Die Schwermut von Liliom und das Absurde von Godot

September 2010







































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Uraufführung von Lukas Linders Schauspiel "Das traurige Schicksal des Karl Klotz" im STaatstheater Darmstadt





Die Kammerspiele des Staatstheaters experimentieren gerne ein wenig. Hier sitzt das Publikum dichter am Geschehen und die Darsteller - naturgemäß - dichter an den Zuschauern. Provokante Thesen und groteske oder nur gegen den Strich gebürstete Inszenierungen lassen sich besser "an den den Mann (oder die Frau) bringen". Die beschränkte Zahl von Sitzplätzen schafft nicht nur eine dichte Atmosphäre, sondern senkt nebenbei auch das finanzielle Risiko, sollte sich ein Experiment als Fehlschlag erweisen....

Maika Troscheit als Karl Klotz
Maika Troscheit als Karl Klotz

Von Fehlschlag konnte allerdings an diesem Abend nicht die Rede sein, denn die Uraufführung des neuesten Stücks des mit 26 Jahren noch sehr jungen Autors erwies sich als voller Erfolg. Erstaunlich ist dabei die dramatische Reife dieses jungen Mannes, der ein untrügliches Gespür sowohl für die dramaturgische Konstruktion als auch für die sprachliche Ausgestaltung aufweist. Die Inszenierung leistet natürlich ebenfalls einen wichtigen Teil für den Erfolg eines Stückes, doch erst das Zusammenspiel des intelligenten Textes von Lukas Linder und die phantasievolle Regie von Martin Ratzinger verleihen diesem Stück seine ganz eigene Aussage, die man durchaus als eine Mischung aus der Schwermut von Molnárs Wiener Zirkus-Tragödie "Liliom" und der Absurdität von Becketts "Warten auf Godot" sehen kann.

Eine halbrunde Mauer grenzt die schwarz ausgeschlagene Bühne der Kammerspiele nach hinten ab. Auf dieser Mauer steht ein fast naturgroßes Nashorn, darüber erhebt sich auf einer separaten Stellwand ein weißgraues Wolkengebirge auf blauem Grund, ironisches Zitat eines friedlichen Naturalismus. Vorne stehen drei Fachwerkhäuser im erweiterten Puppenstubenformat, daneben markieren eine Schiefertafel mit dem Lehrsatz des Pythagoras und ein Stuhl ein Schulzimmer. Schon dieses Bühnenbild zeigt gewisse Elemente des Absurden - Ionescos Nashorn.

Wenn dann die Truppe im wahrsten Sinne des Wortes einzieht, tauchen weitere Assoziationen an das absurde Theater auf. Voran der Jahrmarktschreier Dimitri, in dessen Kielwasser seine seltsamen Ausstellungsobjekte folgen, denn nur so kann man die Wracks von Menschen nennen, die dem Direktor des Minizirkus' gehören und gehorchen. Die "sagenhafte Sandra" läuft im Röckchen und mit Sonnenschirm über das Hochseil und zittert jedesmal vor Angst. Die "dicke Dora" stellt nur ihre groteske Beleibtheit dar, wie es im ausgehenden 19. Jahrhundert auf kleinen Jahrmärkten noch Brauch war. Massimo schließlich ist der "traurigste aller Clowns" und klagt im schweizerdeutschen Tonfall über die Unmöglichkeit, ein Buch über Tierwitze zu erwerben. Mit dieser Figur arbeitet Linder zwar am Rande des Klischees, denn der "traurige Clown" ist mittlerweile fast zu einem Gemeinplatz verkommen, aber Regisseur Ratzinger setzt ihn sparsam und außerdem mit immer wieder grotesken Seiten ein, sodass er nicht zur Knallcharge gerinnt. Der "Zirkusdirekor" Dimitri - hören wir bei diesem Namen ein "Wladimir" mit? - und seine Leibeigenen erinnern nicht zufällig an Pozzo, der seinen Diener Lucky an der Leine führt.

Es tritt auf Karl Klotz, ein achtzehnjähriger, fettleibiger Schüler, der sowohl seiner Lehrerin als auch seiner Mutter nur Ärger und Sorgen bereitet. In der Schule fällt er außer durch seine Unförmigkeit nur durch seine miserablen Leistungen auf, und zu Hause liegt er am liebsten im Bett, weil alles so anstrengend ist. Um diesen Karl beginnt jetzt ein Kesseltreiben, angestoßen von der Lehrerin, die der dankbaren Mutter eine Therapie für Karl empfiehlt. Letztere hat schon genug mit ihrem Versager-Ehemann oben im Heimwerker-Dachboden und mit sich selbst zu tun, als dass sie sich noch inhaltlich mit den Problemen ihres heranwachsenden Sohnes beschäftigen könnte. Die Lehrerin, eine knallharte Zynikerin, fühlt sich von diesem Versager nur genervt und würde ihn lieber heute als morgen von der Schule jagen.

Iris Melamed (Mutter) und Maika Troscheit (Karl Klotz)
Iris Melamed (Mutter) und Maika Troscheit (Karl Klotz)

Der herbeigerufene Psychiater zeigt sich als weiteres absurdes Element. Man hätte ihn als Negativbild oder sogar als Karikatur des allgemeinen Psychiaterbildes anlegen können, aber Linder und Ratzinger steigern ihn stattdessen in die Groteske. Von einem wahren Sextrieb besessen, steigt "Psychofritz" nicht nur Karls frustrierter Mutter erfolgreich nach, sondern vernascht nebenbei auch noch die sagenhafte Sandra, nachdem er sie nächtens wie ein Vergewaltiger durch die Straßen verfolgt hat. Ansonsten schwadroniert er über Krankheiten und Behandlungsmethoden, verfällt des Öfteren dem unmotivierten Jähzorn und empfiehlt schließlich eine Elektroschocktherapie, um Karls Trägheit zu überwinden. Ganz bewusst trägt diese Figur weniger die Züge eines realen Psychiaters als vielmehr die eines Psychopathen. Darin zitiert er den alten Psychiaterwitz, in der diese beiden Typen gleichgesetzt werden. So antwortet der Psychofritz denn auch auf die Vermutung, er sei Psychopath, mit der lapidaren Feststellung "schlimmer, Psychiater".

Damit ist die Handlung bereits umrissen, denn wie empfohlen schreitet Psychofritz selbst - das umgedrehte Jackett als Operationskittel nutzend - zur Arbeit am Gehirn des armen Karl Klotz, der danach glücklich(?) aber sprachlos sein Leben in einer Anstalt fristet. Im zweiten Handlungsstrang entlässt Dimitri alle seine Angestellten, die er sowieso kaum bezahlt hat, und überlässt sie damit einem ungewissen Schicksal. Am Ende reden sich Karls Mutter und Psychofritz Karls Anstaltswelt schön und sind sogar stolz auf ihre gute Tat.

Linder geht es nicht um den Aufbau einer spannenden, konfliktreichen Handlung, sondern um die groteske Übersteigerung der gesellschaftlichen Probleme, die in der Realität tatsächlich existieren: die - berechtigte oder unberechtigte - Ungeduld gestresster Lehrer, die Versager links liegen lassen (müssen); die Eltern, die ihre Erziehungsaufgabe nicht mehr wahrnehmen und stattdessen in Selbstmitleid und Selbstverwirklichungsphantasien schwelgen; die gesamte Unterhaltungsindustrie - Zirkus! - mit ihren dümmlichen und verdummenden Angeboten und nicht zuletzt die Sexualisierung aller Lebensbereiche, die hier mit der beziehungsreichen Assoziationskette "Psychiater --> Sex" am Beispiel des "freudlosen" Psychofritz' demonstriert wird.

Maika Troscheit (Karl Klotz) und Stefan Schuster (Die sagenhafte Sandra)
Maika Troscheit (Karl Klotz) und Stefan Schuster (Die sagenhafte Sandra)

Die Kunst Linders und Ratzingers besteht darin, diese Kritik nicht als vordergründig-platte satirische Groteske oder groteske Satire anzubringen, sondern in einer geradezu poetischen Verpackung darzureichen. Denn jede dieser Figuren trägt ein Stück tragischer Poesie in sich. Jede Person träumt von dem großen Glück und erhascht für kurze Augenblicke auch den Zipfel dieses vermeintlichen Glücks, um ihn sofort wieder zu verlieren. Karl verliebt sich in die sagenhafte Sandra, und diese schenkt ihm unter Alkoholeinfluss für kurze Zeit auch ihre Aufmerksamkeit, nachdem der Psychofritz sie auf üble Weise sitzengelassen hat. Doch im ersten nüchternen Moment erschrickt sie über diese kleine Affäre und entledigt sich schnell des kleinen Fettkloßes. Moral von der Geschicht wie in der "Johanna der Schlachthöfe": "Auch unter den Verlierern gibt es keine Solidarität". Ähnlich geht es der "dicken Dora", die zu keinem Menschen Anschluss findet, oder dem Clown Massimo, der über die Witze kommunizieren möchte, es jedoch nie schafft, einen Witz zu Ende zu erzählen, da ihm niemand zuhört oder ihn jedesmal jemand unterbricht. Die zarten Anläufe zur Selbstvergewisserung der Verlierer dieser grotesken Runde scheitern jedes Mal auf grausame Weise, werden jedoch von der Umwelt wegen ihrer Marginalität gar nicht erst wahrgenommen.

Ratzinger hat sich für eine "Überkreuz"-Besetzung entschieden. Da eine glaubwürdige Besetzung des Karl Klotz mit einem jungen Mann nicht möglich war, hat er Maika Troscheit in ein "Korpulenzkostüm" gesteckt. Ihr weiblicher Teint zusammen mit der nun künstlich erzeugten Fettleibigkeit gibt dieses Bild eines mehr als übergewichtigen jungen Mannes nahezu perfekt wieder. Die kurzen, widerspenstigen Haare runden den Eindruck überzeugend ab. Als besetzungstechnischen "Ausgleich" hat Ratzinger die Rolle der "sagenhaften Sandra" dafür mit Stefan Schuster besetzt. Ein Mann in Frauenkleidern war schon immer ein Renner im Film und auf der Bühne - fast schon wieder ein beliebtes Klischee -, wirkt hier jedoch durch den vollständigen Verzicht auf betont "tuntiges" (vermeintlich weibliches) Verhalten in keiner Phase lächerlich. Dass Stefan Schuster dennoch gelegentliche Lacher erntet, ist auf die jeweilige Situation zuirückzuführen, so wenn er - als Mädchen Sandra - Maika Troscheit - als Karl Klotz - auf den Mund küsst. Das entbehrt nicht einer gewissen Groteskheit oder gar Absurdität.

