Lieder von Liebesleid und Weltschmerz

September 2010








































































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Im 1. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt singt Michaela Schuster Lieder von Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss





Die Mezzo-Sopranistin Michaela Schuster war von 1999 bis 2002 Mitglied des Darmstädter Opernensembles und beim Publikum außerordentlich beliebt. Nicht zuletzt diese Tatsache dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass ihr Auftritt im ersten Kammerkonzert der Saison so gut besucht war. Denn ein Liederabend ist üblicherweise eher eine Nischenveranstaltung, die nur Eingeweihte und Liebhaber des kammermusikalischen Gesangs ins Theater lockt. Michaela Schuster hatte ihren langjährigen pianistischen Begleiter Markus Schlemmer mitgebracht, und für die zwei Lieder von Johannes Brahms mit Viola-Begleitung sprang der 1. Bratschist des Staatstheaters Klaus Jürgen Opitz ein.

Die Mezzosopranistin Michaela Schuster
Die Mezzosopranistin Michaela Schuster

Auf dem Programm standen zwölf Lieder von Johannes Brahms (1833-1897), sieben Lieder von Hugo Wolf (1860-1903) und acht Lieder von Richard Strauss (1864-1949). Damit war der hochromantische Rahmen dieses Abends abgesteckt. Zwar kann man die vier von Brahms vertonten Gedichte von Goethe nicht unbedingt der Romantik zurechnen, doch da die Vertonung erst 1889 erfolgte, erhalten sie auf jeden Fall musikalisch romantischen Ausdruck.

Der Abend begann mit zwei eher leichten Volksliedern zum ewigen Thema des verlassenen Mädchens (oder des verschmähten Liebhabers), "Da unten im Tale" und "Es steht ein' Lind'". Daran schlossen sich ein Gedicht von Klaus Groth über die Musik ("Wie Melodien zieht es mir") und das "Ständchen" von Franz Theodor Kugler an. Brahms hat mit Vorliebe die Lyrik weniger bekannter Dichter vertont, weil sie ihn nach eigenen Aussagen wesentlich weniger unter Druck setzte als die Verse der deutschen Geistes-Heroen. Michaela Schuster brachte den wehmütigen Charakter dieser Alltagslyrik treffend zum Ausdruck, ohne ihnen zu viel Bedeutung einzuhauchen.

Das änderte sich mit der Vertonung von Detlef von Liliencrons Gedicht "Auf dem Kirchhofe", das den schweren Regen auf einem Friedhof als Natursymbol für die Düsternis der Vergänglichkeit in den Mittelpunkt stellt. Schwermut und Entsagung prägen dieses Gedicht ähnlich wie das nächste von Karl von Lemcke - "Verzagen" -, das die ruhelose Gedanken des emotional bewegten Verfassers beim Anblick des Meeres zum Gegenstand hat. Von verschmähter Liebe handelt das nächste Gedicht von Georg Friedrich Daumer und von den seligen Kindertagen "O wüßt ich doch den Weg zurück" von Klaus Groth. Von der Liebe reden noch einmal zwei Gedichte von Joesf Enzig und Felix Schumann. Das sehnsuchtsvolle, stets ein wenig schwermütige Schmachten nach einer idealisierten Liebe ist all diesen Gedichten gemeinsam. Michaela Schuster und Markus Schlemmer arbeiteten dieses Aspekt deutlich heraus, wobei das Klavier bei Brahms stets ein gleichwertiger Partner der Sängerin ist. Der Pianist beschränkt sich nicht aufs Begleiten, sondern gestaltet seinen eigenen Part und wartet auch mit ausgeprägten Überleitungen zwischen den einzelnen Strophen auf.

Der Pianist Markus Schlemmer
Der Pianist Markus Schlemmer

Die "Gestillte Sehnsucht" von Friedrich Rückert und das "Geistliche[s] Wiegenlied" von Emanuel von Geibel werden in ihrer Vertonung zusätzlich von der Viola begleitet, in der die Motive der Singstimme wie ein Echo nachhallen. Im "Wiegenlied" fügt die Viola dabei noch ein bekanntes Weihnachtslied als zweites Thema ein. In diesen beiden Brahms-Vertonungen verdichtet sich die Musik bereits vom Einfachen, Volksliedhaften zur philosophisch-religiösen Lebensschau. Michaela Schuster führte das Programm damit zu einem ersten Höhepunkt vor der Pause.

Der zweite Teil begann mit den Vertonungen von drei eher leichten Gedichten Eduard Mörikes, wobei sich das zweite wieder um ein verlassenes Mädchen dreht, während das dritte die humoristische Klage eines überbehüteten Einzelkindes wiedergibt. Die vier  anschließenden Gedichte von J.W.v. Goethe - "Die Spröde", "Anakreons Grab","Frühling übers Jahr" und "Der Schäfer" - sind eher Gelegenheitsarbeiten und weniger bekannt, doch die Vertonung von Hugo Wolf verleiht ihnen eine ganz eigene Musikalität und Michaela Schuster gab ihnen an diesem Abend einen überzeugenden Ausdruck.

Den Schluss bildeten die acht Lieder von Richard Strauss nach Gedichten von Hermann von Gilm zu Rosenegg, die in ihrer Selbstversenkung und Naturverehrung die Hochromantik aufs Treffendste charakterisieren. Strauss hat dabei das klassische Verhältnis von Sänger(in) und Pianist aufgegeben und stattdessen ein dichtes musikalisches Gewebe zweier Instrumente - Klavier und Stimme - geschaffen, bei dem sich beide Instrumente gegenseitig durchdringen und komplexe harmonische wie motivische Figuren bilden. Dabei tritt das Klavier auch als Interpret der jeweiligen Atmosphäre auf, wenn es etwa in "Die Nacht" düstere, verhangene Klänge zaubert oder in "Die Zeitlose" den giftigen Inhalt dieser Pflanze mit klirrenden Klängen beschreibt. Den Abschluss bildet ein wahrhaft endzeitliches Lied - "Allerseelen" -, das die Todesmetapher der Astern in entsagungsvolle Klänge umsetzt.

Das Publikum zeigte sich von Michaela Schusters höchst variabler Stimme und ausgefeilten Interpretationskunst sowie von Markus Schlemmers ausdrucksstarkem doch nie dominantem Klavierspiel stark beeindruckt und zeigte dies durch kräftigen Applaus. Als der Beifall allerdings nach der ersten, schnell gewährten Zugabe immer noch nicht enden wollte, lieferte Michaela Schuster mit "Guten Abend, gute Nacht" und einem feinen ironischen Lächeln noch einen mehr als deutlichen "Rausschmeißer" nach.

Frank Raudszus


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