Mac-Monster und Martyrium

November 2010


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So macht Kommunismus Spaß


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Johann Kresnik inszeniert mit dem TanzTheater des Staatstheaters Darmstadt seine Produktion "Ulrike Meinhof"




Wer Ulrike Meinhof war, dürfte jedem Bundesbürger jenseits der Vierzig bekannt sein. Jüngere werden sich unter Umständen erst in die Materie einlesen müssen und vielleicht vieles an dieser typisch deutschen Biographie der fünfziger bis siebziger Jahre unverständlich finden, verstanden doch selbst viele Zeitgenossen diese Frau nicht. Johann Kresnik, Choreograph, Multitalent, Zeitgenosse von Ulrike Meinhof - fünf Jahre jünger als sie - und bekennender Kommunist, hat sich bereits im Jahr 1990 dieses Themas angenommen. Damals war Ulrike Meinhof bereits vierzehn Jahre tot, als Feindbild des Bürgertums verblasst und zur Ikone der Linken geworden. Anlass zur - zumindest theatralischen - Wiedererweckung Ulrike Meinhofs war die Wiedervereinigung Deutschlands, die bei der Linken nicht nur Misstrauen sondern sogar offene Ablehnung fand.

Eszter Kozár (Ulrike Meinhof)
Eszter Kozár (Ulrike Meinhof)

Kresnik hat seine Choreographie in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil kehrt eine fiktive Ulrike Meinhof im Jahr 1990, dem Wiedervereinigungsjahr, zurück und ist entsetzt über die lärmende und - aus Kresniks Sicht - entpolitisierte Spaßgesellschaft. Auf der von Pappbechern übersäten Bühne wälzen sich die Tänzer, grunzend und Hamburger mampfend - der Ausdruck "essend" wäre hier fehl am Platze -, über die Bühne, erbrechen sich anschließend in eine große Rinne im Bühnenhintergrund oder wollen auch Ulrike Meinhof zum "Burger"-Verzehr zwingen. Anschließend tanzt eine nicht mehr aufgekratzte sondern enthemmt gröhlende und schunkelnde Gesellschaft, die nur noch den Spaß des Augenblicks kennt, zu den dümmsten Schlagern der Saison - "Polonaise von Blankenese" und ähnliche. Dazwischen treten Demonstranten mit Transparenten auf, die den Schriftzug "Deutschland einig Vaterland" im Schrifttyp "Fraktur"(!!) tragen. Kresnik malt diese Satire mit kräftigen Farben aus und scheut auch Wiederholungen nicht. Nach dem ersten platten Schlager hat jeder die vernichtende Satire verstanden, doch Kresnik fügt zwecks Verdeutlichung noch zwei "Strophen" der gleichen Art an. Das verfehlt natürlich nicht seine intendierte Wirkung, doch ist dabei nicht frei von unerwünschten Nebenwirkungen. Die satirische Schlagerparade droht sich zu verselbständigen und zum bloßen karnevalistischen Lärm zu mutieren. Das führt dann im Publikum zu sicherlich von der Regie nicht beabsichtigten Lachern, wenn "Alexandra" im glitzernden Hosenanzug eine ihrer Schnulzen vorträgt. Ulrike Meinhof (Wencke Kriemer de Matos) steht oder sitzt mit ungläubig aufgerissenen Augen daneben und versteht nichts. Das Tanzen überlässt Kresnik in dieser Phase der ausgelassenen Spaßgesellschaft.

Lee Bamford (Baader), Sabine Prokop, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof), Francesca Poglie (Ensslin), Anthony Kirk
Lee Bamford (Baader), Sabine Prokop, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof), Francesca Poglie (Ensslin), Anthony Kirk

