Die eiskalte Logik der Macht

Dezember 2010


Andere Inszenierungen dieses Stücks:


Donizettis "Maria Stuarda"

































































































































































































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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Friedrich Schillers "Maria Stuart"




Wer sich nach dieser Premiere Portraits von Maximilien Robbespierre anschaut, dem fällt sofort die Ähnlichkeit zu Uwe Zerwers Wilhelm Cecil, Baron von Burleigh, auf. Die selben aus der hohen Stirn nach hinten gekämmten Haare, die am Hinterkopf in wallenden Locken enden; derselbe zwischen Askese und kontrolliertem Fanatismus angesiedelte Gesichtsausdruck, der nur die Ideologie der "Wahrheit" und keine Emotionen hindurchlässt. Da Burleigh, wie er im Stück verkürzt angesprochen wird, gleich in der ersten Szene auftritt, übt er Signalwirkung aus: die Macht, gleichgültig, wo sie angesiedelt ist - in der hergebrachten staatlichen Ordnung oder in einem selbsternannten Revolutionstribunal -, birgt stets die Tendenz zum Terror in sich und trachtet latent nach Verwirklichung der Allmacht. Und wie Robbespierre - bis 1794 - triumphiert auch Burleigh dank seiner Rigorosität und kompromisslosen Konsequenz. Im Falle Robbespierres hat die Geschichte die Macht des Tugendterrors relativiert, in Schillers Fiktion jedoch hört die "Geschichte" mit Maria Stuarts Hinrichtung auf.

Maika Troscheit (Elisabeth), Uwe Zerwer (Burleigh), Heinz Kloss (Talbot)
Maika Troscheit (Elisabeth), Uwe Zerwer (Burleigh), Heinz Kloss (Talbot)

Regisseur Malte Kreutzfeld hat das Wesen der Macht in den Mittelpunkt seiner Interpretation von Schillers Drama gestellt. Zwar spielt der Zweikampf zweier stolzer und machtbewusster Frauen als Individuen ebenfalls eine Rolle, aber diese Individuen - auch und gerade Elisabeth! - sind bei ihm Opfer der vermeintlichen Sachzwänge, die sich wiederum aus den Machtstrukturen ergeben. So kann Macht Sachverhalte schaffen, die sie anschließend als Begründung für angeblich "alternativlose" Handlungen heranzieht. Ein Knoten in sich geschlossener Argumentationskreise, der sich nur mit dem Schwert der Tat durchschlagen lässt. Doch eine solche Tat erfordert Mut, der die eigene - politische oder physische - Existenz zur Disposition stellt. Elisabeth erkennt diese Situation mit ihrer hellwachen Intelligenz, kann sich jedoch zur - im wahrsten Sinne des Wortes - "befreienden" Tat nicht durchringen. Der Zweifel, geboren aus der Erkenntnis der Komplexität der Welt, lässt ihre Entscheidungskraft erstarren und die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen. Der tragische Aspekt in der Figur der Elisabeth besteht darin, dass sie - im Gegensatz zu Burleigh - alle Facetten der Situation erkennt, aber auch die ausweglose Situation, die sie bei jeder Entscheidung schuldig werden lässt. Lässt sie Maria hinrichten, versündigt sie sich an ihrer eigenen Cousine und Thronanwärterin; lässt sie sie dagegen am Leben, gefährdet sie die Sicherheit von Land und Volk, da sie jederzeit mit einem von Marias Anhängern angezettelten Bürgerkrieg rechnen muss. Denn ihre eigene Stellung ist wegen der von der katholischen Kirche nie akzeptierten Ehe von Heinrich VIII. mit Anne Boleyn - ihrer Mutter - durchaus nicht gefestigt. Nur durch die Ausübung ihrer Macht kann sie sich behaupten.

Iris Melamed (Maria Stuart), Maika Troscheit (Elisabeth)
Iris Melamed (Maria Stuart), Maika Troscheit (Elisabeth)

Elisabeths Berater haben es da ein ganzes Stück leichter. Jeder von ihnen vertritt eine Richtung und kann diese dank fehlender Verantwortung auch konsequent vertreten. Das gilt ebenso für den eiskalten Ideologen der herrschenden Macht Burleigh wie für den "Gutmenschen" George Talbot, Graf von Shrewsbury. Dieser tritt mit Verve für die Rechte der Angeklagten und für die Ausübung königlicher Großmut ein, womit er zwar sein Gewissen beruhigt, aber die politischen Folgen einer Begnadigung nicht zu bedenken braucht. Andere verstecken sich hinter dem Befehlsnotstand, so Marias Bewacher Amias Paulet, der längst tiefe Sympathien für sie entwickelt hat. Er bleibt zwar korrekt und weigert sich sogar, Elisabths Problem durch einen - möglichst anonymen - Mord zu beseitigen, verfolgt jedoch das Drama um Marias Ende letztlich passiv. Es geht ihn nichts an.

