dieses Figur. Hans-Georg Priese singt als Gast den
Florestan mit viel Inbrunst und einer kraftvollen Tenorstimme.
Besonders seine erste große Arie im Kerker ("Ein Engel Leonore")
gerät zu einer bedrückenden Interpretation persönlichen
Leids. Darstellerisch ist er allerdings, wie bereits gesagt, auf die
passive Rolle in Ketten reduziert. David Pichlmaier hat in dieser
Inszenierung eine eher undankbare Aufgabe, tritt er doch erst ganz am
Ende auf und dann in einer eher unglaubwürdigen "deus ex
machina"-Rolle. Huldvoll muss er den Übeltäter (der er in der
Realität wahrscheinlich selbst ist) bestrafen und den Gefangenen
befreien, ohne sich große darstellerische oder gesangliche
Deutungen erlauben zu können. Doch er entledigt sich dieser
Aufgabe mit der gebotenen Professionalität. In weiteren Rollen
treten Sven Ehrke (Jaquino) Lasse Penttinen (Erster Gefangener) und
Werner Volker Meyer (Zweiter Gefangener) auf. Der Chor glänzt vor allem
im Gefangenen-Chor, der ein düsteres, hoffnungsloses Bild des
Elends "unter Tage" verbreitet, und in dem abschließenden
Jubelauftritt. Das Orchester brilliert nicht nur in der besagten
Leonoren-Ouvertüre (heftiger Szenenapplaus und "Bravos"!), sondern
zeichnet auch die einzelnen Auftritte dramatisch oder lyrisch sehr
exakt nach. Auch aus dieser Perspektive ist das Quartett im ersten Akt
ein Höhepunkt. Das Publikum zeigte sich
begeistert und äußerte dies in mehrfachem, spontanem
Szenenapplaus sowie in großem Schlussbeifall, der dieses Mal
allen Beteiligten einschließlich Regie und Bühnenbild galt.
Das Orchester erhielt wie immer einen extra großen Beifall. Weitere
Aufführungen
finden am 2., 8., 16. und 27. Oktober statt. Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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