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Der
Tanz des TorEros |
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Mei Hong Lin inszeniert in Darmstadt Bizets Oper "Carmen" | ||||
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Schon während der
Ouvertüre wird das Konzept deutlich, denn zu deren schwungvoll
präsentierten Klängen öffnet sich der Vorhang und
lässt die Tanztruppe in einem bewegten Vorspiel auftreten. Das
Bühnenbild verzichtet auf folkloristische Elemente und zeigt in
der Mitte einen elliptischen, "selbstreferenziellen" Turm, der sofort
Assoziationen an das Portal des Staatstheaters weckt. Um diesen Turm
windet sich eine Rampe nach oben in den Bühnenhintergrund, und das
gesamte Ensemble ist in den hellen, fast weißen Farben spanischer
Häuser gehalten. Eine bühnenhohe Wand aus stilisierten
Fenstern schließt die rechte Bühnenseite ab und erstrahlt je
nach Szene in unterschiedlichen Farben. Später wird der helle Turm
zur nächtlich-düsteren Berglandschaft, und in der letzten
Szene erstrahlt das anfängliche Bühnenbild in unheilvollem
Blutrot. Auf der Rampe stürmt zu
Beginn die Tanztheatertruppe als Bevölkerung des Städtchens
hinab, verteilt sich auf der Bühne und stellt die Bewegungen der
flanierenden Menge nach. Mit dem Ende der Ouvertüre und dem Beginn
des ersten Aktes veschwinden die Tänzer - unter welcher Bezeichnung wir hier unter
bewusster Vermeidung der "korrekten" Doppelbezeichnung auch die Damen
subsumieren - und überlassen
dem Gesangspersonal das Feld. Im weiteren Verlauf des Abends werden die
Tänzer immer wieder die Szenen begleiten, so als nächtliche
Schmuggler an der nachgebildeten Felswand oder als Stierkämpfer
und Flamenco-Tänzerinnen. Die intensive Einbindung
tänzerischer Einlagen verleiht der Inszenierung nicht nur Schwung
und Bewegung, sie ergibt sich auch fast zwangsläufig aus dem
Stoff, denn Spanien ist bekannt für seine Tänze, allen voran
natürlich der Flamenco, aber auch der Sardana oder der Bolero.
Darüber hinaus ist der Stierkampf selbst eigentlich ein ritueller
Tanz des Toreros und seiner Helfer, der mit dem Tod des Stiers endet. Damit sind wir bei dem zweiten
Anknüpfungspunkt zwischen TanzTheater und Carmen-Inszenierung. So
wie der Stierkampf-Tanz stets mit dem Tod des Stiers (bisweilen auch
des Toreros) endet, steht auch am Ende der "Carmen" der Tod der
Titelfigur. Schaut man sich das Libretto näher an, so stellt sich
schnell heraus, dass dieser Tod nicht nur die melodramatische
Schlusspointe eines Beziehungsdramas ist, sondern dass dahinter eine
fast philosophische Erkenntnis steckt. Von Alters her haben Religion,
Mythos und Philosophie eine ambivalente Haltung zum Eros und der Frau
eingenommen. Immer wieder erscheint sie als die Verlockung, die den
Menschen (sprich "Mann") vom Wege der Tugend abbringt und ins
Unglück stürzt. Die Geschichte von Adam und Eva im Paradies,
der "Tannhäuser" und die Hexenverbrennungen im Mittelalter
sprechen davon ein deutliches Wort. Die patriarchalische Gesellschaft
entledigt sich mit dieser Stigmatisierung der Frau des eigenen
schlechten Gewissens über die Macht des Sexualtriebs und
zerstört das Objekt der Begierde statt diese zu besiegen.
So ergibt sich Carmens Tod am
Ende als folgerichtige Konsequenz aus ihrer zerstörerischen
Erotik, die sie bedenkenlos an den Männern auslässt. Alle
wollen sie, aber sie hält alle auf Abstand, was aus der Sicht der
Männer bereits das erste, ihren - der Männer - Stolz
kränkende Vergehen ist. Dann bringt sie Don José, der sie
im Gefängnis bewachen soll, nicht nur dazu, sie freizulassen,
sondern hält sich den nützlichen Polizisten durch vage
Versprechungen auch noch für andere Gelegenheiten warm. Auch heute
setzt man den Eros - allerdings professioneller - noch gerne für
die Gunst der Exekutive bei Geschäften aller Art ein. Erst als Don
José ihr zuliebe desertiert und zu den Schmugglern
übergelaufen ist, verliert er allen Nutzen für sie und damit
auch ihr Interesse. So gesehen könnte man die Oper auch "Carmen
muss sterben" nennen. Bizet fügt bezeichnenderweise die Szene der
Karrtenlegerinnen ein, in der die beiden Frauen sich selbst Liebe und
Reichtum prophezeien, Carmen jedoch den Tod. Natürlich kann man
diese Wahrsagerszene als folkloristisches Element aus dem
Zigeuner-Milieu betrachten, es bietet sich jedoch an, darin auch die
unbewusste Verdammung der gewissenlosen "femme fatale" zum Tode zu
sehen. Zumindest dürfte das Publikum zu Bizets Zeiten einer
solchen Interpretation im tiefsten Inneren zugestimmt haben. Dass sich Carmen in den Torero
Escamillo verliebt, ist offensichtlich auch von Bizet nicht als
emotionaler Erkenntnisfortschritt und als Ausbruch der "wahren" Liebe
gemeint, sondern lediglich als ein Wandern zur nächsten Station
eines unsteten erotischen Lebens. Escamillo ist bewusst derart
eindimensional angelegt, dass man sich bereits bei der ersten
Annäherung der beiden sicher ist, dass Carmen auch von ihm bald
gelangweilt sein wird. Er bietet ihr kurzfristig mehr Glanz und Status
als der arme Polizist und "nützliche Idiot" Don José. In
diesem Zusammenhang lohnt es sich, kurz bei der Frage zu verweilen,
warum sich Carmen nicht dem Offizier Zuniga zuwendet, der als Don
Josés Vorgesetzter über einen ganz anderen Status
verfügt. Durchaus hätte auch Zuniga die Rolle Escamillos
übernehmen können, doch dann wäre dem Opernkomponisten
Bizet die Zugnummer des Toreros abhanden gekommen und aus dem Ganzen
wäre ein Sozialdrama geworden. So musste er Zuniga durch derbe
Handgreiflichkeiten gegenüber Carmen, die ihn für die stolze
Zigeunerin zum Hassobjekt machen, als Konkurrent um ihre Gunst aus dem
Libretto schreiben. Mei Hong Lin hat das Libretto
energisch gekürzt und die Spieldauer auf zweieinhalb Stunden
verkürzt. Das kommt zwar dem Tempo der Inszenierung und der
Rezeptionsfähigkeit des Publikums durchaus entgegen, dient jedoch
nicht immer der Logik und Nachvollziehbarkeit der Handlung. So bleibt
aufgrund der gekürzten Dialoge unklar, warum Carmen eigentlich ins
Gefängnis gehen muss, da ihre Schuld nur angedeutet wird.
Darüber hinaus ist die Szene, in der Carmen ihren Bewacher Don
José zur Verletzung seiner Dienstpflichten und ihrer Befreiung
verführt, ebenfalls zu stark verkürzt, so dass sich der
Zuschauer nicht der Zwanghaftigkeit der Situation bewusst wird. Die -
bei Opernbesuchern - allgemein verbreitete Kenntnis des
"Carmen"-Stoffes sowie die allgemeine Lebenserfahrung erlauben zwar ein
unmittelbares Verständnis der Situation, doch ersetzen sie keine
zwingende psychologische Herleitung.
Erica Brookhyser (Carmen), Daniel Magdal
(José), Susanne Serfling (Micaëla)
Mei Hong Lin ist offensichtlich
nicht in erster Linie an einer psychologischen Ausdeutung der Personen,
allen voran Carmen, interessiert. Sie betrachtet die Handlung eher als
zweitrangig und konzentriert sich eher auf die Umsetzung der Musik in
Körpersprache. Dazu lässt sie ihre Tanztruppe in
verschiedenen Konstellationen und Kostümen auftreten, wobei sie
durchaus auch Humor beweist. So treten die männlichen Tänzer
unter anderem in langen roten Flamenco-Röcken und nackten
Oberkörpern auf und verwischen damit bewusst die
Geschlechtergrenzen. Was als "Gag" gedacht sein mag, wirft dabei
durchaus ein neues Licht auf die Inszenierung, da damit Carmens
erotische Ambivalenz unterschwellig
und
durchaus zu Recht auf die Männer übertragen wird. Mei Hong Lin hat erkannt, dass Bizets durchweg
stark rhythmisierte Musik zur tänzerischen Interpretation geradezu
herausfordert, und hat diese Erkenntnis konsequent umgesetzt. Das geht
jedoch nicht zu Lasten der Handlung, denn sie beschränkt die
Tanzeinlagen weitgehend auf die sowieso vorgesehenen Volks- oder
Gruppenszenen und integriert ihre Tänzer geschickt in die
Auftritte des Chors, der auch in dieser Inszenierung sowohl gesanglich
als auch darstellerisch wieder eine bemerkenswerte Leistung erbringt. Bei den Darstellern ist von viel
