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Feuerwerk filigraner Intrigen |
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Die Oper Frankfurt nimmt Mozarts Oper "Le Nozze di Figaro" wieder auf | ||||
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Schon während der vom
Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Hartmut
Keil beherzt vorgetragenen Ouvertüre lassen sich hinter dem
dünnen Leinenvorhang erste Anzeichen erkennen. Wie Schattenspiele
bewegen sich Figuren leichtfüßig tanzend hinter dem Vorhang
über die Bühne, spielen mit diesem und drängen
förmlich ins Spiel, als könnten sie es nicht abwarten, sich
dem Publikum zu präsentieren. Wenn sich dann der Vorhang teilt,
ist das Tanzvorspiel verschwunden und die Bühne zur ersten Szene
"eingefroren". Ein eher karges Bühnenbild kennzeichnet den
Arbeitsort von Figaro und Susanna als den "Hinterhof" der guten
Gesellschaft. Links erhebt sich die schwarze Rückwand einer
Theaterkulisse, die auf der Vorderseite großbürgerliche
Züge zeigen mag - man weiß es nicht. Das Zimmer der beiden
Bediensteten selbst markieren ein einzelner Stuhl und ein Vorhang, wie
er in Schlichtwohnungen zu allen Zeiten den Wohnraum vom Schlafraum
abtrennte. Hier erfährt der etwas naiv-selige Figaro zum ersten
Mal von seiner Verlobten, dass der Graf ihr nachstellt, und singt seine
berühmte Arie "Will der Graf ein Tänzchen wagen". Später
eskaliert diese Szene, wenn - nach Figaros Abgang - erst Cherubino und
dann der Graf die zusehends bedrängte Susanna besuchen. Ersterer
muss seine pan-erotischen Gefühle und seine verwirrte Verliebtheit
in die Gräfin mitteilen, letzterer streicht wie ein Kater um
Susanna herum, um vor deren Hochzeit noch sein angestammtes "Ius primae
noctis" in die Tat umzusetzen. Dann erscheint noch Dr. Bartolo - wir
kennen ihn aus dem inhaltlichen Vorläufer "Der Barbier von
Sevilla" -, der ebenfalls Figaro ans Leder, sprich die Geldbörse
will. Seine Komplizin Marzellina hat Figaro einst Geld gegen ein
Heiratsversprechen geliehen, das Bartolo jetzt einlösen will.
Während alle anderen
Personen klare Identitäten, Positionen und Absichten aufweisen,
fällt Cherubino aus dem Rahmen. Als jugendlicher Page hat er
Zugang zu den Zimmern der Frauen und lernt zum ersten Male deren Wesen
kennen. Ursprünglich vielleicht nur als belebendes und kurioses
Element eingeführt, gewinnt er in dieser Oper eine zentrale
Stelle, indem er das Wesen der Erotik in ihrer ganzen Ambivalenz
verkörpert. Diese jugendliche Erotik ist noch ganz Gefühl,
noch nicht von der Sexualität, der Machtausübung, dem
Kalkül und der Geschlechtertaktik korrumpiert. Cherubino liebt
alle Frauen in unschuldiger Erotik und wird damit zur Projektion aller
erotischen Sehnsüchte und Träume: bedingungslose Zuwendung
und reines Gefühl ohne Hintergedanken. Eine umfangreiche
Sekundärliteratur hat sich mittlerweile dieser Figur angenommen
und ihre Bedeutung innerhalb von Mozarts Oper und im gesellschaftlichen
Verständnis seiner Zeit herausgearbeitet. Bei dem Versteckspiel in
Susannas Zimmer entdeckt der Graf den lästigen Pagen und schickt
ihn zum Militär. Daraufhin verabschiedet sich Cherubino in der
nächsten Szene im Leutnantsuniform von der Gräfin, die sich
gerade in ihrer Arie „Porgi, amor, qualche ristoro“ über die
Untreue ihree Gatten beklagt hat. Als der Graf unerwartet auftaucht,
springt Cherubino aus dem Fenster und verliert dabei sein
Offizierspatent, das später noch eine Rolle spielen wird.
Mittlerweile haben die Gräfin und Susanna ein Komplott ausgeheckt,
bei dem sie in vertauschten Kleidern den Grafen zum nächtlichen
Rendezvous bitten wollen. Natürlich geht dabei eine Menge schief:
Cherubino platzt jedes Mal im ungeeignetsten Moment dazwischen und
sorgt für Verwirrung sowie wachsende Wut beim Grafen. Figaro
beobachtet vermeintlich seine Susanna - alias die Gräfin - im
zärtlichen Stelldichein mit dem Grafen und kocht vor Eifersucht;
schließlich erkennt er sie an ihrer Stimme und macht ihr als der
vermeintlichen Gräfin den Hof, was wiederum Susanna empört.
