Die Liebe als Handelsware

September 2010


Andere Inszenierungen der Neuen Bühne:

Tausend und eine Nacht

Arsen und Spitzenhäubchen

Der Sturm

Der Hauptmann von Köpenick

Die Schule der Frauen

Geschichten aus dem Wienerwald

Der nackte Wahnsinn




















































































































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Die Neue Bühne Darmstadt zeigt Henrik Ibsens Beziehungstragödie "Die Frau am Meer"




Nach der deftigen Komödie über die wahren Zustände am Theater hat sich die Neue Bühne Darmstadt - fast wie als Beweis für die Ernsthaftigkeit des eigenen Tuns - wieder ernsthaften Themen zugewandt. Dabei haben die Theatermacher Konsequenz bewiesen und mit Henrik Ibsen gleich einen ausgesprochen schwer(mütig)en Autor ausgewählt. Die Spielstätte, das Gewächshaus im Orangeriegarten, wo man vor zwei Jahren noch Shakespeares "Sommernachtstraum" inszeniert hatte, wirkt aufgrund seiner sommerlichen Leichtigkeit und Helligkeit angesichts des Themas
als besonderer Kontrast .

Rainer Poser (Wangel) und Gabriela Reinitzer (Ellida)
Rainer Poser (Wangel) und Gabriela Reinitzer (Ellida)

Der verwitwete Arzt Wangel in dem abgeschiedenen Ort weit im Binnenland hat vor einigen Jahren Ellida geheiratet, um seinen beiden Töchtern eine neue Mutter zu geben. Die beiden sind mittlerweile zu jungen Frauen herangewachsen, für die sich jedoch kein angemessener Freier einzufinden scheint. Da kommt Arnholm, der ehemalige Lehrer der älteren Tochter Bolette, zu einem Besuch ins einsame Haus der Artztfamilie, und der Zuschauer ahnt schon, dass dieser Besuch weniger dem Vater gilt. Außerdem verkehrt Lyngstrand, ein junger Mann mit künstlerischen Ambitionen, der mal zur See gefahren ist und sich dabei ein schweres Lungenleiden zugezogen hat, bei den Wangels. In seiner unrealistischen Selbstein- und überschätzung sieht er sich als künftig berühmten Bildhauer, dem eine gute, sprich selbstlose Muse wie Bolette gut zu Gesichte stehen würde und die glücklich sein könnte, ganz für ihn da zu sein. In Wirklichkeit wissen alle außer ihm, dass er nicht mehr lange zu leben haben wird. Hilde, Wangels jüngere Tochter, betrachtet ihre Umwelt und besonders die Männer mit wachem aber mitleidlosem Blick. Wie alle Jugendlichen sieht sie noch nicht das Tragische der einzelnen Figuren sondern nur das Spannende in ihren teilweise verlorenen Existenzen. 

Als Lyngstrand einen amerikanischen Schiffskameraden erwähnt, der einst von seiner untreuen, weil mittlerweile anderweitig verheirateten Verlobten erzählt hat, zeigt Ellida ungewöhnliches Interesse bis in das kleinste Detail. Es dauert denn auch nicht lange, bis sie ihrem Mann beichtet, dass nicht - wie er vermutet hat - der Oberlehrer Arnholm ihr erster Verehrer war sondern ein amerikanischer Seemann, der jedoch fliehen musste, da er in den Mord an seinem Kapitän verwickelt war. Offensichtlich bestand zwischen ihr und diesem Mann eine Art inoffizieller Verlobung.

Es kommt, wie es kommen muss: als ein großes Schiff anlegt, steht plötzlich eben dieser Fremde, als der er im Theaterstück nur firmiert, im Wangelschen Haus und verlangt von Ellida, mit ihm zu gehen, da sie gemäß ihrem damaligen Schwur die "Seine" sei. Er kann diesen Besitzanspruch zwar nicht mit gesellschaftlichen oder gar juristischen Mitteln durchsetzen, besteht aber in der typisch männlichen Sichtweise des 19. Jahrhunderts drauf und setzt Ellida entsprechend unter Druck. Damit trifft er jedoch auf den konkurrierenden Besitzanspruch des Artztes, der zwar nicht über die maskulinen Vorzüge des Fremden dafür aber über die bessere, weil bürgerlich etablierte Position verfügt. In Anwesenheit Ellidas diskutieren die beiden über sie als Besitz, als wäre sie ein Haustier, das man mehr oder weniger legal erworben hat. Ellida gelingt es weder, Wangel ihre seelische Ausnahmesituation angesichts der unerwarteten Rückkehr des Fremden klarzumachen, noch, eben diesem das bereits gelebte Leben an der Seite des Arztes als einen neuen, alles ändernden Tatbestand begreiflich zu machen. Der Fremde gibt ihr einen Tag Bedenkzeit, um sie dann abzuholen wie ein lange bestelltes Möbelstück.

