Berthold Goldschmidt: "Der gewaltige Hahnrei"

Die rasante Opern-Talfahrt einer eifersüchtigen Liebe
Die Chaos-Theoretiker haben den fernen Flügelschlag eines Schmetterlings zum potentiellen Auslöser globaler Katastophen stilisiert. Der belgische Schriftsteller Fernand Crommelynck hat dieses Phänomen bereits Anfang des Jahrhunderts im Umfeld der menschlichen Beziehungen beschrieben.


Doris Brüggemann als Stella, Alexander Spemann als Bruno und Hubert Bischof als Petrus

Bruno liebt seine Frau Stella abgöttisch und geht soweit, sie vor seinem alten Freund Petrus sogar die Brust als Symbol ihrer Schönheit entblößen zu lassen. In diesem plötzlichen Spannungsfeld erwacht im wahrsten Sinne des Wortes "schlagartig" Brunos Eifersucht in Form eines Faustschlags in Petrus´ Gesicht. Von da an geht es abwärts: in allem und jedem sieht Bruno den Liebhaber, den Ehebruch und läßt sich durch keine Liebesbeteuerungen Stellas beirren. Zum Schluß fordert er den offenen Ehebruch mit Petrus, da ihm die erwiesene Untreue lieber ist als der quälende Zweifel. Als er selbst schließlich zum Karneval - in Verkleidung - Stella verführt, nimmt er dies als Beweis und Grund, sie dem Mob der lynchwütigen Dorfweiber zu überlassen. Nur der tumbe Ochsenhirte kann sie retten und nimmt die schließlich Einwilligende mit.

Durch seine konsequente Beschränkung auf ein zentrales Thema und dessen kompromißlose Durchführung gwinnt das Stück an Dramatik und Spannung. Damit eignet es sich hervorragend als Vorlage für eine Oper, was der junge Goldschmidt 1928 sofort erkannte. In nur neun Monaten stellte er das Stück fertig. Zur Uraufführung kam es jedoch erst 1932 in Mannheim, erstaunlich, da zu dieserm Zeitpunkt die Nazis schon allerorten die Darbietung "entarteter" Kunst verhinderten.

Nach der "zweiten Uraufführung" 1994 hat sich jetzt das Staatstheater Darmstadt unter der musikalischen Leitung von Franz Brochhagen und der Dramaturgie von Bettina Auer an dieses Stück gewagt. Immmerhin fügt es sich nicht nahtlos in das Repertoire-Programm von Mozart, Verdi und Wagner ein. Dies war auch schmerzlich festzustellen in der ersten Aufführung nach der immerhin gut besuchten Premiere. Nur wenige Zuschauer verloren sich im Großen Haus, und leicht hätte man die Aufführung ins Kleine Haus verlegen können.

Die KünstlerInnen jedoch ließen sich keine Enttäuschung anmerken. Mit hoher Konzentration gingen sie das sängerisch anspruchsvolle Stück an und hielten sie bis zum Schluß durch. Vor allem Alexander Spemann als Bruno und Doris Brüggemann überzeugten in den Hauptrollen. Spemanns nicht sehr volle Stimme ging jedoch leider öfter im Wirbel des Orchesters unter. Diesem Effekt hatte zwar der Komponist durch viele solistisch gefärbte Passagen mit knapper Orchesterbegleitung entgegengewirkt, in den dramatischen Momenten jedoch überdeckten die Intrumentalisten im Graben die Stimmen auf den Brettern.

Goldschmidt hat diese Oper natürlich in erster Linie als musikalisches Werk und nicht als begleiteten Gesang geplant. So spiegelt die Musik des Orchesters die Entwicklung auf der Bühne wider und erübrigt daher das genaue Verständnis der gesungenen Texte. Was dort vor sich geht, trägt die Musik in den Zuschauerraum. Die Bläser kommen immer wieder in scharf akzentuierten Einsätzen zu Wort, und das Schlagzeug unterbricht abrupt aufkommende Lyrik oder entlarvt falsche Liebesschwüre der Hauptpersonen. Doch an anderen Stellen - vor allem zu Beginn -kommen lyrische Momente auch ohne "Zer"-Störung zu Wort, und hier zeigt sich die Ausdrucksfähigkeit von Goldschmidts Musik. Gerade in diesen Momenten stimmte das Zusammenspiel von Sängern und Orchester.

Immer wieder reizen auch humoristische muikalische Einfälle beinahe zum Schmunzeln, obwohl sie eher das Groteske und nicht das Lächerliche der Situation zeigen sollen. Der Tragik der menschlichen Schwächen kann man nach uralter Theater-Erkenntnis eben nur durch die Groteske beikommen, der Versuch "ernsthafter" Darstellung endet zu leicht im falschen Pseudo-Tiefsinn.

Das Bühnenbild paßt sich der Situation kongenial an. Eine schiefe Ebene quer über die Bühne symbolisiert das unaufhaltsame Abgleiten in das Verderben, die schiefen Winkel der angedeuteten Wohnung stehen für eine aus den Fugen geratene Welt, und ein sich mit dem fortschreitenden Verfall der ehelichen Beziehung veränderndes Hochzeitsbild ergänzt dieses Bild. Die politische Aussage war ebenfalls nicht zu übersehen. Zum Schluß steht Bruno als verrückter "Zerstörer" in schwarzen Reithosen mit roten Biesen auf der Bühne, während sich vor blutrotem Hintergrund rechtwinklig gezackte schwarze Balken kreuzen. Dies sagt vor dem Hintergrund des Entstehungsjahres 1928/29 alles. Dank dieser bildhaft angedeuteten Symbolik wirkte der politische Bezug in keiner Weise plump-belehrend.

Das Staatstheater hat mit der Inszenierung dieser ausgefallenen Oper Mut bewiesen. Es ist zu hoffen, daß das südhessische Publikum diesen Mut auch honoriert.