The Hillard Ensemble: "A Hilliard Songbook"

Facettenreiche "A capella"-Musik aus 5 Jahrhunderten
Die Darbietung vor allem älterer Musik allein durch mehrstimmigen Gesang ohne instrumentale Unterstützung erfreut sich in den letzten Jahren einer zunehmenden Beliebtheit gerade bei "Insider"-Kreisen. Die Beschränkung auf Kennerkreise nimmt wenig wunder, da die Rezeption dieser Musik viel Konzentration und Sensibilität erfordert, fehlen doch alle "schmissigen" Ingredienzen, die z.B. die symphonische Musik auch für weniger kundige Zuhörer konsumierbar machen.

Im Staatstheater Darmstadt jedenfalls waren die Ränge im Kleinen Haus gefüllt, als am 20. November das bekannte Hilliard-Ensemble zu einem Abend mit Musik vom 14. bis zum 20. Jahrhundert antrat. Die vier Musiker David James(Countertenor), Rogers Covey-Crump(Tenor), John Potter(Tenor) und Gordon Jones(Baß) erschienen im ungewohnten lockeren Freizeitdreß wie zu einer Probe und forderten das Publikum von der ersten Minute an. Im Gegensatz zu eher gängigen Vokal-Ensembles versucht das Hilliard-Ensemble nicht, Instrumente publikumswirksam nachzubilden, sondern die Sänger lassen ihren Stimmen die eigene Charakteristik und spielen diese voll aus. Dabei kann es zwar mal vorkommen, daß sich eine Stimme wie eine Violine, ein Cello oder eine Klarinette anhört, das ist dabei jedoch sekundär. Daher spielt der Text auch eine wichtige Rolle, der durch den Gesang interpretiert wird. Das Ensemble hatte sich in dem "Hilliard Songbook" von dem Komponisten Piers Hellawell eine Mischung aus alter und neuer Musik zusammenstellen lassen, die teilweise von Hellawell stammte. Dabei stellte man mit Erstaunen fest, wie nahe die Musik der Renaissance der heutigen Musik ist - oder umgekehrt. Einfachste, durch stetige Wiederholung verstärkte Themen prägen diese Stücke. Oft verharrt die Melodie längere Zeit auf einem Ton, nur rhythmisch voneinander abgesetzt. Durch starke Sekundreibungen entsteht eine schwebende, Spannung erzeugende Atmosphäre, die durch die Wiederholungstechnik noch verstärkt wird.

Vor allem die älteren Stücke atmen eine der Weltlichkeit entsagende Grundstimmung, wenn es z.B. um den Tod in vielerlei Gestalt geht. Diese Stimmung nehmen auch die zeitgenössischen Komponisten auf, so der estnische KomponistVeljo Tormis in seiner Ballade "Kullervo´s Message" oder Lord Byrons "Incantation" in der Vertonung des Zeitgenossen Paul Robinson.

Immer wieder beeindruckte die Ausdrucksbreite der vier Sänger, die von heiterem Stakkato, kakophonischen Lautmalereien in "Un coup de dès" bis zu den zartesten, kaum noch zu hörenden Ausklängen reichte. Und immer wieder eine geradezu stupende Exaktheit im Zusammenspiel: da kam kein Einsatz zu spät oder zu früh, niemand übertönte den anderen, das Klangbild erschien wie aus einem Guß.

Wenn überhaupt einer hervorzuheben ist, dann der Countertenor, der wohl sängerisch den schwierigsten Part zu bewältigen hatte, zumal er oft spektakulären Soloeinlagen zu bieten hatte. Er meisterte diese Aufgabe bravourös und bewies dabei mit energischer Mimik und Gestik auch Humor.

Angesichts der äüßerst sensiblen und Konzentration einfordernden Musik war es nur schade, daß ein mehrheitlich unsensibles Publikum trotz einzelner Proteste aus dem Zuschauerraum die Stimmung nach jedem Stück durch kräftigen Applaus zerriß. Hier hätte Zurückhaltung den Spannungsbogen weiter gespannt.

Der abschließende Applaus war dann auch so anhaltend und hartnäckig, daß die Gruppe noch drei Zugaben drauflegte. Dieser Abend reihte sich würdig in die erfoglreichen musikalischen Veranstaltungen des Staatstheaters in der letzten und der laufenden Saison ein, und man darf hoffen, die vier Sänger bald wieder in Darmstadt zu hören.