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Überdruck
der
Sprachlosigkeit |
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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt inszenieren Bettina Erasmys Schauspiel "Supernova" | ||||
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Bereits das Bühnenbild
zeigt Spuren der Virtualität: das Haus der Familie - in
aristotelischer Anlehnung der unveränderte Ort der Handlung -
zeigt sich lediglich in den durch Leinen markierten Kanten von Dach,
Wänden und Türen. In diesem virtuellen Heim lebt - oder
besser vegetiert - die vierköpfige Kleinfamilie aus Vater, Mutter,
neunzehnjährigem Sohn und halbwüchsiger Tochter. Der Vater
(Matthias Kleinert) hat vor Jahren als Rundfunksprecher die
Realität durch eigenmächtige Abänderungen der
Nachrichten "korrigiert" und darf nun als Arbeitsloser den Hausmann
spielen. Seine Frau (Karin Klein) ist Apothekerin, steht stets unter
Stress, hasst Beruf und Kunden und verachtet ihren wachsweichen
Ehemann, der sich mit seiner Rolle als Verlierer offensichtlich
abgefunden hat. Der Sohn (Simon Köslich) wiederum verachtet den
aus seiner Sicht unmännlichen und antriebslosen Vater und greift
ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an - Ödipus lässt grüßen. Die Tochter (Anne Hoffmann)
schließlich hat irgendwann aufgehört, mit dem Rest der
Familie zu kommunizieren, und ist nur noch körperlich anwesend,
allerdings mit einem grauen Gesicht, dessen Ausdruck zwischen Abscheu
und Gleichgültigkeit changiert. Das Abendessen dieser nur durch
den gemeinsamen Haushalt zusammengehaltenen "Familie" entwickelt sich
zum ersten Höhepunkt dieser Inszenierung, wenn Unsicherheit,
Verachtung, Hass und Gleichgültigkeit ohne jegliche Verstellung
aufeinanderprallen. Der Vater versucht aus seiner Position der
Schwäche - er hat eingekauft und das Essen vorbereitet - so etwas
wie eine Kommunikation aufzubauen, doch seine Frau schlägt ihm
jeden seiner zaghaften Versuche um die Ohren und führt ihn mit
bitterscharfer Lust vor, während der Sohn gegen Eltern und die
Welt im allgemeinen herzieht. Seine abgrundtiefe Verachtung jeglicher
Gemeinschaft, vor allem natürlich der familiären, lässt
bereits hier Böses ahnen. Dazu schaut die Tochter frei nach
Wilhelm Busch "stumm auf dem ganzen Tisch herum" und verlässt
diesen dann in stillem Protest.
Nach dem konkreten Essen mit
seiner tristen Realität verabschiedet sich die Familile in die
Virtualität. Vater, Mutter und Sohn setzen sich nebeneinander an
ihren je eigenen Laptop und beginnen mit Internet-Bekannten zu chatten.
Diese Szene erinnert an die typische Situation in
Straßencafés, wo oft mehrere junge Menschen an einem Tisch
sitzen und sich mit dem Handy gleichzeitig in virtuellen Parallelwelten
befinden, ohne mit den unmittelbaren Tischnachbarn zu kommunizieren.
Nur die Tochter verzichtet auf den Internet-Chat, da sie sich
offensichtlich bereits seit längerer Zeit in ihrer eigenen
virtuellen Welt befindet. In dieser nimmt sie das reale Familienleben
permanent mit einer Videokamera auf und spielt es sich in Verdoppelung
auf einem Fernseher vor. Im Hintergrund erzählt auf einem
angestrahlten und damit mythisch überhöhten Einhorn eine
junge Frau (Christina Kühnreich) von ihrem Leben als
Prostituierte, wobei diese Szene als Projektion der im Internet nach
Kontakten suchenden Männer zu verstehen ist. Das Geschehen in der Familie
schlägt in dem Moment um, als plötzlich eben diese junge Frau
in der Tür steht und sich als Internet-Bekannte des Vaters
entpuppt. Zwar lassen sich, nicht zuletzt wegen der Identität der
Schauspielerin in beiden Rollen, auch diese durchaus nahtlos
aufeinander beziehen, doch hat das Stück an diesem Punkt bereits
eine solche Ambivalenz oder "Virtualität" angenommen, dass sich
die Einhorn-Prostituierte durchaus auch als eine reine Imagination
autistischer Männerhirne und -herzen verstehen lässt. Den
virtuellen, fast surrealen Charakter unterstreicht das Auftreten der
jungen Frau im Kreise der desolaten Familie noch. Dass sie sich im
Hause einnistet und mit dem Hausherrn(?) tanzt (und wohl nicht nur
das),
scheint die Mutter eine ganze Zeit lang nicht zu stören. Auch Sohn
und Tochter nehmen die neue Hausgenossin anfangs mit Achselzucken auf.
Diese fast gleichgültige Akzeptanz des "Unerhörten"
lässt auf den Projektionscharakter der Figur und der folgenden
Szenen schließen. Irritierend und einer geschlossenen,
konsistenten Interpretation widerstrebend ist jedoch die Tatsache, dass
die junge Frau dabei in konkrete Zweierbeziehungen verschiedener
Ausprägung eintritt. Als einzige geht sie auf die Tochter zu,
befragt sie nach ihrer Befindlichkeit und schenkt ihr sogar eine
Madonnenfigur. Den Sohn reizt sie soweit, bis dieser sie vergewaltigt,
wobei die Szene auch an eine beiderseitige Attraktion mit bewusst
einkalkulierten Gewaltelementen denken lässt. Die Autorin - oder
die Regie von Herrmann Schein - lässt diese Frage offen und
verharrt bewusst in der Mehrdeutigkeit zwischen realer Sozialkritik und
der Beschwörung kollektiver Phantasien. Die zunehmende
Virtualität heutigen Lebens, nicht zuletzt befördert durch
Medien aller Art und das Internet, steht im Mittelpunkt dieser
Inszenierung.
