![]() |
Die
Zeit ist die Zeit ist die Zeit... |
![]() Andere Inszenierungen der Neuen Bühne: Tausend und eine Nacht Arsen und Spitzenhäubchen Der Sturm Der Hauptmann von Köpenick Die Schule der Frauen Geschichten aus dem Wienerwald Der nackte Wahnsinn Die Frau am Meer Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die "Neue Bühne Darmstadt" inszeniert Michael Endes Märchen "Momo" | ||||
|
Doch genug der "mea culpa"-Rufe.
Wenden wir uns dem Schauspiel zu. Michael Ende hat
dieses moderne Märchen bereits in den frühen siebziger Jahren
geschrieben, die uns heute in der Rückschau als eine beschauliche
Periode erscheinen mögen - vom Terrorismus einmal abgesehen. Er
hat dort zwei Phänomene der modernen Zeit miteinander verwoben:
die Jagd - ja geradezu Gier - nach dem geschäftlichen Erfolg und
die Unfähigkeit zur Zeit verschwendenden Muße. Dass diese
beiden Eigenschaften unseer heutigen Alltagswelt eng
zusammenhängen, ist uns intuitiv bewusst, dass sie jedoch zwei
unterschiedlichen Sichtweisen entspringen, wird angesichts der Menschen
klar, die auch bei Vergnügen oder häuslicher Arbeit keine
Sekunde ungenutzt verstreichen lassen können und jede zeitliche
Nische mit "nützlichen" Aktivitäten ausfüllen
müssen. In "Momo" lebt die gleichnamige Heldin in einer Ruine nahe
einem kleinen Dorf und verbringt ihre Zeit mit den Einwohnern in
fröhlicher Muße: sie schaut dem Straßenkehrer Beppo
beim gemächlichen Fegen der Gasse zu und hört sich seine
Gedanken über sie Welt und das Leben an; der Fremdenführer
Gigi erzählt ihr seine Träume von einer Künstlerkarriere
und erfindet Geschichten, die Momo und ihn zum Gegenstand haben; beim
Wirt Nino kann man den halben Tag bei einem Kaffee oder einem Glas
Wasser vertrödeln. Kurz, jeder in diesem kleinen Kosmos
genießt unbewusst die ihm zugeteilte Lebenszeit in Muße und
Ausgeglichenheit. In diese Idylle bricht die
"Zeitsparkasse", die erkannt hat, dass die Menschen mit ihrer Zeit
über ein riesiges Potential verfügen, das sie jedoch sehr
ineffizient nutzen. Der Kassenagent XYQ hält dem Friseur Fusi vor,
dass er bei dem Geplauder mit seinen Kunden, den täglichen
Besuchen bei seiner alten Mutter und dem ebenfalls täglichen
Plausch mit dem gelähmten Fräulein Daria nur wertvolle Zeit
vertrödele. Es sei viel besser, die frei verfügbare Zeit zu
sparen und bei der Zeitsparkasse anzulegen. Natürlich verfolgen
die Agenten der Zeitsparkasse eher eigennützige Ziele, da sie gar
nicht vorhaben, die Guthaben irgendwann auszuzahlen, sondern diese Zeit
für sich zu nutzen. Die Paradoxie liegt darin, dass die Agenten
der Kasse keine Sekunde Zeit verlieren, um - für später! -
soviel Zeit wie möglich anzuhäufen. Das Zeitsammeln ist
längst zum Selbstzweck verkommen wie bei den "realen" Bankern, die
mit aufreibender und Zeit fressender Arbeit Geldmengen anhäufen,
die sie nicht mehr sinnvoll konsumieren können.
