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Detailfreude
und viel Witz |
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Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Le nozze die Figaro" glänzt in Darmstadt vor allem durch die Spielfreude der Akteure | ||||
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Auch Wolfgang Quetes nutzt in
Darmstadt bereits die Ouvertüre zu einem kleinen
Bühnenvorspiel, jedoch wesentlich konkreter. In
scherenschnittartigen gestellten Bildern zeigt er in jeweils sich
öffnenden Ausschnitten des Vorhangs Szenen aus dem "Barbier von
Sevilla" - der als Oper allerdings erst dreißig Jahre nach
Mozarts Werk auf die Bühne kam. Der Vorspann führt so auf
spielerische Weise ins Thema ein und schafft bereits eine gewisse
Rokokko-Atmosphäre. Beim Bühnenbild hat sich
Manfred Kaderk auf ein fast konventionelles Konzept abgestützt.
Für jede Örtlichkeit der Handlung schafft er ein eigenes
Ambiente, wobei er jedoch dem einmal gewählten Stilelement treu
bleibt. Bis auf die abschließende Nachtszene schaut der Zuschauer
stets in einen konisch sich nach hinten verjüngenden Raum mit
Rokokko-Gemälden oder vergleichbaren Accessoires an den
Wänden. Zeit und
Lokalkolorit der Handlung - ein gräfliches Schloss - werden mit
wenigen Strichen aber deutlich skizziert. Die unterschiedlichen Kulissen erscheinen nicht per
Drehbühne im Vordergrund sondern bilden die statische Umgebung
für die gesamte Szene. Das hat natürlich im Gegensatz zu der
Frankfurter Inszenierung den Nachteil, dass größere Umbauten
Zeit erfordern, die sich in künstlichen Pausen bei geschlossenem
Vorhang niederschlägt. Diese "Generalpausen" verschaffen dem
Publikum einerseits einen Augenblick der Ruhe, unterbrechen jedoch
andererseits den Fluss der Handlung und werfen die Zuschauer aus der
Illusion der Fiktion zurück in die Realität des
Theatersaales. Die Anpassung des Bühnenbildes erhöht
andererseits die (fiktionale) Authentizität jeder Szene, weil die
jeweilige Umgebung - Boudoir, Schlafzimmer - wesentlich
realitätsnäher gestaltet werden kann. Dadurch gewinnen die
einzelnen Szenen Leben und ein eigenes Profil, während das eher
minimalistische Bühnenbild der Frankfurter bewusst auf das
menschelnde Detail der Szene verzichtet und sich auf die
Charakterisierung der Personen konzentriert. Die einzelnen Szenen gestaltet
Quetes ebenfalls wesentlich detailreicher. Während sich in
Frankfurt viele kleinere Handlungselemente eher aus dem Libretto als
aus der Logik oder der vorangehenden Handlung ergeben, folgt bei Quetes
jede Geste und jede Reaktion der handelnden Personen zwangsläufig
aus dem Gang der Handlung. Das führt letztlich dazu, dass die
Darsteller wesentlich intensiver agieren müssen. Typisch ist
dafür die Szene zwischen Susanna und Marcellina, die nach
anfänglich - allerdings auch schon recht deftigen - verbalen
Attacken zwischen den beiden Frauen darin endet, dass Susanna ihre
Konkurrentin wahllos mit Wäschestücken aus ihrem Korb bewirft
und sie damit buchstäblich aus dem Zimmer jagt. Der
Slapstick-Effekt, der vielen Szenen innewohnt, ist offensichtlich
gewollt und soll Mozarts bekanntlich deftigen Humor widerspiegeln.
Angesichts des bewusst auf Verwechslung und Bloßstellung
angelegten Librettos ist diese humoristische Zuspitzung folgerichtig.
Die Frankfurter Inszenierung mit ihrer Betonung eher des Ironischen
geht dagegen auf den für Mozart typischen Humor weniger ein.
Das gilt auch die Szenen mit
Cherubino, der sich in Darmstadt eben nicht nur als Allegorie
jugendlicher Spitzbübigkeit und (prä)erotischer Sehnsucht
zeigt sondern als Halbwüchsiger, der in seiner Naivität auch
gerne in Fettnäpfchen tritt. Während sein Auftreten im stets
unpassenden Moment in Frankfurt eher als Symbol für das
Unvorhergesehe und Unfertige der Jugend steht, ist es in Darmstadt die
Unerfahrenheit und das mangelnde Fingerspitzengefühl der Jugend.