Marzelline und Dr. Bartolo sehen sich bei der versuchten Eintreibung
von Figaros Schulden bzw. seines Eheversprechens unversehens als dessen
Eltern wieder - "deus ex machina" - und am Ende findet jeder seinen
Partner. Der Graf hat die halbe Nacht mit seiner eigenen Frau geturtelt
und erhält schließlich die von ihr demütig erbetene
Verzeihung, Bartolo und Marzelline heiraten und schließen sich
damit den schließlich ohne gräflichen Übergriff
vereinten Figaro und Susanna an. Ende gut, alles gut. Betrachtet man diese Handlung
mit einigem Abstand und versetzt sich in die Situation im ausgehenden
18. Jahrhundert, so kann man sich leicht die Brisanz des Stoffes
vorstellen, kommen die adligen Würdenträger hier doch gar
nicht gut weg. Der Graf ist nicht nur ein moralisch höchst
fragwürdiger Schwerenöter, der seine Macht schamlos
ausnützt, schlimmer noch, er ist am Ende der Verlierer und
öffentlich ausgerechnet von Dienstboten düpiert. Dass Mozart und
Da Ponte Schwierigkeiten mit der Zensur bekamen, liegt auf der Hand,
und man wundert sich, dass es tatsächlich 1786 in Wien zur
Uraufführung kam. Allerdings schnitt der Adel diese Oper aus
naheliegenden Gründen und bereitete ihr in Wien ein baldiges Ende.
Guillaume Bernardi hat seine
Inszenierung auf eine breite Basis gestellt. Er konzentriert sich nicht
nur auf die Hauptpersonen sondern stattet auch die Nebenrollen mit
eigenem, glaubwürdigem Profil aus. Die Marzellina ist bei ihm eine
erstaunlich jung gebliebene Frau mit viel Witz und durchaus auch
Verstand, und selbst Dr. Bartolo ist keine Karikatur seiner selbst
sondern der Archetypus eines vielleicht ein wenig halbseidenen
Bürgers, dem dennoch nichts wichtiger ist als seine
Seriosität und die Anerkennung seiner Umwelt. Selbst der
Musikmeister Basilio, der äußerlich - Haarfrisur, Schminke
und geziertes Verhalten - als Karikatur des überfeinerten
Künstlers auftritt, gewinnt im Laufe der Aufführung so etwas
wie eine tragische Identität. Verzweifelt sucht er Anerkennung,
doch jeder überhört ihn. Am
Schluss schlurft der ganz in Schwarz gekleidete Basilio resigniert und
enttäuscht von der Bühne. Fast könnte man meinen, dass Mozart in dieser Figur
seine eigene geringe Bedeutung am Hof verarbeitet hat.
Schließlich gibt es genügend Anekdoten über die
herablassende Behandlung Mozarts durch die Wiener Gesellschaft. Selbst
Barbarina, das einfache Dorfmädchen und Cherubinos Vertraute,
erhält bei Bernardi eigenes Gewicht und in ihren wenigen Szenen
deutlichen Freiraum. Natürlich spielt sich das
Geschehen im Wesentlichen zwischen den Protagonisten ab; aber auch bei
diesen legt Bernardi Wert auf eine individuelle Charakterisierung der
Personen. Graf Almaviva ist durchaus kein Ekelpaket, das man in einem
antibourgeoisen Anfall an den
Pranger stellt, sondern ein charmanter und weltgewandter
"Herrenreiter", der sich halt im wenn auch ungerechtfertigten Besitz
aller Privilegien befindet und diese in natürlichem
Selbstbewusstsein nutzt. Am Schluss bittet er zwar seine Frau
reumütig um Verzeihung, doch man weiß genau, dass seine
guten Vorsätze nicht lange halten werden. Er ist ein Produkt
seiner Zeit und seiner (Ober-)Schicht. Die Gräfin ist in dieser Inszenierung die
großzügig Leidende, stets kontrolliert und ganz "Dame von
Welt". Doch sie kann im Verbund mit Susanna auch witzig und kreativ
sein, wenn sie aktiv am Komplott mitarbeitet. Letztlich ist sie aber
als passive Rolle angelegt, die einerseits unter ihrem Mann leidet und
sich andererseits von der aktiven Susanna lenken lässt. Auch das
ist natürlich in der Handlung angelegt, denn Susanna steht mit dem
Rücken zur Wand und muss handeln, wenn sie ihre Ziele erreichen
will. Die Gräfin braucht dies weniger und ist auch nicht gewohnt
zu kämpfen.
