Die Zeit ist die Zeit ist die Zeit...

Dezember 2010


Andere Inszenierungen der Neuen Bühne:

Tausend und eine Nacht

Arsen und Spitzenhäubchen

Der Sturm

Der Hauptmann von Köpenick

Die Schule der Frauen

Geschichten aus dem Wienerwald

Der nackte Wahnsinn

Die Frau am Meer























































































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Die "Neue Bühne Darmstadt" inszeniert Michael Endes Märchen "Momo"




Die Rezension der aktuellen Inszenierung der Darmstädter "Neuen Bühne" erscheint etwas verspätet, da der Rezensent bisher "keine Zeit hatte"! Die Fragwürdigkeit dieses Arguments wurde dabei während des Stücks zusehends klarer, sodass sich der Schreiber dieser Zeilen schuldbewusst fragen muss, weshalb er diese Zeit nicht schon viel früher hat erübrigen können. Das mag daran liegen, dass er einfach den Inhalt dieses Stücks nicht kannte.

Anouschka Sarafzade (Momo) und Ulrich Sommer (Gigi)
Anouschka Sarafzade (Momo) und Ulrich Sommer (Gigi)

Doch genug der "mea culpa"-Rufe. Wenden wir uns dem Schauspiel zu. Michael Ende hat dieses moderne Märchen bereits in den frühen siebziger Jahren geschrieben, die uns heute in der Rückschau als eine beschauliche Periode erscheinen mögen - vom Terrorismus einmal abgesehen. Er hat dort zwei Phänomene der modernen Zeit miteinander verwoben: die Jagd - ja geradezu Gier - nach dem geschäftlichen Erfolg und die Unfähigkeit zur Zeit verschwendenden Muße. Dass diese beiden Eigenschaften unseer heutigen Alltagswelt eng zusammenhängen, ist uns intuitiv bewusst, dass sie jedoch zwei unterschiedlichen Sichtweisen entspringen, wird angesichts der Menschen klar, die auch bei Vergnügen oder häuslicher Arbeit keine Sekunde ungenutzt verstreichen lassen können und jede zeitliche Nische mit "nützlichen" Aktivitäten ausfüllen müssen. In "Momo" lebt die gleichnamige Heldin in einer Ruine nahe einem kleinen Dorf und verbringt ihre Zeit mit den Einwohnern in fröhlicher Muße: sie schaut dem Straßenkehrer Beppo beim gemächlichen Fegen der Gasse zu und hört sich seine Gedanken über sie Welt und das Leben an; der Fremdenführer Gigi erzählt ihr seine Träume von einer Künstlerkarriere und erfindet Geschichten, die Momo und ihn zum Gegenstand haben; beim Wirt Nino kann man den halben Tag bei einem Kaffee oder einem Glas Wasser vertrödeln. Kurz, jeder in diesem kleinen Kosmos genießt unbewusst die ihm zugeteilte Lebenszeit in Muße und Ausgeglichenheit.

In diese Idylle bricht die "Zeitsparkasse", die erkannt hat, dass die Menschen mit ihrer Zeit über ein riesiges Potential verfügen, das sie jedoch sehr ineffizient nutzen. Der Kassenagent XYQ hält dem Friseur Fusi vor, dass er bei dem Geplauder mit seinen Kunden, den täglichen Besuchen bei seiner alten Mutter und dem ebenfalls täglichen Plausch mit dem gelähmten Fräulein Daria nur wertvolle Zeit vertrödele. Es sei viel besser, die frei verfügbare Zeit zu sparen und bei der Zeitsparkasse anzulegen. Natürlich verfolgen die Agenten der Zeitsparkasse eher eigennützige Ziele, da sie gar nicht vorhaben, die Guthaben irgendwann auszuzahlen, sondern diese Zeit für sich zu nutzen. Die Paradoxie liegt darin, dass die Agenten der Kasse keine Sekunde Zeit verlieren, um - für später! - soviel Zeit wie möglich anzuhäufen. Das Zeitsammeln ist längst zum Selbstzweck verkommen wie bei den "realen" Bankern, die mit aufreibender und Zeit fressender Arbeit Geldmengen anhäufen, die sie nicht mehr sinnvoll konsumieren können.

Die Agenten der Zeitsparkasse
Die Agenten der Zeitsparkasse

In Michael Endes Märchen überzeugen die Agenten schnell das ganze Dorf von dem neuen Zeitbewusstsein. Nur Momo können die Agenten nicht in ihr Zeitkorsett pressen, und deshalb erklären sie sie zur Feindin, die zu eliminieren ist. Doch die Schildkröte Cassiopeia - Symbol der Langsamkeit und der Zeitlosigkeit - bringt Momo in das Paralleluniversum von "Meister Hora" (hora: lateinisch = Stunde), der die Zeit verwaltet. Der Weg dorthin führt - frei nach Albert Einstein - durch einen Zeitkorridor, den die Agenten nicht betreten können. Als Momo in ihr Dorf zurückkehrt, hat sich dort alles verändert: der Wirt Nino hat die kaum konsumierenden alten Männer aus seinem Restaurant geworfen und einen Schnellimbiss eingerichtet. Der Friseur fertigt seine Kunden wortlos im Fließbandtempo ab, und Beppo muss mit seinem Besen ohne Zeit für Gedanklen und Gespräche über die Straße hasten.

Die Jagd der Agenten auf die wieder aufgetauchte Momo gestaltet sich durchaus spannend, doch am Ende siegt das Gute mit Hilfe der prophetischen Schildkröte und von Meister Hora. Die Agenten verschwinden alle im Nirwana eines alles verschlingenden Zeitwirbels, die Dorfbewohner erkennen den Irrweg der zeitlichen Lebensoptimierung auf Kosten der sozialen Beziehungen und im Dorf kehrt wieder Ruhe und Frieden ein.

Dieses für die Vorweihnachtszeit ideal geeignete Märchen hat Renate Renken für die Bühne aufbereitet. Die symbolbeladenen Figuren und Szenen bieten sich dabei geradezu für eine theatralische Version an. Über dem Eingang zum Bühnen- und Zuschauerraum ist eine Ruine angedeutet und davor steht ein Leitergestell, auf dem man zur Ruine hochklettern kann. Die restlichen Requisiten bestehen aus einem Tisch, ein paar Stühlen und varibabel einsetzbaren Holzkästen. Mit wenigen Handgriffen - im Dunkel zwischen den Szenen - entsteht so ein Wirtshaus, ein Friseursalon, ein Besprechungsraum in der Zeitsparkasse oder gar der zeitlose Sitz vom Meister Hora. Die einzelnen Szenen sind gestrafft und enthalten jeweils einen Handlungskern, der die Gesamthandlung erklärt und vorantreibt. Auch der humoristische Effekt kommt nicht zu kurz, ein wichtiger Aspekt, da Michael Ende durchaus nicht am Zeigefinger der plakativen Moral spart. Renate Renken schafft es, die bisweilen etwas dick aufgetragene "Botschaft" durch Humor leichter zu gestalten und zu vermitteln. Auch wenn das Thema durchaus ernst zu nennen ist, ergeben sich doch immer wieder Anlässe zum Schmunzeln oder gar zum Lachen. Und das gute Ende passt denn auch gut in die Adventszeit.

Anouschka Sarafzade udn Rainer Poser (Beppo)Anouschka Sarafzade udn Rainer Poser (Beppo)

Die Schauspieler fühlen sich überzeugend in ihre Rollen ein. Rainer Poser spielt dieses Mal mit dem Straßenkehrer Beppo eher eine Nebenrolle, ist jedenfalls schauspierlerisch nicht so dominant wie in anderen, auf ihn zugeschnittenen Stücken. Aber auch diesem einfachen Menschen verleiht er mal philosophische, mal altruistische Züge. Die Hauptrolle der Momo hat die Gastschauspielerin Anouschka Sarafzade übernommen, die wir bereits in "Tausen und eine Nacht" gesehen haben. Sie spielt diese Rolle mit viel Gespür für die unmittelbare Naivität und den sozialen Charakter dieser Figur. Ulrich Sommer spielt den phantasievollen Fremdenführer Gigi und dessen Erfolgsvariante als international erfolgreicher aber unglücklicher Star, Ralph Dillman lernt als Friseur Fusi den Faktor Zeit kennen und vermarktet diesen als Agent BLW der Zeitsparkasse. Auch Axel Raether tritt als knallharter Zeitagent und als Wirt Nino in verschiedenen Rollen auf. Bei den Frauen hat es Bianca Weidenbusch dieses Mal etwas schwerer, da sie sich als Schildkröte Cassiopeia in schwerfälligen Bewegungen und mit einem Panzer auf dem Rücken über die Bühne quälen muss. Gabriele Reinitzer spielt die resolute Wirtin und eine noch resolutere Agentin, und Nicole Klein steht gleich in fünf Rollen auf der Bühne - von der sprechenden Puppe Bibi bis zur eiskalten Agentin ZBV. Jens Hommola tritt ebenfalls in diversen Rollen - Agent, streitsüchtiger Dorfbewohner - auf, und Hannelore Nippert schließlich gibt den Meister Hora mit Schurrbart und grauem Pferdeschwanz.

Mit dieser Inszenierung ist der "neuen Bühne" eine überzeugende Bühnenversion des Ende-Märchens gelungen, die sowohl den Primat der Bühnenhandlung beachtet als auch die Botschaft des Romans ohne plakatives Moralin vermittelt. Man verlässt diese Aufführung durchaus nachdenklich, fühlt sich auf der anderen Seite jedoch auch gut unterhalten.

Frank Raudszus


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