So lässt Wolfgang Quetes seinen Cherubino die Gräfin in ihrem
Boudoir auch derart bedrängen, dass es fast einem ungestümen
Vergewaltigungsversuch gleichkommt. Bezeichnenderweise wehrt sich die
halb unter ihm liegende Gräfin kaum gegen diesen Übergriff,
und erst das Klopfen des Grafen trennt die beiden nur noch Zentimeter
voneinander entfernten Köpfe in plötzlichem Erschrecken.
Quetes erweitert hier das Libretto um die Libido der Gräfin, von
der in anderen Inszenierungen nicht die Rede ist.... Auch die Chorszenen nehmen bei
Quetes einen größeren Raum ein als in Frankfurt, was nur
folgerichtig ist. Während in Frankfurt die Kernhandlung im
Vordergrund steht und der Chor nur als Katalysator oder
Lückenfüller der Handlung dient, behandelt Quetes die
Volksszenen als konstituierenden Teil der Oper. Immer wieder erscheint
das Volk in verschiedenen Konstellationen auf der Bühne und bildet
sozusagen den Hintergrund und die "Hausmacht" von Susanna und Figaro.
Zwar huldigen die Bauernmädchen dem gräflichen Paar, doch in
Wirklichkeit leiden sie unter derselben Unterdrückung wie Susanna
und Figaro und stehen sozusagen als "Revolutionsreserve" Gewehr bei
Fuß. Dass Quetes diese Volksszenen nicht penetrant als
tatsächliche Vorläufer der Revolution inszeniert, bedeutet
nicht, dass der Protest nicht latent in ihnen vorhanden ist. Er
versteckt ihn nur hinter folkloristischem Humor. Die einzelnen Personen erhalten
bei Quetes deutlich mehr realistisches Profil. Während zum
Beispiel Dr. Bartolo und der Musiklehrer Basilio in Frankfurt noch
deutlich karikaturistische Züge zeigen, sind sie in Darmstadt auf
der Skala der Typisierung mehr in Richtung Realität verschoben.
Auch hier ist Dr. Bartolo zwar ein schwadronierender Intrigant, jedoch
mehr im Sinne eines halbseidenen Geschäftsmannes als eines
exotischen Quacksalbers. Der bereits etwas angejahrte Don Basilio - in
Frankfurt eine Kostümkarikatur - inszeniert sich hier als
nonkonformistischer Künstler mit Leinenanzug, schütterem Haar
und ausgezehrtem Pferdeschwanz, der sich vordergründig
weltmännisch bei dem Grafen anbiedert. Die Hauptrollen sind in
beiden Inszenierungen weitgehend identisch angelegt, da für sie
als zentrale, die Handlung vorantreibende Personen eine geringere
Interpretationsbandbreite besteht. Hier ergeben sich Unterschiede
lediglich aus der persönlichen Interpretation durch die
Darsteller.
Dreh- und Angelpunkt dieser
Inszenierung sind die beiden Hauptdarsteller - Aki Hashimoto als
Susanna und Kihwan Sim als Figaro. Dass ausgerechnet zwei Asiaten aus
Japan und Korea die beiden Protagonisten dieser "erz-europäischen"
Oper darstellen, ist dramaturgisches Aperçu und Zeichen der
Globalisierung gleichermaßen. Kihwan Sim kann man mit Fug und
Recht als die Entdeckung der Saison bezeichnen. Nicht nur ist er
stimmlich stets präsent und in allen Lagen souverän, sondern
vor allem seine Darstellung beeindruckt durch eine
außergewöhnliche Sicherheit und Spontaneität des
Ausdrucks und ein ausgeprägtes Gespür für die
humoristischen Effekte dieses Librettos. Er spielt nicht als
Sänger eine Rolle, sondern er singt als begeisterter Schauspieler,
und das hervorragend. Wenn er die Bühne betritt, beherrscht er
sie. Aki Hashimoto, dem Darmstädter Publikum lange durch
große und eindrucksvolle Rollen bekannt, spielt eine so
anschmiegsame wie kämpferische Susanna. Ihre Zierlichkeit und
Beweglichkeit prädestinieren sie für die Rolle einer jungen
Frau, die ständig mit weiblichen Waffen um ihre Ehre und ihr
Glück gegen die Übermacht der Männer kämpfen muss.
In ihren Soloauftritten zeigt sie die Modulationsfähigkeit und die
Ausrucksbreite ihrer Stimme auf beeindruckende Weise. Anja Vincken war laut
Vorabinformation der Regie an diesem Abend wegen einer Erkältung
leicht indisponiert, spielte aber dennoch die Gräfin Almaviva.
Doch bereits in der ersten Arie, in der die Gräfin den Verlust der
Liebe ihres Gatten beklagt, vermisste man den Schmelz der Stimme, der
erst das Leiden zum Ausdruck bringt. Anja Vincken sang diese Partie
fehlerlos, doch ohne emotionelle Inspiration. Man hatte das
Gefühl, dass sie ihrer Stimme an diesem Abend nicht traute und
sich deswegen auf einen technisch fehlerfreien Vortrag konzentrierte.
Folgerichtig blieb auch der Szenenapplaus aus, den Juanita Lascarro in Frankfurt für diese
Arie erntete. Auch im weiteren Verlauf des Abends lieferte Anja Vincken
zwar eine fehlerlose Partie ab, doch immer wieder war eine gewisse Angestrengtheit zu vernehmen,
die sicherlich auf die gesundheitliche Situation
zurückzuführen ist.
David Pichlmaier gibt einen Graf
Almaviva, der im Vergleich zu seinem Frankfurter Pendant noch
näher am wirklichen Leben und den Schwächen der Menschen
(Männer) ist. Seine Wut angesichts der verschlossenen Tür des
Boudoirs zeigt einen echten Choleriker, und das Beil in seiner Hand
gibt zu den fürchterlichsten Vorstellungen Anlass. Nicht umsonst
wirft Susanna alias Aki Hashimoto einen besorgten Blick auf dieses
Instrument. Neben der Wut stellt David Pichlmaier auch den Triumph und
die Häme des (vermeintlich) siegreichen "Alphatiers"
überzeugend dar. Er ist deutlich mehr Mann als Graf. Gesanglich
überzeugt er mit klarer Präsenz, hat allerdings wegen der
eindimensionalen Rolle keine Gelegenheit, die Variabilität seiner
Stimme zu zeigen oder tiefe Emotionen auszudrücken. Erica
Brookhyser gibt einen quirligen Cherubino, der aber, wie bereits
erwähnt, auch bodenständigere Merkmale zeigt als das
elfenartige Geschöpf in Frankfurt. Ihre beiden Arien, in denen sie
die erotische Unruhe des halben Knaben inständig besingt, sind
besonders intensive Momente dieser Inszenierung. Elisabeth Hornung
spielt die Marcellina im Gegensatz zur Frankfurter Inszenierung als
kampflustige Matrone, was angesichts der Tatsache, dass sie sich als
Figaros Mutter entpuppt, auch glaubwürdiger ist. Thomas ist als
Dr. Bartolo ausgesprochen präsent, ohne sich deswegen in den
Vordergrund zu spielen. Er verleiht dieser Rolle nicht nur stimmliches
Gewicht sondern auch eine gewisse Glaubwürdigkeit. Andreas Wager
legt den Musiklehrer Basilio eher als ironische Karikatur
zeitgenössischer Selbstinszenierungskünstler an und trifft
mit seiner Darstellung dieses Typs ins Schwarze. Maria Victoria Jorge
Hernándiz spielt die Barberina als schalkhaftes Mädchen aus
dem Volk mit viel Mutterwitz. Allen Darstellern ist gemeinsam,
dass sie ihre Rollen mit viel Gespür für einen Humor entlang
der menschlichen Schwächen auslegen. Ironie wird eher klein
geschrieben, dafür der unmittelbare Situationswitz - bis hin zum
Slapstick - in den Vordergrund gerückt. Doch dabei überzieht
keiner der Darsteller hin zur Knallcharge, selbst Hans-Joachim Porcher
als stets angetrunkener Gärnter Antonio liefert die teils dankbare
teils gefährliche Rolle des Betrunkenen mit Witz und
Augenmaß ab. Das Orchester zeigt sich in
dieser Inszenierung unter der Leitung von Martin Lukas Meister wieder
einmal von der besten Seite. Sehr geschmeidig im musikalischen Ausdruck
nimmt es den leichten, humoristischen Duktus der Handlung auf und
vermeidet jegliche Schroffheiten. Schließllich geht es in dieser
Inszenierung nicht darum, die Revolution (von 1789) vorzubereiten,
sondern die Schwächen vor allem der Herrschenden auf witzige Weise
zu entlarven. Besonders auffällig ist, wie genau die Musik den
Aktionen auf der Bühne folgt, bis hin zur Akzentuierung der
Handgriffe, wenn Susanna Cherubino die Stiefel auszieht. Das Publikum zeigte sich
begeistert und sparte nicht mit Bravo-Rufen für einzelne Akteure,
vor allem aber für Kihwan Sim und Aki Hashimoto. Weitere
Aufführungen finden am 29. September sowie am 7., 22. und 28.
Oktober statt. Frank Raudszus |
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