Licht doch auch von einigem Schatten zu berichten. Intendant John Dew
hatte vorher eine leichte Erkältung des Escamillo-Darstellers
Bastiaan Everink vermeldet und auf eine mögliche "fliegende
Umbesetzung" hingewiesen. Dieser Fall trat glücklicherweise nicht
ein, doch Everink blieb etwas gehemmt, da er offensichtlich seiner
Stimme nicht recht traute. Das führe zu einer etwas zu statischen
Interpretation dieser Rolle, wirkte sich jedoch insoweit nicht aus, als
Escamillo sowieso als eitler, etwas eindimensionaler Selbstdarsteller
angelegt ist, den man durchaus auch etwas steifer spielen kann. Als
Carmen trat in der Premiere Erica Brookhyser auf. Vom
Äußerlichen entspricht sie der Erwartungshaltung an diese
Figur, und stimmlich war sie an diesem Abend auch durchaus auf der
Höhe, doch bei der Interpretation der Figur hätte man sich
mehr gewünscht. Die Oper heißt nicht umsonst "Carmen" und
nicht "Liebesdrama in einer spanischen Kleinstadt". Carmen ist der
Dreh- und Angelpunkt der Handlung, auf sie schauen alle, Männer
wie Frauen. Die Männer sind verrückt nach ihr und liegen ihr
zu Füßen, die Frauen beneiden und hassen sie. Diese Rolle
stellt höchste Ansprüche an die Darstellerin, sie muss
überzeugend den Sog wiedergeben, den diese Frau auf ihre Umgebung
ausübt. Dazu gehören Laszivität, Kälte, Spott,
Herausforderung und Hochmut. All diese Eigenschaften brachte Erica
Brookhyser an diesem Abend etwas zu wenig auf die Bühne. Ihre
Carmen bleibt brav und geradezu lieb. Schon in der ersten Szene vor der
Zigarettenfabrik fasziniert und dominiert sie nicht die Menge vor der
Fabrik, sondern ist eine von mehreren Frauen. In der
Gefängnisszene fehlt die gesamte erotische Palette, mit der sie
Don José verführt, so dass nicht ganz klar wird, wieso der
arme Tropf so schnell umfällt. In der Nachtszene der Wahrsagung
fehlt ihrem ahnungsvollen Gesang über den drohenden Tod die
innerliche Erschütterung, der tiefe Schrecken über die
Prophezeiung. In der Abschlussszene schließlich kommt die stolze
Ergebung in den vorhergesagten Tod nicht mit der Konsequenz zum
Ausdruck, wie sie in der Szene angelegt ist. Vielleicht ist Erica
Brookhyser noch etwas zu jung, um diese äußerst komplexen
und unterschiedlichen psychischen Vorgänge darzustellen,
vielleicht hätte hier aber auch die Regie etwas mehr tun
können.
Andere sind darstellerisch
überzeugender. In erster Linie ist Susanne Serfling als
Micaëla zu nennen. Bei fast jedem Auftritt zeigt sie die gesamte
Ausdruckskraft ihrer Stimme, die sich in dieser Inszenierung auf die
lyrische Seite konzentriert. Auf beeindruckende Weise bringt sie das
Leiden der unglücklich in Don José verliebten Micaëla zum Ausruck, die ihre Zuneigung auf verschiedene Weise deutlich machen will,
aber an den Konventionen und an Don Josés verzweifelter Liebe zu
Carmen scheitert, und die ihm am Schluss auch noch vom Sterben seiner
Mutter berichten muss. Susanne Serflings Auftritte stellen - zumindest
bei der Premiere - die Höhepunkte dieser Inszenierung dar. Auch
Daniel Magdal überzeugt als Don José, vor allem in der
Schlussszene, wenn Don José verzweifelt und
überwältigt von Eifersucht Carmen zurückzugewinnen
versucht. Magdal zeigt nicht nur eine stimmlich starke Leistung sondern
beeindruckt auch darstellerisch als gedemütigter verschmähter
Liebhaber. Aki Hashimoto und Carolin
Neukamm füllen die Rollen der Frasquita und der
Mercédès mit viel Temperament und darstellerischem Witz
aus und heben sie damit aus dem Schattendasein der Nebenrolle auf
Augenhöhe zu den Hauptrollen. Thomas Mehnert gibt den Leutnant
Zuniga mit gewohnter Souveränität und glaubwürdiger
schauspielerischer Leistung. Sven Ehrke und Lucian Krasznec treten in
den Rollen von Dancaïro und Remendado auf. Das Orchester unter der Leitung
von Lukas Beikircher besticht durch hohe Präzision und
Spielfreude. Sorgfältig tariert Beikircher die verschiedenen
Klangfarben der einzelnen Instrumentengruppen aus, wobei immer wieder
die Brillanz der Bläser zum Vorschein kommt, die bei dem
spanischen Kolorit der Musik natürlich eine besondere Rolle
spielen. Auch der tänzerische Aspekt kam bei dieser Oper unter der
Gesamtleitung einer Tanzexpertin natürlich besonders zur Geltung,
auch und besonders im Orchestergraben. Das Publikum bedachte das
gesamte Beifall mit kräftigem Beifall, der für Susanne
Serfling geradezu begeistert ausfiel. Man hatte ihre besondere Leistung
an diesem Abend durchaus erkannt und honorierte ihn entsprechend. Auch
Mei Hong Lin und ihre Tanztruppe erhielten kräftigen Beifall, was
bedeutet, dass die Darmstädter Zuschauer die tänzerische
Interpretation dieser Oper zumindest am Premierenabend ohne
Einschränkungen akzeptierten. Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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