Statt Schicksalsfügung hausgemachte Tragödie

September 2010


















































































































































































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Das Staatstheater Darmstadt zeigt Franz Grillparzers Drama "Medea"




Die griechische Mythologie hat Literatur und Theater seit über zweitausend Jahren mit einem steten Strom von Themen versorgt, die sich in alle Zeiten transportieren ließen und dabei nie ihre Gültigkeit verloren. Die Reduzierung auf elementare menschliche Eigenschaften und deren bis zum meist tragischen Ende konsequente Abbildung auf eine gegebene Situation haben diese Mythen zu zeitlosen Archetypen menschlicher Verhaltensweisen gemacht. Der Medea-Mythos gehört dabei zu den furchtbarsten, rührt er doch an die heiligsten Tabus aller Zeiten und Gesellschaftsformen, die Mutterliebe.

Für das Verständnis der Darmstädter Inszenierung ist es außerordentlich wirchtig, nicht nur den ursprünglichen Mythos kurz vorzustellen, sondern auch Zeit und Umstände der Dramatisierung durch Franz Grillparzer. Der Argonaut Jason hat aus dem fernen Kolchis das Goldene Vlies zurückgeholt, das die dortigen Herrscher mit Mord und Totschlag an sich gerissen hatten. Dabei hat ihm die Königstochter Medea geholfen, die er nun als Ehefrau und Mutter zweier Knaben mit nach Griechenland gebracht hat. Dort hat jedoch mittlerweile sein Onkel den Bruder - Jasons Vater - umgebracht und sich des Throns bemächtigt. Jason wird daher nicht mit offenen Armen aufgenommen, sondern nach dem plötzlichen Tod des Pelias wegen Mordverdacht aus seiner Heimatstadt gejagt. Er findet Unterschlupf bei König Kreon in Korinth, der jedoch unter dem Druck von Jasons Heimatstadt und seiner Abneigung gegen die fremdländische Medea Jason vor die Wahl stellt, Medea zu verlassen oder mit ihr verbannt zu werden. Jason sagt sich von Medea los und wendet sich Kreons Tochter Kreusa zu. Als Medea verurteilt wird, ohne ihre Kinder die Stadt sofort zu verlassen, ermordet sie ihre eigenen Kinder, um sich an dem untreuen Jason zu rächen, und verlässt die Stadt.

Margit Schulte-Tigges (Gora), Gabriele Drechsel (Medea)Margit Schulte-Tigges (Gora), Gabriele Drechsel (Medea)

Im griechischen Mythos ist Medea tatsächlich mit magischen Kräften ausgestattet und sowohl für den Tod von Vater und Bruder bei der Wiedergewinnung des Goldenen Vlieses als auch für den Tod von Jasons Onkel verantwortlich. Der Mythos verleiht ihr den Status einer drohenden, fast göttlichen Macht, die sich wie ein rächendes Schicksal über Griechenland legt. Das hängt auch mit dem Mythos des Goldenen Vlieses zusammen, das jedem seiner Besitzer nur Unglück und Tod bringt. Das Fremde stellt hier tatsächlich eine Bedrohung der Gemeinschaft dar, die in der unerhörten Ermordung der eigenen Kinder gipfelt. Mit der Beseitigung der "Frucht" aus der Verbindung zwischen dem einheimischen Jason und der fremden Medea und deren Verschwinden erlöst sie in gewissem Sinne die Griechen von der Bedrohung durch die Überfremdung. Das im Jahr 431 v. Chr. entstandene Drama von Euripides nahm mit hoher Wahrscheinlichkeit die tief sitzende Angst der Griechen vor den Persern auf, deren Überfälle sie erst Anfang desselben Jahrhundert in schweren Kämpfen - Marathon, Thermopylen, Salamis - abgewehrt hatten.

Franz Grillparzer "stolperte" im übertragenen Sinne im Jahr 1819 über dieses Thema, und formte daraus die Trilogie "Das goldene Vlies", deren dritten Teil "Medea" bildet. In einer Art von Analogie kann man sogar vermuten, dass auch ihn die gewaltigen europäischen Umbrüche nach den napoleonischen Kriegen mit Fremdenfeindlichkeit in unterschiedlicher Form konfrontierten. Aus dem griechischen Mythos wird bei ihm zwar kein europäischer oder gar österreichischer, unbewusst lässt er jedoch seine Lebenswirklichkeit in die Dramatisierung der Medea einfließen. Obwohl er sich relativ eng an den Mythos hält, sind die handelnden Personen bei ihm nicht Spielbälle des Schicksals oder göttlicher Launen sondern Menschen mit Wünschen, Ängsten und Schwächen. Zwar führen seine Figuren in allen Lebenslagen die Götter an, doch ist dies gleichermaßen rituell wie die Befolgung der christlichen Religionsgebote nach Aufklärung und Revolution(en). Man kann durchaus vermuten, dass Grillparzer in der bloß äußerlichen Referenz seiner Personen auf die Götter das Verhältnis seiner Umwelt zur christlichen Religion wenn nicht kritisiert dann zumindest abbildet. Um die Situation auf die menschliche Tragik zu fokussieren, lässt er Medeas Schuld an den verschiedenen Todesfällen in der Schwebe, indem er ihr heftige und glaubwürdige Verteidigungsreden in den Mund legt. In seiner Version sind sowohl Medeas Verwandte als auch Jasons Onkel an Krankheiten oder Selbstmord gestorben.

Gabriele Drechsel als Medea
Gabriele Drechsel als Medea

rst mit diesen Überlegungen im Hinterkopf wird der spektakuläre Auftakt von Michael Helles Inszenierung verständlich: hinter dem Vorhang ertönt in voller Lautstärke einer der bekanntesten Strauß-Walzer. Dieser irritierende Auftakt verunsichert das Publikum vor allem wegen seiner Länge, denn Helle belässt es nicht bei einigen Takten sondern lässt die Musik einige Minuten in nahezu penetrantem Frohsinn erschallen, bevor sich der Vorhang hebt - und einen schäbigen Asylantencontainer zeigt. Mit einem Schlag zeigt Helle die drei Zeit- und Interpretationsebenen dieses Stücks: die Zeit des Mythos (Namen und Handlung), die Zeit der Dramatisierung (das Österreich des "tanzenden Kongresses" und der Restauration) und die heutige Zeit der Überfremdungsängste und Migrationsprobleme. Der Walzer wirkt wie ein schreiender Kontrast zum Bühnenbild und zu der Handlung. Michael Helle wusste zu Beginn der Regiearbeiten nichts von Thilo Sarrazins Buch und wird sich gewundert haben, in welchem Ausmaß die Realität seine Inszenierung mit unerwarteter Aktualität versieht. Wer die Debatten der letzten Wochen aufmerksam verfolgt hat, sah hier plötzlich bereits in der ersten Szene die Thesen und Menetekel auf der Bühne ausgebreitet, wenn auch aus anderer Perspektive.

Michael Helle setzt Grillparzers vielleicht noch unterschwellige Absicht konsequent fort. Bei ihm ist Medea tatsächlich eine von Beginn an ausgegrenzte Frau, die verzweifelt versucht, sich an vermeintliche Sicherheiten zu klammern und an Loyalitätspflichten zu appellieren, aber in einer geradezu quälenden Zwangsläufigkeit demontiert und gedemütigt wird. Die Ehe mit Jason sieht sie als beiderseitige Verpflichtung und Schutzschild für sich, muss jedoch erkennen, dass Jason ihrer längst überdrüssig ist. Kolchis war eins, Korinth ist das andere. Hier passt diese Frau einfach nicht mehr hinein, und er hat schon genug mit seinem eigenen Bedeutungsverlust zu kämpfen, als dass er sich auch noch um diese streitbare Frau kümmern könnte, die von Tag zu Tag deutlicher zeigt, dass sie aus einem fremden Kulturkreis stammt. Solchen "Fremden" gegenüber gilt auch nicht mehr die Solidarität der Ehe oder der Menschlichkeit, sie stören nur noch die eigene Selbstverwirklichung.

Helle aktualisiert den Stoff dadurch, dass er die Schauspieler in heutigen Kostümen auftreten lässt. Jason (Uwe Zerwer) kommt in leicht derangiertem Anzug und offenem Hemd, als käme er gerade aus einer Kneipe. Den Frust über die verlorene Bedeutung bekämpft er mit Dosenbier aus dem Asylcontainer. Kreon (Heinz Kloss) gleicht in seinem grauen Dreiteiler dem kühl kalkulierenden Manager eines globalen Unternehmens, seine Tochter Kreusa (Christina Kühnreich) trägt edle Damenmode. Dagegen heben sich Medea (Gabriele Drechsel) und ihre Dienerin Gora (Margit Schulte-Tigges) durch Kleider ab, die deutlich an einfache Frauen im ländlichen Griechenland oder der Türkei erinnern. Damit sind die Bezüge zur derzeitigen Diskussion eindeutig hergestellt.

Gabriele Drechsel (Medea), Uwe Zerwer (Jason)
Gabriele Drechsel (Medea), Uwe Zerwer (Jason)

Das Bühnenbild besteht während der gesamten Dauer lediglich aus dem Asylantencontainer und dem einen oder anderen billigen Plastikstuhl oder Sessel, wie man sie an solchen Orten findet. Damit verdichtet sich die Inszenierung zu einem unaufhaltsamen Sturz in die Katastrophe, dessen Zwanghaftigkeit man von Szene zu Szene verfolgen kann. Die Beteiligten stehen bereits am Anfang auf ihren Standpunkten, und der Druck der Vorurteile und Ängste verhindert jegliche rationale Auseinandersetzung mit der Situation. Auch wenn Kreon kurzfristig Jason und Medea gemeinschaftlich Schutz zusagt, wartet er nur auf die Gelegenheit, Medea loszuwerden, und findet sie schließlich in dem Bericht des Herolds (Tino Lindenberg), der die Mordanklage auis Jasons Heimatstadt überbringt. Jason selbst nimmt diese Anklage ebenfalls dankbar als Anlass, sich endgültig und guten Gewissens von Medea loszusagen, was diese endgültig in die Verzweiflung treibt, nachdem sie noch einmal versucht hat, sich Jason auf emotionalem, fast erotischem Wege zu nähern. Die Dienerin Gora dient in Grillparzers Version als Kassandra, die das Ende bereits voraussieht, wenn auch nicht in seiner blutigen Form, Medea vor dem Verräter Jasaon warnt und ihr falsche Hoffnungen austreibt. Im Gegensatz zu den positiven Dienstbotentypen aus anderen literarischen Werken dieser Zeit ist sie die Zynikerin, die das Treiben der Mächtigen längst durchschaut hat.

Den Mord an den Kindern inszeniert Helle besonders effektvoll. Unmittelbar vorher lässt er Gabriele Drechsel langsam auf hochhackigen Schuhen den Container umkreisen. Das eintönige Klacken der Absätze steht für die systematische Abtötung der mütterlichen Beschützerreflexe, die für die ungeheure Tat erforderlich ist. Statt blutige Hände oder gar den Vorgang des Tötens - ansatzweise - zu zeigen, lässt er Medea ohne Schuhe leise den Container betreten, diesen dann unter lauter Musik auf der Bühne drehen, in fahlem, kalten Grün anstrahlen und dazu Disco-Nebel aus den Seitenwänden quellen. Ob letzterer zuviel des Guten ist, darüber lässt sich streiten, doch die Dramatik und "Obszönität" der Situation kommt durch diese Anordnung überzeugend zum Ausdruck. Nach dem Mord kommt Medea aus dem Container und zündet sich in scheinbarer Ruhe eine Zigarette an. Man sieht ihr jedoch an, dass diese vermeintliche Kaltblütigkeit nur aus Erstarrung und Traumatisierung besteht.

Angesichts dieser eindringlichen Darstellung kommen fast automatisch Erinnerungen an Zeitungsartikel über Väter oder Mütter hoch, die ihre Kinder aus Verzweiflung, Abstiegsangst  oder Rache am Partner getötet haben. Der Medea-Mythos liegt näher als so mancher glauben mag.

Gabriele Drechsel (Medea), Heinz Kloss (Kreon, König von Korinth)
Gabriele Drechsel (Medea), Heinz Kloss (Kreon, König von Korinth)

Das Ensemble glänzt durchgehend mit überzeugenden Leistungen. Allen voran ist Gabriele Drechsel zu nennen, die wieder einmal ihre bewundernswerte Ausdrucksbreite zeigt. Sowohl der emotionale Ausbruch bis zur heulenden Verzweiflung als auch die schneidende Kälte gegenüber dem Verrat Jasons, die bittere Eifersucht gegenüber der Rivalin Kreusa oder das verzweifelte Betteln um die Liebe ihrer Kinder wirken bei ihr jederzeit glaubwürdig und authentisch, sodass der Zuschauer jede Minute mit dieser gedemütigten und entwürdigten Frau mitleidet. Ihr galt dann zum Schluss auch der stärkste Beifall. Uwe Zerwer ist ihr als Jason ein ebenbürtiger Partner. Er bringt die Frustration und das verletzte Selbstbewusstsein des zur Untätigkeit und Machtlosigkeit verurteilten Mannes - Arbeitsloser! - auf realistische und nachvollziehbare Art zum Ausdruck, kann dann aber plötzlich auch den Machtmenschen herauskehren, wenn er (Jason) sich von Kreon gedeckt sieht. Man kann sich diese beiden durchaus als Asylanten-Ehepaar aus zwei Kulturkreisen vorstellen, wo der Mann plötzlich die Chance sieht, sich der lästigen Bürde der Frau zu entledigen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Loyalität und Treue war gestern. Uwe Zerwer haucht diesem Ekelpaket aus Schwäche in geradezu erschreckender Weise Leben ein. Weiterhin ist Margit Schulte-Tigges zu nennen, die der Rolle der Dienerin Gora ein scharfes Profil verleiht, das zwischen Schwarzseherei, Zynismus und Resignation changiert. Heinz Kloss spielt einen stets beherrschten und "zielorientierten" Politiker-König Kreon, der sich keinem politischen Risiko aussetzen will, und Christina Kühnreich verleiht der Kreusa eine hinterhältigen Bescheidenheit, die sich ihres Sieges bewusst ist.

Bleiben noch die beiden kleinen Buben und späteren Opfer (Leonard Kunder und Matthias Pitton) zu nennen, die sich erstaunlich gut bewähren und sogar ihre kleinen Sprechrollen souverän absolvieren.

Das Publikum zeigte sich nach dem Schlussbild derart betroffen, dass der Schlussbeifall erst verzögert und dann verhalten einsetzte. Nach einigen Minuten steigerte er sich jedoch deutlich und wartete sogar mit einigen Bravo-Rufen für Gabriele Drechsel auf.

Weitere Aufführungen finden am 26. September sowie am 2., 9. und 22. Oktober statt.

Frank Raudszus


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