![]() |
Die
eiskalte Logik der Macht |
![]() Andere Inszenierungen dieses Stücks: Donizettis "Maria Stuarda" Ihre Meinung über E-Mail hier |
Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt inszeniert Friedrich Schillers "Maria Stuart" | ||||
|
Regisseur Malte Kreutzfeld hat
das Wesen der Macht in den Mittelpunkt seiner Interpretation von
Schillers Drama gestellt. Zwar spielt der Zweikampf zweier stolzer und
machtbewusster Frauen als Individuen ebenfalls eine Rolle, aber diese
Individuen - auch und gerade Elisabeth! - sind bei ihm Opfer der
vermeintlichen Sachzwänge, die sich wiederum aus den
Machtstrukturen ergeben. So kann Macht Sachverhalte schaffen, die sie
anschließend als Begründung für angeblich
"alternativlose" Handlungen heranzieht. Ein Knoten in sich
geschlossener Argumentationskreise, der sich nur mit dem Schwert der
Tat durchschlagen lässt. Doch eine solche Tat erfordert Mut, der
die eigene - politische oder physische - Existenz zur Disposition
stellt. Elisabeth erkennt diese Situation mit ihrer hellwachen
Intelligenz, kann sich jedoch zur - im wahrsten Sinne des Wortes -
"befreienden" Tat nicht durchringen. Der Zweifel, geboren aus der
Erkenntnis der Komplexität der Welt, lässt ihre
Entscheidungskraft erstarren und die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen.
Der tragische Aspekt in der Figur der Elisabeth besteht darin, dass sie
- im Gegensatz zu Burleigh - alle Facetten der Situation erkennt, aber
auch die ausweglose Situation, die sie bei jeder Entscheidung schuldig
werden lässt. Lässt sie Maria hinrichten, versündigt sie
sich an ihrer eigenen Cousine und Thronanwärterin; lässt sie
sie dagegen am Leben, gefährdet sie die Sicherheit von Land und
Volk, da sie jederzeit mit einem von Marias Anhängern
angezettelten Bürgerkrieg rechnen muss. Denn ihre eigene Stellung
ist wegen der von der katholischen Kirche nie akzeptierten Ehe von
Heinrich VIII. mit Anne Boleyn - ihrer Mutter - durchaus nicht
gefestigt. Nur durch die Ausübung ihrer Macht kann sie sich
behaupten.
Elisabeths Berater haben es da
ein ganzes Stück leichter. Jeder von ihnen vertritt eine Richtung
und kann diese dank fehlender Verantwortung auch konsequent vertreten.
Das gilt ebenso für den eiskalten Ideologen der herrschenden Macht
Burleigh wie für den "Gutmenschen" George Talbot, Graf von
Shrewsbury. Dieser tritt mit Verve für die Rechte der Angeklagten
und für die Ausübung königlicher Großmut ein,
womit er zwar sein Gewissen beruhigt, aber die politischen Folgen einer
Begnadigung nicht zu bedenken braucht. Andere verstecken sich hinter
dem Befehlsnotstand, so Marias Bewacher Amias Paulet, der längst
tiefe Sympathien für sie entwickelt hat. Er bleibt zwar korrekt
und weigert sich sogar, Elisabths Problem durch einen - möglichst
anonymen - Mord zu beseitigen, verfolgt jedoch das Drama um Marias Ende
letztlich passiv. Es geht ihn nichts an. Graf Leicester wiederum sind
Ideologien und Grundsätze gleichgültig. Er ist keinen
abstrakten Gesetzen sondern nur dem eigenen Status verpflichtet. Dass
Elisabeth ihn liebt, betrachtet er als Fahrstuhl in die höchsten
Etagen gesellschaftlichen Erfolgs, obwohl Maria ihn erotisch weit mehr
anzieht. Am liebsten hätte er Elisabeth als Ehefrau und Maria als
Mätresse, wenn es denn ginge. Als die Entwicklungen eine
eventuelle Befreiung Marias denkbar werden lassen, sieht er in
kühlem Kalkül auch die Möglichkeit, dass eine
katholische Mehrheit mit Hilfe der Franzosen Maria als Königin
einsetzt, und nähert sich dieser wieder an, um bei einem Umsturz
auf der richtigen Seite zu stehen. Dass er am Ende sein Lavieren
zwischen den Fronten überlebt, ist außer seiner Chuzpe auch
den Emotionen Elisabeths zu verdanken, die weder seinen Opportunismus
noch gar seine Illoyalität wahrhaben will. Sie lässt ihn "zu
Schiff nach Frankreich" ziehen, da sie zu harten Maßnahmen ihm
gegenüber nicht fähig ist. Burleigh hat Leicester längst
durchschaut und sagt ihm seine Illoyalität im Beisein der
Königin auf den Kopf zu, in der Hoffnung, sie möge handeln,
doch sie überhört die deutliche Anklage und glaubt lieber
Leicesters windelweichen Ausflüchten.
