Dramatische Dichte und Musikalische Momente

September 2010







































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Ludwig van Beethovens selten gespielte Oper "Fidelio" feiert in Darmstadt eine erfolgreiche Premiere





Die musikalische Fachwelt treibt seit langer Zeit die Frage um, ob das Libretto von Beethovens Oper "Fidelio" auf eine wahre Begebenheit zurückzuführen sei. Nachforschungen über die Vorlage, Jean Nicolas Bouillys "Léonore ou L'amour conjugal", haben in die Zeit der französischen Revolution und des Aufstands der Vendée geführt. Spekulationen überwuchern den möglicherweise realen Kern, sodass aus historischer Sicht nichts geklärt ist. Warum aber diese Bemühungen um Historizität?

Katrin Gerstenberger (Leonore), Hans-Georg Priese  (Florestan)
Katrin Gerstenberger (Leonore), Hans-Georg Priese  (Florestan)

Eine Hinterlegung der Handlung mit historischen Personen und Ereignissen würde die Bedeutung der Oper sicherlich signifikant erhöhen, denn sie wird nicht zu Unrecht so selten aufgeführt. Jeder Indendant und Opernregisseur sucht natürlich bei einer Oper nach dem gesellschaftlichen oder menschlichen Gehalt, nach Konflikten und deren Lösungen. "Fidelio" bietet in dieser Hinsicht wenig, ist dagegen von einer seltenen Schlichtheit, voll von Widersprüchen und bedeutungslosen, ja fast aufgesetzten Nebenhandlungen. Im Grunde gleicht diese "Rettungsoper", wie der Typus auch genannt wird, eher einem heutigen Thriller, bei dem die Guten und Bösen von vornherein feststehen und es nur um die Verhinderung der Katastrophe in letzter Sekunde geht.

Schon der Ausgangspunkt ist unklar: warum sitzt Florestan im Kerker? Was hat er getan? In der Arie des Gefängnisgouverneurs Don Pizarro spricht bzw. singt dieser hasserfüllt von Rache, ohne den Hintergrund zu nennen. Um Eifersucht geht es offensichtlich nicht, höchstwahrscheinlich auch nicht um Geld (zu trivial für die Zeit), es muss also "irgendetwas" Politisches sein. Dadurch wird die Rolle des Forestan auf einen passiven, nur leidenden und hoffenden Niemand reduziert. Eine psychologische Entwicklung ist dieser Figur nicht gegönnt. Das Gleiche gilt für Leonore, die sich in männlicher Verkleidung unter dem Namen Fidelio mit dem festen Vorsatz in dem Kerker einstellen lässt, ihren Mann zu befreien, nicht davon ablässt und es schließlich auch im letzten Moment schafft. Sie kennt zwar die Angst vor dem Scheitern ihrer Pläne und dem Tod ihres Gatten, aber keine weiteren inneren oder äußeren Konflikte. Die Verwechslungskomödie um Marzelline und Fidelio alias Leonore ist zwar recht nett, wirkt aber im Grunde genommen angesichts des Themas völlig überflüssig. Hier breitet das Libretto sogar eine gewisse Boulevard-Atmosphäre aus, die nicht zu der tödlichen Gefahr der Handlung passt. Der Gefangenenchor lässt aufgrund der herzzerreißenden Klagen vermuten, dass alle diese armen Gestalten zu Unrecht hier einsitzen. Das kann aber nicht der oberste Gefängnisaufseher selbst verantworten, sondern dahinter müssen politische Mächte stehen. Nimmt man das an, dann entbehrt der rettende Auftritt des Ministers Don Fernando jeglicher Logik. Plötzlich mutiert die hohe Politik von brutaler Despotie zur rettenden Macht. Die einzige Person in dieser Oper, die mit inneren Konflikten kämpfen muss und so etwas we eine Entwicklung durchläuft, ist der Kerkermeister Rocco, der anfangs seine Pflichten ordentlich verrichtet, aber doch ein Herz für die geschunden Gefangenen zeigt. Später weigert er sich gegenüber Don Pizarro, den widerrechtlich eingekerkerten Florestan eigenhändig umzubringen, und reicht diesen Befehl mutig an Don Pizarro zurück. Er wird am Schluss auch gegenüber dem Minister die Verbrechen des Gouverneurs offenlegen.

Dass diese Oper dann nicht - wie so viele andere - in der Versenkung verschwunden ist, liegt einzig an Beethovens Musik, die alle oben geschilderten Schwächen nicht nur aufhebt sondern sogar vergessen lässt. Das beginnt bereits mit den Ouvertüren. Beethoven hat tatsächlich vier verschiedene Ouvertüren für diese Oper geschrieben, von denen heute üblicherweise die letzte der Oper vorangestellt wird, während die zweite und dritte als sogenannte "Leonoren-Ouvertüren 2 und 3" vorwiegend als eigenständige Werke in den Konzertprogrammen auftauchen. Die bekannteste und meistgespielte ist die Nr. 3, da sie das Geschehen auf dramatischste Weise verdichtet, eine bezwingende Melodik aufweist und vor außerordentlicher Dynamik geradezu vibriert. Von dieser Ouvertüre wird noch zu sprechen sein.

