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Die
Schwermut von Liliom und das Absurde von Godot |
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Uraufführung
von Lukas Linders Schauspiel "Das traurige Schicksal des Karl Klotz" im
STaatstheater Darmstadt |
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Von Fehlschlag konnte allerdings
an diesem Abend nicht die Rede sein, denn die Uraufführung des
neuesten Stücks des mit 26 Jahren noch sehr jungen Autors erwies
sich als voller Erfolg. Erstaunlich ist dabei die dramatische Reife
dieses jungen Mannes, der ein untrügliches Gespür sowohl
für die dramaturgische Konstruktion als auch für die
sprachliche Ausgestaltung aufweist. Die Inszenierung leistet
natürlich ebenfalls einen wichtigen Teil für den Erfolg eines
Stückes, doch erst das Zusammenspiel des intelligenten Textes von
Lukas Linder und die phantasievolle Regie von Martin Ratzinger
verleihen diesem Stück seine ganz eigene Aussage, die man durchaus
als eine Mischung aus der Schwermut von Molnárs Wiener
Zirkus-Tragödie "Liliom" und der Absurdität von Becketts
"Warten auf Godot" sehen kann. Eine halbrunde Mauer grenzt die
schwarz ausgeschlagene Bühne der Kammerspiele nach hinten ab. Auf
dieser Mauer steht ein fast naturgroßes Nashorn, darüber
erhebt sich auf einer separaten Stellwand ein weißgraues
Wolkengebirge auf blauem Grund, ironisches Zitat eines friedlichen
Naturalismus. Vorne stehen drei Fachwerkhäuser im erweiterten
Puppenstubenformat, daneben markieren eine Schiefertafel mit dem
Lehrsatz des Pythagoras und ein Stuhl ein Schulzimmer. Schon dieses
Bühnenbild zeigt gewisse Elemente des Absurden - Ionescos Nashorn.
Wenn dann die Truppe im wahrsten
Sinne des Wortes einzieht, tauchen weitere Assoziationen an das absurde
Theater auf. Voran der Jahrmarktschreier Dimitri, in dessen Kielwasser
seine seltsamen Ausstellungsobjekte folgen, denn nur so kann man die
Wracks von Menschen nennen, die dem Direktor des Minizirkus'
gehören und gehorchen. Die "sagenhafte Sandra" läuft im
Röckchen und mit Sonnenschirm über das Hochseil und zittert
jedesmal vor Angst. Die "dicke Dora" stellt nur ihre groteske
Beleibtheit dar, wie es im ausgehenden 19. Jahrhundert auf kleinen
Jahrmärkten noch Brauch war. Massimo schließlich ist der
"traurigste aller Clowns" und klagt im schweizerdeutschen Tonfall
über die Unmöglichkeit, ein Buch über Tierwitze zu
erwerben. Mit dieser Figur arbeitet Linder zwar am Rande des Klischees,
denn der "traurige Clown" ist mittlerweile fast zu einem Gemeinplatz
verkommen, aber Regisseur Ratzinger setzt ihn sparsam und
außerdem mit immer wieder grotesken Seiten ein, sodass er nicht
zur Knallcharge gerinnt. Der "Zirkusdirekor" Dimitri - hören wir
bei diesem Namen ein "Wladimir" mit? - und seine Leibeigenen erinnern
nicht zufällig an Pozzo, der seinen Diener Lucky an der Leine
führt. Es tritt auf Karl Klotz, ein
achtzehnjähriger, fettleibiger Schüler, der sowohl seiner
Lehrerin als auch seiner Mutter nur Ärger und Sorgen bereitet. In
der Schule fällt er außer durch seine Unförmigkeit nur
durch seine miserablen Leistungen auf, und zu Hause liegt er am
liebsten im Bett, weil alles so anstrengend ist. Um diesen Karl beginnt
jetzt ein Kesseltreiben, angestoßen von der Lehrerin, die der
dankbaren Mutter eine Therapie für Karl empfiehlt. Letztere hat
schon genug mit ihrem Versager-Ehemann oben im Heimwerker-Dachboden und
mit sich selbst zu tun, als dass sie sich noch inhaltlich mit den
Problemen ihres heranwachsenden Sohnes beschäftigen könnte.
Die Lehrerin, eine knallharte Zynikerin, fühlt sich von diesem
Versager nur genervt und würde ihn lieber heute als morgen von der
Schule jagen.
Der herbeigerufene Psychiater
zeigt sich als weiteres absurdes Element. Man hätte ihn als
Negativbild oder sogar als Karikatur des allgemeinen Psychiaterbildes
anlegen können, aber Linder und Ratzinger steigern ihn stattdessen
in die Groteske. Von einem wahren Sextrieb besessen, steigt
"Psychofritz" nicht nur Karls frustrierter Mutter erfolgreich nach,
sondern vernascht nebenbei auch noch die sagenhafte Sandra, nachdem er
sie nächtens wie ein Vergewaltiger durch die Straßen
verfolgt hat. Ansonsten schwadroniert er über Krankheiten und
Behandlungsmethoden, verfällt des Öfteren dem unmotivierten
Jähzorn und empfiehlt schließlich eine
Elektroschocktherapie, um Karls Trägheit zu überwinden. Ganz
bewusst trägt diese Figur weniger die Züge eines realen
Psychiaters als vielmehr die eines Psychopathen. Darin zitiert er den
alten Psychiaterwitz, in der diese beiden Typen gleichgesetzt werden.
So antwortet der Psychofritz denn auch auf die Vermutung, er sei
Psychopath, mit der lapidaren Feststellung "schlimmer, Psychiater". Damit ist die Handlung bereits
umrissen, denn wie empfohlen schreitet Psychofritz selbst - das
umgedrehte Jackett als Operationskittel nutzend - zur Arbeit am Gehirn
des armen Karl Klotz, der danach glücklich(?) aber sprachlos sein
Leben in einer Anstalt fristet. Im zweiten Handlungsstrang
entlässt Dimitri alle seine Angestellten, die er sowieso kaum
bezahlt hat, und überlässt sie damit einem ungewissen
Schicksal. Am Ende reden sich Karls Mutter und Psychofritz Karls
Anstaltswelt schön und sind sogar stolz auf ihre gute Tat. Linder geht es nicht um den
Aufbau einer spannenden, konfliktreichen Handlung, sondern um die
groteske Übersteigerung der gesellschaftlichen Probleme, die in
der Realität tatsächlich existieren: die - berechtigte oder
unberechtigte - Ungeduld gestresster Lehrer, die Versager links liegen
lassen (müssen); die Eltern, die ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr
wahrnehmen und stattdessen in Selbstmitleid und
Selbstverwirklichungsphantasien schwelgen; die gesamte
Unterhaltungsindustrie - Zirkus! - mit ihren dümmlichen und
verdummenden Angeboten und nicht zuletzt die Sexualisierung aller
Lebensbereiche, die hier mit der beziehungsreichen Assoziationskette
"Psychiater --> Sex" am Beispiel des "freudlosen" Psychofritz'
demonstriert wird.
Die Kunst Linders und Ratzingers
besteht darin, diese Kritik nicht als vordergründig-platte
satirische Groteske oder groteske Satire anzubringen, sondern in einer
geradezu poetischen Verpackung darzureichen. Denn jede dieser Figuren
trägt ein Stück tragischer Poesie in sich. Jede Person
träumt von dem großen Glück und erhascht für kurze
Augenblicke auch den Zipfel dieses vermeintlichen Glücks, um ihn
sofort wieder zu verlieren. Karl verliebt sich in die sagenhafte
Sandra, und diese schenkt ihm unter Alkoholeinfluss für kurze Zeit
auch ihre Aufmerksamkeit, nachdem der Psychofritz sie auf üble
Weise sitzengelassen hat. Doch im ersten nüchternen Moment
erschrickt sie über diese kleine Affäre und entledigt sich
schnell des kleinen Fettkloßes. Moral von der Geschicht wie in
der "Johanna der Schlachthöfe":
"Auch unter den Verlierern gibt es keine Solidarität".
Ähnlich geht es der "dicken Dora", die zu keinem Menschen
Anschluss findet, oder dem Clown Massimo, der über die Witze
kommunizieren möchte, es jedoch nie schafft, einen Witz zu Ende zu
erzählen, da ihm niemand zuhört oder ihn jedesmal jemand
unterbricht. Die zarten Anläufe zur Selbstvergewisserung der
Verlierer dieser grotesken Runde scheitern jedes Mal auf grausame
Weise, werden jedoch von der Umwelt wegen ihrer Marginalität gar
nicht erst wahrgenommen. Ratzinger hat sich für eine
"Überkreuz"-Besetzung entschieden. Da eine glaubwürdige
Besetzung des Karl Klotz mit einem jungen Mann nicht möglich war,
hat er Maika Troscheit in ein "Korpulenzkostüm" gesteckt. Ihr
weiblicher Teint zusammen mit der nun künstlich erzeugten
Fettleibigkeit gibt dieses Bild eines mehr als übergewichtigen
jungen Mannes nahezu perfekt wieder. Die kurzen, widerspenstigen Haare
runden den Eindruck überzeugend ab. Als besetzungstechnischen
"Ausgleich" hat Ratzinger die Rolle der "sagenhaften Sandra" dafür
mit Stefan Schuster besetzt. Ein Mann in Frauenkleidern war schon immer
ein Renner im Film und auf der Bühne - fast schon wieder ein
beliebtes Klischee -, wirkt hier jedoch durch den vollständigen
Verzicht auf betont "tuntiges" (vermeintlich weibliches) Verhalten in
keiner Phase lächerlich. Dass Stefan Schuster dennoch
gelegentliche Lacher erntet, ist auf die jeweilige Situation
zuirückzuführen, so wenn er - als Mädchen Sandra - Maika
Troscheit - als Karl Klotz - auf den Mund küsst. Das entbehrt
nicht einer gewissen Groteskheit oder gar Absurdität.
Die Darsteller identifizieren
sich mit ihren Rollen in dieser Tragikomödie mit
außerordentlichem Engagement. Maika Troscheit spielt den Karl
Klotz mit traurig verlorenem Blick und mit den Händen an der
Hosennaht zupfend. Ihr Karl weiß nichts um diese Welt und ihre
Anforderungen, da seine Mutter ihn verwöhnt und nicht erzogen hat.
Ihr Karl ist von vornherein verloren, kann sich nicht
artikulieren und sehnt sich doch so sehr nach etwas Zuwendung. Selbst
die schnöde Abfuhr durch Sandra nach dem kurzen Techtelmechtel
nimmt Troscheits Karl mit dem leeren Blick der Entsagung an,
gewöhnt an die Niederlage und diese in eine
Selbstverständlichkeit ummünzend. Maika Troscheits Spiel ist
in jeder Phase anrührend. Iris Melemed tritt in der
Doppelrolle der Lehrerin und der Mutter auf. Wegen der knallharten
Zeitplanung auf der offenen Bühne ist ein Kostümwechsel
für sie unmöglich, und so muss die Brille als
Lehrerin-Accessoire ausreichen. Da beide Frauentypen ähnliche
Aufgaben gegenüber Karl haben, ist der Rollenwechsel aus der
Handlung nicht immer sofort ersichtlich. Iris Melamed muss ihn daher
durch Akzentuierung der Stimme markieren, was ihr hervorragend gelingt.
Die Lehrerin wird bei ihr zum zynischen Schreckensbild der
Pädagogik, und die Mutter zu einem wahren Ausbund an
selbstmitleidiger Ungeduld und jähzorniger Larmoyanz. Dieser oft
sehr schnelle Wechsel zwischen den beiden Frauen stellt höchste
Anforderungen an die Schauspielerin, doch Iris Melamed schafft ihn
nicht nur spielend, sie versieht auch dank ihrer Ausdrucksbreite beide
Frauenrollen mit ganz eigenen, ausgeprägten und nicht unbedingt
angenehmen Charaktereigenschaften. Diana Wolf ist in der Rolle der
"dicken Dora" ein wenig unterfordert, da diese nur wenig ins Geschehen
um Karl Klotz eingreift. Das gilt auch für Aart Veder als
trauriger Clown. Beide bleiben im Kontext des Jahrmarkts und ihres
Leinenführers Dimitri alias Pozzo. Ihre Rollen füllen sie
dabei jedoch überzeugend aus. Dagegen steht Stefan Schuster als
zwiefach umworbene Sandra im Mittelpunkt des Geschehens. Er spielt
diese Frauenrolle ohne übertriebenes "Weibisch"-Getue und bringt
dennoch das Gefühlsleben dieser jungen Frau, die nach ein wenig
Glück und Beständigkeit sucht, glaubwürdig zum Ausdruck,
ohne dabei die grotesken Aspekte dieser Figur zu vergessen. Die
Gratwanderung zwischen mangelnder Einfühlung und der "tuntigen"
Knallcharge gelingt ihm ausnehmend gut. Tom Wild kann als durchgedrehter Psychiatopath aus dem Vollen schöpfen. Er darf von einem Extrem ins andere fallen, den Vergewaltiger, Schwadronierer, Choleriker und schließlich den großen Beschwichtiger spielen, und dieser stete Wechsel bereitet ihm offensichtlich Vergnügen. Andreas Manz schließlich füllt seine Rolle als übler Arbeitgeber mit Prekariatsniveau mit vollem Engagement aus. Bosheit, Trunksucht und Jähzorn prägen diese Verlierer, der sich vom Leben betrogen sieht und seine Wut an den noch tiefer Gestellten und von ihm Abhängigen auslässt. Eine gelungene Slapsticknummer unter mehreren ist seine Trunkenheitsszene, die glaubwürdig da nicht überzogen daherkommt. Die drei jungen Damen aus dem
Theater-Jugendclub - Tjorven Balser, Alexandra Bauer und Cansu Yildiz -
fügten sich problemlos in das Ensemble ein und absolvierten ihre
Rollen als Schulmädchen souverän. Das Publikum zollte allen
Darstellern, allen voran Maika Troscheit, kräftigen Beifall und
geizte auch mit "Bravo"-Rufen nicht. Auch die Regie und der anwesende
Autor erhielten kräftigen Applaus. Weitere
Aufführungen finden am 2., 8., 15. und 22. Oktober statt. Frank Raudszus |
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