Natürlich spielt die
Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen auch in dieser
Inszenierung eine große Rolle, schließlich gipfelt sie ja
in der großen Szene zwischen den beiden in Fotheringhay. Doch
Malte Kreutzfeld erliegt nicht der Versuchung, aus dieser Szene einen
"Zickenkrieg" zu machen, bei dem es nur noch um Eifersucht und
weiblichen Neid geht. Maria bleibt in dieser Szene stets die
Thronprätendentin, die sich auf Augenhöhe mit Elisabeth
wähnt und nur zu minimalen Zugeständnissen bereit ist. Ihr
Stolz beruht nicht auf größerer erotischer
Attraktivität bei den Männern sondern auf dem von ihr
behaupteten Vorrecht auf den englischen Thron. Macht geht bei dieser
Maria vor Erotik, und sie setzt ihre Wirkung bei den Männern
gezielt für ihre Zwecke ein. Selbst für Leicester, der sich
ihr plötzlich wieder nähert, zeigt sie keine tiefer gehende
emotionale Reaktion, sondern schätzt eher ab, inwieweit er ihr
nützlich sein kann. Dabei kann natürlich das Versprechen
erotischer Gunst durchaus von taktischem Nutzen sein, doch man hat
stets das Gefühl, dass Maria die Unsicherheit des politischen
Machtgefüges erkannt hat und sich niemandem an den Hals wirft. Als
sie Elisabeth unvorbereitet im Park von Fotheringhay trifft, legt sie
sich schnell eine Strategie zurecht, die darauf basiert, ihre
Geburtsrechte als Waffe gegen die - kirchlich gesehen - unehelich
geborene Elisabeth einzusetzen. Das kann man durchaus als
Kurzschlussreaktion sehen, die aus dem lange verdrängten Wunsch
herrührt, der verhassten Rivalin endlich einmal die Wahrheit ins
Gesicht zu schleudern. Es kann aber - daneben - auch die
Überlegung mitspielen, dass Elisabeth die Macht der katholischen
Kirche, des französischen Staates und eines großen Teil des
Volkes zu hoch einschätzt, als dass sie Maria noch mehr
demütigen oder gar hinrichten lassen könnte. Die stolze Maria
spielt hier ein gewagtes Spiel, das sie zwar schließlich
verliert, das sie aber auch hätte gewinnen können. Denn man
sieht eine Elisabeth, die sich mit der Entscheidung quält und
alles andere als geneigt ist, die Rivalin kurzerhand aufs Schafott zu
schicken. Ausschlaggebend ist der Moment, als Maria in einem Anfall
unkontrollierten Rachedurstes Elisabeth öffentlich einen Bastard
nennt. Das ist ihr Todesurteil, denn eine solche Demütigung kann
die so Beleidigte nicht dulden. Sie unterschreibt, aber nicht aus
kühler Berechnung sondern in einem Moment tiefster Verzweiflung,
und die Unterschrift unter das Todesurteil ist weniger Rache an Maria
als Befreiung von der Qual.
Nachdem sich die Rampe
kurzzeitig wieder zur flachen Ebene zurückgebildet hat, um der
Szenerie um die Unterzeichnung des Todesurteils den Boden zu bereiten,
hebt sich die Bühne noch einmal vorne zu einer Galerie, auf der
die Nachhut- und Rückzugsgefechte geführt werden. Noch lebt
Maria, aber Leicester ist mehr oder weniger entlarvt und wird von
Burleigh vorgeführt. In einem Augenblick der Ablenkung
verschwindet Leicester durch den Unterbau der angehobenen Bühne.
Zwar noch nicht "zu Schiff" und nach Frankreich, aber vorerst aus der
unmittelbaren Nähe der Königin, wo ihm Gefahr droht. Wie ein
Dieb mit den Fähigkeiten eines Fassadenkletterers entwindet sich
der entlarvte Opportunist der gefährlichen Situation durch die
unterirdischen Strukturen des Machtapparates. Die Darsteller halten auf der weiten, leeren Bühne stets Abstand voneinander und nutzen die volle Breite der Bühne. Nur wo es die Handlung erfordert, so bei intimen Gesprächen, überwinden sie die Distanz, so etwa zwischen Maria und Mortimer oder Elisabeth und Leicester. Das politische Personal bleibt stets auf wohlbedachter Distanz zueinander, denn zu große Nähe zu den Gleichgestellten könnte gefährlich werden, wenn diese in Ungnade fallen. Jeder zentriert seinen Auftritt auf die Königin, versucht, Einfluss auf sie auszuüben, ohne unmittelbar für ihre Entscheidung verantwortlich gemacht werden zu können. Die Bühne mutet zeitweise wie ein Schachbrett an, auf der unsichtbare Spieler ihre Figuren gegeneinander in Stellung bringen, aber peinlich darauf achten, nicht geschlagen zu werden.
Das Ensemble setzt die
Regieabsicht in bewundernswerter Konsequenz um. Im Mittelpunkt stehen
dabei natürlich die beiden Frauenfiguren. Maike Troscheit liefert
als Elisabeth eine beeindruckende Leistung ab. Sowohl das
Machtbewusstsein als auch den eisernen (politischen)
Überlebenswillen dieser Frau gibt sie überzeugend wieder.
Doch auch die andere Seite dieser einsamen Frau, die quälenden
Zweifel über die zu treffende Entscheidung, die unterdrückte
Emotionalität gegenüber Leicester und die nur durch
Körpersprache ausgedrückte Enttäuschung über dessen
Illoyalität bringt Maike Troscheit glaubwürdig zum Ausdruck. Das Premierenpublikum zeigte
sich von dieser Inszenierung höchst beeindruckt und ließ
nach dem letzten Satz "Der Graf lässt sich entschuldigen. Er ist
zu Schiff nach Frankreich" einige Sekunden verstreichen, ehe der
Beifall einsetzte. Der kam dann aber umso stärker, sowohl für
das Ensemble als auch für die Regie, und sparte auch nicht an
"Bravo"-Rufen, vor allem für die beiden Frauenrollen. Weitere
Aufführungen am 14. und 16. Dezember sowie am 2., 7., 14. und 22.
Januar. Frank Raudszus Alle
Fotos
©
Barbara
Aumüller |
|
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |