Subtile Klangfülle und reizvolle Kontraste

November 2010






















































































































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Im 3. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt dirigiert Konstantin Trinks Mozart und Rihm




Bei flüchtiger Durchsicht des Programms dieses Konzerts mutete die Zusammensetzung nicht besonders ausgefallen an: drei Werke des "Klassikers par excellence" Wolfgang Amadeus Mozart und eins des modernen Klassikers Wolfgang(!) Rihm. Doch bei genauerem Hinsehen zeigten sich richtiggehende Delikatessen, die zu versäumen eine Sünde gewesen wäre. Dafür hatte sich GMD Constantin Trinks, der an diesem Abend selbst dirigierte, den Altus Matthas Rexroth verpflichtet. Doch der Reihe nach.

Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart

Zu Beginn präsentierte Trinks Mozarts Sinfonie Nr. 32 in G-Dur, KV 318. Das dreisätzige Werk, das zeitlich der wesentlich bekannteren "Pariser Sinfonie" nachgelagert ist, wirkt schlichter als diese und ist auch deutlich kürzer. Über den Hintergrund der Entstehung ist man sich heute nicht ganz im Klaren, Experten vermuten jedoch, dass es sich ursprünglich um die Ouvertüre zui der Oper "Zaïde" handelt. Die Zurordnung leuchtet insofern ein, als das Werk in seiner eher eingeschränkten Verarbeitung der einzelnen Themen mehr einer Ouvertüre gleicht denn einer Sinfonie und als solche nach der bereits erwähnten "Pariser Sinfonie" auch ein Rückschritt gewesen wäre. Und so bildete es denn auch die - ouvertürenhafte - Einleitung zu dem Konzertabend am 1. November. Wer genau hinhört, entdeckt bereits hier viele Motive, die Mozart in späteren Werken wieder aufnimmt und detaillierter ausarbeitet. Dabei geht es nicht nur um typische musikalische Floskeln und Verzierungen sondern um teilweise mehrtaktige Motive. Fast möchte man behaupten, Mozart habe diese Ouvertüre später als "Steinbruch" für weitere Sinfonien verwendet.

Constantin Trinks betrachtete diese Sinfonie jedoch nicht als bloße "Aufwärmung" für Orchester und Publikum, sondern formte die einzelnen Themen detailfreudig und mit viel Gespür für die einzelnen Motive und harmonischen Wirkungen. Das Orchester folgte seinen Anweisung mit hoher Aufmerksamkeit und überzeugte von Beginn an mit Präzision und Temperament.

Altus Matthias Rexroth
Anton Safronov

Der zweite Programmpunkt - auch Mozart - brachte dagegen etwas weitgehend Neues. Mozart erhielt 1771 im Alter von 15 Jahren den Auftrag, anlässlich einer Adelshochzeit die Oper "Ascanio in Alba" zu komponieren, was er in ganzen drei Wochen tat. Damals war es üblich, die männlichen Hauptrollen mit einem Altus oder gar einem Sopran zu besetzen, was Mozart auch übernahm. Leider ist die Orchesterpartitur bis auf die Bass-Stimmen, die damals für die Einstudierung der Zwischenballette benötigt wurden, verloren gegangen. Aus diesen und einigen sehr einfachen Klavierstücken von unbekannter Hand, die eben diese Zwischenmusik angeblich wiedergeben, hat der zeitgenössische Komponist Anton Safronov Mozarts Musik rekonstruiert, soweit das möglich ist. Er selbst übt sich in Bescheidenheit und weist darauf hin, dass niemand für sich in Anspruch nehmen könne, Mozart "nachzukomponieren", hat sich aber soweit möglich bemüht, den Duktus der Musik des damals Fünfzehnjährigen nachzuempfinden. Ob das gelungen ist, lässt sich natürlich nicht zweifelsfrei beurteilen, doch die daraus entstandene Musik ist in sich geschlossen und konsistent. Vor allem hat Safronov nicht versucht, seinem Ehrgeiz bezüglich Mozart-Nähe die Zügel schießen zu lassen, sondern sich nach dem Motto "weniger ist mehr" auf das Wesentliche beschränkt. Seine Zwischenmusiken sind in erster Linie tänzerische Stücke für das Ballet, in zweiter gefällige Musik des Rokokko, die - in dritter Linie - durchaus vom jungen Mozart sein könnte. Mehr kann man nicht erwarten.

Altus Matthias Rexroth
Altus Matthias Rexroth

Die zehn kurzen Zwischenmusiken sind nicht in ihrer Reihenfolge sondern nach musikalischen Aspekten aus der Sicht des Bearbeiters angeordnet. So erklingt das Allegretto 1. im zweiten Zwischenspiel und das Allegro 8 bereits im ersten. Vor und nach jedem dieser mehrsätzigen Zwischenspiele trägt der Altus eine Arie der Oper vor, ebenfalls nicht in der ursprünglichen szenischen Reihenfolge. Safronov geht es in erster Linie um den musikalischen Eindruck und nicht um die konzertante Wiedergabe der Oper. So ist die erste Arie "Cara, lontano ancora" zwar aus der 2. Szene des ersten Aktes und bildet in ihrer schwärmerischen Sehnsucht einen passenden Auftakt, zum Abschluss erklingt jedoch wieder eine Arie aus dem 1. Akt, nachdem die zweite Arie den dramatischen Höhepunkt der Handlung intoniert hat.

Matthias Rexroth überzeugte durch eine trotz der Altus-Lage kraftvolle Stimme, die sich vor allem in den hohen Lagen zu beeindruckender Fülle und Strahlkraft entfaltete. Dafür verlieh er den tieferen Passagen die Emotionen der Verzweiflung und Unsicherheit des Protagonisten. Obwohl die Barockopern, in dessen Tradition dieses Werk eindeutig steht, eher statuarische und "hohe" Gefühle zum Gegenstand haben, brachte Rexroth zusammen mit der Musik von Mozart/Safronov einen Zug unmittelbarer menschlicher Emotionen zum Ausdruck. Constantin Trinks sorgte dafür, dass das Orchester sowohl die Arien mit der gebotenen Zurückhaltung begleitete, die bei dieser Art der Opern üblich war, als auch die Zwischenmusiken mit einer Mischung aus naiver Heiterkeit und höfischer Unterhaltung präsentierte. Die Ausdruckskraft und Unbedingtheit des späteren Mozarts waren hier nicht gefragt. Das Publikum bedankte sich noch vor der Pause mit kräftigem Beifall bei Orchester und Solist für die gelungene Präsentation von Mozarts Opernfrühwerk.

Wolfgang Rihm (l.)
Wolfgang Rihm (l.)

Nach der Pause trat Matthias Rexroth noch einmal auf, nun mit Wolfgang Rihms "Ödipus auf Kolonos", das der Komponist nach den gleichnamigen Fragmenten von Hölderlin eigens für den Altus von Matthias Rexroth komponiert hat. Hölderlins Text schildert das Gespräch zwischen Ödipus und dem Wanderer am Kolonos sowie die Begrüßung durch den Chor. Hinter den vordergründig harmlosen Worten steht die Ausweglosigkeit des dem Menschen auferlegten Schicksals, das nicht zu begreifen sondern nur zu akzeptieren ist. In gewisser Weise korrespondiert dieser Text mit dem - leichteren - Stoff der frühen Oper, der sich ebenfalls auf die unerforschlichen und in diesem Falle glücklich ausgehenden Ratschlüsse der Götter bezieht. Wolfgang Rihm hat diesem Text eine erstaunlich tonale Musik unterlegt, in deren Mittelpunkt die Stimme des vrotragenden Altus steht. Das Orchester beschränkt sich auf begleitende Funktionen, wobei das Fehlen einer durchgängigen Metrik auffällt. Die Musik passt sich der Diktion der Sprache an, und der gesungene Text rezitiert den Text ohne jegliche Wiederholungen oder Melismen im Sinne einer "durchkomponierten" Oper. Textverständlichkeit - die hier gegeben ist - und Umsetzung des logischen Duktus' in Musik stehen im Vordergrund. Matthias Rexroth hatte dabei ein schwieriges Pensum zu absolvieren, das keine Pausen kennt und ein geschlossenes gesangliches Kontinuum darstellt. Er meisterte diese Aufgabe mit beeindruckender Konzentration, sehr guter Artikulation und überzeugender Interpretation des Textes.

Den Schlusspunkt dieses Konzertabends setzte Mozarts Sinfonie Nr. 39, KV 543, in Es-Dur. Sie bildet zusammen mit den Sinfonien Nr. 40 ("Große g-moll") und 41 ("Jupiter") die Trilogie der letzten Sinfonien und stellt eine der ausgereiftesten Kompositionen der Musikliteratur dar. Hört man diese Sinfonie oftmals als kraftvolle, fast heitere Interpretation, so endeckte Constantin Trinks ganz andere Facetten an ihr. Schon den einleitenden Akkord nimmt er etwas langsamer als üblich und ersetzt damit das Forsche, Erobernde durch eine verhaltene Geste. Im weiteren Verlauf des ausgesprochen langen Satzes (über 330 Takte) setzen sich trotz des Allegro-Tempos hintergründige, fast melancholische Klangbilder durch. Das Auftrumpfen versagt sich Constantin Trinks weitgehend, was nicht bedeutet, dass der Satz an Spannung verliert. Eher gewinnt er daran noch durch die Andeutung von Vergänglichkeit und Fragilität.
Der zweite Satz ("Andante con moto") unterstreicht diese Grundstimmung noch, die nicht lyrisch sondern entsagungsvoll daherkommt. Der Begriff "Schwanengesang", den dieser Sinfonie eine Zeit lang aus anderen Gründen trug, passt auf diesen zweiten Satz in der Interpretation von Constantin Trinks. Das Jenseitig-Entsagungsvolle erscheint jedoch nicht vordergründig und unüberhörbar sondern schimmert durch die scheinbar lyrischen Passagen dieses Satzes durch.
Das Menuett des dritten Satzes fügt sich ebenfalls in diesen Interpretationsstil ein. Das Lebendige, Tänzerische dieses Satzes wird eine Spur hin zu einer Karikatur verschoben, die das Lustige des Tanzes zweifelnd in Frage stellt.
Erst der letzte Satz mit seinem stürmischen Vorwärtsdrang bringt so etwas wie Befreiung, als habe sich Mozart dabei von den düsteren Gedanken an die Enttäuschungen des Lebens befreien wollen. Die Sinfonie endet nach zwei vorgetäuschten Schlussakkorden und einer Generalpause mit einer kurzen, fast abgebrochen wirkenden Sequenz, die man auch als Erwachen des Komponisten aus seinem Rausch der Befreiung deuten kann. Diese Interpretatiion von Mozarts Sinfonie Nr. 39 wirkte von Anfang bis Ende wie aus einem Guss, konsistent und in sich schlüssig, und öffnete eine neue Sicht auf das Werk. Hervorzuheben sind wieder einmal die Leistungen der Holz- und Blechbläser, die mit ihrem präzisen und doch weichen Ton hohen Anteil an der Gesamtwirkung hatten.

Das Publikum brauchte nach dem Schlussakkord einige Sekunden, bevor die ersten Beifallskundgebungen einsetzten. Dann jedoch zeigten sich die Zuhörer durchweg begeistert und bedankten sich mit langem Applaus. Als einen kleinen Gag und als besondere Geste überreichte Matthias Rexroth, der Solist des Abends, den obligatorischen Blumenstrauß persönlich an Constantin Trinks.

Frank Raudszus


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