Graf Leicester wiederum sind Ideologien und Grundsätze gleichgültig. Er ist keinen abstrakten Gesetzen sondern nur dem eigenen Status verpflichtet. Dass Elisabeth ihn liebt, betrachtet er als Fahrstuhl in die höchsten Etagen gesellschaftlichen Erfolgs, obwohl Maria ihn erotisch weit mehr anzieht. Am liebsten hätte er Elisabeth als Ehefrau und Maria als Mätresse, wenn es denn ginge. Als die Entwicklungen eine eventuelle Befreiung Marias denkbar werden lassen, sieht er in kühlem Kalkül auch die Möglichkeit, dass eine katholische Mehrheit mit Hilfe der Franzosen Maria als Königin einsetzt, und nähert sich dieser wieder an, um bei einem Umsturz auf der richtigen Seite zu stehen. Dass er am Ende sein Lavieren zwischen den Fronten überlebt, ist außer seiner Chuzpe auch den Emotionen Elisabeths zu verdanken, die weder seinen Opportunismus noch gar seine Illoyalität wahrhaben will. Sie lässt ihn "zu Schiff nach Frankreich" ziehen, da sie zu harten Maßnahmen ihm gegenüber nicht fähig ist. Burleigh hat Leicester längst durchschaut und sagt ihm seine Illoyalität im Beisein der Königin auf den Kopf zu, in der Hoffnung, sie möge handeln, doch sie überhört die deutliche Anklage und glaubt lieber Leicesters windelweichen Ausflüchten.

Maika Troscheit (Elisabeth), Andreas Manz (Aubespine)
Maika Troscheit (Elisabeth), Andreas Manz (Aubespine)

Natürlich spielt die Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen auch in dieser Inszenierung eine große Rolle, schließlich gipfelt sie ja in der großen Szene zwischen den beiden in Fotheringhay. Doch Malte Kreutzfeld erliegt nicht der Versuchung, aus dieser Szene einen "Zickenkrieg" zu machen, bei dem es nur noch um Eifersucht und weiblichen Neid geht. Maria bleibt in dieser Szene stets die Thronprätendentin, die sich auf Augenhöhe mit Elisabeth wähnt und nur zu minimalen Zugeständnissen bereit ist. Ihr Stolz beruht nicht auf größerer erotischer Attraktivität bei den Männern sondern auf dem von ihr behaupteten Vorrecht auf den englischen Thron. Macht geht bei dieser Maria vor Erotik, und sie setzt ihre Wirkung bei den Männern gezielt für ihre Zwecke ein. Selbst für Leicester, der sich ihr plötzlich wieder nähert, zeigt sie keine tiefer gehende emotionale Reaktion, sondern schätzt eher ab, inwieweit er ihr nützlich sein kann. Dabei kann natürlich das Versprechen erotischer Gunst durchaus von taktischem Nutzen sein, doch man hat stets das Gefühl, dass Maria die Unsicherheit des politischen Machtgefüges erkannt hat und sich niemandem an den Hals wirft. Als sie Elisabeth unvorbereitet im Park von Fotheringhay trifft, legt sie sich schnell eine Strategie zurecht, die darauf basiert, ihre Geburtsrechte als Waffe gegen die - kirchlich gesehen - unehelich geborene Elisabeth einzusetzen. Das kann man durchaus als Kurzschlussreaktion sehen, die aus dem lange verdrängten Wunsch herrührt, der verhassten Rivalin endlich einmal die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. Es kann aber - daneben - auch die Überlegung mitspielen, dass Elisabeth die Macht der katholischen Kirche, des französischen Staates und eines großen Teil des Volkes zu hoch einschätzt, als dass sie Maria noch mehr demütigen oder gar hinrichten lassen könnte. Die stolze Maria spielt hier ein gewagtes Spiel, das sie zwar schließlich verliert, das sie aber auch hätte gewinnen können. Denn man sieht eine Elisabeth, die sich mit der Entscheidung quält und alles andere als geneigt ist, die Rivalin kurzerhand aufs Schafott zu schicken. Ausschlaggebend ist der Moment, als Maria in einem Anfall unkontrollierten Rachedurstes Elisabeth öffentlich einen Bastard nennt. Das ist ihr Todesurteil, denn eine solche Demütigung kann die so Beleidigte nicht dulden. Sie unterschreibt, aber nicht aus kühler Berechnung sondern in einem Moment tiefster Verzweiflung, und die Unterschrift unter das Todesurteil ist weniger Rache an Maria als Befreiung von der Qual.

