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Johann Kresnik inszeniert mit dem TanzTheater des Staatstheaters Darmstadt seine Produktion "Ulrike Meinhof" | ||||
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Kresnik hat seine Choreographie
in drei Abschnitte unterteilt. Im ersten Teil kehrt eine fiktive Ulrike
Meinhof im Jahr 1990, dem Wiedervereinigungsjahr, zurück und ist
entsetzt über die lärmende und - aus Kresniks Sicht -
entpolitisierte Spaßgesellschaft. Auf der von Pappbechern
übersäten Bühne wälzen sich die Tänzer,
grunzend und Hamburger mampfend - der Ausdruck "essend" wäre hier
fehl am Platze -, über die Bühne, erbrechen sich
anschließend in eine große Rinne im Bühnenhintergrund
oder wollen auch Ulrike Meinhof zum "Burger"-Verzehr zwingen.
Anschließend tanzt eine
nicht mehr aufgekratzte sondern enthemmt gröhlende und schunkelnde
Gesellschaft, die nur noch den
Spaß des Augenblicks kennt, zu den dümmsten Schlagern der Saison -
"Polonaise von Blankenese" und ähnliche. Dazwischen treten
Demonstranten mit Transparenten auf, die den Schriftzug "Deutschland
einig Vaterland" im Schrifttyp "Fraktur"(!!) tragen. Kresnik malt diese
Satire mit kräftigen Farben aus und scheut auch Wiederholungen
nicht. Nach dem ersten platten Schlager hat jeder die vernichtende
Satire verstanden, doch Kresnik fügt zwecks Verdeutlichung noch
zwei "Strophen" der gleichen Art an. Das verfehlt natürlich nicht
seine intendierte Wirkung, doch ist dabei nicht frei von
unerwünschten Nebenwirkungen. Die satirische Schlagerparade droht
sich zu verselbständigen und zum bloßen karnevalistischen
Lärm zu mutieren. Das führt dann im Publikum zu sicherlich
von der Regie nicht beabsichtigten Lachern, wenn "Alexandra" im
glitzernden Hosenanzug eine ihrer Schnulzen vorträgt. Ulrike
Meinhof (Wencke Kriemer de Matos) steht oder sitzt mit ungläubig
aufgerissenen Augen daneben und versteht nichts. Das Tanzen
überlässt Kresnik in dieser Phase der ausgelassenen
Spaßgesellschaft.
Der zweite Abschnitt
erzählt Ulrike Meinhofs
(Eszter Kozár) Leben bis
zur Trennung - von Mann und Gesellschaft. Zu Beginn liegt sie im grauen
Häftlingskleid in ihrer Zelle und träumt sich zurück.
Ihre Eltern erscheinen in weißen Krankenhauskleidern -
schemenhaft, denn sie hat beide früh verloren -, dann begegnet sie
ihrem späteren Mann Klaus Rainer Röhl (Celedonio Indalecio
Moreno Fuentes). Die folgende Szene entwickelt sich zu einem ersten
Höhepunkt, denn die beiden führen in einem modernen "Pas de
Deux" einen veritablen Beziehungskampf vor, der von Hassliebe,
Verletzungen und Demütigungen geprägt ist. Bei der folgenden
"Spurensuche" versetzt sich Ulrike Meinhof in die Köpfe der dumpf
am Seil des täglichen Einerlei hängenden Frauen und entdeckt
Töne wie Babygeschrei, Schreibmaschinengeklapper und ähnliche
"typisch weibliche" Tätigkeiten. Hier legt Kresnik die Spur der
Emanzipation und des Feminismus, zu denen Ulrike Meinhof durchaus
einiges beigetragen hat. In der Szene "Deutsche Heimat" tanzt ein
Gespann aus zwei Nazi-Figuren (einer mit Oberlippenbärtchen!) in
einer gemeinsamen Lederhose in wahrhaft grotesk-folkloristischer Manier
über die Bühne und kennzeichnet damit den latent-versteckten
Nazismus der fünfziger Jahre. Anschließend treibt ein
grotesk-korpulentes Wohlstandspaar - er mit Gamsbarthut, Bierflasche
und Boxershorts, sie im "Baby Doll"-Negligé - groben Sex
miteinander und mit Ulrike Meinhof. Diese Szene sollte man metaphorisch
als Verweis auf die verklemmt-gaile Sexualmoral der sechziger Jahre
verstehen, denn von entsprechenden konkreten Erlebnissen Ulrike
Meinhofs ist nichts bekannt. All diese Szenen sind unterlegt mit mal
rhythmisch hämmernder, mal grell akkordischer Musik, die das
Absurde der Vorgänge beschreiben soll.