Gabriela Reinitzer und Ralph Dillmann (Arnholm)
Gabriela Reinitzer und Ralph Dillmann (Arnholm)

Die Situation eskaliert bis zu einer schonungslosen Aussprache des Ehepaares, in der Ellida ihrem Mann klarmacht, dass ihre Ehe lediglich ein Tauschhandel gewesen sei: Sicherheit gegen Kinderbetreuung. Liebe sei nie ein Thema gewesen, und sie habe nach der überstürzten Abreise ihres damaligen Verlobten keine persönliche Perspektive mehr gesehen. Ellida hat damals in einem einsamen Leuchtturm am Meer gelebt und war mit diesem wie verwachsen. Das Meer ist für sie immer das Symbol der Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung gewesen, und erst der tragische Verlust des Geliebten hat sie in die Enge einer bürgerlichen Ehe im Binnenland geführt.

Parallel zu dieser Ehetragödie spielt sich ein analoges Drama noch einmal ab. Bolette graust davor, ihr Leben fernab der Welt und der Bildung in diesem kleinen Ort zu verbringen, der ihr keinerlei Anregungen außer dem Sticken und der Blumenpflege gibt. Als Arnholm ihr seine Unterstützung bei ihrer Befreiung geradezu anträgt, sieht sie das als Angebot eines älteren Freundes und damit zum ersten Mal die Möglichkeit, dem tödlichen Einerlei zu entfliehen. Als sie jedoch feststellt, dass es ihm nur um eine Ehe mit so eindeutigen Attributen wie "Gemütlichkeit" und "Bequemlichkeit" geht, löst sich ihr Traum in Nichts auf. Sie kann in Arnholm nur den steifen Oberlehrer aus einer anderen Generatiion, nicht jedoch einen Lebenspartner sehen.

Das scheinbar gute Ende ergibt sich aus zwei Verzichtserklärungen. Als Ellida sich für den Fremden entscheidet, lässt Wangel sie gehen - aus Liebe, um ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Dieser Liebeserklärung hat Ellida nichts entgegenzusetzen, sodass sie sich entscheidet, bei ihrem Mann zu bleiben. Diese Entscheidung bedeutet den Verzicht auf die Selbstbestimmung und beruht allein auf der Tatsache, dass ihr Mann sie tatsächlich liebt. Ihr gelingt, was die Männer nicht können: dem anderen zuliebe auf ein selbstbestimmtes Leben zu verzichten. Man darf dabei jedoch nicht annehmen, dass auch Ellida plötzlich Wangel liebt; sie betrachtet es als ihre selbstverständliche Pflicht, diese Liebe nicht zu enttäuschen. Einen Mann, der sie nur als Ersatzmutter betrachtet, hätte sie verlassen können. Ähnlich geht es Bolette. Als Arnholm - fassungslos angesichts der impulsiven Ablehnung des Heiratsantrags - in einem Anflug von Großzügigkeit ihr dennoch seine weitere Unterstützung als Freund zusagt, erkennt Bolette diese Großherzigkeit und erklärt sich mit der Ehe einverstanden. Auch hier kann ihrerseits nicht von Liebe die Rede sein. Bolette sieht sich außerstande, von dieser Großzügigkeit zu profitieren, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Arnholms Selbstüberwindung im Verzicht zwingt sie geradezu, den Antrag doch anzunehmen. Sie weiß genau, dass sie an seiner Seite ihre Neugier auf die Welt und die Menschen nicht wird befriedigen können, doch die Alternative ist das Versauern in diesem Ort und damit keine. Auch Bolette begräbt also ihre Hoffnungen auf ein Leben jenseits der engen Konventionen, die das 19. Jahrhundert nicht nur in Norwegen den Frauen auferlegte. Beide, Ellida und Bolette, haben von Höherem geträumt und mit dem Gedanken einer Veränderung gespielt, doch beide bleiben durch einen moralischen Rollenzwang in ihren eingeengten Verhältnissen gefangen.