Das zeigt sich auch in der
Sprache. Weist diese am Anfang noch deutliche Züge
alltäglicher Umgangssprache auf, so bei der Vorstellung der
Aldi-Güter nach dem Einkauf durch den Vater oder bei der Tirade
der Ehefrau nach dem Arbeitstag in der Apotheke, so nimmt sie
später eher transzendente Züge an. Das gilt vor allem
für die fremde Frau, die in die Familie einbricht. Sie bewegt sich
nicht nur permanent in tänzerischen Figuren über die
Bühne, sondern bedient sich auch einer geradezu poetisch
verdichteten Sprache und eines metaphorisch bis allegorischen
Vokabulars. Das verweist sie wiederum deutlich in den Bereich der
Phantasie und der Projektionen. Das scheint auch ein zentrales Anliegen
der Autorin zu sein, denn Phantasien und Projektionen können sich
in der Realität genauso desaströs auswirken wie konkrete
soziale Missstände, wie man an diversen Amokläufen vor allem
junger Leute sehen kann. Und so kommt es dann auch in diesem
Stück. Nachdem der Sohn die Freundin seines Vaters verführt
oder vergewaltigt hat, begibt er sich in ein kriminell-terroristisches
Milieu, wovon die Mutter einerseits entsetzt, andererseits wegen
der plötzlichen Medienaufmerksamkeit im Fernsehen geschmeichelt erzählt. Der Vater wiederum bringt aus Eifersucht und
dem Gefühl der finalen Demütigung seine Freundin fast um. Als
Schlusspunkt jagt der Sohn die ganze Famile außer dem Vater in
die Luft, der ungerührt über die Leichen steigt und deutlich
seine Erleichterung über diese unerwartete Lösung seiner
familiären Probleme zeigt. Bettina Erasmys Stück ist
bei aller poetischen Symbolik der Sprache von hoher gesellschaftlicher
Klarheit und Konsequenz. Sie beschreibt ungeschminkt den Verlust der
Kommunikation und die Sprachlosigkeit im innersten Kern der
Gesellschaft, der Familie, und das zerstörerische Potential
irrationaler Projektionen, sexueller Sehnsüchte und jugendlicher
Allmachtsphantasien. Natürlich kann man hinter der finalen
Selbstsprengung den islamischen Selbstmordattentäter erkennen,
doch in diesem Fall ist es gerade kein Muslim sondern ein erzdeutscher
Sohn mit dem unbezwingbaren Wunsch, all das zu zerstören, was ihn
zerstört. Fingerzeigen auf andere gilt hier nicht, Bettina Erasmy
kehrt sozusagen vor der eigenen Tür. Winnenden und Erfurt haben
gezeigt, dass Bedarf an dieser Selbstschau besteht.
Die collagenhafte
Zusammenstellung der einzelnen Szenen ohne jeglichen Versuch, das
Verhalten der einzelnen Figuren psychologisch herzuleiten, ist Teil des
dramatischen Konzepts. Bettina Erasmy will keine Begründung
sondern eine Zustandsbeschreibung, und die ist ihr auf beklemmende Art
gelungen. Die Darsteller folgen ihr dabei mit hohem Engagement und
überzeugenden Leistungen. Matthias Kleinert zeigt einen
weltfremden "Verlierer", der sich von dieser schnöden Welt, die er
auch mit falschen Nachrichten nicht verbessern konnte, längst
verabschiedet hat und in einer Parallelwelt lebt, mit einer fast
charmanten Larmoyanz. Karin Klein ist als frustrierte Ehefrau die
kompakte Aggression und Frustration und verteilt ringsum mentale
Ohrfeigen. Selbst als Zuschauer duckt man sich fast automatisch, wenn
sie auf der Bühne erscheint und ihr hartes Regiment ausübt.
Christina Kühnreich hat in dieser Inszenierung die schwierigste
Aufgabe, muss sie doch den schillernden Charakter einer jungen Frau
wiedergeben, die halb reale Frau, halb männliche Projektion und
Wunschbild ist. Sie macht das mit viel Körpersprache und einer
ausdrucksstarken, teilweise blumigen Sprache und schwebt auf diese
Weise
selbst in den härtesten Szenen, wenn es ihr fast ans Leben geht,
mit einer erstaunlichen Ambivalenz des Ausdrucks, die sie immer ein
wenig "außerhalb" der Welt ansiedelt. Simon Köslich ist ein
cholerischer junger Mann, der immer weiter in den Terrorwahn abgleitet,
und Anne Hoffmann hat als autistische Tochter dieses Mal nicht viel
Text zu lernen. Dafür setzt sie ihre Mimik und ihre
Körpersprache umso überzeugender ein. Das Publikum war von dieser
Uraufführung erst einmal ein wenig irritiert, spendete dann aber
Darstellern, Regie und auch der anwesenden Autorin reichlichen und lang
anhaltenden Beifall. Doch der Abend war mit diesem Beifall nicht
beendet, denn jetzt setzten die Diskussionen über die Aussage und
die Inszenierung des Stücks ein, die unter den bei der
Premierenfeier Verbliebenen noch einige Zeit hitzig weiterliefen. Und
so
soll es sein! Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
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