Ein Feuerwerk filigraner Intrigen

September 2010


Andere Mozart-Inszenierungen der Oper Frankfurt:

Cosi fan tutte

Don Giovanni
























































































































































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Die Oper Frankfurt nimmt Mozarts Oper "Le Nozze di Figaro" wieder auf




An dieser Stelle haben wir im letzten Jahr über zwei Mozart-Inszenierungen berichtet (siehe Kasten links). Dazu gehörte jedoch nicht "Le nozze die Figaro", die später im Jahr Premiere feierte. Angesichts der bevorstehenden Premiere dieser Oper im Staatstheater Darmstadt schien es uns reizvoll, im Vorgriff eines Vergleichs dieser beiden Inszenierungen die Frankfurter Version kennenzulernen.

Schon während der vom Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Hartmut Keil beherzt vorgetragenen Ouvertüre lassen sich hinter dem dünnen Leinenvorhang erste Anzeichen erkennen. Wie Schattenspiele bewegen sich Figuren leichtfüßig tanzend hinter dem Vorhang über die Bühne, spielen mit diesem und drängen förmlich ins Spiel, als könnten sie es nicht abwarten, sich dem Publikum zu präsentieren. Wenn sich dann der Vorhang teilt, ist das Tanzvorspiel verschwunden und die Bühne zur ersten Szene "eingefroren". Ein eher karges Bühnenbild kennzeichnet den Arbeitsort von Figaro und Susanna als den "Hinterhof" der guten Gesellschaft. Links erhebt sich die schwarze Rückwand einer Theaterkulisse, die auf der Vorderseite großbürgerliche Züge zeigen mag - man weiß es nicht. Das Zimmer der beiden Bediensteten selbst markieren ein einzelner Stuhl und ein Vorhang, wie er in Schlichtwohnungen zu allen Zeiten den Wohnraum vom Schlafraum abtrennte. Hier erfährt der etwas naiv-selige Figaro zum ersten Mal von seiner Verlobten, dass der Graf ihr nachstellt, und singt seine berühmte Arie "Will der Graf ein Tänzchen wagen". Später eskaliert diese Szene, wenn - nach Figaros Abgang - erst Cherubino und dann der Graf die zusehends bedrängte Susanna besuchen. Ersterer muss seine pan-erotischen Gefühle und seine verwirrte Verliebtheit in die Gräfin mitteilen, letzterer streicht wie ein Kater um Susanna herum, um vor deren Hochzeit noch sein angestammtes "Ius primae noctis" in die Tat umzusetzen. Dann erscheint noch Dr. Bartolo - wir kennen ihn aus dem inhaltlichen Vorläufer "Der Barbier von Sevilla" -, der ebenfalls Figaro ans Leder, sprich die Geldbörse will. Seine Komplizin Marzellina hat Figaro einst Geld gegen ein Heiratsversprechen geliehen, das Bartolo jetzt einlösen will.

Szenefoto 1. Akt aus der Saison 2006/2007
Szenenfoto 1. Akt aus der Saison 2006/2007

Während alle anderen Personen klare Identitäten, Positionen und Absichten aufweisen, fällt Cherubino aus dem Rahmen. Als jugendlicher Page hat er Zugang zu den Zimmern der Frauen und lernt zum ersten Male deren Wesen kennen. Ursprünglich vielleicht nur als belebendes und kurioses Element eingeführt, gewinnt er in dieser Oper eine zentrale Stelle, indem er das Wesen der Erotik in ihrer ganzen Ambivalenz verkörpert. Diese jugendliche Erotik ist noch ganz Gefühl, noch nicht von der Sexualität, der Machtausübung, dem Kalkül und der Geschlechtertaktik korrumpiert. Cherubino liebt alle Frauen in unschuldiger Erotik und wird damit zur Projektion aller erotischen Sehnsüchte und Träume: bedingungslose Zuwendung und reines Gefühl ohne Hintergedanken. Eine umfangreiche Sekundärliteratur hat sich mittlerweile dieser Figur angenommen und ihre Bedeutung innerhalb von Mozarts Oper und im gesellschaftlichen Verständnis seiner Zeit herausgearbeitet.

Bei dem Versteckspiel in Susannas Zimmer entdeckt der Graf den lästigen Pagen und schickt ihn zum Militär. Daraufhin verabschiedet sich Cherubino in der nächsten Szene im Leutnantsuniform von der Gräfin, die sich gerade in ihrer Arie „Porgi, amor, qualche ristoro“ über die Untreue ihree Gatten beklagt hat. Als der Graf unerwartet auftaucht, springt Cherubino aus dem Fenster und verliert dabei sein Offizierspatent, das später noch eine Rolle spielen wird. Mittlerweile haben die Gräfin und Susanna ein Komplott ausgeheckt, bei dem sie in vertauschten Kleidern den Grafen zum nächtlichen Rendezvous bitten wollen. Natürlich geht dabei eine Menge schief: Cherubino platzt jedes Mal im ungeeignetsten Moment dazwischen und sorgt für Verwirrung sowie wachsende Wut beim Grafen. Figaro beobachtet vermeintlich seine Susanna - alias die Gräfin - im zärtlichen Stelldichein mit dem Grafen und kocht vor Eifersucht; schließlich erkennt er sie an ihrer Stimme und macht ihr als der vermeintlichen Gräfin den Hof, was wiederum Susanna empört. Marzelline und Dr. Bartolo sehen sich bei der versuchten Eintreibung von Figaros Schulden bzw. seines Eheversprechens unversehens als dessen Eltern wieder - "deus ex machina" - und am Ende findet jeder seinen Partner. Der Graf hat die halbe Nacht mit seiner eigenen Frau geturtelt und erhält schließlich die von ihr demütig erbetene Verzeihung, Bartolo und Marzelline heiraten und schließen sich damit den schließlich ohne gräflichen Übergriff vereinten Figaro und Susanna an. Ende gut, alles gut.

Betrachtet man diese Handlung mit einigem Abstand und versetzt sich in die Situation im ausgehenden 18. Jahrhundert, so kann man sich leicht die Brisanz des Stoffes vorstellen, kommen die adligen Würdenträger hier doch gar nicht gut weg. Der Graf ist nicht nur ein moralisch höchst fragwürdiger Schwerenöter, der seine Macht schamlos ausnützt, schlimmer noch, er ist am Ende der Verlierer und öffentlich ausgerechnet von Dienstboten düpiert. Dass Mozart und Da Ponte Schwierigkeiten mit der Zensur bekamen, liegt auf der Hand, und man wundert sich, dass es tatsächlich 1786 in Wien zur Uraufführung kam. Allerdings schnitt der Adel diese Oper aus naheliegenden Gründen und bereitete ihr in Wien ein baldiges Ende.

Szenenfoto 1. Akt aus der Saison 2006/2007
Szenenfoto 2. Akt aus der Saison 2006/2007

Guillaume Bernardi hat seine Inszenierung auf eine breite Basis gestellt. Er konzentriert sich nicht nur auf die Hauptpersonen sondern stattet auch die Nebenrollen mit eigenem, glaubwürdigem Profil aus. Die Marzellina ist bei ihm eine erstaunlich jung gebliebene Frau mit viel Witz und durchaus auch Verstand, und selbst Dr. Bartolo ist keine Karikatur seiner selbst sondern der Archetypus eines vielleicht ein wenig halbseidenen Bürgers, dem dennoch nichts wichtiger ist als seine Seriosität und die Anerkennung seiner Umwelt. Selbst der Musikmeister Basilio, der äußerlich - Haarfrisur, Schminke und geziertes Verhalten - als Karikatur des überfeinerten Künstlers auftritt, gewinnt im Laufe der Aufführung so etwas wie eine tragische Identität. Verzweifelt sucht er Anerkennung, doch jeder überhört ihn. Am Schluss schlurft der ganz in Schwarz gekleidete Basilio resigniert und enttäuscht von der Bühne. Fast könnte man meinen, dass Mozart in dieser Figur seine eigene geringe Bedeutung am Hof verarbeitet hat. Schließlich gibt es genügend Anekdoten über die herablassende Behandlung Mozarts durch die Wiener Gesellschaft. Selbst Barbarina, das einfache Dorfmädchen und Cherubinos Vertraute, erhält bei Bernardi eigenes Gewicht und in ihren wenigen Szenen deutlichen Freiraum.

Natürlich spielt sich das Geschehen im Wesentlichen zwischen den Protagonisten ab; aber auch bei diesen legt Bernardi Wert auf eine individuelle Charakterisierung der Personen. Graf Almaviva ist durchaus kein Ekelpaket, das man in einem antibourgeoisen Anfall an den Pranger stellt, sondern ein charmanter und weltgewandter "Herrenreiter", der sich halt im wenn auch ungerechtfertigten Besitz aller Privilegien befindet und diese in natürlichem Selbstbewusstsein nutzt. Am Schluss bittet er zwar seine Frau reumütig um Verzeihung, doch man weiß genau, dass seine guten Vorsätze nicht lange halten werden. Er ist ein Produkt seiner Zeit und seiner (Ober-)Schicht. Die Gräfin ist in dieser Inszenierung die großzügig Leidende, stets kontrolliert und ganz "Dame von Welt". Doch sie kann im Verbund mit Susanna auch witzig und kreativ sein, wenn sie aktiv am Komplott mitarbeitet. Letztlich ist sie aber als passive Rolle angelegt, die einerseits unter ihrem Mann leidet und sich andererseits von der aktiven Susanna lenken lässt. Auch das ist natürlich in der Handlung angelegt, denn Susanna steht mit dem Rücken zur Wand und muss handeln, wenn sie ihre Ziele erreichen will. Die Gräfin braucht dies weniger und ist auch nicht gewohnt zu kämpfen.
Susanna und Figaro sind natürlich die Hauptpersonen, müssen sie doch ihr Glück gegen alle Widrigkeiten durchsetzen. Susanna ist als Frau die Klügere und Gewitztere und weiß die Schwächen und Eitelkeiten der Menschen geschickt für sich zu nutzen, während Figaro eher aufbrausend und dem Augenblick zugewandt ist. Längerfristige taktische Maßnahmen und feine Intrigen sind seine Sache nicht. Cherubino ist - wie bereits gesagt - der "Ausreißer" in dieser Figurenkonstellation, das unkalkulierbare Moment der Kreativität und des Zufalls und steht für die geringe Planbarkeit und Verlässlichkeit des zwischengeschlechtlichen Beziehungsgeflechtes. Bernardi räumt dieser Figur deshalb auch viel Raum ein, um ihn quasi wie eine ausgefeiltere Amor-Version durchs Geschehen zu führen.

