Tanz/Theater: "Gegenwart - ich brauche Gegenwart"

Die getanzte Innenwelt von Ingeborg Bachmann nach Musik von Moritz Eggert
Als im März 1997 Moritz Eggert mit dem "Hämmerklavier" in Darmstadt gastierte, entstand spontan die Idee eines Tanz/Theater-Projektes über die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nach seiner Musik. Die Darmstädter Choreographin Birgitta Trommler übernahm die Inszenierung, und am 28. Februar fand die Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters statt.


Die Frau mit den drei Männern

Die dunkle Lyrik Ingeborg Bachmanns hat Rezipienten und Rezensenten gleichermaßen fasziniert, und die Diskussionen über diese zerrissene Persönlichkeit endeten auch nach ihrem frühen Unglückstod nicht. Die Initiatoren dieses Projektes haben versucht, der Person mit den Ausdrucksmittel Musik und Tanz näherzukommen.

Zu Beginn sitzt die Protagonistin (Katrin Schyns) allein an einem langen Tisch, im Hintergrund sitzen fünf von sechs "Alter Egos" (Christina Czetto, Amelia Poveda, Jenny Coogan, Dörthe Stöß,Yoshiko Waki) ihrer selbst mit dem Rücken zum Publikum, offensichtlich mit dem Schreiben beschäftigt. Mit der einsetzenden Musik vom Band beginnen sich die Personen auf der Bühne zu entfalten, die einzelnen Ichs der Hauptperson beginnen typisch weibliche Rollen zu verkörpern, plaktives Lächeln bis hin zur Grimasse, mondäne, laszive Bewegungen.

Drei Männer treten hinzu und versuchen, die unkontrollierten Ichs zu ordnen und ihnen einen Sinn zu geben. Die Männer - dunkel gekleidete Tänzer - stellen das ordnende, aber auch einengende und ängstigende Element dar. Die einzelnen "Varianten" des Ichs "Ingeborg Bachmann" zeigen unterschiedliche Grade der Unsicherheit, der Apathie, der Angst und versuchen immer wieder, sich dem ordnenden Prinzip "Mann" zu entziehen. Am Schluß dieser Szene sitzen jedoch alle an Stühle gefesselt vor Schreibmaschinen und müssen die stakkatophafte Aufforderung "Schreib, schreib,..." über sich ergehen lassen.

Im weiteren Verlauf durchlaufen die Protagonistin und ihre fü:nf weiblichen Ichs verschiedene Stadien der Verzweiflung, dargestellt durch manisches Zerreißen von Manuskripten, des Aufbruchs an die Schreibmaschinen, und der Verängstigung und Unsicherheit. Die tänzerische Darstellung reicht von stilisierten Alltagsbewegungen bis zu eruptiver Akrobatik, so wenn die "schwarzen Männer" die Damen heben und in der Luft drehen oder wenn die Frauen gegen die Rückwand prallen wie im Protest gegen eine Gefängismauer. Eine der Frauen geht mit den drei Männern ein verzweifelt-erotisches Spiel ein, um etwas zu suchen, was sie letztlich dort nicht findet. Besonders eindrucksvoll gelingt der Tanz einer einzelnen Frau um die auf dem Bühnenboden ausgebreiteten Flächen brennender Talglichter. Hier versinnbildlicht sich das tragisch-tödliche Verhältnis von Ingeborg Bachmann zum Feuer, und der Tanz zu der schneidenden, intensiven Streichermusik gerinnt zur Magie.

Das sechste "Ich" der Schriftstellerin ist ein Mann, und er bildet so etwas wie einen ruhenden Pol, der dem ganzen Geschehen seltsam fremd bleibt und es von aussen betrachtet. Er tritt immer als Lichtgestalt auf, wie ein ferner Traum.

Überhaupt spielt die Musik von Moritz Eggert eine zentrale Rolle. Musik ist ihm alles, was Geräusche erzeugt. Gleich in der ersten Szene erzeugen die fünf Frauen eine rhythmische Collage aus Zischen, Schnalzen, Küssen und Fußscharren, in späteren Szenen raschelt das Papier - das Werkzeug der Schriftstellerin - ebenso rhythmisch, begleitet von Händeklatschen und Sprachfetzen. Die Instrumental-Einlagen bestehen aus verschiedensten Schlag-Instrumenten - einschließlich Flügel -, und den musikalischen Höhepunkt bildet eine Sinfonie für 4 Schreibmaschinen.


Katrin Schyns als Schriftstellerin

Wenn die Aufführung auch - vor allem im Mittelteil - von Längen nicht frei war, bestach doch die Originalität der Inszenierung und der musikalischen Begleitung sowie die konsequente und konzentrierte Darstellung durch die Akteure auf der Bühne. Bisweilen geriet die Nabelschau der Künstlerin zur Farce und warf für den Zuschauer die Frage nach dem Sinn des Schreibens auf, dies ist jedoch eher das Problem der Person Ingeborg Bachmann und des schreibenden Berufs allgemein als eine Schwäche der Aufführung.

Das Publikum dankte dem Ensemble und vor allem Birgitta Trommler und Moritz Eggert mit langanhaltendem, durch zahlreiche "Bravo"-Rufe angereichertem Beifall. Allerdings wird sich erst noch zeigen müssen, wieweit diese doch ausgefallene Produktion auch einem weniger von "Insidern" geprägten Publikum zusagt.