Nicole Klein (Hilde) und Bianca Weidenbusch (Bolette)
Nicole Klein (Hilde) und Bianca Weidenbusch (Bolette)

Nur die junge Hilde bleibt als Verkörperung der Hoffnung. Sie zeigt sich selbstbewusst, erkennt intuitiv die Schwächen der Männer und lässt sich auch von dem schwadronierenden Lyngstrand in keiner Weise beeindrucken. Sie betrachtet ihn eher wie ein seltsames Insekt denn als Mann, der ihr Schweißperlen und Schwächeanfälle bescheren könnte. Hilde ist Ibsens optimistischer Verweis auf die Zukunft, ohne dass er diesen detailliert ausführt. Die Beschreibung der seelisch-erotischen Ausbeutung der Frauen war ihm wichtiger als die Beschwörung einer besseren (Frauen-)Welt.

Renate Renken hat diese Tragödie - denn eine solche ist es - konsequent und ohne aufgesetzte Aktualisierungen inszeniert. Der große Raum in dem Gewächshaus gestattet weiträumiges Agieren, was dem Stück tatsächlich eine gewisse Weite verleiht, die man durchaus als Kontrast zur Enge der Verhältnisse werten kann. Auch der Orangeriegarten wird geschickt als Außenraum der Handlung integriert, wenn die einzelnen Personen von Spaziergängen oder vom Baden hereinkommen, und innerhalb des Raumes treten die Darsteller von verschiedenen, diametral gegeneinander versetzten Zugängen auf. Damit nehmen sie dem Stück ein wenig seine klaustrophobische Enge und lassen erahnen, wie ein solches Leben in einer Familie auch ablaufen könnte.

Rainer Poser ist als Wangel ein alternder, fast schon gebrochener Mann, der das Beste will und doch nicht erkennt, wie wenig er die Bedürfnisse seiner Frau oder seiner Töchter kennt. Sein Auftrumpfen gegenüber dem Fremden wirkt eher verzweifelt und lächerlich als realistisch, und der Fremde lässt in seiner Ursprünglichkeit alle bürgerlichen Aggressionen des Arztes an sich abprallen. Der Fremde stellt den Gegenentwurf des Mannes dar: frei zu eigenen Entscheidungen, aber stets im Wissen, auch verlieren zu können. Dieser Fremde lebt in einer Welt der freien Entscheidungen und nicht der bürgerlichen Konventionen. Nicht umsonst hat er bei dem Tod seines ehemaligen Kapitäns eine offensichtlich so entscheidende wie fragwürdige Rolle gespielt. Seine innere Freiheit fasziniert Ellida und verunsichert Wangel, der seine eigene Hilflosigkeit sehr schnell erkennt. Dieses zerrissene Wesen und die Kapitulation vor einer Wirklichkeit, die er nicht mehr versteht und die er nicht ändern kann, spielt Rainer Poser mit hoher Intensität und Glaubwürdigkeit. Gabriela Reinitzer, die üblicherweise eher resolute Frauentypen spielt, versucht hier, die innere Zerrissenheit und Unsicherheit der Ellida wiederzugeben, was ihr streckenweise recht gut gelingt. Bisweilen fehlt es jedoch ein wenig an der psychologischen Tiefenzeichnung. Ralph Dillmann gibt den Oberlehrer Arnholm als Mischung aus väterlichem Freund und hoffnungslosem Freier und legt damit die tragische Lächerlichkeit dieser Figur offen. Marcel Schüler gelingt mit dem stets angestrengten, hustenden und realitätsfremden Lyngstrand ein kleines Kunststück, und Axel Räther fühlt sich in den allerdings dankbaren Rollen des Allround-Künstlers Ballested und des "Fremden" offensichtlich recht wohl. Bianca Weidenbusch präsentiert ihre Bolette mit Souveränität, und die neu zum Ensemble gestoßene Nicole Klein ist mit ihrer frechen und variantenreichen Mimik und Stimme eine echte Überraschung.

Das Publikum im ausverkauften Saal zeigte sich von der Leistung des Ensembles sehr angetan und spendete kräftigen Beifall.

Frank Raudszus


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