Joseph Kesselring: "Arsen und Spitzenhäubchen"

Ein Komik-Klassiker auf der Bühne
Wie hat Reich-Ranicki zum Entsetzen mancher selbstdefinierter Theaterexperten so richtig gesagt: "Theater muß auch unterhalten können"! Das Darmstädter Staatstheater hat sich diese Mahnung zu Herzen genommen und unter der Leitung von Intendant Theo Umberg das Erfolgsstück - fast möchte man sagen die "Klamotte" - "Arsen und Spitzenhäubchen" auf die Bretter des Kleinen Hauses gebracht. Wer aus der älteren Generation erinnert sich nicht an den völlig kopflosen Gary Grant als Mortimer in dem gleichnamigen Film, dem damals schon großer Erfolg beschieden war.

Der New Yorker Theaterkritiker Mortimer Brewster wohnt bei seinen beiden herzensguten Tanten in Brooklyn und plant, die Tochter des nebenan wohnenden Pfarrers zu ehelichen. Nur sein ebenfalls bei den Tanten wohnender schizophrener Bruder Teddy, der sich für den Präsidenten der Vereinigten Staaten hält und im Keller den Panama-Kanal aushebt, stört diese Idylle ein. Mortimers Freundin Elaine nimmt seinen Heiratsantrag an, die Zukunft sieht rosig aus - da macht Mortimer in der Truhe unter dem Fenster eine schreckliche Entdeckung. Dort liegt ein Toter, und die Tanten entpuppen sich als Möderinnen, die schon einigen vereinsamten älteren Herren den Weg in den Himmel geebnet haben. Die Panama-Schleusen im Keller gewinnen nun eine völlig neue Bedeutung. Um die Verwirrung zu vervollständigen, erscheint auch noch der mißratene Bruder Jonathan, der mittlerweile eine internationale Verbrecherkarriere eingeschlagen hat und von dem mitreisenden "Arzt" Dr. Einstein in eine Art Frankenstein-Verschnitt verwandelt wurde. Überdies gehen Polizisten, die die beiden alten Damen von Herzen lieben, ein und aus, ohne die wahren Verhältnisse auch nur zu ahnen.

Wie sich Mortimer aus diesem Sumpf zieht und wie sich zum Schluß alles in Wohlgefallen auflöst - denn schließlich ist es eine echte Komödie - sollte sich der interessiert Theaterfreund selbst ansehen. Er wird es nicht bereuen.

Natürlich ließe sich dem Sujet viel gesellschaftliche, soziologische und psychologische Bedeutung unterlegen, wenn man will. Es muß aber nicht sein. Man kann die beiden Alten als Metapher auf die verrückte normale Welt nehmen oder einfach als zwei verrückte alte Damen betrachten, die einsame Männer von dem Leiden dieser Welt erlösen wollen. Wer sich diesem Stück (gesellschafts)kritisch nähern will, hat eine schlechte Wahl getroffen. So sieht es offensichtlich auch Theo Umberg. Alle Figuren legt er komödiantisch an, selbst den Serienkiller Jonathan, der im Zuschauerraum mehr Heiterkeit als Schrecken verbreitet. Bei jeder Figur kostet er die komischen Züge aus, so den theaterbesessenen Polizisten, den verrückten "Teddy Roosevelt" oder gar Jonathan.

Auch die Schauspieler haben offensichtlich viel Spaß an diesem Stück. Grete Wurm als Abby Wrewster gibt eine resolute ältere Dame mit einfachen aber festen Ansichten und Mutterinstinkt, Karin Nennemann als ihre Schwester Martha sekundiert mit altjüngferlicher Umtriebigkeit. Aart Veder genießt die Rolle des Bösewichts im Frankenstein-Look, wenn er bei jeder Erwähnung seines Aussehens in eine Art Schüttelfrost verfällt und mit tiefstem Baß Grausamkeiten verkündet. Selbst beim Schlußapplaus gibt er die Frankenstein-Attitüde nicht auf. Jo Kärn überzeugt als schmierig-verschlagener Pfuscher "Dr. Einstein". Hubert Schlemmer als Mortimer überzieht dagegen etwas. Oft wirkt seine Kopflosigkeit aufgesetzt, er wird dann mit seiner blonden Perücke zum Ebenbild von "Otto". Weniger wäre hier mehr und glaubwürdiger gewesen. Anita Köchl als Elaine hat eine eher undankbare Rolle, da ohne expliziten Witz. Sie weiß nie, was vor sich geht, und wirkt daher unpassend vernünftig. Bleiben die Polizisten, die ob ihrer Dummheit schlecht wegkommen und am Ende den Komplizen Einstein höflich hinauskomplimentieren statt ihn festzunehmen. Hier überzeugte Siegfried Heinrichsohn als der Theaterfreak O´Hara.

Wer sich einen wirklich unbeschwerten Theaterabend gönnen möchte, ist mit "Arsen und Spitzenhäubchen" sicher nicht schlecht beraten.