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Der verwitwete Arzt Wangel in
dem abgeschiedenen Ort weit im Binnenland hat vor einigen Jahren Ellida
geheiratet, um seinen beiden Töchtern eine neue Mutter zu geben.
Die beiden sind mittlerweile zu jungen Frauen herangewachsen, für
die sich jedoch kein angemessener Freier einzufinden scheint. Da kommt
Arnholm, der ehemalige Lehrer der älteren Tochter Bolette, zu
einem Besuch ins einsame Haus der Artztfamilie, und der Zuschauer ahnt
schon, dass dieser Besuch weniger dem Vater gilt. Außerdem
verkehrt Lyngstrand, ein junger Mann mit künstlerischen
Ambitionen, der mal zur See gefahren ist und sich dabei ein schweres
Lungenleiden zugezogen hat, bei
den Wangels. In seiner
unrealistischen Selbstein- und überschätzung sieht er sich
als künftig berühmten Bildhauer, dem eine gute, sprich
selbstlose Muse wie Bolette gut zu Gesichte stehen würde und die
glücklich sein könnte, ganz für ihn da zu sein. In
Wirklichkeit wissen alle außer ihm, dass er nicht mehr lange zu
leben haben wird. Hilde, Wangels jüngere Tochter, betrachtet ihre
Umwelt und besonders die Männer mit wachem aber mitleidlosem
Blick. Wie alle Jugendlichen sieht sie noch nicht das Tragische der
einzelnen Figuren sondern nur das Spannende in ihren teilweise
verlorenen Existenzen. Als Lyngstrand einen
amerikanischen Schiffskameraden erwähnt, der einst von seiner
untreuen, weil mittlerweile anderweitig verheirateten Verlobten
erzählt hat, zeigt Ellida ungewöhnliches Interesse bis in das
kleinste Detail. Es dauert denn auch nicht lange, bis sie ihrem Mann
beichtet, dass nicht - wie er vermutet hat - der Oberlehrer Arnholm ihr
erster Verehrer war sondern ein amerikanischer Seemann, der jedoch
fliehen musste, da er in den Mord an seinem Kapitän verwickelt
war. Offensichtlich bestand zwischen ihr und diesem Mann eine Art
inoffizieller Verlobung. Es kommt, wie es kommen muss:
als ein großes Schiff anlegt, steht plötzlich eben dieser
Fremde, als der er im Theaterstück nur firmiert, im Wangelschen
Haus und verlangt von Ellida, mit ihm zu gehen, da sie gemäß
ihrem damaligen Schwur die "Seine" sei. Er kann diesen Besitzanspruch
zwar nicht mit gesellschaftlichen oder gar juristischen Mitteln
durchsetzen, besteht aber in der typisch männlichen Sichtweise des
19. Jahrhunderts drauf und setzt Ellida entsprechend unter Druck. Damit
trifft er jedoch auf den konkurrierenden Besitzanspruch des Artztes,
der zwar nicht über die maskulinen Vorzüge des Fremden
dafür aber über die bessere, weil bürgerlich etablierte
Position verfügt. In Anwesenheit Ellidas diskutieren die beiden
über sie als Besitz, als wäre sie ein Haustier, das man mehr
oder weniger legal erworben hat. Ellida gelingt es weder, Wangel ihre
seelische Ausnahmesituation angesichts der unerwarteten Rückkehr
des Fremden klarzumachen, noch, eben diesem das bereits gelebte Leben
an der Seite des Arztes als einen neuen, alles ändernden
Tatbestand begreiflich zu machen. Der Fremde gibt ihr einen Tag
Bedenkzeit, um sie dann abzuholen wie ein lange bestelltes
Möbelstück.
Die Situation eskaliert bis zu
einer schonungslosen Aussprache des Ehepaares, in der Ellida ihrem Mann
klarmacht, dass ihre Ehe lediglich ein Tauschhandel gewesen sei:
Sicherheit gegen Kinderbetreuung. Liebe sei nie ein Thema gewesen, und
sie habe nach der überstürzten Abreise ihres damaligen
Verlobten keine persönliche Perspektive mehr gesehen. Ellida hat
damals in einem einsamen Leuchtturm am Meer gelebt und war mit diesem
wie verwachsen. Das Meer ist für sie immer das Symbol der
Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung gewesen, und erst der
tragische Verlust des Geliebten hat sie in die Enge einer
bürgerlichen Ehe im Binnenland geführt. Parallel zu dieser
Ehetragödie spielt sich ein analoges Drama noch einmal ab. Bolette
graust davor, ihr Leben fernab der Welt und der Bildung in diesem
kleinen Ort zu verbringen, der ihr keinerlei Anregungen außer dem
Sticken und der Blumenpflege gibt. Als Arnholm ihr seine
Unterstützung bei ihrer Befreiung geradezu anträgt, sieht sie
das als Angebot eines älteren Freundes und damit zum ersten Mal
die Möglichkeit, dem tödlichen Einerlei zu entfliehen. Als
sie jedoch feststellt, dass es ihm nur um eine Ehe mit so eindeutigen
Attributen wie "Gemütlichkeit" und "Bequemlichkeit" geht,
löst sich ihr Traum in Nichts auf. Sie kann in Arnholm nur den
steifen Oberlehrer aus einer anderen Generatiion, nicht jedoch einen
Lebenspartner sehen. Das scheinbar gute Ende ergibt
sich aus zwei Verzichtserklärungen. Als Ellida sich für den
Fremden entscheidet, lässt Wangel sie gehen - aus Liebe, um ihrem
Glück nicht im Wege zu stehen. Dieser Liebeserklärung hat
Ellida nichts entgegenzusetzen, sodass sie sich entscheidet, bei ihrem
Mann zu bleiben. Diese Entscheidung bedeutet den Verzicht auf die
Selbstbestimmung und beruht allein auf der Tatsache, dass ihr Mann sie
tatsächlich liebt. Ihr gelingt, was die Männer nicht
können: dem anderen zuliebe auf ein selbstbestimmtes Leben zu
verzichten. Man darf dabei jedoch nicht annehmen, dass auch Ellida
plötzlich Wangel liebt; sie betrachtet es als ihre
selbstverständliche Pflicht, diese Liebe nicht zu
enttäuschen. Einen Mann, der sie nur als Ersatzmutter betrachtet,
hätte sie verlassen können. Ähnlich geht es Bolette. Als
Arnholm - fassungslos angesichts der impulsiven Ablehnung des
Heiratsantrags - in einem Anflug von Großzügigkeit ihr
dennoch seine weitere Unterstützung als Freund zusagt, erkennt
Bolette diese Großherzigkeit und erklärt sich mit der Ehe
einverstanden. Auch hier kann ihrerseits nicht von Liebe die Rede sein.
Bolette sieht sich außerstande, von dieser
Großzügigkeit zu profitieren, ohne eine Gegenleistung zu
erbringen. Arnholms Selbstüberwindung im Verzicht zwingt sie
geradezu, den Antrag doch anzunehmen. Sie weiß genau, dass sie an
seiner Seite ihre Neugier auf die Welt und die Menschen nicht wird
befriedigen können, doch die Alternative ist das Versauern in
diesem Ort und damit keine. Auch Bolette begräbt also ihre
Hoffnungen auf ein Leben jenseits der engen Konventionen, die das 19.
Jahrhundert nicht nur in Norwegen den Frauen auferlegte. Beide, Ellida
und Bolette, haben von Höherem geträumt und mit dem Gedanken
einer Veränderung gespielt, doch beide bleiben durch einen
moralischen Rollenzwang in ihren eingeengten Verhältnissen
gefangen.
