Überdruck der Sprachlosigkeit

November 2010


























































































































































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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt inszenieren Bettina Erasmys Schauspiel "Supernova"




Eine Supernova ist ein alternder Stern, dessen Kern in sich zusammenbricht. Der extreme Überdruck führt schließlich zu einer Explosion, die den Stern unter einem letzten Aufleuchten bersten lässt. In Bettina Erasmys Einakter, der in den Kammerspielen des Staatstheaters am 21. November zur deutschen Uraufführung kam, geht es allerdings nicht um astrophysikalische Ereignisse sondern um höchst irdische Verhältnisse. Der Titel verleiht ihrer eigenen Aussage zufolge dem apokalyptischen Schluss des Stücks metaphorischen Charakter. Wie der Titel so tragen auch andere Szenen und Figuren metaphorische Züge. Man könnte - mit einer leichten semantischen Verschiebung - diese Metaphorik auch als Virtualität bezeichnen, denn beide Begriffe schaffen einerseits Distanz zur konkreten Realität und verdeutlichen andrerseits deren elementare Strukturen.

Matthias Kleinert (Vater), Karin Klein (Mutter), Simon Köslich (Sohn)
Matthias Kleinert (Vater), Karin Klein (Mutter), Simon Köslich (Sohn)

Bereits das Bühnenbild zeigt Spuren der Virtualität: das Haus der Familie - in aristotelischer Anlehnung der unveränderte Ort der Handlung - zeigt sich lediglich in den durch Leinen markierten Kanten von Dach, Wänden und Türen. In diesem virtuellen Heim lebt - oder besser vegetiert - die vierköpfige Kleinfamilie aus Vater, Mutter, neunzehnjährigem Sohn und halbwüchsiger Tochter. Der Vater (Matthias Kleinert) hat vor Jahren als Rundfunksprecher die Realität durch eigenmächtige Abänderungen der Nachrichten "korrigiert" und darf nun als Arbeitsloser den Hausmann spielen. Seine Frau (Karin Klein) ist Apothekerin, steht stets unter Stress, hasst Beruf und Kunden und verachtet ihren wachsweichen Ehemann, der sich mit seiner Rolle als Verlierer offensichtlich abgefunden hat. Der Sohn (Simon Köslich) wiederum verachtet den aus seiner Sicht unmännlichen und antriebslosen Vater und greift ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an - Ödipus lässt grüßen. Die Tochter (Anne Hoffmann) schließlich hat irgendwann aufgehört, mit dem Rest der Familie zu kommunizieren, und ist nur noch körperlich anwesend, allerdings mit einem grauen Gesicht, dessen Ausdruck zwischen Abscheu und Gleichgültigkeit changiert. Das Abendessen dieser nur durch den gemeinsamen Haushalt zusammengehaltenen "Familie" entwickelt sich zum ersten Höhepunkt dieser Inszenierung, wenn Unsicherheit, Verachtung, Hass und Gleichgültigkeit ohne jegliche Verstellung aufeinanderprallen. Der Vater versucht aus seiner Position der Schwäche - er hat eingekauft und das Essen vorbereitet - so etwas wie eine Kommunikation aufzubauen, doch seine Frau schlägt ihm jeden seiner zaghaften Versuche um die Ohren und führt ihn mit bitterscharfer Lust vor, während der Sohn gegen Eltern und die Welt im allgemeinen herzieht. Seine abgrundtiefe Verachtung jeglicher Gemeinschaft, vor allem natürlich der familiären, lässt bereits hier Böses ahnen. Dazu schaut die Tochter frei nach Wilhelm Busch "stumm auf dem ganzen Tisch herum" und verlässt diesen dann in stillem Protest.

Christina Kühnreich (Frau), Matthias Kleinert (Vater)
Christina Kühnreich (Frau), Matthias Kleinert (Vater)

Nach dem konkreten Essen mit seiner tristen Realität verabschiedet sich die Familile in die Virtualität. Vater, Mutter und Sohn setzen sich nebeneinander an ihren je eigenen Laptop und beginnen mit Internet-Bekannten zu chatten. Diese Szene erinnert an die typische Situation in Straßencafés, wo oft mehrere junge Menschen an einem Tisch sitzen und sich mit dem Handy gleichzeitig in virtuellen Parallelwelten befinden, ohne mit den unmittelbaren Tischnachbarn zu kommunizieren. Nur die Tochter verzichtet auf den Internet-Chat, da sie sich offensichtlich bereits seit längerer Zeit in ihrer eigenen virtuellen Welt befindet. In dieser nimmt sie das reale Familienleben permanent mit einer Videokamera auf und spielt es sich in Verdoppelung auf einem Fernseher vor.  Im Hintergrund erzählt auf einem angestrahlten und damit mythisch überhöhten Einhorn eine junge Frau (Christina Kühnreich) von ihrem Leben als Prostituierte, wobei diese Szene als Projektion der im Internet nach Kontakten suchenden Männer zu verstehen ist.

Das Geschehen in der Familie schlägt in dem Moment um, als plötzlich eben diese junge Frau in der Tür steht und sich als Internet-Bekannte des Vaters entpuppt. Zwar lassen sich, nicht zuletzt wegen der Identität der Schauspielerin in beiden Rollen, auch diese durchaus nahtlos aufeinander beziehen, doch hat das Stück an diesem Punkt bereits eine solche Ambivalenz oder "Virtualität" angenommen, dass sich die Einhorn-Prostituierte durchaus auch als eine reine Imagination autistischer Männerhirne und -herzen verstehen lässt. Den virtuellen, fast surrealen Charakter unterstreicht das Auftreten der jungen Frau im Kreise der desolaten Familie noch. Dass sie sich im Hause einnistet und mit dem Hausherrn(?) tanzt (und wohl nicht nur das), scheint die Mutter eine ganze Zeit lang nicht zu stören. Auch Sohn und Tochter nehmen die neue Hausgenossin anfangs mit Achselzucken auf. Diese fast gleichgültige Akzeptanz des "Unerhörten" lässt auf den Projektionscharakter der Figur und der folgenden Szenen schließen. Irritierend und einer geschlossenen, konsistenten Interpretation widerstrebend ist jedoch die Tatsache, dass die junge Frau dabei in konkrete Zweierbeziehungen verschiedener Ausprägung eintritt. Als einzige geht sie auf die Tochter zu, befragt sie nach ihrer Befindlichkeit und schenkt ihr sogar eine Madonnenfigur. Den Sohn reizt sie soweit, bis dieser sie vergewaltigt, wobei die Szene auch an eine beiderseitige Attraktion mit bewusst einkalkulierten Gewaltelementen denken lässt. Die Autorin - oder die Regie von Herrmann Schein - lässt diese Frage offen und verharrt bewusst in der Mehrdeutigkeit zwischen realer Sozialkritik und der Beschwörung kollektiver Phantasien. Die zunehmende Virtualität heutigen Lebens, nicht zuletzt befördert durch Medien aller Art und das Internet, steht im Mittelpunkt dieser Inszenierung.

Karin Klein (Mutter), Simon Köslich (Sohn), Matthias Kleinert (Vater)
Karin Klein (Mutter), Simon Köslich (Sohn), Matthias Kleinert (Vater)

Das zeigt sich auch in der Sprache. Weist diese am Anfang noch deutliche Züge alltäglicher Umgangssprache auf, so bei der Vorstellung der Aldi-Güter nach dem Einkauf durch den Vater oder bei der Tirade der Ehefrau nach dem Arbeitstag in der Apotheke, so nimmt sie später eher transzendente Züge an. Das gilt vor allem für die fremde Frau, die in die Familie einbricht. Sie bewegt sich nicht nur permanent in tänzerischen Figuren über die Bühne, sondern bedient sich auch einer geradezu poetisch verdichteten Sprache und eines metaphorisch bis allegorischen Vokabulars. Das verweist sie wiederum deutlich in den Bereich der Phantasie und der Projektionen. Das scheint auch ein zentrales Anliegen der Autorin zu sein, denn Phantasien und Projektionen können sich in der Realität genauso desaströs auswirken wie konkrete soziale Missstände, wie man an diversen Amokläufen vor allem junger Leute sehen kann. Und so kommt es dann auch in diesem Stück. Nachdem der Sohn die Freundin seines Vaters verführt oder vergewaltigt hat, begibt er sich in ein kriminell-terroristisches Milieu, wovon die Mutter einerseits entsetzt, andererseits wegen der plötzlichen Medienaufmerksamkeit im Fernsehen geschmeichelt erzählt. Der Vater wiederum bringt aus Eifersucht und dem Gefühl der finalen Demütigung seine Freundin fast um. Als Schlusspunkt jagt der Sohn die ganze Famile außer dem Vater in die Luft, der ungerührt über die Leichen steigt und deutlich seine Erleichterung über diese unerwartete Lösung seiner familiären Probleme zeigt.