Weitere Szenen dieses
Abschnittes behandeln die Einbindung vom Meinhof/Röhl in die
bessere Gesellschaft von Hamburg und Sylt (deckungsgleich), die sich
zwar links-alternativ dünkt aber dennoch dem bürgerlichen
Luxus frönt. Kresnik karikiert diese verlogene Gesellschaft durch
dicke Pelze, übergroße Sonnenbrillen und
aufgesetzt-mondänes Gekreische. Das Zwischenspiel mit den eigenen
Kindern (Zwillinge) von Ulrike Meinhof fällt eher blass aus. Wer
den biographischen Hintergrund nicht kennt, wird die Szene kaum
verstehen. Hier hat Kresnik offensichtlich nicht den richtigen Ansatz
gefunden, weil die von ihm letztlich als Opfer angesehene Meinhof
dabei zum ersten Mal zur wenig heldenhaften Täterin wird (sie sagt
sich von ihren kleinen Kindern los). Dafür wird die Bekanntschaft
mit Andreas Baader (Lee Bramford im grünen Ledermantel) zu einem
weiteren Höhepunkt, weil mit Baader sofort ein charismatischer Zug
in das bis dahin chaotisch bis ziellos verlaufende Geschehen kommt.
"Die Meinhof", wie sie früher von der Presse gerne genannt wurde,
verfällt ihm zwar nicht erotisch, ist jedoch fasziniert von dem
vermeintlich konsequenten Revolutionär und folgt ihm, wobei sie
auch Gudrun Ensslin kennenlernt. In einer weiteren Szene
provoziert Ulrike Meinhof gezielt die von ihr kritisch gesehene
Gesellschaft, doch diese adaptiert jede ihrer Provokationen sofort als
"schicken Kult" in das eigene Leben und unterläuft sie damit. Man
kennt das von der ursprünglich als Protest gedachten Rockmusik.
Nach mehreren solchen vergeblichen Versuchen bleibt Ulrike Meinhof nur
noch die endgültige Trennung von Mann und der von ihr verachteten
Gesellschaft. In der "Opernball"-Szene wirft sie der versammelten
Prominenz symbolisch ihr Ballkleid vor die Füße und erntet
endlich das, was sie herausgefordert hat: den Bruch mit der
Gesellschaft.
Der letzte Abschnitt spielt in
Stammheim, dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart, ohne dass
Kresnik auf den Ort explizit hinweisen muss. Anfangs bewegen sich die
"Namenlosen" noch im Untergrund, dann werden sie alle gefangen genommen
und eingesperrt. Die Sicherheitskräfte kleidet Kresnik in
martialische Kostüme mit geschlossenen Helmen und Apparaturen auf
dem Rücken, die man sowohl als Gassprüher wie als
Elektroschocker interpretieren kann. Den Revolutionären
gegenüber kennen sie kein Pardon, und die Behandlung
überschreitet des Öfteren die Grenzen der Humanität. Man
erkennt auch hier die Sympathie, die Kresnik für die Verlierer der
Schlacht zwischen Staat und Revolutionären der siebziger Jahre
empfindet. Diese Rebellen sind keine mordenden Terroristen, sondern
ewig Verfolgte, die sich nur wehren und dennoch verlieren. Ihr
Hungerstreik wird mit gewaltsamer Essenseinnahme gebrochen - die
Köpfe werden den gefesselt am Boden Liegenden in die Töpfe
gedrückt - und Ulrike Meinhof (Andressa Miyazato) wird ans Bett
gefesselt und mit "Waterboarding" gefoltert, wobei man dieses
"Warerboarding" je nach Sicht
auch als Zwangsernährung auffassen kann. Auf die Bühne hat sich zu diesem Zeitpunkt ein
viereckiges Metallgerüst gesenkt, in das die Gefangenen
buchstäblich eingesperrt sind, und es dominiert die Farbe Grau.