Überhaupt hat Bernardi dem
Humor einen breiten Raum eingeräumt. Fast jede Person - abgesehen
vielleicht von der Gräfin - trägt humoristische Züge.
Selbst Graf Almaviva verbreitet bisweilen so etwas wie leise Ironie,
die in Momenten auch ihn selbst betrifft. Figaro und Susanna als
Vertreter des Dienstpersonals sind natürlich prädestiniert
für den pragmatischen Witz des einfachen Volkes. Und Cherubino
kommt nicht als liebesleidender Jüngling sondern eher als ein
übermütiger "Springinsfeld" daher. Das Bühnenbild von Moritz
Nitsche haben wir bereits eingangs bei der ersten Szene erwähnt.
Die gräflichen Zimmer skizziert er ähnlich karg als sich nach
hinten verjüngenden Konus aus weißen Wänden und hohen
Türen. Kein Rokokko-Stock, keine Wandteppiche oder prächtigen
Möbel. Diese Beschränkung hat zwei Seiten: einerseits
konzentriert sie das Geschehen und damit die Aufmerksamkeit des
Publikums auf die Personen, andererseits lässt sie sich auch als
Symbol für die Leere der adligen Existenz interpretieren.
Später, im nächtlichen Garten, spielt sich die Handlung
wieder vor der kahl-schwarzen Rückseite der Kulisse ab, und eine
einzelne liegende Statue kennzeichnet den gräflichen Lustgarten.
Die Kostüme von Peter DeFreitas führen zurück in die
Rokokko-Zeit und sind mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet, besonders
bei Nebenrollen wie Basilio. Die Zeit der vordergründigen und
teilweise krampfhaften Aktualisierungen scheint vorbei zu sein, man
betrachtet Mozart wieder aus seiner Zeit heraus. Das Ensemble trägt dieses
ausgefeilte Konzept mit durchweg überzeugenden stimmlichen und
darstellerischen Leistungen. Sebastian Geyer spielt den Grafen Almaviva
mit der Grandezza und dem überhöhten Selbstbewusstsein
eines Alphatieres, das sogar auch einmal über sich lachen
kann - nach seiner Maßgabe! -, das aber auch in Jähzorn
ausbrechen kann, wenn es nicht nach Wunsch verläuft. Sein
kräftiger Bariton konnte sich auch in expressiveren Phasen gegen
das Orchester behaupten. Juanita Lascarro glänzt als Gräfin
mit einer außerordentlich ausdrucksstarken und variablen
Sopranstimme und beeindruckt dabei vor allem in den Arien.
Darstellerisch fügt sie sich in das Konzept hervorragend ein und
verkörpert überzeugend die "große Dame" mit
Leidensdruck. Christiane Karg trägt als Susanna den Großteil
der Aufführung - fast durchgängige Präsenz - und
brilliert vor allem mit ihrer Spritzigkeit und ihrer stimmlichen wie
darstellerischen Variabilität. Florian Plock ist am besten in
seinen extrovertierten Szenen - Witz oder Wut ausdrückend - und
überzeugt auch gesanglich mit hoher Präsenz. Nina Tarandek
sticht durch ihre temperamentvolle und lebendige Darstellung des
Cherubino hervor, die einige spontane Lacher aus dem Publikum erntete,
und singt ihren Part mit hoher Klarheit und Spritzigkeit. Katharina
Magiera verleiht der Marzelline ein eigenes Profil über das einer
tyypischen Nebenrolle hinaus, ebenso Dietrich Volle als Bartolo. Julian
Prégardien gibt den Basilio als bemitleidenswerte doch nie nur
lächerliche Karikatur eines ungeliebten Hofmusikanten, und Eun-Hue
Shin schließlich wirbelt als Barabarina temperamentvoll über
die Bühne. Die Musik dazu kam aus dem hoch
liegenden Orchestergraben, der die Köpfe der Musiker sichtbar
werden und den Klang sich frei entfalten ließ. Hartmut Keil am
Pult sorgte für Tempo, prägnante Intonation und Transparenz.
Am Klavier begleitete Sebastian Zierer die Rezitative. Diese Inszenierung der
Mozart-Oper beeindruckt trotz ihrer Wiederaufnahme durch ihre Frische
und die Spielfreude aller Beteiligten und ist jedem zu empfehlen, der
sie noch nicht gesehen hat. Das Publikum war begeistert und zeigte dies
auch durch spontanen Szenenapplaus, einen rauschenden Schlussbeifall
und "Bravo"-Rufe. Wir sind schon gespannt auf die Darmstädter
Inszenierung in zwei Wochen. Frank Raudszus |
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