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Hommage
an den Impressionismus |
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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Giacomo Puccinis Oper "La Bohème" | ||||
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In diese von Heinz Balthes
kreierte Szenerie setzt John Dew seine vier Künstler als Teil des
impressionistischen Gesamtbildes. José-Manuel Vasquez hat sie in
zeitgetreue Kostüme eingekleidet, und damit wird vom ersten
Augenblick klar, dass John Dew auf jegliche vordergründige
Aktualisierung verzichtet. Er versteht Texttreue konsequent als
Umsetzung der ursprünglichen Intention von Librettisten und
Komponist und lässt das Lebensgefühl der Künstler im
ausgehenden 19. Jahrhundert noch einmal aufleben. Dabei
überträgt er den impressionistischen Ansatz der Malerei auf
die Szenerie in Marcellos Atelier. So wie es den Malern dieser
Stilrichtung mehr um die jeweilige, hinter den Dingen schwebende
Atmosphäre ging, die sie mit Formen und Farben herausarbeiteten,
so kreiert auch John Dew die Atmosphäre des Ateliers und seiner
darbenden Bewohner aus den ganz auf das schnelle Bonmot angelegten
Dialogen der vier Künstler. Die spöttischen, sarkastischen,
provozierenden und scheinabgeklärten Bemerkungen sind dabei von
vonherein auf Verständlichkeit angelegt und haben den gleichen
Stellenwert wie die Musik. Denn hier geht es offensichtlich darum, den
Mikrokosmos der vier mehr oder minder verkrachten Existenzen
atmosphärisch zu beschreiben. Wenn Rodolfo aus nackter
Kältenot sein Drama im Ofen verheizt, ist das nicht nur ein Gag,
sondern der Akt gewinnt durch die pointierte Darbietung symbolische und
fast literarisch-philosophische Bedeutung: plötzlich tut sich ein
Abgrund zwischen der großen geistigen Geste und der nackten
Realität auf. Alle vier dürfen auf diese Weise ihre Nöte
zwischen "Kunst und Kohle" offenbaren, und da wirkt das plötzliche
Erscheinen des Vermieters Benoît wegen der ausstehenden Miete nur
als Bündelung all der Probleme und als Katalysator für die
weiteren Ereignisse. Auf diese Weise schaffen Regie und Bühnenbild
ein impressionistisches Gesamtwerk aus Bild und Spiel, bei dem es nicht
auf das exakte Detail sondern die Atmosphäre ankommt.
Dieses impressionistische
Konzept setzt sich im zweiten Satz fort, wenn das
Künstlerquartett, nun um Rodolfos Nachbarin und neue Liebe Mimi
erweitert, ins Café Momus einzieht. Auf der Bühnenrundwand
erscheint nun ein Nachtbild - des selben? - Boulevards, in dem die aus
der blauschwarzen Nacht hervorspringenden gelb-orangen Lichter der
Restaurants und Bars die Menschen aus dem Regen in die Wärme
locken. In diesem Akt kommt die Stunde des Chors, der in dieser
Inszenierung um einen Kinderchor erweitert wurde. Die Regie lässt
im Quartier Latin des nächtlichen Paris im wahrsten Sinne des
Wortes die Puppen tanzen. Die Menschen feiern hier ein spontanes
Volksfest, bei dem Zauberer und Spielzeugverkäufer immer wieder
die Kinder begeistern. Die Künstler schauen sich diesen
Mummenschanz eher amüsiert an, halten selbst aber wohlweisliche
Distanz zum einfachen Volk. Auch das wiederum eine mehr oder minder
subtile Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zwar ist
man arm, muss frieren und hat wenig zu essen und zu trinken, das
heißt jedoch noch lange nicht, dass man sich mit dem Volk gemein
macht. Die Träume handeln von künstlerischem und
gesellschaftlichem Erfolg und - natürlich - von den Frauen. Denn
letztere sind der wunde Punkt aller Künstler. Sie sehen sich in
der Geschlechterbeziehung als Opfer, denn die Frauen suchen ihrer
meinung nach Geld und Status und betrachten den Künstler
höchstens als temporären Liebhaber auf dem Weg zu einer
gesicherten bürgerichen Existenz. Diese Weltsicht spiegelt sich in
der Szene mit Musetta. Die ehemalige Freundin von Marcello erscheint
mit ihrem ältlichen Liebhaber, jedoch offensichtlich mit der
Absicht, Marcellos Eifersucht zu erwecken, was auch gelingt. Da es ihr
in dieser temperamentvollen und witzigen Szene gelingt, sowohl Marcello
zurückzugewinnen (obwohl sie ihn verlassen hat!) und ihren
Liebhaber mit der gesamten Wirtshausrechnung sitzen zu lassen,
bestätigt sie die manipulative Macht der Frauen und die
Abhängigkeit der Männer. Das vermeintliche "happy end" am
Ende dieses Aktes - Marcello mit Musetta und Rodolfo mit Mimi - steht
sichtbar auf tönernen Füßen. Szenisch deutet sich das
dadurch an, dass sich alle sechs dem Umzug des Volkes anschließen
und damit in gewisser Weise ihre bisher so hoch geschätzte
Autonomie aufgeben. Das kann natürlich nur schief gehen.
Auch der dritte Akt beginnt
wieder mit einem impressionistischen Gemälde, das sich in diesem
Fall sogar nahtlos auf der Bühne fortsetzt. Das Bild zeigt eine
verschneite Stadt mit braunen Fahrspuren, kahlen Bäumen und im
Schneetreiben schemenhaft erkennbaren Kutschen. Die von keinem
belaubten Baum mehr verdeckten Hausfassaden schauen trostlos vom Rand
des Gemäldes, und rechts im Vordergrund bilden zwei schwarze
Baumstümpfe und eine ebenso schwarze Laterne geradezu den Eingang
zum Totenreich. Dazu schwebt vom Bühnenbild (künstlicher)
Schnee auf den bereits weißen Bühnenboden, auf dem einsam
eine einzelne Bank steht. Zwei Polizisten schreiten mürrisch im
Hintergrund auf und ab. In dieser eiskalten Atmosphäre treffen
sich Mimi und Rodolfo noch einmal, nachdem er sich wegen ihre Krankheit
von ihr getrennt hat. Sein Argument, sein kaltes Zimmer sei ihrer
Gesundheit nicht zuträglich, klingt konstruiert. In Wirklichkeit
fühlt er sich ganz einfach der Situation nicht gewachsen. Die
durch eine Eifersuchtsszene zwischen Musetta und Marcello angereicherte
Aussprache zwischen den beiden Liebenden bekräftigt zwar ihre
Liebe, zeigt aber auch, dass dieser keine lange Dauer beschieden sein
wird. Die existenzielle Kälte des impressionistischen Bildes im
Hintergrund überträgt sich geradezu zwanghaft auf die
Handlung. In diesem Akt hängen Bühnenbild und Szene aufgrund
der sehr fokussierten Stimmung sogar noch enger zusammen als in den
vorhergehenden Akten. Der letzte Akt nimmt wieder das
Bühnenbild des ersten auf - wie in einem Kreislauf. Nur sind jetzt
die Farben mehr ausgeleuchtet, das Bild wirkt freundlicher als zu
Beginn, der Regen hat sich von einem November- in einen Aprilregen
verwandelt, und das bereits etwas blasse Grün der Herbstbäume
ist zu einem frischen Frühlingsgrün geworden. Hier
kontrastiert die Aufbruchstimmung des Bühnenbildes mit der
Handlung. In die melancholische Stimmung im Atelier - Marcello und
Rodolfo haben sich zwar von Musetta und Mimi getrennt, kommen aber
offensichtlich nur schwer darüber hinweg - platzen die beiden
Freunde Colline und Schaunard, um Rodolfo und Marcello abzulenken. Es
folgt eine wilde Feier, die den einzigen Zweck verfolgt, die schweren
Gedanken durch sinnlose Aktivitäten bis zum imitierten Duell zu
vertreiben. Erst als plötzlich Musetta in der Tür steht und
die todkrankle Musetta ankündigt, die Rodolfo noch einmal sehen
will, erwacht das Künstlerquartett und erkennt den Ernst der Lage.
Zwar ist jetzt jeder bereit, sein letztes Hab und Gut für die
sterbende Mimi zu opfern, doch es ist zu spät. Sie stirbt, als die
Medizin naht. Nur der ersehnte Muff für die eiskalten Hände
kommt rechtzeitig und erleichtert ihr die letzten Minuten. Der Vorhang
schließt sich exakt mit dem letzten leisen Akkord des Orchesters. In dieser bewusst
konventionellen aber runden und berührenden Inszenierung
glänzt das Ensemble mit überzeugenden Leistungen. Susanne
Serfling steigert sich im Laufe des Abends von der schüchternen
jungen Frau, die nur um Licht für ihre Kerze bittet, über die
große Liebende und verzweifelte Verlassene bis zur entsagenden
(und glücklichen) Sterbenden. Sie zeigt ihre größten
Stärken wieder einmal in den hier vorherrschenden lyrischen
Szenen. Margaret Rose Koenn setzt als Musetta den Kontrast auf
Augenhöhe, indem sie die temperamentvolle und machtbewusste Seite
der Weiblichkeit betont. Allein diese beiden Frauen beherrschen
bisweilen alleine die Bühne, sowohl stimmlich als auch
darstellerisch. Bei den Männern überzeugt neben Gaston Rivero
als Rodolfo vor allem Oleksandr Prytolyuk in der Rolle des Marcello.
Beide bestechen durch ihre stimmliche Präsenz und
Variabilität sowie ihre darstellerische Fähigkeiten. Nicht
umsonst sind sie in vielen Szenen gemeinsam vertreten. Dagegen fallen
David Pichlmaier als Schaunard und John in Eichen zwar nicht unbedingt
ab, doch sie haben in ihren Rollen auch nicht die gleichen
Möglichkeiten, sich in gleichem Maße zu profilieren. Sie
fügen sich jedoch sowohl gesanglich als auch schauspielerisch sehr
gut in das Quartett ein und verleihen ihren jeweiligen Rollen ein
eigenständiges Profil. Lasse Penttinen im
Märchenkostüm spielt den
Spielzeughändler Parpignal im zweiten Akt mit viel Temperament und
Witz, und Monte Jaffe - der auch den Tevje in "Anatevka" spielt - tritt gleich in zwei
Rollen als Musettas ältlicher Lieberhaber und als Vermieter
Benoît auf.
Der Einsatz des Chors
beschränkt sich in dieser Inszenierung auf den zweiten Akt, dort
hat er jedoch einen Dauereinsatz mit viel Bewegung und
unterschiedlichen Gesangseinlagen zu bestehen. Wie immer bewältigt
er die diese Ausgabe unter der Leitung von André Weiß mit
viel Engagement und Präzision. Das Orchester, dirigiert von Martin
Lukas Meister, überzeugt vor allem durch die lineare und
transparente Stimmführung. Oftmals nimmt die Musik
kammermusikalische Züge an, wenn die Befindlichkeiten und
Emotionen der Protagonisten auf der Bühne durch einzelne
Instrumene - Klarinette, Horn, Oboe oder welche Tonlage gerade gefragt
sind - widergespiegelt wird. Dabei kommt auch die für die damalige
Zeit moderne Tonalität - Brahms lebte bei der Uraufführung
noch! - deutlich zum Ausdruck, die sich sowohl in der Art der
Melodieführung als auch in den Harmonien niederschlägt. Diese
Modernität geht jedoch nie auf Kosten der lyrischen Grundstimmung,
die in den großen Arien geradezu zeitlos anmutet. Das Orchester
hatte großen Anteil an der Geschlossenheit der Inszenierung,
schuf es doch einen musikalischen Rahmen, der dem Geschehen auf der
Bühne aufs engste folgte, ohne dieses zu dominieren. Das Publikum zeigte sich
begeistert von dieser gelungenen Inszenierung, die das Kunststück
fertigbrachte, die sentiment-geladene Handlung ohne jegliche falsche
Gefühligkeit zu interpretieren und dabei dennoch die individuelle
Tragik des Geschehens deutlich werden zu lassen. Langer, zeitweise
rhythmischer Beifall für alle Akteure, vor allem für Susanne
Serfling und Margaret Rose Koenn sowie für Orchester und Regie,
und einzelne "Bravo"-Rufe zeigten dies mehr als deutlich. Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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