Tom Wild (Psychofritz) und Maika Troscheit (Katl Klotz)
Tom Wild (Psychofritz) und Maika Troscheit (Karl Klotz)

Die Darsteller identifizieren sich mit ihren Rollen in dieser Tragikomödie mit außerordentlichem Engagement. Maika Troscheit spielt den Karl Klotz mit traurig verlorenem Blick und mit den Händen an der Hosennaht zupfend. Ihr Karl weiß nichts um diese Welt und ihre Anforderungen, da seine Mutter ihn verwöhnt und nicht erzogen hat. Ihr Karl ist von vornherein verloren, kann  sich nicht artikulieren und sehnt sich doch so sehr nach etwas Zuwendung. Selbst die schnöde Abfuhr durch Sandra nach dem kurzen Techtelmechtel nimmt Troscheits Karl mit dem leeren Blick der Entsagung an, gewöhnt an die Niederlage und diese in eine Selbstverständlichkeit ummünzend. Maika Troscheits Spiel ist in jeder Phase anrührend.

Iris Melemed tritt in der Doppelrolle der Lehrerin und der Mutter auf. Wegen der knallharten Zeitplanung auf der offenen Bühne ist ein Kostümwechsel für sie unmöglich, und so muss die Brille als Lehrerin-Accessoire ausreichen. Da beide Frauentypen ähnliche Aufgaben gegenüber Karl haben, ist der Rollenwechsel aus der Handlung nicht immer sofort ersichtlich. Iris Melamed muss ihn daher durch Akzentuierung der Stimme markieren, was ihr hervorragend gelingt. Die Lehrerin wird bei ihr zum zynischen Schreckensbild der Pädagogik, und die Mutter zu einem wahren Ausbund an selbstmitleidiger Ungeduld und jähzorniger Larmoyanz. Dieser oft sehr schnelle Wechsel zwischen den beiden Frauen stellt höchste Anforderungen an die Schauspielerin, doch Iris Melamed schafft ihn nicht nur spielend, sie versieht auch dank ihrer Ausdrucksbreite beide Frauenrollen mit ganz eigenen, ausgeprägten und nicht unbedingt angenehmen Charaktereigenschaften.

Diana Wolf ist in der Rolle der "dicken Dora" ein wenig unterfordert, da diese nur wenig ins Geschehen um Karl Klotz eingreift. Das gilt auch für Aart Veder als trauriger Clown. Beide bleiben im Kontext des Jahrmarkts und ihres Leinenführers Dimitri alias Pozzo. Ihre Rollen füllen sie dabei jedoch überzeugend aus. Dagegen steht Stefan Schuster als zwiefach umworbene Sandra im Mittelpunkt des Geschehens. Er spielt diese Frauenrolle ohne übertriebenes "Weibisch"-Getue und bringt dennoch das Gefühlsleben dieser jungen Frau, die nach ein wenig Glück und Beständigkeit sucht, glaubwürdig zum Ausdruck, ohne dabei die grotesken Aspekte dieser Figur zu vergessen. Die Gratwanderung zwischen mangelnder Einfühlung und der "tuntigen" Knallcharge gelingt ihm ausnehmend gut.

Tom Wild kann als durchgedrehter Psychiatopath aus dem Vollen schöpfen. Er darf von einem Extrem ins andere fallen, den Vergewaltiger, Schwadronierer, Choleriker und schließlich den großen Beschwichtiger spielen, und dieser stete Wechsel bereitet ihm offensichtlich Vergnügen. Andreas Manz schließlich füllt seine Rolle als übler Arbeitgeber mit Prekariatsniveau mit vollem Engagement aus. Bosheit, Trunksucht und Jähzorn prägen diese Verlierer, der sich vom Leben betrogen sieht und seine Wut an den noch tiefer Gestellten und von ihm Abhängigen auslässt. Eine gelungene Slapsticknummer unter mehreren ist seine Trunkenheitsszene, die glaubwürdig da nicht überzogen daherkommt.

Die drei jungen Damen aus dem Theater-Jugendclub - Tjorven Balser, Alexandra Bauer und Cansu Yildiz - fügten sich problemlos in das Ensemble ein und absolvierten ihre Rollen als Schulmädchen souverän.

Das Publikum zollte allen Darstellern, allen voran Maika Troscheit, kräftigen Beifall und geizte auch mit "Bravo"-Rufen nicht. Auch die Regie und der anwesende Autor erhielten kräftigen Applaus.

Weitere Aufführungen finden am 2., 8., 15. und 22. Oktober statt.

Frank Raudszus


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