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Alle Jahre wieder: pünktlich zum Beginn der Adventszeit hat das
"Da
Capo"-Varieté von James Jungeli wieder sein Zirkuszelt auf
dem Darmstädter Karolinenplatz aufgebaut, um sein neues Programm
zu präsentieren. In diesem Jahr setzt die Show deutlich auf
Leidenschaft und Lebenslust. Die Emotion steht im Mittelpunkt, selbst
bei den schwierigsten akrobatischen Vorführungen.
Die Musik kommt im Gegensatz zu früheren Jahren „live“ von einer
fünfköpfigen Band, wobei der Schlagzeuger in einem Glaskasten
sitzt. Die anderen stehen in ausgefallenen Kostümen – ein Punk,
ein verträumter Straßenmusiker – mit E-Balalaika, Bass und
Akkordeon auf der rückwärtigen Bühne oder verteilen sich
später auf der Bühne. Sie begleiten die Show von Anfang bis
Ende und liefern den musikalischen Hintergrund.
Zu
Beginn schreitet ein einzelner Mann mit Regenschirm über die
abgedunkelte Bühne und hinterlässt nach seinem stillen Abgang
ein wenig Ratlosigkeit. Später wird sich dieses Rätsel
lösen. Danach präsentiert die Band "Creative Fusion" eine
Rock-Version von Vivaldis „Vier Jahreszeichen“, bevor Egorov und Hoy
mit verbundenen Augen auf zwei rechtwinklig zueinander angebrachten
Seilen turnen. Die Seile hängen durch und erschweren dadurch die
Übungen: Stehen, Gehen, Liegen, Überschläge und
Ähnliches. Dabei schwingen die Seile zeitweise seitlich, so dass
sich die beiden Turner im wahrsten Sinne des Wortes „blind“ verstehen
müssen.
Danach tanzen Iana Zaiets und Andri Matviienko einen erotisch
aufgeheizten Tanz, bei dem die Frau den Mann permanent durch glutvolle
Blicke von seinen akrobatischen Aufgaben abzulenken versucht.
Der Clown, genannt "Herr Niels", ist ein ganz besonderer Star dieses
Abends und kommt ganz ohne rote Pappnase aus. Seine Stärke liegt
in gekonnten Körperverrenkungen, mit denen er unterschiedliche
Bewegungsarten simuliert und Alltagsszenen ohne Requisiten nachstellt.
So lehnt er sich an einen imaginären Bartresen, wobei fasziniert,
dass er nicht umfällt. Oder er hält seinen linken Arm so in
die Luft, als sei er angenagelt. Ein Luftballon scheint ungeahnte
Kräfte zu entwickeln, mit aller Macht aus der Kiste entweichen und
sogar den Clown in die Luft entführen zu wollen. Zu all diesen
seltsamen Körperstellungen, die ihre Komik erst durch die
fehlende, d. h. virtuelle Umwelt erhalten, macht Herr Niels ein
verstörtes bis todtrauriges Gesicht mit leicht verstellten Augen.
Die Hose hängt nur noch an einem Hosenträger und klafft an
einer Seite weit auseinander.
Viktor
und Viktorya Kosnirov bieten eine technisch anspruchsvolle Jonglage,
bei der die Stäbe stets knapp unter den Trapezinstallationen unter
dem Zeltdach in der Luft stehenbleiben, und reichern ihre technische
Darbietung immer wieder durch kleine Show-Einlagen an. In einem zweiten
Tanz erzählen Iana Zaiets und Andri Matviienko zusammen mit
Stanislaus Pryalov eine erotisch-akrobatische Dreiecksgeschichte, die
sowohl vor technischen Finessen als auch Beziehungskonflikten knistert.
Anschließend zeigen Maryna Tkachenko und Ol eksandr Krachun ihre
Fähigkeiten am Trapez, wobei der Höhepunkt darin besteht,
dass Maryna und Oleksandra nur noch durch ein Seil um ihrer beider
Nacken verbunden ist und die frei in der Luft hängende Maryna sich
wie ein Kreisel um dieses Seil dreht.
