Theater und Konzert
Die humorvolle Weltreise einer "Blaskapelle"

März 2011















 

































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Beim 6. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt tritt das Bläserensemble "munich brass connection" auf


Wenn sich fünf Spieler von Blechblasinstrumenten zu einem Ensemble zusammentun, nennt man das eine Blaskapelle - besonders in Bayern. Darunter stellt man sich gerne Männer mit kräftigen Waden in Lederhosen und mit Gamsbarthut vor, die mit Vorliebe Märsche und Volkslieder spielen. Die "munich brass connection" passt jedoch nicht in dieses Bild einer bayerischen Blaskapelle, obwohl die Musiker alle dorther kommen. An der Musikschule Grassau - nahe dem schönen Chiemsee - haben vor dreizehn Jahren fünf junge Männer dieses Ensemble gegründet, allerdings mit einem höheren Ziel als dem einer einfachen Blaskapelle. Im 6. Kammerkonzert des Staatstheaters zeigten sie den Unterschied zwischen einer Blaskapelle und einer modernen Brassband.

Die "munich brass connection" mit (v.l.n.r.) Konrad Müller (Trompete), Sebastian Sager (Posaune),Fabian Heichele (Tuba), Thomas Berg (Trompete) und Christian Loferer (Horn)
Die "munich brass connection" mit (v.l.n.r.) Konrad Müller (Trompete), Sebastian Sager (Posaune),Fabian Heichele (Tuba), Thomas Berg (Trompete) und Christian Loferer (Horn)

Schon ihr Äußeres zeigte keinerlei Anklänge an bayerische Bierzelte: die einheitlichen einreihigen Anzügen und die offenen weißen Hemden signalisierten Eleganz und Lockerheit gleichermaßen, und das Auftreten der jungen Männer - ohne Quotenfrau(en)! - rundete den lockeren und unterhaltsamen Eindruck ab. Bereits den Beginn des Konzerts gestalteten die fünf Bläser originell: während das Pubikum auf den Auftritt wartete, ertönte aus dem "Off" deutliche Blasmusik, und zwar bayerische! Soweit konnten die Musiker ihre Herkunft doch nicht verleugnen, und damit wollten sie den Untertitel ihres Konzertes - "Wonderful World - Von der Isar bis zum Hudson" - akustisch untermalen. Sie kamen sozusagen blasend aus dem fernen Bayern angereist, und als sie schließlich einer nach dem anderen die Bühne  betraten, war aus der Blasmusik das Spiritual "Just a Closer Walk" geworden, das im New Orleans des frühen 20. Jahrhunderts gerne zu Beerdigungen gespielt wurde. Wie damals üblich, beginnt es langsam und trauernd, um dann - nach Absenken des Sarges - zu einem schnellen Dixieland überzugehen, bei dem man damals die "Leiche" standesgemäß verabschieden konnte.

Nach diesem so wechselvollen Start offerierte sich das Ensemble denn auch mit gespieltem Ernst als Kapelle für entsprechende Anlässe und setzte damit gleich einen humoristischen Akzent. Dann ging die Reise weiter von New Orleans nach New York, und es kam erst einmal ernsthafte Musik von Leonard Bernstein zu Gehör. Zwar hatte auch dieser amerikanische Komponist und Dirigent viel Sinn für Humor und Unterhaltung, aber seine fünf kurzen Stücke der "Dance Suite" - Einwurf eines Musikers: "sehr kurze"! -  sind in erster Linie anspruchsvolle Miniaturen für Blechbläser, die er kurz vor seinem Tod im Jahr 1989 komponierte. Ihre ausgesprochen akzentuierte Rhythmik verweist deutlich auf die Tatsache, dass die Suite verschiedenen Choreographen des Tanztheaters gewidmet war, die alle zu Bernsteins Freundeskreis gehörten. Das dritte Stück - "BI-Tango" erinnert ein wenig an Kurt Weill, ein anderes wieder weckt klangliche Assoziationen an Bernsteins "West Side Story". Allen Stücken sind die hohen technischen Anforderungen gemeinsam, die sich in schnellen, stakkatohaften Läufen niederschlagen. Die Musiker selbst bezeichneten sie in der Ankündigung als Herausforderung an sich - und das Publikum. 

Als Zwischenspiel präsentierten sie das angeblich "traurigste Musikstück der Welt", Samuel Barbers "Adagion for Strings" , hier allerdings in der Fassung für zwei Trompeten, eine Posaune, ein Horn und eine Tuba. Wem der Name des Stücks nichts sagte, nickte nach den ersten Takten wiedererkennend mit dem Kopf. Da Blech allerdings nie so schön traurig wirkt wie die Streicher, wohnte selbst dieser Musik ein Rest von Lebensfreude inne.

Anthony Plog ist ein zeitgenössischer Trompeter und Komponist, der sich vor allem für die Blasmusik eingesetzt hat. Von ihm brachte die munich brass connection "Four Sketches for Brass Quintet" aus dem Jahr 1990.  Die verbale Einführung dazu gaben die beiden Trompeter, wobei Thomas Berg im schönsten bayerischen "Beckenbauer-Sprech" seinem Kollegen Konrad Müller impulsiv sekundierte und ergänzte. Man hatte jedoch den Eindruck, dass nicht allzu viele Kammermusikabonnenten die Anspielung auf die rhetorischen Fähigkeiten des "Kaisers" verstanden - wie auch! Plogs Musik zeichnet sich durch fast zart zu nennende Lautmalerien auf den Trompeten aus. Schnell, ostinate Rhythmen prägen die vier kurzen Stücke - bis auf das ruhigere Andante -, und die Tonalität bewegt sich in einem Bereich, der noch von dieser musikalischen Welt ist.

Nach der Pause präsentierten die fünf Bläser dann Bernsteins "West Side Story" als kleine "Blechoper". Über das Spielen der berühmten Nummern - "Mambo", "Maria" , "I feel pretty" und "America" hinaus lieferten die beiden Trompeter und Conferenciers Thomas Berg und Konrad Müller noch eine Kurzform des Librettos, indem sie zwischen den einzelnen Stücken in lockeren Worten den Fortgang des tragischen Geschehenes in der "Upper West Side" vortrugen.

Das Ende dieses originellen Konzertes bildeten drei kurze Stücke: von Jazz-Ikone Duke Ellington der "East St. Louis Toodle-Do" mit Trauermarsch und Trompetensolo, von John Kander das (erst durch Frank Sinatra) mittlerweile unsterbliche gewordene "New York, New York" mit viel "Groove", und schließlich von Merle Travis "Sixteen Tons", das in der englischen Urform die sozialen Missstände in den Kohlegruben anklagte, in der deutschen Version jedoch - entschärft  - das Schicksal des Seglers "Mary Ann" und seiner Besatzung schidert. Und so ließen denn die Musiker das Schiff mit den letzten Tönen buchstäblich unter den Bühnenboden sinken.

Das Publikum war begeistert, offensichtlich ebenso sehr vorn der humoristischen Art der Präsentation wie von dem Spiel der Gruppe, und forderte noch einige Zugaben ein. Die kamen denn auch, und in der letzten imitierte Konrad Müller - jetzt als Sänger - auf unwiederbringliche Art Louis Armstrong mit dem Stück "What a wonderful World". What a wonderful Evening!

Frank Raudszus


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