Der zweite Abschnitt erzählt Ulrike Meinhofs (Eszter Kozár) Leben bis zur Trennung - von Mann und Gesellschaft. Zu Beginn liegt sie im grauen Häftlingskleid in ihrer Zelle und träumt sich zurück. Ihre Eltern erscheinen in weißen Krankenhauskleidern - schemenhaft, denn sie hat beide früh verloren -, dann begegnet sie ihrem späteren Mann Klaus Rainer Röhl (Celedonio Indalecio Moreno Fuentes). Die folgende Szene entwickelt sich zu einem ersten Höhepunkt, denn die beiden führen in einem modernen "Pas de Deux" einen veritablen Beziehungskampf vor, der von Hassliebe, Verletzungen und Demütigungen geprägt ist. Bei der folgenden "Spurensuche" versetzt sich Ulrike Meinhof in die Köpfe der dumpf am Seil des täglichen Einerlei hängenden Frauen und entdeckt Töne wie Babygeschrei, Schreibmaschinengeklapper und ähnliche "typisch weibliche" Tätigkeiten. Hier legt Kresnik die Spur der Emanzipation und des Feminismus, zu denen Ulrike Meinhof durchaus einiges beigetragen hat. In der Szene "Deutsche Heimat" tanzt ein Gespann aus zwei Nazi-Figuren (einer mit Oberlippenbärtchen!) in einer gemeinsamen Lederhose in wahrhaft grotesk-folkloristischer Manier über die Bühne und kennzeichnet damit den latent-versteckten Nazismus der fünfziger Jahre. Anschließend treibt ein grotesk-korpulentes Wohlstandspaar - er mit Gamsbarthut, Bierflasche und Boxershorts, sie im "Baby Doll"-Negligé - groben Sex miteinander und mit Ulrike Meinhof. Diese Szene sollte man metaphorisch als Verweis auf die verklemmt-gaile Sexualmoral der sechziger Jahre verstehen, denn von entsprechenden konkreten Erlebnissen Ulrike Meinhofs ist nichts bekannt. All diese Szenen sind unterlegt mit mal rhythmisch hämmernder, mal grell akkordischer Musik, die das Absurde der Vorgänge beschreiben soll.

Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof)
Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof)

Weitere Szenen dieses Abschnittes behandeln die Einbindung vom Meinhof/Röhl in die bessere Gesellschaft von Hamburg und Sylt (deckungsgleich), die sich zwar links-alternativ dünkt aber dennoch dem bürgerlichen Luxus frönt. Kresnik karikiert diese verlogene Gesellschaft durch dicke Pelze, übergroße Sonnenbrillen und aufgesetzt-mondänes Gekreische. Das Zwischenspiel mit den eigenen Kindern (Zwillinge) von Ulrike Meinhof fällt eher blass aus. Wer den biographischen Hintergrund nicht kennt, wird die Szene kaum verstehen. Hier hat Kresnik offensichtlich nicht den richtigen Ansatz gefunden, weil die von ihm letztlich als Opfer angesehene Meinhof dabei zum ersten Mal zur wenig heldenhaften Täterin wird (sie sagt sich von ihren kleinen Kindern los). Dafür wird die Bekanntschaft mit Andreas Baader (Lee Bramford im grünen Ledermantel) zu einem weiteren Höhepunkt, weil mit Baader sofort ein charismatischer Zug in das bis dahin chaotisch bis ziellos verlaufende Geschehen kommt. "Die Meinhof", wie sie früher von der Presse gerne genannt wurde, verfällt ihm zwar nicht erotisch, ist jedoch fasziniert von dem vermeintlich konsequenten Revolutionär und folgt ihm, wobei sie auch Gudrun Ensslin kennenlernt.

In einer weiteren Szene provoziert Ulrike Meinhof gezielt die von ihr kritisch gesehene Gesellschaft, doch diese adaptiert jede ihrer Provokationen sofort als "schicken Kult" in das eigene Leben und unterläuft sie damit. Man kennt das von der ursprünglich als Protest gedachten Rockmusik. Nach mehreren solchen vergeblichen Versuchen bleibt Ulrike Meinhof nur noch die endgültige Trennung von Mann und der von ihr verachteten Gesellschaft. In der "Opernball"-Szene wirft sie der versammelten Prominenz symbolisch ihr Ballkleid vor die Füße und erntet endlich das, was sie herausgefordert hat: den Bruch mit der Gesellschaft.

Tanzcompagnie, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof)
Tanzcompagnie, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof)