Bettina Erasmys Stück ist bei aller poetischen Symbolik der Sprache von hoher gesellschaftlicher Klarheit und Konsequenz. Sie beschreibt ungeschminkt den Verlust der Kommunikation und die Sprachlosigkeit im innersten Kern der Gesellschaft, der Familie, und das zerstörerische Potential irrationaler Projektionen, sexueller Sehnsüchte und jugendlicher Allmachtsphantasien. Natürlich kann man hinter der finalen Selbstsprengung den islamischen Selbstmordattentäter erkennen, doch in diesem Fall ist es gerade kein Muslim sondern ein erzdeutscher Sohn mit dem unbezwingbaren Wunsch, all das zu zerstören, was ihn zerstört. Fingerzeigen auf andere gilt hier nicht, Bettina Erasmy kehrt sozusagen vor der eigenen Tür. Winnenden und Erfurt haben gezeigt, dass Bedarf an dieser Selbstschau besteht.

Simon Köslich (Sohn), Matthias Kleinert (Vater), Christina Kühnreich (Frau), Anne Hoffmann (Tochter)
Simon Köslich (Sohn), Matthias Kleinert (Vater), Christina Kühnreich (Frau), Anne Hoffmann (Tochter)

Die collagenhafte Zusammenstellung der einzelnen Szenen ohne jeglichen Versuch, das Verhalten der einzelnen Figuren psychologisch herzuleiten, ist Teil des dramatischen Konzepts. Bettina Erasmy will keine Begründung sondern eine Zustandsbeschreibung, und die ist ihr auf beklemmende Art gelungen. Die Darsteller folgen ihr dabei mit hohem Engagement und überzeugenden Leistungen. Matthias Kleinert zeigt einen weltfremden "Verlierer", der sich von dieser schnöden Welt, die er auch mit falschen Nachrichten nicht verbessern konnte, längst verabschiedet hat und in einer Parallelwelt lebt, mit einer fast charmanten Larmoyanz. Karin Klein ist als frustrierte Ehefrau die kompakte Aggression und Frustration und verteilt ringsum mentale Ohrfeigen. Selbst als Zuschauer duckt man sich fast automatisch, wenn sie auf der Bühne erscheint und ihr hartes Regiment ausübt. Christina Kühnreich hat in dieser Inszenierung die schwierigste Aufgabe, muss sie doch den schillernden Charakter einer jungen Frau wiedergeben, die halb reale Frau, halb männliche Projektion und Wunschbild ist. Sie macht das mit viel Körpersprache und einer ausdrucksstarken, teilweise blumigen Sprache und schwebt auf diese Weise selbst in den härtesten Szenen, wenn es ihr fast ans Leben geht, mit einer erstaunlichen Ambivalenz des Ausdrucks, die sie immer ein wenig "außerhalb" der Welt ansiedelt. Simon Köslich ist ein cholerischer junger Mann, der immer weiter in den Terrorwahn abgleitet, und Anne Hoffmann hat als autistische Tochter dieses Mal nicht viel Text zu lernen. Dafür setzt sie ihre Mimik und ihre Körpersprache umso überzeugender ein.

Das Publikum war von dieser Uraufführung erst einmal ein wenig irritiert, spendete dann aber Darstellern, Regie und auch der anwesenden Autorin reichlichen und lang anhaltenden Beifall. Doch der Abend war mit diesem Beifall nicht beendet, denn jetzt setzten die Diskussionen über die Aussage und die Inszenierung des Stücks ein, die unter den bei der Premierenfeier Verbliebenen noch einige Zeit hitzig weiterliefen. Und so soll es sein!

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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