Die Unterbrechnungen der
akrobatischen Darbietungen durch "Herrn Niels" senken zwischendurch
immer wieder das Erregungsniveau des Publikums und lassen den
angehaltenen Atem im entspannten Lachen entweichen. Dieses Mal
entwickelt der Requisitenkasten von Herrn Niels ungeahnte Kräfte
und Fähigkeiten, und ein scheinbar harmloses Deo-Spray versetzt Herrn Niels in einen unerwarteten
Drogenrausch. Anschließend spannt er einen Regenschirm auf, der
seinen eigenen Regen über die Ränder ablaufen lässt, und
läuft mit diesem naiv lächelnd durch die Reihen des Parketts.
Der Tanz bildet einen
wesentlichen Teil dieses Programms, und er trägt jedesmal andere
erotische Züge: mal Begehren, mal heimliches Werben, mal Distanz
und mal Eifersucht. Diese Paartanz-Einlagen schaffen eine emotionale
Atmosphäre, die auch bei den anschließenden
Akrobatikvorführungen erhalten bleibt. So bei Anastasia
Lomachenkos und Mykhailo Romanenkos Hebeakrobatik oder bei der
Seilakrobatik mit Andrii Matviienko am Seil und seiner Partnerin Iana
Zaiets am Boden.
Die Einradfahrer Maksym und
Andrii Zheman zeigen nicht nur gewagte Kunststücke auf ihren
Rädern, sondern dabei auch noch akrobatische Spitzenleistungen
während der Fahrt. Daria Shchererbyna verdreht ihren
in bunte Schlangenhaut gehüllten Körper auf eine Weise, die
man nicht mehr für möglich hält, und schaut bei der
Rückwärtsbrücke durch ihre eigenen Beine zurück auf
das Publikum. Nach einer weiteren sinnlichen Tanzeinlage begeistert das
Finale mit den drei Trapezkünstlern Roman Tereshchenko, Elena und
Anna das Publikum mit gewagten Schwungkombinationen und freien Mehrfachsaltos zehn Meter über dem
Boden. Das Ganze sieht einerseits gefährlich und andererseits ganz
leicht und wie ein Kinderspiel aus. Man wundert sich nach jedem der
fliegenden Saltos, dass sich die Hände finden und Roman seine
Partnerin sicher auffängt.
Das diesjährige Programm
zeichnet sich durch eine ausgeprägte Geschlossenheit aus, was
nicht zuletzt an der starken Betonung des Tanzes und an der
Beschränkung auf wenige Akrobaten zeigt, die jeweils mehrfach
auftreten. Dadurch wird die Fragmentierung des Programms in zu viele
unterschiedliche Stilarten und Personen verhindert, und die gesamte
Show gewinnt an Dichte und Atmosphäre, ohne deshalb den Anspruch
auf Vielfalt der gezeigten Darbietungen aufzugeben. Wie bereits
erwähnt, fügt sich auch der humoristische Teil organisch in
das Programm ein, statt als Fremdkörper in einer Akrobatenschau zu
wirken.
Die fünfköpfige Band
mit dem "Rebellen-Look" liefert dazu eine fetzige, jedoch nie nur laute
Untermalung und Begleitung. Die vorwärtsdrängenden Rhythmen
des Schlagzeugs und die raschen Läufe der Balalaiken schaffen
einen Sound, den man so in einem Varieté noch nicht gehört
hat.
Das Publikum zeigte sich
begeistert und forderte noch eine Zugabe, die das Ensamble in Form
eines weiteren Tanzes und verschiedener akrobatischen EInlagen gerne
gewährte. Es ist abzusehen, dass auch in diesem Jahr die Karten
für die meisten Vorstellungen schnell ausverkauft sein werden. Man
sollte sich also bei der Kartenreservierung beeilen.
Frank Raudszus
Aufführungen:
* Vom 1.12.10 bis 2.01.11, Darmstadt, Karolinenplatz
* Montag bis
Samstag, 20 Uhr
* Alle
Sonntage sowie 25.12.10 und 26.12.10, 14 Uhr und 19 Uhr
* Ruhetage
am 24.12.10 und 1.01.11
* Einlass 1
Stunde vor Showbeginn
* Tickets an
der Varietékasse und an allen bekannten Vorverkaufsstellen
*
Große Silvestergala mit LiveMusik und kulinarischem Buffet
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