Iris Melamed (Maria Stuart), hinten: István Vincze (Mortimer)
Iris Melamed (Maria Stuart), hinten: István Vincze (Mortimer)


Das Bühnenbild veranschaulicht die Kälte des Machtkalküls ausgesprochen eindrucksvoll. Zu Beginn öffnet sich eine tiefe, leere Bühne ohne jegliche Requisiten. Ein Projektor wirft in kaltem Weiß Schlagzeilen über das Geschehen auf einen Gazevorhang. Hinter diesem fackelt eine einzelne Figur auf der abgedunkelten Bühne einsam ein Feuerwerk ab, das wie das Leben der Maria Stuart Funken versprüht und dann verlischt. Erst im dritten Aufzug, als sich das zentrale Gespräch zwischen Elisabeth und Maria anbahnt, beginnt die Bühne sich zu beleben. Der Boden steigt auf ganzer Bühnbreite zu einer Rampe erheblicher Steilheit an, unten stehen Elisabeth und Graf Leicester, oben Maria und ihr Bewacher Paulet. Der Zweikampf zwischen den beiden Frauen findet auf der Rampe fast im Stile eines Sportwettkampfes mit starkem Körpereinsatz statt, wobei die Stellung der beiden - die eine oben, die andere unten - den jeweiligen Stand der Auseinandersetzung widerspiegelt. Gleichzeitig ist diese schiefe Ebene ein starkes Bild für die Abschüssigkeit des machtpolitischen Parketts, auf dem man leicht aus- und in den Untergang hinabgleitet. Wenn dann nach dem Gespräch und dem misslungenen Attentat Motimer und Maria allein sind - er hat ihr seine Liebe gestanden -, hebt sich die Rampe noch weiter an und gewährt den Verlierern keinen Halt mehr (die Darsteller waren jedoch sicherheitshalber mit Seilen an den Füßen gesichert). Die Rampe mutiert auf diese Weise zur abweisenden Mauer, die sich den Beteilgten und dem zuschauenden Volk kalt entgegenstemmt.

Nachdem sich die Rampe kurzzeitig wieder zur flachen Ebene zurückgebildet hat, um der Szenerie um die Unterzeichnung des Todesurteils den Boden zu bereiten, hebt sich die Bühne noch einmal vorne zu einer Galerie, auf der die Nachhut- und Rückzugsgefechte geführt werden. Noch lebt Maria, aber Leicester ist mehr oder weniger entlarvt und wird von Burleigh vorgeführt. In einem Augenblick der Ablenkung verschwindet Leicester durch den Unterbau der angehobenen Bühne. Zwar noch nicht "zu Schiff" und nach Frankreich, aber vorerst aus der unmittelbaren Nähe der Königin, wo ihm Gefahr droht. Wie ein Dieb mit den Fähigkeiten eines Fassadenkletterers entwindet sich der entlarvte Opportunist der gefährlichen Situation durch die unterirdischen Strukturen des Machtapparates.

Die Darsteller halten auf der weiten, leeren Bühne stets Abstand voneinander und nutzen die volle Breite der Bühne. Nur wo es die Handlung erfordert, so bei intimen Gesprächen, überwinden sie die Distanz, so etwa zwischen Maria und Mortimer oder Elisabeth und Leicester. Das politische Personal bleibt stets auf wohlbedachter Distanz zueinander, denn zu große Nähe zu den Gleichgestellten könnte gefährlich werden, wenn diese in Ungnade fallen. Jeder zentriert seinen Auftritt auf die Königin, versucht, Einfluss auf sie auszuüben, ohne unmittelbar für ihre Entscheidung verantwortlich gemacht werden zu können. Die Bühne mutet zeitweise wie ein Schachbrett an, auf der unsichtbare Spieler ihre Figuren gegeneinander in Stellung bringen, aber peinlich darauf achten, nicht geschlagen zu werden.

Maika Troscheit (Elisabeth), Andreas Vögler (Leicester), István Vincze (Mortimer), Uwe Zerwer (Burleigh)
Maika Troscheit (Elisabeth), Andreas Vögler (Leicester), István Vincze (Mortimer), Uwe Zerwer (Burleigh)

Das Ensemble setzt die Regieabsicht in bewundernswerter Konsequenz um. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die beiden Frauenfiguren. Maike Troscheit liefert als Elisabeth eine beeindruckende Leistung ab. Sowohl das Machtbewusstsein als auch den eisernen (politischen) Überlebenswillen dieser Frau gibt sie überzeugend wieder. Doch auch die andere Seite dieser einsamen Frau, die quälenden Zweifel über die zu treffende Entscheidung, die unterdrückte Emotionalität gegenüber Leicester und die nur durch Körpersprache ausgedrückte Enttäuschung über dessen Illoyalität bringt Maike Troscheit glaubwürdig zum Ausdruck.
Neben ihr agiert Iris Melamed als Maria auf Augenhöhe. Der unbändige Stolz dieser Figur, angeheizt noch durch die Demütigung der Gefangenschaft, wechselt sich bei ihr in schneller Folge ab mit plötzlich aufflackernder Hoffnung auf Befreiung, mit verhaltenem Ausspielen der "erotischen Karte" und nicht zuletzt mit wehmütigen Erinnerungen an bessere Tage. Am Schluss obsiegt die bittere Größe der Entsagung, die in den aufrechten Gang zum Schafott mündet. All diese Facetten der Person Maria spielt Iris Melamed eindringlich aus.
Uwe Zerwer gibt den Baron von Burleigh als messerscharfen Robbespierre, der nur den Machterhalt und die Prinzipien vor Augen hat. Seine Kälte schneidet geradezu durch den Bühnenraum und lässt erschauern. Heinz Kloss gibt einen gutmeinenden Graf von Shrewsbury, der jedoch außer hehren und wohl auch ernst gemeinten Appellen nichts zu bieten hat, mit einem Anflug von Selbstgefälligkeit, frei nach dem Motto: "wenn alle für das Todesurteil sind, macht sich ein einzelne Gegenstimme immer gut". Die Regie scheint dem Edelmut des Grafen nicht ganz zu trauen und versieht ihn daher mit einem kräftigen Schuss Selbstgerechtigkeit. Andreas Vögler spielt den Grafen Leicester als wahres Ekel, der den zynischen Eigennutz zu seiner Maxime gemacht hat, lümmelt gelangweilt an den Wänden, delektiert sich ebenso gelangweilt an kleinen Pastillen und horcht dabei jeden nach Meinungen und Ereignissen aus, nur um sie für seine Zwecke zu nutzen. Vögler erweckt damit eine bestimmten Typus zum Bühnenleben, der zeitlos durch die Welt der Möglichkeiten streift und dabei eine Blutspur hinter sich herzieht.  István Vinczes Mortimer ist ein schwärmerisch-jugendlicher Geist, der sich in naivem Heldentum ins Getümmel stürzt und dort den Tod findet, und Andreas Manz spielt den franzöischen Gesandten mit viel diplomatischer Verschlagenheit und prächtigem Akzent. Aart Veder verleiht dem Amias Paulet eine tragische Distinguiertheit, die sowohl den Tod der fast schon verehrten Maria als auch des eigenen Neffen Mortimer mit stoischem Gesichtsausdruck in blinder Pflichterfüllung erträgt.
Klaus Ziemann spielt den Diener Davison, dem - ausgerechnet ihm! - die Königin die Entscheidung über das Todesurteil überlässt und der sogar in blinder Pflichterfüllung versucht, das Urteil physisch(!) herunterzuschlucken.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser Inszenierung höchst beeindruckt und ließ nach dem letzten Satz "Der Graf lässt sich entschuldigen. Er ist zu Schiff nach Frankreich" einige Sekunden verstreichen, ehe der Beifall einsetzte. Der kam dann aber umso stärker, sowohl für das Ensemble als auch für die Regie, und sparte auch nicht an "Bravo"-Rufen, vor allem für die beiden Frauenrollen.

Weitere Aufführungen am 14. und 16. Dezember sowie am 2., 7., 14. und 22. Januar.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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