Bastiaan Everink  (Don Pizarro), Chor
Bastiaan Everink  (Don Pizarro), Chor

Die Handlung selbst wird durch eher kurze Sprechszenen - ohne Rezitativ! - und die obligatorischen Arien vorgetragen. Dazu kommen Duette, Terzette und vor allem das Quartett von Rocco, Leonore, Marzelline und Jaquino im ersten Akt, das man zu Recht als einen musikalischen Höhepunkt der Oper betrachtet. Regisseur (und Intendant) John Dew verzichtet in Darmstadt angesichts des deutschsprachigen Textes auf eine Übertitelung, um die Zuschauer nicht vom Bühnengeschehen abzulenken. Das führt zwar dazu, dass man den Text nicht immer versteht, doch das ist angesichts der einfachen Handlungsstrukur und der sich in den Gesangspartien üblicherweise wiederholenden Satzelemente weniger relevant. Den Gang der Handlung und die Befindlichkeit der Protagonisten erkennt man mehr als deutlich aus den Stimmen, der Mimik und den Gesten.

Heinz Balthes verzichtet beim Bühnenbild auf den Glanz der Ausstattungsoper, der diesem Sujet auch nicht angemessen wäre. Das Haus des Kerkermeisters Rocco markiert er als Biedermeier-Büro mit drei massiven Schreibtischen, die er auf der Vorderbühne nebeneinander arrangiert hat. Dadurch spielt sich das Geschehen anfangs unmittelbar am Orchestergraben (der "Rampe") ab, was der Oper an dieser Stelle die nötige Kammerspiel-Atmosphäre verleiht, die ja tatsächlich in den verspielten Szenen um verschmähte, erhoffte und verschwendete Liebe vorherrscht. Den Gefangenen-Chor lässt er dann in einem unterweltlich roten Holzgestell aus dem Boden steigen, ohne dabei das Leid der Gefangenen - außer den zerlumpten Kleidern - überdeutlich zu bebildern. Die Musik sagt im Klagechor alles.
Lediglich der Auftritt des Gefängnisgouverneurs und die abschließende Jubelszene lassen die Welt außerhalb des Kerkers zum Vorschein kommen. Während der Rache-Arie des Don Pizarro öffnet sich die Bühne nach hinten und zeigt eine überdimensionierte Aktenwand mit gefühlten tausend Leitzordnern, davor der Chor als eifrige Verwaltungsbeamte, die
in ihren Akten wahrscheinlich über Gefangene und Staatsfeinde berichten.

Katrin Gerstenberger (Leonore), Thomas Mehnert (Rocco), Margaret Rose Koenn  (Marzelline), Sven Ehrke (Jaquino)
Katrin Gerstenberger (Leonore), Thomas Mehnert (Rocco), Margaret Rose Koenn  (Marzelline), Sven Ehrke (Jaquino)

Das Kerkerverlies des Florestan kennzeichnet Balthes auf treffende und betroffen machende Weise durch eine mehrstöckige Stahltreppe, die vom Bühnenhimmel bis hinunter auf die abgedunkelte Bühne führt. Schlagartig verdeutlicht diese Anordnung die Tiefe und hoffnungslose Abgeschiedenheit der Kerkerzelle, in der Florestan seit Jahren in Ketten dahinvegetiert. Im deutlichen Kontrast dazu präsentiert sich die letzte Szene, die mit unübersehbarer Ironie die "heile Welt" der gerechten Staatsführung mit hoher Freitreppe und hellem Licht zeigt. Nur im Hintergrund erhebt sich immer noch wie ein Menetekel die Wand mit den tausend Leitzordnern.....
Die Kostüme verweisen bei den Uniformen - Rocco, Don Pizarro, Don Fernando - eindeutig auf die napoleonische Zeit, der Chor dagegen trägt im letzten Bild sonntägliche Biedermeier-Kostüme und -Frisuren, auch dies ein ironischer Seitenhieb auf die restaurativen Zeiten damals (und heute?).

Musikalisch folgt der musikalische Leiter (und GMD) Constantin Trinks einem Brauch, den einst Gustav Mahler eingeführt hat. Um den Umbruch zwischen der Rettungsszene im Kerker und der großen Jubel- und Abrechnungsfeier zu strecken und die Zeit für den Umbau der Bühne zu überbrücken, spielt das Orchester an dieser Stelle die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, wegen ihrer Länge und sinfonischen Dichte auch die "große" genannt, und führt die Inszenierung damit zu einem weiteren musikalischen Höhepunkt. Das Orchester brilliert in diesem Paradestück mit allen Vorzügen, die es in reichlichem Maße besitzt: weiche und doch präzise Blechbläser, virtuose und lyrische Holzbläser, und dazu einen Streicherkörper, der den harmonischen und dynamischen Untergrund bietet und in allen Tempolagen eine hohe Gestaltungskraft und Variabilität zeigt. Diese Interpretation der "großen Leonoren-Ouvertüre" ist ein musikalischer Genuss erster Güte, und allein schon dieses Zwischenspiel lohnt den Besuch auch für opernunwillige Konzertfreunde.

Die Darsteller glänzen durch beeindruckende Leistungen, wobei diesmal wegen der Geradlinigkeit der Handlung die darstellerischen Aspekte nicht so stark in den Vordergrund wie etwa beim "Figaro" treten. Dafür sind die Stimmen umso mehr gefragt. In der Titelrolle beweist Katrin Gerstenberger wieder einmal die einzigartige Strahlkraft ihrer Sopranstimme. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit sie sich in den dramatischen Szenen in die höchsten Lagen aufschwingt, wie sie aber auch in tieferen Ebenen, oft die Achillesferse des Soprans, noch artikuliert und höchst präsent singt. Darstellerische passt es auch endlich einmal wieder, da Katrin Gestenberger wegen ihrer Größe auch als junger Fidelio einen glaubwürdigen Eindruck macht und Verständnis für die verliebte Marzelinne weckt. Diese Passgenauigkeit ist in der Oper oftmals nicht gegeben....

Katrin Gerstenberger (Leonore), Thomas Mehnert (Rocco)
Katrin Gerstenberger (Leonore), Thomas Mehnert (Rocco)

Margaret Rose Koenn steht ihr als zweiter Sopran in nichts nach, wobei ihr Schwerpunkt mehr auf dem Lyrischen liegt. Ihre Stimme zeichnet sich durch eine ausgesprochene Wärme und Zartheit aus, sie kann aber auch dem sie nervenden Jaquino gegenüber etwas energischere Töne anschlagen. Auch sie singt die hohen Lagen absolut sicher und mit viel liedhafter Geschmeidigkeit und emotionaler Intensität. Neben diesen beiden kann sich Thomas Mehnert als Rocco mit seinem raumfüllenden Bass überzeugend als Kontrast behaupten. Vor allem im berühmten Quartett übt das Wechselspiel zwischen zwei Sopranen und dem Bass einen besonderen Reiz aus. Doch auch darstellerisch kann er sich profilieren, da er der einzige mit einer konfliktbeladenen Rolle konfrontiert ist und diese Chance mit einem markanten und doch variablen Spiel nutzt. Bastiaan Everink hat als Don Pizarro einige markante Auftritte, die zwar alle im selben, engen Kontext von Rache und Wut verharren, ihm aber dennoch oder gerade deswegen die Möglichkeit gaben, seine beeindruckende Baritonstimme zu präsentieren. Sein Stimmvolumen im Verein mit seiner Körpersprache vermittelt einen überzeugenden Eindruck von der Grausamkeit dieses Figur. Hans-Georg Priese singt als Gast den Florestan mit viel Inbrunst und einer kraftvollen Tenorstimme. Besonders seine erste große Arie im Kerker ("Ein Engel Leonore") gerät zu einer bedrückenden Interpretation persönlichen Leids. Darstellerisch ist er allerdings, wie bereits gesagt, auf die passive Rolle in Ketten reduziert. David Pichlmaier hat in dieser Inszenierung eine eher undankbare Aufgabe, tritt er doch erst ganz am Ende auf und dann in einer eher unglaubwürdigen "deus ex machina"-Rolle. Huldvoll muss er den Übeltäter (der er in der Realität wahrscheinlich selbst ist) bestrafen und den Gefangenen befreien, ohne sich große darstellerische oder gesangliche Deutungen erlauben zu können. Doch er entledigt sich dieser Aufgabe mit der gebotenen Professionalität. In weiteren Rollen treten Sven Ehrke (Jaquino) Lasse Penttinen (Erster Gefangener) und Werner Volker Meyer (Zweiter Gefangener) auf.

Der Chor glänzt vor allem im Gefangenen-Chor, der ein düsteres, hoffnungsloses Bild des Elends "unter Tage" verbreitet, und in dem abschließenden Jubelauftritt. Das Orchester brilliert nicht nur in der besagten Leonoren-Ouvertüre (heftiger Szenenapplaus und "Bravos"!), sondern zeichnet auch die einzelnen Auftritte dramatisch oder lyrisch sehr exakt nach. Auch aus dieser Perspektive ist das Quartett im ersten Akt ein Höhepunkt.

Das Publikum zeigte sich begeistert und äußerte dies in mehrfachem, spontanem Szenenapplaus sowie in großem Schlussbeifall, der dieses Mal allen Beteiligten einschließlich Regie und Bühnenbild galt. Das Orchester erhielt wie immer einen extra großen Beifall.

Weitere Aufführungen finden am 2., 8., 16. und 27. Oktober statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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