Den Abschluss bildet Ulrike Meinhofs Selbstmord - hier
mit dem Messer -, der jedoch eher wie eine Erlösung von der Folter
denn als Folge eines gescheiterten Lebens wirkt. Im Hintergund wird
derweil eine weitere Ulrike Meinhof hergerichtet, mit schwarzem Rock
und weißer Bluse, und schließlich wie Schneewittchen in
einem Glaskasten an der Bühnenrampe zur Schau gestellt. Dazu singt
Heino das Deutschlandlied, allerdings die verbotene erste Strophe -
"von der Etsch bis an die Memel" -, was ja im Rahmen der
künstlerischen Freiheit des Theater erlaubt da als Satire zu
verstehen ist. Das Inhaltsverzeichnis übertitelt diese letzte
Szene mit "Tod und Verklärung" (Richard
Strauss), was offensichtlich - (selbst)kritisch? - auf die
nachträgliche Ikonisierung von Ulrike Meinhof in linken Kreisen
verweisen soll.
Duchgängig sind allen
Szenen ein ausgesprochen hohes Tempo und extreme tänzerische
Anforderungen. Nicht nur die Protagonisten müssen sich in ihren
zentralen Szenen verausgaben, sondern die gesamte Tanztruppe ist in
fast jeder Szene körperlich extrem gefordert, lässt Johann
Kresnik ihnen doch keine Sekunde Zeit zum Entspannen. Das
Verrückte der Zeit, die Hysterie des herausgeforderten Staates und
der Revolutionsdonner der RAF lassen sich nur mit extremer
Körpersprache wiedergeben, wobei immer wieder Massenszenen eine
Rolle spielen. Die Truppe des TanzTheaters Darmstadt meistert diese
schwierigen Aufgabe mit höchster Konzentration und einer totalen
Identifikation mit ihren Rollen. Johann Kresnik ist es gelungen,
ungeachtet eigenwilliger historischer Interpretationen ein ebenso
faszinierendes wie verstörendes Bild dieser Frau und ihrer Zeit zu
schaffen. Dass er dabei die Morde der RAF sowie die (nachgewiesene)
moralische Schuld der anderen RAF-Gefangenen an Ulrike Meinhofs
Selbstmord außer Acht lässt, ist seiner persönlichen
Sicht der Dinge geschuldet und fällt in den Bereich der
künstlerischen Freiheit. Man muss seiner inhaltlichen Aussage
nicht ungedingt zustimmen, wenn man die hohe Dichte und die innere
Logik seiner Choreographie anerkennt, ja sie bewundert. Johann Kresnik
hat sich mit dieser Produktion wieder einmal als Meister seines Fachs
erwiesen. Bei den Darstellern sind vor
allem Eszter Kozár und Andressa Miyazato als "zentrale" Ulrike
Meinhof sowie Celedonio Indalecio Moreno Fuentes (Klaus Rainer
Röhl) und Lee Bramford (Andreas Baader) hervorzuheben. Francesca
Poglie zeigt als Gudrun Ensslin ihre tänzerischen
Fähigkeiten, allerdings mit nur wenigen Auftritten. Das gesamte
Ensemble tritt in wechselnden Rollen und Kostümen auf und leistet
dabei Schwerarbeit, die doch immer wieder leicht aussieht. Als
zusätzliche musikalische Begleitung kommentiert Isabel Aguilera
das Geschehen mit einem wiederkehrenden, jedes Mal variierten Thema auf
der Geige. Das Premierenpublikum zeigte
sich mehr als begeistert, geizte nicht mit Bravo-Rufen, vor allem
für Eszter Kozár, aber auch für das gesamte Ensemble
und Johann Kresnik, und brachte dem Ensemble zum Schluss "stehende
Ovationen" dar. Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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