Das Leben - ein Film

Dezember 2011



































































































































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Die "neue Bühne Darmstadt" bringt Woody Allens Film "The Purple Rose of Cairo" auf die Bühne




Die Nabelschau der darstellenden Zunft hat derzeit in Darmstadt Hochkonjunktur. Nachdem das Staatstheater eine ganze Salve von selbstreferentiellen Stücken gelöst hat, folgte die freie "Neue Bühne Darmstadt" mit einer besonderen Variante dieses Selbstbezugs: das Ensemble nahm sich Woody Allens im Jahr 1985 entstandenen Film "The Purple Rose of Cairo" vor und setzte ihn für die Bühne um. Dazu baute man das Theater zu einem Kino um, das an die alte Zeit dieser Räumlichkeiten erinnert. Vor der Leinwand dieses Kinos spielen sich dann die Szenen der "realen" Welt ab.

Bianca
                  Weidenbusch (Cecilia) und Marcel Schüler (Tom
                  Baxter)
Bianca Weidenbusch (Cecilia) und Marcel Schüler (Tom Baxter)

Die Handlung spielt auf originelle Weise mit den Begriffen "Realiät" und "Fiktion", wie sie das Theater immer wieder in vergleichbaren Stücken auf die Bühne bringt. Cecilia ist mit einem Holzklotz von Mann verheiratet, der sie betrügt, schlägt und ihr Geld verspielt. Sie träumt tagein, tagaus vom Kino und verliert wegen dieser Träumereien prompt ihren Stelle als Serviererin in einer kleinen Bar. Sie tröstet sich mit wiederkehrenden Besuchen des Films "The Purple Rose of Cairo", in dem ihr Idol Gil Shepherd den Abenteurer Tom Baxter spielt. Bei einem dieser Besuche starrt diese fiktive Figur sie von der Leinwand herunter an und steigt dann plötzlich aus dem Film hinunter zu ihr, um ihr seine Liebe zu gestehen. Cecilia versteht zwar - verständlicherweise - diese Vertauschung von Fiktion und Realität überhaupt nicht, freut sich aber dennoch über die Zuwendung ihres Filmidols.

Auf der anderen Seite erwachen plötzlich die anderen Figuren des Films - nicht die Darsteller! - zu eigenem Leben und schauen dem in die Wirklichkeit geflohenen Baxter entsetzt hinterher. Fortan entspinnt sich ein geradezu surrealistischer Dialog zwischen den wegen Baxters Desertion zwischenzeitlich untätigen Filmfiguren und der Gegenwelt der Realität, wobei die Filmleinwand gleichermaßen als Kommunikationsmittel und als Trennwand dient. Während sich in der Wirklichkeit Eifersuchts- und Liebesszenen abwechseln, irren die Filmpersonen hilflos umher und fürchten nicht nur um ihre Zukunft sondern sogar um ihre Existenz. Denn Woddy Allen zieht alle Register der höheren Irrealität und lässt den Filmproduzenten erwägen, den Filmprojektor abzuschalten, was für die aktuell auf der Leinwand agierenden Figuren das Ende ihrer Existenz bedeuten würde. Die fast philosophische Doppelbödigkeit dieser Konstellation besteht darin, dass die fiktionalen Figuren, reine Gedankengebilde des Autors, plötzlich eine eigene, quasi-reale und mit konkreten Ängsten beladene Existenz erhalten, während die realen Personen, zumindest Cecilia, mehr und mehr in eine surrealistische Irrealität abgleiten. Absurd ist  dabei auch die sachliche Manier des Filmproduzenten, der die Flucht einer fiktionalen Figur als geschäftliche Kalamität ernst nimmt und sie mit konkreten Mittel des Alltags zu bekämpfen versucht.

Axel Raether (Jason) und Heike
                  Berg (Gräfin)
Axel Raether (Jason) und Heike Berg (Gräfin)

In dieses wirre (un)logische Getümmel gerät auch Gil Shepherd, der Darsteller des Tom Baxter, der wegen des drohenden Skandals seine beginnende Karriere gefährdet sieht. Auch er nimmt die Absurdität der in die Realität geflohenen Fiktion als ein faktisch existierendes Unglück hin, dass es mit irdischen Mitteln zu bekämpfen gilt. Als er von der Liebe zwischen den beiden so unterschiedlichen Wesen hört, nutzt er die äußere Identität, indem er seinerseits Cecilia seine Liebe gesteht, um sie so von seiner Figur zu trennen. Baxter gelingt es zwar, Cecilia durch die Leinwand in die Fiktion hinüberzuziehen, doch Shepherd überredet sie durch die Leinwand zur Rückkehr. Nachdem sich Cecilia endlich von ihrem gewalttätigen Mann getrennt hat, muss sie jedoch feststellen, dass Shepherd sie nur benutzt hat und nach Hollywood entschwunden ist. Sie hat zwar keines ihrer Idole erringen können, doch ist sie zumindest von ihrem Plagegeist befreit und kann von neuem beginnen.

Renate Renker hat diese in ihrer nur scheinbaren Absurdität geradezu groteske Handlung intelligent inszeniert. Sie hat den Film in eine Videosequenz und eine Theaterpartie aufgespalten und mit dem selben Personal - wenn auch in anderen Rollen - besetzt. Damit verdeutlicht sie, dass Woody Allens Film mehr als nur ein logisches Vexierspiel ist und im Grunde genommen die Doppelbödigkeit des menschlichen Wesens beschreibt, das zumindest zur Hälfte aus Tagträumen, Sehnsüchten und Selbsttäuschungen besteht. Viele Menschen fühlen sich in ihren Lebensrollen gefangen und sehnen sich danach auszubrechen, müssen jedoch nach einem erfolgten Ausbruch oft feststellen, dass die Realität des ersehnten "wahren" Lebens ganz anders aussieht als gedacht. Woody Allens Kunst besteht darin, solche Erkenntnisse in unterhaltsamer und wahrhaft komischer Verpackung weiterzugeben.

