| Botho Strauß: Groß und klein |
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Verdammt zur Einsamkeit |
Am Samstag, dem 9.Mai1998, brachte das Staatstheater Darmstadt im Kleinen Haus die Premiere des Schauspiels "Groß und klein" des Berliner Autors Botho Strauß. Nach Molières "Eingebildetem Kranken" und Ibsens "Baumeister Solness" stand damit wieder ein Zeitgenosse auf dem Programm.
Während eines Urlaubs in Marokko sitzt Lotte (Nicole Averkamp) mutterseelenallein in einem Café. Tische sind eingedeckt, dennoch herrscht gähnende Leere - ein Bild für ihren Seelenzustand nach der Trennung von ihrem Mann Paul. Der gelernte Publizist hat sie verlassen, weil ihr Deutsch Gift für seine Ohren sei. Lotte vernimmt Stimmen von draußen. Sie malt sich aus, wer die beiden Männer sein könnten, die da plaudernd vorbeiziehen, und wie es wohl wäre, wenn sie hereinkämen. Aber es tut sich nichts. Sie bleibt einsam sitzen - sitzengelassen.
Die nächste Szene, "Nachtwache" betitelt, ermöglicht dem Zuschauer einen Blick in ein Schlafzimmer. Eine Frau liegt im Bett und schläft. Ihr Ehemann sitzt auf einem Stuhl daneben. Auch hier stehen wieder die Themen Einsamkeit und Sprachlosigkeit im Mittelpunkt des Geschehens. Das Paar liegt weder auf einer gemeinsamen Matratze noch auf einer gemeinsamen Wellenlänge. Das folgende Gespräch der beiden beruht auf lauter Mißverständnissen. Da drängt sich Lotte am Schlafzimmerfenster den beiden auf.. Verzweifelt versucht sie, mit Komplimenten die Ehefrau als Freundin für sich zu gewinnen. Anfangs scheint es zu gelingen, denn die Frau ist süchtig nach Aufmerksamkeit und Komplimenten. Doch plötzlich wendet sich das Blatt, und die Situation verkehrt sich ins Gegenteil. Lotte wird davongejagt - in die Einsamkeit zurückgestoßen. Sie drängt sich zu sehr auf, mischt sich zu sehr ein. Es mangelt ihr an der nötigen Distanz, mit der sich alle Menschen wie mit einem Schutzwall umgeben. Botho Strauß führt den Zuschauer in seinem Stück "Groß und klein" in immer neue soziale - besser gesagt unsoziale - Situationen. In der nächsten Szene sind "zehn Zimmer" an Einzelpersonen vermietet, eines davon ganz frisch an Lotte. Man lernt die Bewohner kennen, und wieder entsteht der Eindruck von Leere, Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Den äußersten Fall von Einsamkeit vermittelt die Szene "Das Zelt", in der sich eine Siebzehnjährige mitten in dem Mietshaus in einem Zelt verkriecht. Sie verweigert jegliche Kommunikation, versteckt sich in ihrem winzigen Zelt wie in einem Kokon und führt das stumme Dasein einer Verpuppten. Auch Lottes Mann Paul lebt in einem der zehn Zimmer. Lotte hat sich ebenfalls dort eingemietet, um ihn wieder für sich zu gewinnen. Doch er stößt sie brutal vor den Kopf. All ihre hilflos zarten Versuche, wieder an ihn heranzukommen, blockt er in übelster Macho-Manier ab. Also zieht Lotte wieder los. Noch immer trägt sie die Hoffnung in sich, irgendwo einem Menschen zu begegnen, der sie mag und versteht. Von der Außenwelt hört man immer wieder Geräusche pulsierenden Lebens - eine Party irgendwo in der Stille der Einsamkeit. Doch die agierenden Personen bleiben davon unberührt. Auch Lottes nächster Versuch, über die Sprechanlage mit einer ehemaligen Freundin Kontakt aufzunehmen, scheitert kläglich. So verzieht sie sich schließlich in eine Telefonzelle, die ihre Einsamkeit wie ein Käfig umgibt, und verarbeitet ihre Sehnsüchte in Selbstgesprächen. Der "circulus vitiosus" der Kommunikationslosigkeit verengt sich immer mehr und steigert sich zur krankhaften Verzweiflung. Schließlich landet Lotte an einer Bushaltestelle in den Armen eines Fremden, der sie brutal und gierig nimmt, nur um sie anschließend wie ein Stück Dreck liegenzulassen. Alle Bemühungen Lottes um menschliche Nähe scheitern. Je mehr sie sich bemüht, desto tiefer fällt sie. In der letzten Szene ist sie nicht einmal mehr eine Nummer im Wartezimmer einer Arztpraxis. Da sie kein körperliches Gebrechen vorweisen kann, erhält sie auch keine Berechtigung zum Arztbesuch, so daß ihr auch diese letzte Zuwendung versagt bleibt. Botho Strauß´ Stück ist gut zwanzig Jahre alt und hat doch von seiner Aktualität nichts eingebüßt. Nicole Averkamp spielt die krankhaften Kontaktversuche einer vereinsamten jungen Frau sehr eindringlich und entlarvt dabei auch alle allen anderen Personen als Vereinsamte und Sprachlose. Die Regie von Ulrich Matthes läßt das Stück zeitlos erscheinen und spricht dennoch aktuelle Zeitkritik deutlich aus. Eine Kürzung um ein Drittel hätte dem Stück jedoch sicherlich mehr genützt als geschadet und dabei noch mehr Dichte und Intensität geschaffen. Kräftige Bravos gab es für Nicole Averkamp, die in den drei Stunden keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigte und sich glaubhaft mit der Rolle der Lotte identifizierte. |