In Michael Endes Märchen
überzeugen die Agenten schnell das ganze Dorf von dem neuen
Zeitbewusstsein. Nur Momo können die Agenten nicht in ihr
Zeitkorsett pressen, und deshalb erklären sie sie zur Feindin, die
zu eliminieren ist. Doch die Schildkröte Cassiopeia - Symbol der
Langsamkeit und der Zeitlosigkeit - bringt Momo in das
Paralleluniversum von "Meister Hora" (hora: lateinisch = Stunde), der
die Zeit verwaltet. Der Weg dorthin führt - frei nach Albert
Einstein - durch einen Zeitkorridor, den die Agenten nicht betreten
können. Als Momo in ihr Dorf zurückkehrt, hat sich dort alles
verändert: der Wirt Nino hat
die kaum
konsumierenden alten Männer aus seinem Restaurant geworfen und
einen
Schnellimbiss eingerichtet. Der Friseur fertigt seine Kunden wortlos im
Fließbandtempo ab, und Beppo muss mit seinem Besen ohne Zeit
für Gedanklen und Gespräche über die Straße
hasten. Die Jagd der Agenten auf die
wieder aufgetauchte Momo gestaltet sich durchaus spannend, doch am Ende
siegt das Gute mit Hilfe der prophetischen Schildkröte und von
Meister Hora. Die Agenten verschwinden alle im Nirwana eines alles
verschlingenden Zeitwirbels, die Dorfbewohner erkennen den Irrweg der
zeitlichen Lebensoptimierung auf Kosten der sozialen Beziehungen und im
Dorf kehrt wieder Ruhe und Frieden ein. Dieses für die
Vorweihnachtszeit ideal geeignete Märchen hat Renate Renken
für die Bühne aufbereitet. Die symbolbeladenen Figuren und
Szenen bieten sich dabei geradezu für eine theatralische Version
an. Über dem Eingang zum Bühnen- und Zuschauerraum ist eine
Ruine angedeutet und davor steht ein Leitergestell, auf dem man zur
Ruine hochklettern kann. Die restlichen Requisiten bestehen aus einem
Tisch, ein paar Stühlen und varibabel einsetzbaren
Holzkästen. Mit wenigen Handgriffen - im Dunkel zwischen den
Szenen - entsteht so ein Wirtshaus, ein Friseursalon, ein
Besprechungsraum in der Zeitsparkasse oder gar der zeitlose Sitz vom
Meister Hora. Die einzelnen Szenen sind gestrafft und enthalten jeweils
einen Handlungskern, der die Gesamthandlung erklärt und
vorantreibt. Auch der humoristische Effekt kommt nicht zu kurz, ein
wichtiger Aspekt, da Michael Ende durchaus nicht am Zeigefinger der
plakativen Moral spart. Renate Renken schafft es, die bisweilen etwas
dick aufgetragene "Botschaft" durch Humor leichter zu gestalten und zu
vermitteln. Auch wenn das Thema durchaus ernst zu nennen ist, ergeben
sich doch immer wieder Anlässe zum Schmunzeln oder gar zum Lachen.
Und das gute Ende passt denn auch gut in die Adventszeit.
Die Schauspieler fühlen
sich überzeugend in ihre Rollen ein. Rainer Poser spielt dieses
Mal mit dem Straßenkehrer Beppo eher eine Nebenrolle, ist
jedenfalls schauspierlerisch nicht so dominant wie in anderen, auf ihn
zugeschnittenen Stücken. Aber auch diesem einfachen Menschen
verleiht er mal philosophische, mal altruistische Züge. Die
Hauptrolle der Momo hat die Gastschauspielerin Anouschka Sarafzade
übernommen, die wir bereits in "Tausen und eine Nacht" gesehen
haben. Sie spielt diese Rolle mit viel Gespür für die
unmittelbare Naivität und den sozialen Charakter dieser Figur.
Ulrich Sommer spielt den phantasievollen Fremdenführer Gigi und
dessen Erfolgsvariante als international erfolgreicher aber
unglücklicher Star, Ralph Dillman lernt als Friseur Fusi den
Faktor Zeit kennen und vermarktet diesen als Agent BLW der
Zeitsparkasse. Auch Axel Raether tritt als knallharter Zeitagent und
als Wirt Nino in verschiedenen Rollen auf. Bei den Frauen hat es Bianca
Weidenbusch dieses Mal etwas schwerer, da sie sich als Schildkröte
Cassiopeia in schwerfälligen Bewegungen und mit einem Panzer auf
dem Rücken über die Bühne quälen muss. Gabriele
Reinitzer spielt die resolute Wirtin und eine noch resolutere Agentin,
und Nicole Klein steht gleich in fünf Rollen auf der Bühne -
von der sprechenden Puppe Bibi bis zur eiskalten Agentin ZBV. Jens
Hommola tritt ebenfalls in diversen Rollen - Agent,
streitsüchtiger Dorfbewohner - auf, und Hannelore Nippert
schließlich gibt den Meister Hora mit Schurrbart und grauem
Pferdeschwanz. Mit dieser Inszenierung ist der
"neuen Bühne" eine überzeugende Bühnenversion des
Ende-Märchens gelungen, die sowohl den Primat der
Bühnenhandlung beachtet als auch die Botschaft des Romans ohne
plakatives Moralin vermittelt. Man verlässt diese Aufführung
durchaus nachdenklich, fühlt sich auf der anderen Seite jedoch
auch gut unterhalten. Frank Raudszus |
|
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |