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Schicksalsfügung hausgemachte Tragödie |
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Das Staatstheater Darmstadt zeigt Franz Grillparzers Drama "Medea" | ||||
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Für
das
Verständnis
der Darmstädter Inszenierung ist es außerordentlich
wirchtig, nicht nur den ursprünglichen Mythos kurz vorzustellen,
sondern auch Zeit und Umstände der Dramatisierung durch Franz Grillparzer.
Der
Argonaut
Jason hat aus dem fernen Kolchis das Goldene Vlies
zurückgeholt, das die dortigen Herrscher mit Mord und Totschlag an
sich gerissen hatten. Dabei hat ihm die Königstochter Medea
geholfen, die er nun als Ehefrau und Mutter zweier Knaben mit nach
Griechenland gebracht hat. Dort hat jedoch mittlerweile sein Onkel den
Bruder - Jasons Vater - umgebracht und sich des Throns bemächtigt.
Jason wird daher nicht mit offenen Armen aufgenommen, sondern nach dem
plötzlichen Tod des Pelias wegen Mordverdacht aus seiner
Heimatstadt gejagt. Er findet Unterschlupf bei König Kreon in
Korinth, der jedoch unter dem Druck von Jasons Heimatstadt und seiner
Abneigung gegen die fremdländische Medea Jason vor die Wahl
stellt, Medea zu verlassen oder mit ihr verbannt zu werden. Jason sagt
sich von Medea los und wendet sich Kreons Tochter Kreusa zu. Als Medea
verurteilt wird, ohne ihre Kinder die Stadt sofort zu verlassen,
ermordet sie ihre eigenen Kinder, um sich an dem untreuen Jason zu
rächen, und verlässt die Stadt.
Im griechischen Mythos ist Medea
tatsächlich mit magischen Kräften ausgestattet und sowohl
für den Tod von Vater und Bruder bei der Wiedergewinnung des
Goldenen Vlieses als auch für den Tod von Jasons Onkel
verantwortlich. Der Mythos verleiht ihr den Status einer drohenden,
fast göttlichen Macht, die sich wie ein rächendes Schicksal
über Griechenland legt. Das hängt auch mit dem Mythos des
Goldenen Vlieses zusammen, das jedem seiner Besitzer nur Unglück
und Tod bringt. Das Fremde stellt hier tatsächlich eine Bedrohung
der Gemeinschaft dar, die in der unerhörten Ermordung der eigenen
Kinder gipfelt. Mit der Beseitigung der "Frucht" aus der Verbindung
zwischen dem einheimischen Jason und der fremden Medea und deren
Verschwinden erlöst sie in gewissem Sinne die Griechen von der
Bedrohung durch die Überfremdung. Das im Jahr 431 v. Chr.
entstandene Drama von Euripides nahm mit hoher Wahrscheinlichkeit die
tief sitzende Angst der Griechen vor den Persern auf, deren
Überfälle sie erst Anfang desselben Jahrhundert in schweren
Kämpfen - Marathon, Thermopylen, Salamis - abgewehrt hatten. Franz Grillparzer "stolperte" im
übertragenen Sinne im Jahr 1819 über dieses Thema, und formte
daraus die Trilogie "Das goldene Vlies", deren dritten Teil "Medea"
bildet. In einer Art von Analogie kann man sogar vermuten, dass auch
ihn die gewaltigen europäischen Umbrüche nach den
napoleonischen Kriegen mit Fremdenfeindlichkeit in unterschiedlicher
Form konfrontierten. Aus dem griechischen Mythos wird bei ihm zwar kein
europäischer oder gar österreichischer, unbewusst lässt
er jedoch seine Lebenswirklichkeit in die Dramatisierung der Medea
einfließen. Obwohl er sich relativ eng an den Mythos hält,
sind die handelnden Personen bei ihm nicht Spielbälle des
Schicksals oder göttlicher Launen sondern Menschen mit
Wünschen, Ängsten und Schwächen. Zwar führen seine
Figuren in allen Lebenslagen die Götter an, doch ist dies
gleichermaßen rituell wie die Befolgung der christlichen
Religionsgebote nach Aufklärung und Revolution(en). Man kann
durchaus vermuten, dass Grillparzer in der bloß
äußerlichen Referenz seiner Personen auf die Götter das
Verhältnis seiner Umwelt zur christlichen Religion wenn nicht
kritisiert dann zumindest abbildet. Um die Situation auf die
menschliche Tragik zu fokussieren, lässt er Medeas Schuld an den
verschiedenen Todesfällen in der Schwebe, indem er ihr heftige und
glaubwürdige Verteidigungsreden in den Mund legt. In seiner
Version sind sowohl Medeas Verwandte als auch Jasons Onkel an
Krankheiten oder Selbstmord gestorben.
rst mit diesen
Überlegungen im Hinterkopf wird der spektakuläre Auftakt von
Michael Helles Inszenierung verständlich: hinter dem Vorhang
ertönt in voller Lautstärke einer der bekanntesten
Strauß-Walzer. Dieser irritierende Auftakt verunsichert das
Publikum vor allem wegen seiner Länge, denn Helle belässt es
nicht bei einigen Takten sondern lässt die Musik einige Minuten in
nahezu penetrantem Frohsinn erschallen, bevor sich der Vorhang hebt -
und einen schäbigen Asylantencontainer zeigt. Mit einem Schlag
zeigt Helle die drei Zeit- und Interpretationsebenen dieses
Stücks: die Zeit des Mythos (Namen und Handlung), die Zeit der
Dramatisierung (das Österreich des "tanzenden Kongresses" und der
Restauration) und die heutige Zeit der Überfremdungsängste
und Migrationsprobleme. Der Walzer wirkt wie ein schreiender Kontrast
zum Bühnenbild und zu der Handlung. Michael Helle wusste zu Beginn
der
Regiearbeiten nichts von Thilo Sarrazins Buch und wird sich gewundert
haben, in welchem Ausmaß die Realität seine Inszenierung mit
unerwarteter Aktualität versieht. Wer die Debatten der letzten
Wochen aufmerksam verfolgt hat, sah hier plötzlich bereits in der
ersten Szene die Thesen und Menetekel auf der Bühne ausgebreitet,
wenn auch aus anderer Perspektive. Michael Helle setzt Grillparzers
vielleicht noch unterschwellige Absicht konsequent fort. Bei ihm ist
Medea tatsächlich eine von Beginn an ausgegrenzte Frau, die
verzweifelt versucht, sich an vermeintliche Sicherheiten zu klammern
und an Loyalitätspflichten zu appellieren, aber in einer geradezu
quälenden Zwangsläufigkeit demontiert und gedemütigt
wird. Die Ehe mit Jason sieht sie als beiderseitige Verpflichtung und
Schutzschild für sich, muss jedoch erkennen, dass Jason ihrer
längst überdrüssig ist. Kolchis war eins, Korinth ist
das andere. Hier passt diese Frau einfach nicht mehr hinein, und er hat
schon genug mit seinem eigenen Bedeutungsverlust zu kämpfen, als
dass er sich auch noch um diese streitbare Frau kümmern
könnte, die von Tag zu Tag deutlicher zeigt, dass sie aus einem
fremden Kulturkreis stammt. Solchen "Fremden" gegenüber gilt auch
nicht mehr die Solidarität der Ehe oder der Menschlichkeit, sie
stören nur noch die eigene Selbstverwirklichung. Helle aktualisiert den Stoff
dadurch, dass er die Schauspieler in heutigen Kostümen auftreten
lässt. Jason (Uwe Zerwer) kommt in leicht derangiertem Anzug und
offenem Hemd, als käme er gerade aus einer Kneipe. Den Frust
über die verlorene Bedeutung bekämpft er mit Dosenbier aus
dem Asylcontainer. Kreon (Heinz Kloss) gleicht in seinem grauen
Dreiteiler dem kühl kalkulierenden Manager eines globalen
Unternehmens, seine Tochter Kreusa (Christina Kühnreich)
trägt edle Damenmode. Dagegen heben sich Medea (Gabriele Drechsel)
und ihre Dienerin Gora (Margit Schulte-Tigges) durch Kleider ab, die
deutlich an einfache Frauen im ländlichen Griechenland oder der
Türkei erinnern. Damit sind die Bezüge zur derzeitigen
Diskussion eindeutig hergestellt.
Das Bühnenbild besteht
während der gesamten Dauer lediglich aus dem Asylantencontainer
und dem einen oder anderen billigen Plastikstuhl oder Sessel, wie man
sie an solchen Orten findet. Damit verdichtet sich die Inszenierung zu
einem unaufhaltsamen Sturz in die Katastrophe, dessen Zwanghaftigkeit
man von Szene zu Szene verfolgen kann. Die Beteiligten stehen bereits
am Anfang auf ihren Standpunkten, und der Druck der Vorurteile und
Ängste verhindert jegliche rationale Auseinandersetzung mit der
Situation. Auch wenn Kreon kurzfristig Jason und Medea gemeinschaftlich
Schutz zusagt, wartet er nur auf die Gelegenheit, Medea loszuwerden,
und findet sie schließlich in dem Bericht des Herolds (Tino
Lindenberg), der die Mordanklage auis Jasons Heimatstadt
überbringt. Jason selbst nimmt diese Anklage ebenfalls dankbar als
Anlass, sich endgültig und guten Gewissens von Medea loszusagen,
was diese endgültig in die Verzweiflung treibt, nachdem sie noch
einmal versucht hat, sich Jason auf emotionalem, fast erotischem Wege
zu nähern. Die Dienerin Gora dient in Grillparzers Version als
Kassandra, die das Ende bereits voraussieht, wenn auch nicht in seiner
blutigen Form, Medea vor dem Verräter Jasaon warnt und ihr falsche
Hoffnungen austreibt. Im Gegensatz zu den positiven Dienstbotentypen
aus anderen literarischen Werken dieser Zeit ist sie die Zynikerin, die
das Treiben der Mächtigen längst durchschaut hat. Den Mord an den Kindern
inszeniert Helle besonders effektvoll. Unmittelbar vorher lässt er
Gabriele Drechsel langsam auf hochhackigen Schuhen den Container
umkreisen. Das eintönige Klacken der Absätze steht für
die systematische Abtötung der mütterlichen
Beschützerreflexe, die für die ungeheure Tat erforderlich
ist. Statt blutige Hände oder gar den Vorgang des Tötens -
ansatzweise - zu zeigen, lässt er Medea ohne Schuhe leise den
Container betreten, diesen dann unter lauter Musik auf der Bühne
drehen, in fahlem, kalten Grün anstrahlen und dazu Disco-Nebel aus
den Seitenwänden quellen. Ob letzterer zuviel des Guten ist,
darüber lässt sich streiten, doch die Dramatik und
"Obszönität" der Situation kommt durch diese Anordnung
überzeugend zum Ausdruck. Nach dem Mord kommt Medea aus dem
Container und zündet sich in scheinbarer Ruhe eine Zigarette an.
Man sieht ihr jedoch an, dass diese vermeintliche Kaltblütigkeit
nur aus Erstarrung und Traumatisierung besteht. Angesichts dieser eindringlichen
Darstellung kommen fast automatisch Erinnerungen an Zeitungsartikel
über Väter oder Mütter hoch, die ihre Kinder aus
Verzweiflung, Abstiegsangst oder Rache am Partner getötet
haben. Der Medea-Mythos liegt näher als so mancher glauben mag.
Das Ensemble glänzt
durchgehend mit überzeugenden Leistungen. Allen voran ist Gabriele
Drechsel zu nennen, die wieder einmal ihre bewundernswerte
Ausdrucksbreite zeigt. Sowohl der emotionale Ausbruch bis zur heulenden
Verzweiflung als auch die schneidende Kälte gegenüber dem
Verrat Jasons, die bittere Eifersucht gegenüber der Rivalin Kreusa
oder das verzweifelte Betteln um die Liebe ihrer Kinder wirken bei ihr
jederzeit glaubwürdig und authentisch, sodass der Zuschauer jede
Minute mit dieser gedemütigten und entwürdigten Frau
mitleidet. Ihr galt dann zum Schluss auch der stärkste Beifall.
Uwe Zerwer ist ihr als Jason ein ebenbürtiger Partner. Er bringt
die Frustration und das verletzte Selbstbewusstsein des zur
Untätigkeit und Machtlosigkeit verurteilten Mannes - Arbeitsloser!
- auf realistische und nachvollziehbare Art zum Ausdruck, kann dann
aber plötzlich auch den Machtmenschen herauskehren, wenn er
(Jason) sich von Kreon gedeckt sieht. Man kann sich diese beiden
durchaus als Asylanten-Ehepaar aus zwei Kulturkreisen vorstellen, wo
der Mann plötzlich die Chance sieht, sich der lästigen
Bürde der Frau zu entledigen und zu neuen Ufern aufzubrechen.
Loyalität und Treue war gestern. Uwe Zerwer haucht diesem
Ekelpaket aus Schwäche in geradezu erschreckender Weise Leben ein.
Weiterhin ist Margit Schulte-Tigges zu nennen, die der Rolle der
Dienerin Gora ein scharfes Profil verleiht, das zwischen
Schwarzseherei, Zynismus und Resignation changiert. Heinz Kloss spielt
einen stets beherrschten und "zielorientierten" Politiker-König
Kreon, der sich keinem politischen Risiko aussetzen will, und Christina
Kühnreich verleiht der Kreusa eine hinterhältigen
Bescheidenheit, die sich ihres Sieges bewusst ist. Bleiben noch die beiden kleinen
Buben und späteren Opfer (Leonard Kunder und Matthias Pitton) zu
nennen, die sich erstaunlich gut bewähren und sogar ihre kleinen
Sprechrollen souverän absolvieren. Das Publikum zeigte sich nach
dem Schlussbild derart betroffen, dass der Schlussbeifall erst
verzögert und dann verhalten einsetzte. Nach einigen Minuten
steigerte er sich jedoch deutlich und wartete sogar mit einigen
Bravo-Rufen für Gabriele Drechsel auf. Weitere
Aufführungen
finden am 26. September sowie am 2., 9. und 22.
Oktober statt. Frank Raudszus |
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