Gediegenes Programm bedachtsam serviert

Oktober 2010

















































































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Das 2. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt wartet mit unspektakulären Werken von Brahms, Berg und Schubert auf




Es muss auch solche Sinfoniekonzerte geben: die sich durch kein Erfolgsstück, keinen "Gassenhauer" auszeichnen, sondern sogenannte "Zweitwerke" mit anderen, weniger strahlenden als entsagenden Kompositionen verbinden. Den Verzicht auf die emotionale Aufheizung des Publikums kompensiert dabei die Tatsache, dass auch die weniger bekannten und gespielten Werke ihr Recht erfahren.

Im 2. Sinfoniekonzert der Saison spielten Johannes Brahms' "Haydn-Variationen" und Franz Schuberts 6. Sinfonie, die "kleine C-Dur-Sinfonie" die Rolle der Zweitbesetzung, dazwischen übernahm Alban Bergs den schwermütigen, weltabgewandten Part. Als Gastdirigent trat an diesem Abend Wolf-Dieter Hauschild ans Pult, der bereits im Jahr 1963 im Alter von 26 Jahren Chefdirigent in Frankfurt/Oder wurde und seitdem beeindruckende Zahl entsprechender Positionen besetzt.

Dirigent Wolf-Dieter Hauschild
Dirigent Wolf-Dieter Hauschild

Die "Haydn-Variationen", op. 56a, aus dem Jahr 1874 stehen zumindest posthum unter einem unglücklichen Zeichen, denn in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts schälte sich der starke und nie widerlegte Verdacht heraus, das besagte Thema stamme eigentlich gar nicht von Haydn sondern von einem Nachfahren. Das hat natürlich überhaupt nichts mit der Qualität der Musik von Brahms zu tun, verleiht ihr jedoch einen ungewollt-ironischen Beigeschmack. Brahms hat diesen Variationensatz noch vor seiner späten Sinfoniker-Karriere komponiert, und man ahnt anhand dieser Musik bisweilen, warum er so lange mit seinen Sinfonien gezögert hat: seine Ehrfurcht vor Beethoven ließ ihm bei den Sinfonien zögern, und der Musikstil seines Idols schlug sich unverkennbar in den vor-sinfonischen Werken nieder. In den Haydn-Variationen geht Brahms von dem "Chorale St. Antoni" aus, der aus seiner damaligen Sicht aus Joseph Haydns Feder stammte. Nach der Vorstellung des liedhaften Themas variiert er es acht Mal in allen erdenklichen Instrumentenkonstellationen und harmonisch-rhythmischen Verbindungen. Geradezu systematisch geht er diese Aufgabe an, und bei jeder neuen Variation erkennt man die analytische, ordnende Hand des Kompositeurs. Brahms' hervorragende Kenntnis des orchestralen Klangkörpers lässt dabei jede Abwandlung des Themas zu einem Werk "sui generis" werden, und das abschließende Finale führt noch einmal zum nahezu unverfälschten Thema des Anfangs zurück. Dabei verzichtet Brahms auf ausgesprochen expressive Ausbrüche und bleibt stets im Duktus einer fast majestätisch dahinfließenden Musik, die eher melancholisch stimmt als zum Aufbruch ruft. Beethoven hört man zwar zwischendurch in einzelnen Instrumentierungen und Phrasen heraus, das Absolute, Vorwärtsdrängende des großen Vorbild findet man hier jedoch nicht und wird es auch in den späteren Sinfonien nicht finden. Wolf-Dieter Hauschild folgte diesem Ansatz der Musik und mäßigte das Tempo, suchte keine Ecken und Kanten sondern zeigte dem Publikum einen Brahms, dem der Schatten Beethovens eher das Licht für ein wirklich befreites Komponieren nahm.

Violin-Solistin Isabelle van Keulen
Violin-Solistin Isabelle van Keulen

Alban Bergs Violinkonzert entstand 1935 auf die Anregung eines amerikanischen Geigers und erhielt den letzten kreativen Schub durch den Tod der erst 18jährigen Manon Gropius, der Tochter von Walter Gropius und Alma Mahler-Werfel. Der Untertitel "Dem Andenken eines Engels" spricht Bände und weist deutlich auf den Tenor des Violinkonzerts hin. Das zweisätzige Werk bewegt sich überwiegend in den langsamen Tempi Andante und Adagio, die ein kurzes Allegretto/Allegro einrahmen. Der erste Satz beschreibt das kurze Leben der achtzehnjährig gestorbenen Manon, während sich der zweite hauptsächlich dem Tod und der Verklärung widmet. Kennzeichnend für das Violinkonzert ist die Anlehnung an die Zwölftonmusik, und Alban Berg verschachtelte mit dieser Technik mehrere klassische Harmonie-Elemente. Berg wendet das Konzept der Zwölftonmusik, nach deren strengen Regeln ein Ton erst nach dem Erklingen aller anderen elf Töne erneut erscheinen darf, auf die gesamte Komposition an. Das wirkt sich insofern aus, als man keine wiederkehrenden Themen wie in der Klassik oder - eingeschränkt - noch in der Romantik vorfindet. Der melodische Bogen setzt sich stetig fort, kennt keine Wiederholungen oder Variationen, sondern hängt unterschiedliche wenn auch ähnliche Motive aneinander. Das erfordert beim Zuhörer höchste Konzentration, weil keine Wiedererkennungseffekte das Werk strukturieren. Wie ein permanent sich im Fluss ändernder Strom pflanzt sich die Musik fort, ohne bei einem besonderen Moment zu verweilen und ihn auszuschmücken.
Die niederländische Geigerin Isabelle van Keulen interpretierte diese zarte und schwermütige Musik mit einem äußerst feinen Gespür für die Emotionen und Assoziationen anlässlich des Todes eines jungen, früh gereiften Mädchens. Vor allem den Ausklang des zweiten Satzes zelebrierte sie geradezu als einen Abgesang auf das Leben. Kaum hörbar war der letzte Geigenstrich und dennoch spürbar. Das Orchester gab ihr den Raum, um noch ihre zartesten Zöne zu Gehör zu bringen.

Nach dieser schweren, endzeitlichen Kost war eine gewisse Aufmunterung für das Publikum wahrlich vonnöten. Dazu diente nicht nur die Pause, sondern vor allem anschließend Schuberts 6. Sinfonie. Wer im Zusammenhang mit Franz Schubert von Sinfonien spricht, denkt meist an die "Neunte" (wird gern verwechselt mit Beethovens...), auch die "Große C-Dur-Sinfonie" genannt, und natürlich die berühmte "Achte" (oder "Siebente"?), im musikalischen Volksmund unter dem Titel "Die Unvollendete" bekannt. Die 5. und 6. Sinfonie führen im Konzertrepertoire zwar kein Schattendasein, kommen jedoch wesentlich seltener zu Gehör als ihre Nachfolger. Wenn man an diesem Abend genau hinhörte, wurde auch klar, woran das liegt. Die "Sechste" kommt ohne große Überraschungen oder gewagte Konstruktionen daher, sie ist sinfonische "Gebrauchsmusik", so wie sie Joseph Haydn in seinen ersten fünfzig Sinfonien lieferte. Schubert hat sie wohl auch zu diesem Zweck geschrieben, das heißt für einen privaten Kreis von Musikern, die entsprechendes Notenmaterial benötigten, das nicht zu ausgefallen und schwierig sein durfte. Die 6. Sinfonie kommt diesem Bedürfnis entgegen. Sie zeichnet sich durch einfache Strukturen aus und orientiert sich an volksliedartigen Themen und tänzerischen Rhythmen. An diesem Abend stachen die Bläser zeitweise etwas zu scharf aus dem Klangkörper des Orchester hervor und übten daher zeitweise einen etwas schrille Wirkung aus. Auch der tänzerische Charakter der mittleren Sätze hätte schwungvoller und frischer sein können. Die Interpretation der Sinfonie wirkte an diesem Abend ein wenig bieder.

Der Schlussapplaus fiel aus diesem Grunde zwar freundlich aber nicht überschwänglich aus. Das Publikum bedankte sich für einen unterhaltsamen Konzertabend, der jedoch nicht unbedingt zu den einprägsamsten der letzten Jahre gehörte.

Frank Raudszus


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