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Leopold
Blum im wilhelminischen Deutschland |
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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Georg Kaisers Stück "Von morgens bis mitternachts" | ||||
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Ein Bankkassierer ohne Namen -
er könnte zum Beispiel Leopold Blum heißen -
unterschlägt eines Tages einen erheblichen Betrag aus der
Bankkasse und begibt sich auf eine eintägige Tour von der
Provinzstadt W. zur Metropole B., um von diesem Geld endlich die Welt
kennenzulernen und sich alle die Genüsse zu kaufen, von denen er
in seinem langweiligen Angestelltenleben in der Stadt der
Dichterfürsten nur geträumt hat. Von "morgens bis
mitternachts" durchwandert er in knapp zwanzig Stunden das moderne
Leben mit all seinen Versprechungen, Fälschungen und
Enttäuschungen. Kenner der Literatur des 20. Jahrhunderts
benötigen den fiktiven Namen dieser Figur nicht, um die Analogie
zu einem der größten Romane des letzten Jahrhunderts zu
erkennen. Dabei ist anzumerken, dass letzterer erst Jahre nach Kaisers
Theaterstück entstand und im Rückblick fast wie desses
epische Reinkarnation erscheint. Die Handlung verläuft
"eindimensional", das heißt, ohne dramatische Konflikte,
Irrtümer und Auflösungen, und führt vom
anfänglichen "Fehltritt" geradezu zwaangsläufig in die finale
persönliche Katastrophe. Den Anlass zur Unterschlagung des Geldes
bietet eine reiche Ausländerin, die einen hohen Betrag bei der
Bank abheben will und des Kassierers Gier auf sie und die große
Welt weckt. Als er mit dem Geld in seiner Tasche ins eheliche Heim
zurückkehrt, weckt die abgestanden-kleinbürgerliche Idylle
mit Ehefrau, Mutter und zwei Töchtern aufgrund der jetzt vorhandenen Alternative schlagartig seine Abscheu und veranlasst ihn,
das Weite zu suchen. Sein Versuch, die besagte Dame als künftige
Lebensgefährtin zu gewinnen, scheitert erwartungsgemäß
kläglich, und er bleibt ratlos mit dem Geld in der Tasche
zurück. Auf einem Friedhof führt er ein makaber-hellsichtiges
Gespräch mit einem Skelett und reist dann in den Norden in die
Großstadt B.. Dort besucht er das Sechstage-Rennen, setzt einen
Preis aus und zieht diesen wieder zurück, als der anwesende
Potentat (Anm.: Wilhelm II.) die Deutungshoheit über diesen Preis
an sich ziehen will. Aus Enttäuschung sucht er Vergessen in den -
sexuellen und alkoholischen - Freuden(?) eines Ballhauses,
verlässt jedoch auch dieses enttäuscht, da sich dessen
"Dienstleister" nicht für ihn sondern nur für sein Geld
interessieren. Als ihn eine junge Frau zu einer Versammlung der
Heilsarmee lockt, gesteht er dort sein Vergehen. Die von der jungen
Frau daraufhin benachrichtigte Polizei lässt ihm schließlich
keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.
Die Handlung ist von Anfang an
auf eine kulturpessimistische Weise angelegt, die nur den Selbstmord
zulässt. Kaisers Aussage lautet etwas vereinfacht, dass sich
Zufriedenheit, Glück und andere Sehnsuchtsziele nicht mit Geld
verwirklichen lassen. Das klingt natürlich aus der heutigen
Rückschau geradezu trivial ("Geld macht nicht glücklich"),
war aber zur Vorkriegszeit nicht so selbstverständlich, da es
damals noch keine Massenmedien gab, die solche "Erkenntnisse"
täglich bis in den letzten Winkel verbreiteten. Auch gab es in der damaligen
"stabilen"
Gesellschaft nicht den hohen Geldumschlag und den schnellen
(Miss-)Erfolg wie heute. Die Dinge verliefen wesentlich langsamer und
selbst ein wirtschaftlicher Niedergang dauerte üblicherweise eine
Generation, zumindest aus der großbürgerlichen Perspektive
("Buddenbrooks"). Die Kurzfrist-Katastrophen standen noch in den
Startlöchern. Von daher war die verdichtete Darstellung der
erfolglosen Hatz auf das Glück mit Geld noch ein beeindruckendes
Lehrstück und sprengte die Erwartungshaltung eines
großbürgerlichen Theaterpublikums. Natürlich kann man aus der
Rückschau - analog zur Deutung des Untergangs der "Titanic" - die
falsche Fetischisierung des Geldes und ihren tödlichen Ausgang
auch als Metapher für die Epoche betrachten, denn diese endete
nach Jahrzehnten des technischen Fortschritts und des zunehmenden
Wohlstandes in einen selbstmörderischen Weltkrieg, den einige der
beteiligten Länder aus larmoyanter Langeweile,
Großmachtphantasien oder Rachegedanken geradezu mit Inbrunst
herbeigesehnt hatten. Da Georg Kaiser diese Deutung aber vor der
Katastrophe nicht beabsichtigen konnte, wollen wir sie der Nachwelt
überlassen. Doch bei ihm kommt bereits ein anderer dramaturgischer
Effekt zum Tragen, der sich eigentlich erst nach dem Ersten Weltkrieg
durchsetzte. Der Krieg hatte alle Gewissheiten, Konventionen und
moralischen Maßstäbe buchstäblich vernichtet. Nach
Verdun war die Verherrlichung des Krieges endgültig vorbei, die
Kriegsgewinnler hatten das Vertrauen in die gesellschaftliche
Solidarität ausgelöscht, und das schmähliche Versagen
der Monarchie hatte zuletzt auch die Bastionen des Obrigkeitsstaates
geschleift. Nun galt, das alles möglich sei, es nur darauf
ankomme, nicht erwischt zu werden, oder bei Champagner und Wollust
unterzugehen. In einer solchen Welt verkommt menschliche Kommunikation
zu schrillen Schreien des Individuums, das sich vor dem Ende noch
einmal Gehör und einen möglichst weiten Platz für die
finale Selbstinszenierung verschaffen will. So stellen sich auch die
Dialoge in Kaisers Stück dar. Sie verzichten durchweg auf die
Entwicklung einer sinnhaften Aussage und beziehen sich auch nicht auf
unstrittige Wertvorstellungen. Jeder redet für sich, ganz dem
Augenblick und den eigenen Wunschvorstellungen hingegeben. Der Duktus
der Sprache ist seltsam realitätsabgewandt und kennzeichnet damit
die Isolation und die existentielle Enttäuschung über das
wahre Wesen der Welt. Dialoge gerinnen zum Austausch von Sarkasmen oder
gar Zynismen im Stil wechselseitiger Monologe, die Wortwahl vermeidet
peinlich jegliche emotionale Selbstentbößung. Liebe wird zur
handelbaren Ware wie Sekt, Treue ist nur eine Frage des Betrages und
solidarische Bindung an eine abstrakte Gemeinschaft - Familie, Firma,
Staat - ist eine bloße Chimäre.
Angesichts der derzeitigen
gesellschaftlichen Situation nach einer großen Wirtschaftskrise,
des zunehmenden Zerfalls der Volksparteien und ihrer Milieus sowie
eines unübersehbaren Anwachsens regionaler oder gar lokaler
Empörungskulturen weist Kaisers Stück eine erschreckende
Aktualität auf. Der bei Kaiser etwas biedere Bank-Kassierer
lässt sich leicht übersetzen in einen Investment-Banker von
Lehman Brothers oder der HRE-Bank. Ballhaus und Sechstage-Rennen stehen
für eine fast perfektionierte und allgegenwärtige
Vergnügungsindustrie (außer dem Theater natürlich!)
sowie für heutige Gladiatorenspiele wie Fußball oder die
Formel 1. Sex zählte natürlich schon immer.... Regisseur Axel Richter spielt
Frank Casdorf in Darmstadt. Seine Bühne besteht zu Anfang aus
einem kleinen Guckkasten, der wie die berühmten Container der
Berliner Volksbühne aussieht. Richter lässt die lange
Anfangsszene auf einem roten Doppelbett spielen, das nacheinander den
Bankschalter und das eheliche Heim des Kassierers darstellt. Im
letzteren Fall ist das Bett insofern verständlich, als "morgens"
meist im Bett (beim Aufwachen) stattfindet. Die Übertragung auf
den Bankschalter, der dem Bett ja vorausgeht, leuchtet da schon etwas
weniger ein. Die Enge, in der die Darsteller anfangs agieren, kann man
als den beruflichen Druck interpretieren, der auf allen Angestellten
einer Bank (oder generell einer Firma) lastet. Dagegen erscheint die
Verbindungslinie von [dem Verdienst in] der Bank zum [Lotter-}Bett doch
etwas weit hergeholt und dürfte auch nicht so gemeint gewesen
sein. Auch die familiäre Szene spielt noch in dem Guckkasten und
kennzeichnet so die Enge des Kassiererlebens. Wenn er sich dann durch
die Decke dieses "Käfigs" aus den familiären Banden befreit,
öffnet sich auch bald die Bühne zur Weite des vermeintlich
richtigen Lebens, in das der nun Betuchte hinausgeht. Das Sechstagerennen inszeniert
Richter recht realistisch mit echten Radfahrern auf Standrädern
und mit heuigen Trikots (auf Beispiele der Aufdrucke verzichten wir
wegen Schleichwerbung): Von den Rängen der etwas schäbigen
Sportpalast-Ränge schreien die Ausrufer ihre Ankündigungen,
im Hintergrund dudelt unentwegt der Sportpalastwalzer. Das Ballhaus ist
bei Richter ein SM-Club mit einschlägig knapp gekleideten (und
teilweise recht ansehnlichen) Animierdamen und Transvestiten, der
Kellner trägt als Lederfetischist entsprechende Hosen und eine
Ganzkopfmaske. Auch zwei Dominas mit Peitschen lässt der Kassierer
antreten, kann sich jedoch an ihrem Programm wie an dem ganzen Haus
nicht erwärmen, da er bald entdeckt, dass es sich hier um eine
ausgefeilte kommerzielle Maschinerie handelt, deren Ziel nicht in der
Erfüllung seiner Sehnsüchte sondern in der Maximierung des
Profits besteht.
Die Heilsarmee wird bei Richter
zu einer Esoterik-Sekte, in der die Teilnehmer - offiziell freiwillig
jedoch unter deutlichem Gruppendruck - öffentlich ihre Sünden
eingestehen und damit vermeintlich ihre Seele retten. Die Gruppe nimmt
sie daraufhin mit einem ritualisierten Gesang in ihre Mitte auf. Das
Finale kommt dann recht martialisch daher, wenn nach dem Verrat des
liebreizenden jungen Heilsarmee-Mädchens - als blonder Engel mit
Flügeln an Halteseilen im Raum schwebend - die Polizei im
schwarzen Kampfanzug und mit vorgehaltener Pistole auftaucht. Das
plötzlich wieder auftauchende Skelett (der "Tod"!) wirft dem
eingekesselten Kassierer eine Maschinenpistole zu, mit dem er erst die
gesamte Sekte niedermäht und dann sich umbringt. Die Darsteller machen aus dieser
expressionistischen Farce das Bestmögliche. Das Fehlen lebensnaher
und lebensvoller Charaktere zugunsten bewusst verfremdeter Stereotypen
machen diese Aufgabe nicht leichter. Matthias Kleinert verleiht dem
Kassierer die innere Überlegenheit und Unabhängigkeit dessen,
der alle Brücken hinter sich abgebrochen und nichts mehr zu
verlieren hat. Seine anfängliche Lebensgier schlägt schnell
in Enttäuschung, dann in Sarkasmus und Zynismus um und endet
schließlich in einer apotheotischen Höllenfahrt à la
Don Giovanni. Neben ihm tritt Karin Klein in mehreren markanten Rollen
auf - die italienische Dame mit mondänem Schliff und gutturaler
Sprache, die Kassierer-Ehefrau als Heimchen mit Schürze und die
Esoterik-Leiterin mit penetrantem Gutmenschen-Lächeln - und
verleiht all diesen Figuren trotz einer gewollten Überzeichnung
glaubwürdige und typische Züge. Sonja Musthoff gibt die
Mutter und eine alternde Prostituierte, Anne Hoffmann das
Heilsarmee-Mädchen und eine aufregende Animierdame im Ballhaus.
Andreas Vögler, Simon Köslich, Gerd K. Wölfle, Hubert
Schlemmer, Klaus Ziemann und Istvàn Vincze treten jeweils in
drei bis vier wechselnden Rollen auf und vervollständigen so das
Panoptikum skurriler, verzweifelter, beschädigter und korrupter
Typen. Das Publikum bedankte sich mit
freundlichem Beifall, der für Matthias Kleinert zu Recht etwas
stärker ausfiel. Dennoch wirkt
Kaisers tragische Groteske trotz einer gewissen Aktualität
zeitgebunden und den Gesetzen einer vergangenen Stilepoche - dem
Expressionismus - verhaftet, so dass sie heute nur
noch begrenzte Betroffenheit auszulösen vermag. Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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