Die Theaterversion hat gegenüber dem ursprünglichen Film auch den Vorteil, dass sich das sogenannte "reale" Leben hier tatsächlich in Gestalt echter Menschen, nämlich der Darsteller der "Neuen Bühne", gegen die Fiktion des Films abgrenzt, der als Schwarzweiß-Film im Stil der dreißiger Jahre daherkommt. Die Kommunikatiion zwischen Film und Theater ist dabei besonders schwierig, denn der Film kommt mit vorgefertigten Dialoghälften, die nicht auf das Ende der Theaterrede warten. So müssen die Darsteller des "realen" Theaters sich selbst mit dem Film synchronisieren, um zu verhindern, dass die Filmdialoge zu früh oder zu spät einsetzen. Das gelingt jedoch so gut, dass der Zuschauer stets den Eindruck eines echten Dialogs gewinnt, der wegen seiner Absurdität natürlich umso komischer wirkt. Darüber hinaus trägt natürlich auch die Fallhöhe zwischen Fiktion und Wirklichkeit zur Wirkung der Inszenierung bei. Im Film parlieren Botschafter, Millionärswitwen und reiche Dandys miteinander, wohnen in großbürgerlichen Suiten, besuchen edle Nachtclubs und trinken stets Champagner (der sich bei Cecilias Besuch als Ginger Ale entpuppt!), in der Wirklichkeit hocken ärmlich gekleidete Menschen in schäbigen Bars, löffeln karges Essen aus Suppentellern und quälen einander nach Strich und Faden.

Nicole
                  Klein (Kitty)
Nicole Klein (Kitty)

Dem Ganzen unterlegt Renate Renken mit der Musik eine nostalgisch-melancholische Stimmung. Die berühmten Schlager der zwanziger und dreißiger Jahre - Cole Porter und George Gershwin lassen grüßen - begleiten die Filmsequenzen, überbrücken die Umbaupausen und führen ein Stück weit in die fiktive Welt der Musicals und des Kinos hinein, um sofort nach dem Umschalten in die harte Realität zu verschwinden. Schlagartig weichen dann Nostalgie und heitere Wehmut dem täglichen Kampf ums Überleben.

In den Hauptrollen treten Bianca Weidenbusch als Cecilia und Marcel Schüler als Tom Baxter bzw. Gil Shepherd auf. Das erfordert natürlich sorgfältige Szenenplanung und exaktes Timing, um nicht in Rollenkonflikte  - Tom Baxter vs. Gil Shepherd - zu geraten. Woody Allen hätte mit den Mitteln des Films als Gipfel der Absurdität auch noch das Treffen des Darstellers mit seiner Figur in der Realität arrangieren können, das hätte jedoch im Theater nur mit eineiigen Zwillingen geklappt, die nicht zur Verfügung stehen. Bianca Weidenbusch spielt die etwas "verpeilte" und in einer fiktiven Traumwelt lebenden Cecilia überzeugend, und Marcel Schüler ist einerseits eine völlig wirklichkeitsfremde, in ihrer Naivität geradezu rührende Kunstfigur - herrlich die Szene mit den drei Prostituierten! - und andererseits ein nüchterner, geradezu moralfreier Karrierist.

Rainer Poser und Gabriela Reinitzer haben ihre stärksten Szenen in den Filmszenen, wo sie die Träume und Sehnsüchte der realen Personen in entsprechende Auftritte als weltläufiger Diplomat oder exzentrische Diva umsetzen können. In der sogenannten Realität müssen sie dann - welch Kontrast! - als prosaischer Geschäftsmann bzw. als Prostituierte agieren, was ihnen natürlich ebenfalls glaubwürdig gelingt. Axel Räther gibt den smarten Dandy im Film und verschiedene Alltagstypen in der traurig-realen Welt, während Ulrich Sommer in der fiktiven Welt einen eher zurückhaltenden Geistlichen(sic!) und im harten Realltag den schlagenden, saufenden und spielenden Ehekrüppel gibt. Nicole Klein ist als Nachclubsängerin Kitty (im Film) nicht nur eine Augenweide sondern auch eine "femme fatale" und verleiht letzterer im konkreten Leben eine sehr viel konkreteren Charakter. Ralph Dillmann muss im Film den unterwürfigen Nachtclub-Ober spielen und darf dann beim fatalistischen Zusammenbruch der fiktionalen Ordnung plötzlich als Tänzer auftreten, während er hinieden ausgerechnet den wegen der Flucht der Figur arg gebeutelten und deshalb desorientierten Kinobesitzer darstellen muss. Heike Berg darf sich im Film als arrogante Gräfin ausleben und muss zur Strafe im realen Leben eine indiskretionsgeile Journalistin oder gar eine Prostituierte spielen, während die Seniorin Hannelore Nippert im Kino als schlagfertige Bedienstete und im Hier und Jetzt als Kinobesucherin agiert. Jens Hommola schließlich tritt nur als konkrete Person auf, und zwar als unleidlicher Barbesitzer, der die arme Cecilia feuert.

Das Publikum hat sich bei dieser grotesken und doppelbödigen Komödie köstlich amüsiert und zum Schluss nicht mit Applaus gegeizt.

Frank Raudszus

Vorstellungen im Dezember 2011: Fr. 02. / Sa. 03. / Sa. 10. / So. 11. / Fr. 16. / Sa. 17. / So. 18.  


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