![]() |
Das Leben - ein Film |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die "neue Bühne Darmstadt" bringt Woody Allens Film "The Purple Rose of Cairo" auf die Bühne | ||||
|
Die Handlung spielt auf
originelle Weise mit den Begriffen "Realiät" und
"Fiktion", wie sie das Theater immer wieder in
vergleichbaren Stücken auf die Bühne bringt.
Cecilia ist mit einem Holzklotz von Mann verheiratet,
der sie betrügt, schlägt und ihr Geld
verspielt. Sie träumt tagein, tagaus vom Kino und
verliert wegen dieser Träumereien prompt ihren
Stelle als Serviererin in einer kleinen Bar. Sie
tröstet sich mit wiederkehrenden Besuchen des Films
"The Purple Rose of Cairo", in dem ihr Idol Gil Shepherd
den Abenteurer Tom Baxter spielt. Bei einem dieser
Besuche starrt diese fiktive Figur sie von der Leinwand
herunter an und steigt dann plötzlich aus dem Film
hinunter zu ihr, um ihr seine Liebe zu gestehen. Cecilia
versteht zwar - verständlicherweise - diese
Vertauschung von Fiktion und Realität
überhaupt nicht, freut sich aber dennoch über
die Zuwendung ihres Filmidols. Auf der anderen Seite
erwachen plötzlich die anderen Figuren des Films -
nicht die Darsteller! - zu eigenem Leben und schauen dem
in die Wirklichkeit geflohenen Baxter entsetzt
hinterher. Fortan entspinnt sich ein geradezu
surrealistischer Dialog zwischen den wegen Baxters
Desertion zwischenzeitlich untätigen Filmfiguren
und der Gegenwelt der Realität, wobei die
Filmleinwand gleichermaßen als
Kommunikationsmittel und als Trennwand dient.
Während sich in der Wirklichkeit Eifersuchts- und
Liebesszenen abwechseln, irren die Filmpersonen hilflos
umher und fürchten nicht nur um ihre Zukunft
sondern sogar um ihre Existenz. Denn Woddy Allen zieht
alle Register der höheren Irrealität und
lässt den Filmproduzenten erwägen, den
Filmprojektor abzuschalten, was für die aktuell auf
der Leinwand agierenden Figuren das Ende ihrer Existenz
bedeuten würde. Die fast philosophische
Doppelbödigkeit dieser Konstellation besteht darin,
dass die fiktionalen Figuren, reine Gedankengebilde des
Autors, plötzlich eine eigene, quasi-reale und mit
konkreten Ängsten beladene Existenz erhalten,
während die realen Personen, zumindest Cecilia,
mehr und mehr in eine surrealistische Irrealität
abgleiten. Absurd ist dabei auch die sachliche
Manier des Filmproduzenten, der die Flucht einer
fiktionalen Figur als geschäftliche Kalamität
ernst nimmt und sie mit konkreten Mittel des Alltags zu
bekämpfen versucht.
In dieses wirre
(un)logische Getümmel gerät auch Gil Shepherd,
der Darsteller des Tom Baxter, der wegen des drohenden
Skandals seine beginnende Karriere gefährdet sieht.
Auch er nimmt die Absurdität der in die
Realität geflohenen Fiktion als ein faktisch
existierendes Unglück hin, dass es mit irdischen
Mitteln zu bekämpfen gilt. Als er von der Liebe
zwischen den beiden so unterschiedlichen Wesen
hört, nutzt er die äußere
Identität, indem er seinerseits Cecilia seine Liebe
gesteht, um sie so von seiner Figur zu trennen. Baxter
gelingt es zwar, Cecilia durch die Leinwand in die
Fiktion hinüberzuziehen, doch Shepherd
überredet sie durch die Leinwand zur Rückkehr.
Nachdem sich Cecilia endlich von ihrem
gewalttätigen Mann getrennt hat, muss sie jedoch
feststellen, dass Shepherd sie nur benutzt hat und nach
Hollywood entschwunden ist. Sie hat zwar keines ihrer
Idole erringen können, doch ist sie zumindest von
ihrem Plagegeist befreit und kann von neuem beginnen. Renate Renker hat diese in
ihrer nur scheinbaren Absurdität geradezu groteske
Handlung intelligent inszeniert. Sie hat den Film in
eine Videosequenz und eine Theaterpartie aufgespalten
und mit dem selben Personal - wenn auch in anderen
Rollen - besetzt. Damit verdeutlicht sie, dass Woody
Allens Film mehr als nur ein logisches Vexierspiel ist
und im Grunde genommen die Doppelbödigkeit des
menschlichen Wesens beschreibt, das zumindest zur
Hälfte aus Tagträumen, Sehnsüchten und
Selbsttäuschungen besteht. Viele Menschen
fühlen sich in ihren Lebensrollen gefangen und
sehnen sich danach auszubrechen, müssen jedoch nach
einem erfolgten Ausbruch oft feststellen, dass die
Realität des ersehnten "wahren" Lebens ganz anders
aussieht als gedacht. Woody Allens Kunst besteht darin,
solche Erkenntnisse in unterhaltsamer und wahrhaft
komischer Verpackung weiterzugeben. Die Theaterversion hat
gegenüber dem ursprünglichen Film auch den
Vorteil, dass sich das sogenannte "reale" Leben hier
tatsächlich in Gestalt echter Menschen,
nämlich der Darsteller der "Neuen Bühne",
gegen die Fiktion des Films abgrenzt, der als
Schwarzweiß-Film im Stil der dreißiger Jahre
daherkommt. Die Kommunikatiion zwischen Film und Theater
ist dabei besonders schwierig, denn der Film kommt mit
vorgefertigten Dialoghälften, die nicht auf das
Ende der Theaterrede warten. So müssen die
Darsteller des "realen" Theaters sich selbst mit dem
Film synchronisieren, um zu verhindern, dass die
Filmdialoge zu früh oder zu spät einsetzen.
Das gelingt jedoch so gut, dass der Zuschauer stets den
Eindruck eines echten Dialogs gewinnt, der wegen seiner
Absurdität natürlich umso komischer wirkt.
Darüber hinaus trägt natürlich auch die
Fallhöhe zwischen Fiktion und Wirklichkeit zur
Wirkung der Inszenierung bei. Im Film parlieren
Botschafter, Millionärswitwen und reiche Dandys
miteinander, wohnen in großbürgerlichen
Suiten, besuchen edle Nachtclubs und trinken stets
Champagner (der sich bei Cecilias Besuch als Ginger Ale
entpuppt!), in der Wirklichkeit hocken ärmlich
gekleidete Menschen in schäbigen Bars, löffeln
karges Essen aus Suppentellern und quälen einander
nach Strich und Faden.
Dem Ganzen unterlegt Renate
Renken mit der Musik eine nostalgisch-melancholische
Stimmung. Die berühmten Schlager der zwanziger und
dreißiger Jahre - Cole Porter und George Gershwin
lassen grüßen - begleiten die Filmsequenzen,
überbrücken die Umbaupausen und führen
ein Stück weit in die fiktive Welt der Musicals und
des Kinos hinein, um sofort nach dem Umschalten in die
harte Realität zu verschwinden. Schlagartig weichen
dann Nostalgie und heitere Wehmut dem täglichen
Kampf ums Überleben. In den Hauptrollen treten
Bianca Weidenbusch als Cecilia und Marcel Schüler
als Tom Baxter bzw. Gil Shepherd auf. Das erfordert
natürlich sorgfältige Szenenplanung und
exaktes Timing, um nicht in Rollenkonflikte - Tom
Baxter vs. Gil Shepherd - zu geraten. Woody Allen
hätte mit den Mitteln des Films als Gipfel der
Absurdität auch noch das Treffen des Darstellers
mit seiner Figur in der Realität arrangieren
können, das hätte jedoch im Theater nur mit
eineiigen Zwillingen geklappt, die nicht zur
Verfügung stehen. Bianca Weidenbusch spielt die
etwas "verpeilte" und in einer fiktiven Traumwelt
lebenden Cecilia überzeugend, und Marcel
Schüler ist einerseits eine völlig
wirklichkeitsfremde, in ihrer Naivität geradezu
rührende Kunstfigur - herrlich die Szene mit den
drei Prostituierten! - und andererseits ein
nüchterner, geradezu moralfreier Karrierist. Rainer Poser und Gabriela
Reinitzer haben ihre stärksten Szenen in den
Filmszenen, wo sie die Träume und Sehnsüchte
der realen Personen in entsprechende Auftritte als
weltläufiger Diplomat oder exzentrische Diva
umsetzen können. In der sogenannten Realität
müssen sie dann - welch Kontrast! - als prosaischer
Geschäftsmann bzw. als Prostituierte agieren, was
ihnen natürlich ebenfalls glaubwürdig gelingt.
Axel Räther gibt den smarten Dandy im Film und
verschiedene Alltagstypen in der traurig-realen Welt,
während Ulrich Sommer in der fiktiven Welt einen
eher zurückhaltenden Geistlichen(sic!) und im
harten Realltag den schlagenden, saufenden und
spielenden Ehekrüppel gibt. Nicole Klein ist als
Nachclubsängerin Kitty (im Film) nicht nur eine
Augenweide sondern auch eine "femme fatale" und verleiht
letzterer im konkreten Leben eine sehr viel konkreteren
Charakter. Ralph Dillmann muss im Film den
unterwürfigen Nachtclub-Ober spielen und darf dann
beim fatalistischen Zusammenbruch der fiktionalen
Ordnung plötzlich als Tänzer auftreten,
während er hinieden ausgerechnet den wegen der
Flucht der Figur arg gebeutelten und deshalb
desorientierten Kinobesitzer darstellen muss. Heike Berg
darf sich im Film als arrogante Gräfin ausleben und
muss zur Strafe im
realen Leben eine indiskretionsgeile Journalistin oder gar eine Prostituierte
spielen, während die Seniorin Hannelore Nippert im
Kino als schlagfertige Bedienstete und im Hier und Jetzt
als Kinobesucherin agiert. Jens Hommola
schließlich tritt nur als konkrete Person auf, und
zwar als unleidlicher Barbesitzer, der die arme Cecilia
feuert. Das Publikum hat sich bei
dieser grotesken und doppelbödigen Komödie
köstlich amüsiert und zum Schluss nicht mit
Applaus gegeizt. Frank Raudszus Vorstellungen im Dezember 2011: Fr. 02. / Sa. 03. / Sa. 10. / So. 11. / Fr. 16. / Sa. 17. / So. 18. |
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |