Leopold Blum im wilhelminischen Deutschland

Oktober 2010








































































































































































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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Georg Kaisers Stück "Von morgens bis mitternachts"




Georg Kaiser (1878-1945) erlebte als Erwachsener zwei Weltkriege, eine Hyperinflation, die schwerste Wirtschaftskrise der modernen Industriegesellschaft und ein zwölfjähriges Schreckensregime. Genug, um am Leben zu verzweifeln, möchte man meinen. Dennoch nimmt es Wunder, dass dieses Theaterstück noch vor dem Ersten Weltkrieg (1912) entstand, zu einer Zeit also, als die (Wilhelminische) Welt noch in Ordnung zu sein schien. Geradezu prophetisch nimmt Kaiser hier die Welt vorweg, wie sie sich zehn Jahre später in Deutschland darstellte, ohne wohl auch nur entfernt zu ahnen, was sich in diesen zehn Jahren tatsächlich ereignen würde.

Karin Klein (Dame), Hubert Schlemmer (1.Herr in der Bank), István Vincze (Laufjunge),Matthias Kleinert (Kassierer), Simon Köslich (Gehilfe)
Karin Klein (Dame), Hubert Schlemmer (1.Herr in der Bank), István Vincze (Laufjunge),Matthias Kleinert (Kassierer), Simon Köslich (Gehilfe)

Ein Bankkassierer ohne Namen - er könnte zum Beispiel Leopold Blum heißen - unterschlägt eines Tages einen erheblichen Betrag aus der Bankkasse und begibt sich auf eine eintägige Tour von der Provinzstadt W. zur Metropole B., um von diesem Geld endlich die Welt kennenzulernen und sich alle die Genüsse zu kaufen, von denen er in seinem langweiligen Angestelltenleben in der Stadt der Dichterfürsten nur geträumt hat. Von "morgens bis mitternachts" durchwandert er in knapp zwanzig Stunden das moderne Leben mit all seinen Versprechungen, Fälschungen und Enttäuschungen. Kenner der Literatur des 20. Jahrhunderts benötigen den fiktiven Namen dieser Figur nicht, um die Analogie zu einem der größten Romane des letzten Jahrhunderts zu erkennen. Dabei ist anzumerken, dass letzterer erst Jahre nach Kaisers Theaterstück entstand und im Rückblick fast wie desses epische Reinkarnation erscheint.

Die Handlung verläuft "eindimensional", das heißt, ohne dramatische Konflikte, Irrtümer und Auflösungen, und führt vom anfänglichen "Fehltritt" geradezu zwaangsläufig in die finale persönliche Katastrophe. Den Anlass zur Unterschlagung des Geldes bietet eine reiche Ausländerin, die einen hohen Betrag bei der Bank abheben will und des Kassierers Gier auf sie und die große Welt weckt. Als er mit dem Geld in seiner Tasche ins eheliche Heim zurückkehrt, weckt die abgestanden-kleinbürgerliche Idylle mit Ehefrau, Mutter und zwei Töchtern aufgrund der jetzt vorhandenen Alternative schlagartig seine Abscheu und veranlasst ihn, das Weite zu suchen. Sein Versuch, die besagte Dame als künftige Lebensgefährtin zu gewinnen, scheitert erwartungsgemäß kläglich, und er bleibt ratlos mit dem Geld in der Tasche zurück. Auf einem Friedhof führt er ein makaber-hellsichtiges Gespräch mit einem Skelett und reist dann in den Norden in die Großstadt B.. Dort besucht er das Sechstage-Rennen, setzt einen Preis aus und zieht diesen wieder zurück, als der anwesende Potentat (Anm.: Wilhelm II.) die Deutungshoheit über diesen Preis an sich ziehen will. Aus Enttäuschung sucht er Vergessen in den - sexuellen und alkoholischen - Freuden(?) eines Ballhauses, verlässt jedoch auch dieses enttäuscht, da sich dessen "Dienstleister" nicht für ihn sondern nur für sein Geld interessieren. Als ihn eine junge Frau zu einer Versammlung der Heilsarmee lockt, gesteht er dort sein Vergehen. Die von der jungen Frau daraufhin benachrichtigte Polizei lässt ihm schließlich keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.

Karin Klein (Dame), Matthias Kleinert (Kassierer)
Karin Klein (Dame), Matthias Kleinert (Kassierer)

Die Handlung ist von Anfang an auf eine kulturpessimistische Weise angelegt, die nur den Selbstmord zulässt. Kaisers Aussage lautet etwas vereinfacht, dass sich Zufriedenheit, Glück und andere Sehnsuchtsziele nicht mit Geld verwirklichen lassen. Das klingt natürlich aus der heutigen Rückschau geradezu trivial ("Geld macht nicht glücklich"), war aber zur Vorkriegszeit nicht so selbstverständlich, da es damals noch keine Massenmedien gab, die solche "Erkenntnisse" täglich bis in den letzten Winkel verbreiteten. Auch gab es in der damaligen "stabilen" Gesellschaft nicht den hohen Geldumschlag und den schnellen (Miss-)Erfolg wie heute. Die Dinge verliefen wesentlich langsamer und selbst ein wirtschaftlicher Niedergang dauerte üblicherweise eine Generation, zumindest aus der großbürgerlichen Perspektive ("Buddenbrooks"). Die Kurzfrist-Katastrophen standen noch in den Startlöchern. Von daher war die verdichtete Darstellung der erfolglosen Hatz auf das Glück mit Geld noch ein beeindruckendes Lehrstück und sprengte die Erwartungshaltung eines großbürgerlichen Theaterpublikums.

Natürlich kann man aus der Rückschau - analog zur Deutung des Untergangs der "Titanic" - die falsche Fetischisierung des Geldes und ihren tödlichen Ausgang auch als Metapher für die Epoche betrachten, denn diese endete nach Jahrzehnten des technischen Fortschritts und des zunehmenden Wohlstandes in einen selbstmörderischen Weltkrieg, den einige der beteiligten Länder aus larmoyanter Langeweile, Großmachtphantasien oder Rachegedanken geradezu mit Inbrunst herbeigesehnt hatten. Da Georg Kaiser diese Deutung aber vor der Katastrophe nicht beabsichtigen konnte, wollen wir sie der Nachwelt überlassen. Doch bei ihm kommt bereits ein anderer dramaturgischer Effekt zum Tragen, der sich eigentlich erst nach dem Ersten Weltkrieg durchsetzte. Der Krieg hatte alle Gewissheiten, Konventionen und moralischen Maßstäbe buchstäblich vernichtet. Nach Verdun war die Verherrlichung des Krieges endgültig vorbei, die Kriegsgewinnler hatten das Vertrauen in die gesellschaftliche Solidarität ausgelöscht, und das schmähliche Versagen der Monarchie hatte zuletzt auch die Bastionen des Obrigkeitsstaates geschleift. Nun galt, das alles möglich sei, es nur darauf ankomme, nicht erwischt zu werden, oder bei Champagner und Wollust unterzugehen. In einer solchen Welt verkommt menschliche Kommunikation zu schrillen Schreien des Individuums, das sich vor dem Ende noch einmal Gehör und einen möglichst weiten Platz für die finale Selbstinszenierung verschaffen will. So stellen sich auch die Dialoge in Kaisers Stück dar. Sie verzichten durchweg auf die Entwicklung einer sinnhaften Aussage und beziehen sich auch nicht auf unstrittige Wertvorstellungen. Jeder redet für sich, ganz dem Augenblick und den eigenen Wunschvorstellungen hingegeben. Der Duktus der Sprache ist seltsam realitätsabgewandt und kennzeichnet damit die Isolation und die existentielle Enttäuschung über das wahre Wesen der Welt. Dialoge gerinnen zum Austausch von Sarkasmen oder gar Zynismen im Stil wechselseitiger Monologe, die Wortwahl vermeidet peinlich jegliche emotionale Selbstentbößung. Liebe wird zur handelbaren Ware wie Sekt, Treue ist nur eine Frage des Betrages und solidarische Bindung an eine abstrakte Gemeinschaft - Familie, Firma, Staat - ist eine bloße Chimäre.

Dagmar Poppy (Tochter), Matthias Kleinert (Kassierer), Sonja Mustoff (Mutter), Anne Hoffmann (Tochter), Karin Klein (Frau)
Dagmar Poppy (Tochter), Matthias Kleinert (Kassierer), Sonja Mustoff (Mutter), Anne Hoffmann (Tochter), Karin Klein (Frau)

Angesichts der derzeitigen gesellschaftlichen Situation nach einer großen Wirtschaftskrise, des zunehmenden Zerfalls der Volksparteien und ihrer Milieus sowie eines unübersehbaren Anwachsens regionaler oder gar lokaler Empörungskulturen weist Kaisers Stück eine erschreckende Aktualität auf. Der bei Kaiser etwas biedere Bank-Kassierer lässt sich leicht übersetzen in einen Investment-Banker von Lehman Brothers oder der HRE-Bank. Ballhaus und Sechstage-Rennen stehen für eine fast perfektionierte und allgegenwärtige Vergnügungsindustrie (außer dem Theater natürlich!) sowie für heutige Gladiatorenspiele wie Fußball oder die Formel 1. Sex zählte natürlich schon immer....

Regisseur Axel Richter spielt Frank Casdorf in Darmstadt. Seine Bühne besteht zu Anfang aus einem kleinen Guckkasten, der wie die berühmten Container der Berliner Volksbühne aussieht. Richter lässt die lange Anfangsszene auf einem roten Doppelbett spielen, das nacheinander den Bankschalter und das eheliche Heim des Kassierers darstellt. Im letzteren Fall ist das Bett insofern verständlich, als "morgens" meist im Bett (beim Aufwachen) stattfindet. Die Übertragung auf den Bankschalter, der dem Bett ja vorausgeht, leuchtet da schon etwas weniger ein. Die Enge, in der die Darsteller anfangs agieren, kann man als den beruflichen Druck interpretieren, der auf allen Angestellten einer Bank (oder generell einer Firma) lastet. Dagegen erscheint die Verbindungslinie von [dem Verdienst in] der Bank zum [Lotter-}Bett doch etwas weit hergeholt und dürfte auch nicht so gemeint gewesen sein. Auch die familiäre Szene spielt noch in dem Guckkasten und kennzeichnet so die Enge des Kassiererlebens. Wenn er sich dann durch die Decke dieses "Käfigs" aus den familiären Banden befreit, öffnet sich auch bald die Bühne zur Weite des vermeintlich richtigen Lebens, in das der nun Betuchte hinausgeht.

Das Sechstagerennen inszeniert Richter recht realistisch mit echten Radfahrern auf Standrädern und mit heuigen Trikots (auf Beispiele der Aufdrucke verzichten wir wegen Schleichwerbung): Von den Rängen der etwas schäbigen Sportpalast-Ränge schreien die Ausrufer ihre Ankündigungen, im Hintergrund dudelt unentwegt der Sportpalastwalzer. Das Ballhaus ist bei Richter ein SM-Club mit einschlägig knapp gekleideten (und teilweise recht ansehnlichen) Animierdamen und Transvestiten, der Kellner trägt als Lederfetischist entsprechende Hosen und eine Ganzkopfmaske. Auch zwei Dominas mit Peitschen lässt der Kassierer antreten, kann sich jedoch an ihrem Programm wie an dem ganzen Haus nicht erwärmen, da er bald entdeckt, dass es sich hier um eine ausgefeilte kommerzielle Maschinerie handelt, deren Ziel nicht in der Erfüllung seiner Sehnsüchte sondern in der Maximierung des Profits besteht.

Matthias Kleinert (Kassierer)
Matthias Kleinert (Kassierer)

Die Heilsarmee wird bei Richter zu einer Esoterik-Sekte, in der die Teilnehmer - offiziell freiwillig jedoch unter deutlichem Gruppendruck - öffentlich ihre Sünden eingestehen und damit vermeintlich ihre Seele retten. Die Gruppe nimmt sie daraufhin mit einem ritualisierten Gesang in ihre Mitte auf. Das Finale kommt dann recht martialisch daher, wenn nach dem Verrat des liebreizenden jungen Heilsarmee-Mädchens - als blonder Engel mit Flügeln an Halteseilen im Raum schwebend - die Polizei im schwarzen Kampfanzug und mit vorgehaltener Pistole auftaucht. Das plötzlich wieder auftauchende Skelett (der "Tod"!) wirft dem eingekesselten Kassierer eine Maschinenpistole zu, mit dem er erst die gesamte Sekte niedermäht und dann sich umbringt.

Die Darsteller machen aus dieser expressionistischen Farce das Bestmögliche. Das Fehlen lebensnaher und lebensvoller Charaktere zugunsten bewusst verfremdeter Stereotypen machen diese Aufgabe nicht leichter. Matthias Kleinert verleiht dem Kassierer die innere Überlegenheit und Unabhängigkeit dessen, der alle Brücken hinter sich abgebrochen und nichts mehr zu verlieren hat. Seine anfängliche Lebensgier schlägt schnell in Enttäuschung, dann in Sarkasmus und Zynismus um und endet schließlich in einer apotheotischen Höllenfahrt à la Don Giovanni. Neben ihm tritt Karin Klein in mehreren markanten Rollen auf - die italienische Dame mit mondänem Schliff und gutturaler Sprache, die Kassierer-Ehefrau als Heimchen mit Schürze und die Esoterik-Leiterin mit penetrantem Gutmenschen-Lächeln - und verleiht all diesen Figuren trotz einer gewollten Überzeichnung glaubwürdige und typische Züge. Sonja Musthoff gibt die Mutter und eine alternde Prostituierte, Anne Hoffmann das Heilsarmee-Mädchen und eine aufregende Animierdame im Ballhaus. Andreas Vögler, Simon Köslich, Gerd K. Wölfle, Hubert Schlemmer, Klaus Ziemann und Istvàn Vincze treten jeweils in drei bis vier wechselnden Rollen auf und vervollständigen so das Panoptikum skurriler, verzweifelter, beschädigter und korrupter Typen.

Das Publikum bedankte sich mit freundlichem Beifall, der für Matthias Kleinert zu Recht etwas stärker ausfiel. Dennoch wirkt Kaisers tragische Groteske trotz einer gewissen Aktualität zeitgebunden und den Gesetzen einer vergangenen Stilepoche - dem Expressionismus - verhaftet, so dass sie heute nur noch begrenzte Betroffenheit auszulösen vermag.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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