Nur die junge Hilde bleibt als
Verkörperung der Hoffnung. Sie zeigt sich selbstbewusst, erkennt
intuitiv die Schwächen der Männer und lässt sich auch
von dem schwadronierenden Lyngstrand in keiner Weise beeindrucken. Sie
betrachtet ihn eher wie ein seltsames Insekt denn als Mann, der ihr
Schweißperlen und Schwächeanfälle bescheren
könnte. Hilde ist Ibsens optimistischer Verweis auf die Zukunft,
ohne dass er diesen detailliert ausführt. Die Beschreibung der
seelisch-erotischen Ausbeutung der Frauen war ihm wichtiger als die
Beschwörung einer besseren (Frauen-)Welt. Renate Renken hat diese
Tragödie - denn eine solche ist es - konsequent und ohne
aufgesetzte Aktualisierungen inszeniert. Der große Raum in dem
Gewächshaus gestattet weiträumiges Agieren, was dem
Stück tatsächlich eine gewisse Weite verleiht, die man
durchaus als Kontrast zur Enge der Verhältnisse werten kann. Auch
der Orangeriegarten wird geschickt als Außenraum der Handlung
integriert, wenn die einzelnen Personen von Spaziergängen oder vom
Baden hereinkommen, und innerhalb des Raumes treten die Darsteller von
verschiedenen, diametral gegeneinander versetzten Zugängen auf.
Damit nehmen sie dem Stück ein wenig seine klaustrophobische Enge
und lassen erahnen, wie ein solches Leben in einer Familie auch
ablaufen könnte. Rainer Poser ist als Wangel ein
alternder, fast schon gebrochener Mann, der das Beste will und doch
nicht erkennt, wie wenig er die Bedürfnisse seiner Frau oder
seiner Töchter kennt. Sein Auftrumpfen gegenüber dem Fremden
wirkt eher verzweifelt und lächerlich als realistisch, und der
Fremde lässt in seiner Ursprünglichkeit alle
bürgerlichen Aggressionen des Arztes an sich abprallen. Der Fremde
stellt den Gegenentwurf des Mannes dar: frei zu eigenen Entscheidungen,
aber stets im Wissen, auch verlieren zu können. Dieser Fremde lebt
in einer Welt der freien Entscheidungen und nicht der bürgerlichen
Konventionen. Nicht umsonst hat er bei dem Tod seines ehemaligen
Kapitäns eine offensichtlich so entscheidende wie fragwürdige
Rolle gespielt. Seine innere Freiheit fasziniert Ellida und
verunsichert Wangel, der seine eigene Hilflosigkeit sehr schnell
erkennt. Dieses zerrissene Wesen und die Kapitulation vor einer
Wirklichkeit, die er nicht mehr versteht und die er nicht ändern
kann, spielt Rainer Poser mit hoher Intensität und
Glaubwürdigkeit. Gabriela Reinitzer, die üblicherweise eher
resolute Frauentypen spielt, versucht hier, die innere Zerrissenheit
und Unsicherheit der Ellida wiederzugeben, was ihr streckenweise recht
gut gelingt. Bisweilen fehlt es jedoch ein wenig an der psychologischen
Tiefenzeichnung. Ralph Dillmann gibt den Oberlehrer Arnholm als
Mischung aus väterlichem Freund und hoffnungslosem Freier und legt
damit die tragische Lächerlichkeit dieser Figur offen. Marcel
Schüler gelingt mit dem stets angestrengten, hustenden und
realitätsfremden Lyngstrand ein kleines Kunststück, und Axel
Räther fühlt sich in den allerdings dankbaren Rollen des
Allround-Künstlers Ballested und des "Fremden" offensichtlich
recht wohl. Bianca Weidenbusch präsentiert ihre Bolette mit
Souveränität, und die neu zum Ensemble gestoßene Nicole
Klein ist mit ihrer frechen und variantenreichen Mimik und Stimme eine
echte Überraschung. Das Publikum im ausverkauften
Saal zeigte sich von der Leistung des Ensembles sehr angetan und
spendete kräftigen Beifall. Frank Raudszus |
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