Der letzte Abschnitt spielt in Stammheim, dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart, ohne dass Kresnik auf den Ort explizit hinweisen muss. Anfangs bewegen sich die "Namenlosen" noch im Untergrund, dann werden sie alle gefangen genommen und eingesperrt. Die Sicherheitskräfte kleidet Kresnik in martialische Kostüme mit geschlossenen Helmen und Apparaturen auf dem Rücken, die man sowohl als Gassprüher wie als Elektroschocker interpretieren kann. Den Revolutionären gegenüber kennen sie kein Pardon, und die Behandlung überschreitet des Öfteren die Grenzen der Humanität. Man erkennt auch hier die Sympathie, die Kresnik für die Verlierer der Schlacht zwischen Staat und Revolutionären der siebziger Jahre empfindet. Diese Rebellen sind keine mordenden Terroristen, sondern ewig Verfolgte, die sich nur wehren und dennoch verlieren. Ihr Hungerstreik wird mit gewaltsamer Essenseinnahme gebrochen - die Köpfe werden den gefesselt am Boden Liegenden in die Töpfe gedrückt - und Ulrike Meinhof (Andressa Miyazato) wird ans Bett gefesselt und mit "Waterboarding" gefoltert, wobei man dieses "Warerboarding" je nach Sicht auch als Zwangsernährung auffassen kann. Auf die Bühne hat sich zu diesem Zeitpunkt ein viereckiges Metallgerüst gesenkt, in das die Gefangenen buchstäblich eingesperrt sind, und es dominiert die Farbe Grau. Den Abschluss bildet Ulrike Meinhofs Selbstmord  - hier mit dem Messer -, der jedoch eher wie eine Erlösung von der Folter denn als Folge eines gescheiterten Lebens wirkt. Im Hintergund wird derweil eine weitere Ulrike Meinhof hergerichtet, mit schwarzem Rock und weißer Bluse, und schließlich wie Schneewittchen in einem Glaskasten an der Bühnenrampe zur Schau gestellt. Dazu singt Heino das Deutschlandlied, allerdings die verbotene erste Strophe - "von der Etsch bis an die Memel" -, was ja im Rahmen der künstlerischen Freiheit des Theater erlaubt da als Satire zu verstehen ist. Das Inhaltsverzeichnis übertitelt diese letzte Szene mit "Tod und Verklärung" (Richard Strauss), was offensichtlich - (selbst)kritisch? -  auf die nachträgliche Ikonisierung von Ulrike Meinhof in linken Kreisen verweisen soll. 

Maasa Sakano, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof), Sabine Prokop
Maasa Sakano, Andressa Miyazato (Ulrike Meinhof), Sabine Prokop

Duchgängig sind allen Szenen ein ausgesprochen hohes Tempo und extreme tänzerische Anforderungen. Nicht nur die Protagonisten müssen sich in ihren zentralen Szenen verausgaben, sondern die gesamte Tanztruppe ist in fast jeder Szene körperlich extrem gefordert, lässt Johann Kresnik ihnen doch keine Sekunde Zeit zum Entspannen. Das Verrückte der Zeit, die Hysterie des herausgeforderten Staates und der Revolutionsdonner der RAF lassen sich nur mit extremer Körpersprache wiedergeben, wobei immer wieder Massenszenen eine Rolle spielen. Die Truppe des TanzTheaters Darmstadt meistert diese schwierigen Aufgabe mit höchster Konzentration und einer totalen Identifikation mit ihren Rollen. Johann Kresnik ist es gelungen, ungeachtet eigenwilliger historischer Interpretationen ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Bild dieser Frau und ihrer Zeit zu schaffen. Dass er dabei die Morde der RAF sowie die (nachgewiesene) moralische Schuld der anderen RAF-Gefangenen an Ulrike Meinhofs Selbstmord außer Acht lässt, ist seiner persönlichen Sicht der Dinge geschuldet und fällt in den Bereich der künstlerischen Freiheit. Man muss seiner inhaltlichen Aussage nicht ungedingt zustimmen, wenn man die hohe Dichte und die innere Logik seiner Choreographie anerkennt, ja sie bewundert. Johann Kresnik hat sich mit dieser Produktion wieder einmal als Meister seines Fachs erwiesen.

Bei den Darstellern sind vor allem Eszter Kozár und Andressa Miyazato als "zentrale" Ulrike Meinhof sowie Celedonio Indalecio Moreno Fuentes (Klaus Rainer Röhl) und Lee Bramford (Andreas Baader) hervorzuheben. Francesca Poglie zeigt als Gudrun Ensslin ihre tänzerischen Fähigkeiten, allerdings mit nur wenigen Auftritten. Das gesamte Ensemble tritt in wechselnden Rollen und Kostümen auf und leistet dabei Schwerarbeit, die doch immer wieder leicht aussieht. Als zusätzliche musikalische Begleitung kommentiert Isabel Aguilera das Geschehen mit einem wiederkehrenden, jedes Mal variierten Thema auf der Geige.

Das Premierenpublikum zeigte sich mehr als begeistert, geizte nicht mit Bravo-Rufen, vor allem für Eszter Kozár, aber auch für das gesamte Ensemble und Johann Kresnik, und brachte dem Ensemble zum Schluss "stehende Ovationen" dar.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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