Szenenfoto aus der Saison 2006/2007
Szenenfoto 1. Akt aus der Saison 2006/2007

Überhaupt hat Bernardi dem Humor einen breiten Raum eingeräumt. Fast jede Person - abgesehen vielleicht von der Gräfin - trägt humoristische Züge. Selbst Graf Almaviva verbreitet bisweilen so etwas wie leise Ironie, die in Momenten auch ihn selbst betrifft. Figaro und Susanna als Vertreter des Dienstpersonals sind natürlich prädestiniert für den pragmatischen Witz des einfachen Volkes. Und Cherubino kommt nicht als liebesleidender Jüngling sondern eher als ein übermütiger "Springinsfeld" daher.

Das Bühnenbild von Moritz Nitsche haben wir bereits eingangs bei der ersten Szene erwähnt. Die gräflichen Zimmer skizziert er ähnlich karg als sich nach hinten verjüngenden Konus aus weißen Wänden und hohen Türen. Kein Rokokko-Stock, keine Wandteppiche oder prächtigen Möbel. Diese Beschränkung hat zwei Seiten: einerseits konzentriert sie das Geschehen und damit die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Personen, andererseits lässt sie sich auch als Symbol für die Leere der adligen Existenz interpretieren. Später, im nächtlichen Garten, spielt sich die Handlung wieder vor der kahl-schwarzen Rückseite der Kulisse ab, und eine einzelne liegende Statue kennzeichnet den gräflichen Lustgarten. Die Kostüme von Peter DeFreitas führen zurück in die Rokokko-Zeit und sind mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet, besonders bei Nebenrollen wie Basilio. Die Zeit der vordergründigen und teilweise krampfhaften Aktualisierungen scheint vorbei zu sein, man betrachtet Mozart wieder aus seiner Zeit heraus.

Das Ensemble trägt dieses ausgefeilte Konzept mit durchweg überzeugenden stimmlichen und darstellerischen Leistungen. Sebastian Geyer spielt den Grafen Almaviva mit der Grandezza und dem überhöhten Selbstbewusstsein eines  Alphatieres, das sogar auch einmal über sich lachen kann - nach seiner Maßgabe! -, das aber auch in Jähzorn ausbrechen kann, wenn es nicht nach Wunsch verläuft. Sein kräftiger Bariton konnte sich auch in expressiveren Phasen gegen das Orchester behaupten. Juanita Lascarro glänzt als Gräfin mit einer außerordentlich ausdrucksstarken und variablen Sopranstimme und beeindruckt dabei vor allem in den Arien. Darstellerisch fügt sie sich in das Konzept hervorragend ein und verkörpert überzeugend die "große Dame" mit Leidensdruck. Christiane Karg trägt als Susanna den Großteil der Aufführung - fast durchgängige Präsenz - und brilliert vor allem mit ihrer Spritzigkeit und ihrer stimmlichen wie darstellerischen Variabilität. Florian Plock ist am besten in seinen extrovertierten Szenen - Witz oder Wut ausdrückend - und überzeugt auch gesanglich mit hoher Präsenz. Nina Tarandek sticht durch ihre temperamentvolle und lebendige Darstellung des Cherubino hervor, die einige spontane Lacher aus dem Publikum erntete, und singt ihren Part mit hoher Klarheit und Spritzigkeit. Katharina Magiera verleiht der Marzelline ein eigenes Profil über das einer tyypischen Nebenrolle hinaus, ebenso Dietrich Volle als Bartolo. Julian Prégardien gibt den Basilio als bemitleidenswerte doch nie nur lächerliche Karikatur eines ungeliebten Hofmusikanten, und Eun-Hue Shin schließlich wirbelt als Barabarina temperamentvoll über die Bühne.

Die Musik dazu kam aus dem hoch liegenden Orchestergraben, der die Köpfe der Musiker sichtbar werden und den Klang sich frei entfalten ließ. Hartmut Keil am Pult sorgte für Tempo, prägnante Intonation und Transparenz. Am Klavier begleitete Sebastian Zierer die Rezitative.

Diese Inszenierung der Mozart-Oper beeindruckt trotz ihrer Wiederaufnahme durch ihre Frische und die Spielfreude aller Beteiligten und ist jedem zu empfehlen, der sie noch nicht gesehen hat. Das Publikum war begeistert und zeigte dies auch durch spontanen Szenenapplaus, einen rauschenden Schlussbeifall und "Bravo"-Rufe. Wir sind schon gespannt auf die Darmstädter Inszenierung in zwei Wochen.

Frank Raudszus


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